Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.


Boys Just Want To Have Fun

Edward Yang zeigte in “Yi Yi” (2000), dass Girls Just Want To Have Fun. Shunji Iwai beweist in “Love Letter” (1995): auch Boys Just Want To Have Fun.

Love Letter (1995)

“Love Letter” beginnt mit einer Großaufnahme. Wir sehen das Gesicht einer jungen Frau. Hiroko Watanabe (Miho Nakayama) sähe den Himmel, wären ihre Augen nicht geschlossen. Sie liegt nämlich auf dem Rücken im Schnee. Man macht sich Gedanken, warum sie dort liegt. Ich bin zu keiner Antwort gelangt, als sie mit einem Seufzen auch schon die Augen öffnet. Hat sie einen Entschluss aufgegeben? Kehrt sie nur aus einer anderen, einer Gedankenwelt zurück? Die Kameratotale begleitet Hiroko, die sich erhebt und den verschneiten Hügel hinab in die Stadt stapft. Die Titel des Vorspanns werden eingeblendet.

Love Letter (1995)

Im Tal findet eine Trauerfeier zum Gedächtnis von Itsuki Fujii statt. Dessen Todestag jährt sich zum zweiten Mal. Itsuki Fujii war der Verlobte von Hiroko. Ein Umstand von einigem Gewicht. Verhindert er doch, dass im Film Liebesbriefe in einer Form gewechselt werden, wie es üblich ist. “Love Letter” erzählt auch nicht in Rückblicken von sonnenverklärten Tagen, an die sich die Protagonistin erinnert, nachdem sie einen vom Verstorbenen mit glühender Feder an sie adressierten Brief liest. Große Überraschung: “Love Letter” erzählt überhaupt nicht – wie es der Titel befürchten ließ – von Liebesbriefen. Zumindest nicht in einer Form, die man erwarten würde.

Love Letter (1995)

Bild: “Ein Liebesbrief?”

Wegen der originellen Struktur, von der ich nichts preisgeben möchte, im Folgenden nur wenige einleitende Worte und ein paar Anmerkungen dazu, warum der Film so schön ist.

Bei der Trauerfeier zeigt sich, dass es anderen ziemlich leicht fällt, zu vergessen. Hiroko dagegen lebt in ihren Erinnerungen an Itsuki Fujii, der ihr durch einen Unfall beim Bergsteigen ganz plötzlich genommen wurde. Um Abstand zur Vergangenheit zu gewinnen, schreibt sie einen Brief an Itsuki Fujiis alte Adresse.

Als Abschiedsbrief ins Jenseits gedacht, dürfte der Brief eigentlich nicht zugestellt werden. Schließlich ist der Adressat tot und das Haus, welches sich hinter der Adresse verbirgt, schon lange einer Straße gewichen. Unterstützt wird Hiroko durch ihren Freund Akiba (Etsushi Toyokawa), der sie sehr mag und daher ein besonderes Interesse an ihrer Vergangenheitsbewältigung hat. Das Alte soll Neuem nicht im Wege stehen.

Love Letter (1995)

Bilder: Die Adresse von Itsuki Fujii wird notiert

Love Letter (1995)

Zur großen Überraschung erhält Hiroko auf ihren Brief eine Antwort von Itsuki Fujii. Was sich dahinter verbirgt, hat nichts mit übernatürlichen oder spirituellen Kräften zu tun. Hinter diesem “Itsuki Fujii” verbirgt sich immerhin jemand, der im Laufe des Films Hirokos Bild von Itsuki Fujii ändern wird. Und nicht allein Hirokos Bild von Itsuki Fujii.

Nun kommen wirklich Erinnerungen ins Spiel. Aber mit der Absicht, Wirklichkeit zu rekonstruieren. Man kann an Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” – ein Buch, das im Film auftaucht – denken. Und zwar sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Denn es sind wunderschöne, von Noboru Shinoda komponierte Bilder, in denen der Film erzählt wird. Man meint die Bilder aus sich heraus leuchten zu sehen, wenn er eine um die andere betörende Gegenlichtaufnahme einfängt. Da werden die Gesetzte der Zeit ausgehebelt, der Moment scheint greifbar, ohne von Veränderung bedroht zu sein. Im Team erzeugen Shinoda und Iwai Stimmungen, wie es wenigen gelingt. Und immer wieder sind es Szenen, die ganz ohne Worte auskommen. Was, wenn nicht das, ist Filmkunst?

Love Letter (1995)

Love Letter (1995)

Love Letter (1995)

Love Letter (1995)

Love Letter (1995)

Love Letter (1995)

Den Film nicht in Trauer und Melancholie abzuwürgen, ist ein weiteres Verdienst des Regisseurs und Drehbuchautors Iwai. Da begegnen uns mit dem jugendlichen Itsuki Fujii und einer Mitschülerin wunderbar skurrile Figuren. Nicht nur die beiden sorgen dafür, dass gelacht werden kann.

Um den Preis, die Geheimnisse des Films (die man doch selber entdecken soll) zu verraten, könnte ich viel überzeugender für den Film werben. Das will ich aber nicht. Deshalb ist hier Schluss. Unbedingt selber anschauen!

Bei Amazon habe ich den Film leider noch nie gesehen. Meine DVD habe ich sehr günstig über ebay gekauft. Mehr als englische Untertitel sollte man aber nicht erwarten.

IMDb: Love Letter

Der Frost & der Schnee

Frostig ist es draußen. Da hat es einen besonderen Reiz, sich Filme anzuschauen, die in der Kälte spielen. „The Shining“, „McCabe & Mrs. Miller“ oder – something completely different – Shunji Iwais „Love Letter“:

Love Letter

Love Letter

Love Letter

Love Letter

Love Letter

Die Bilder stammen aus der Eröffnungssequenz von „Love Letter“ und sind der koreanischen All Region DVD (japanisch, englischer Untertitel) entnommen. Shunji Iwais Filme besitzen eine visuelle Schönheit, die mich bisher haben zögern lassen, sie mit Worten zu beschreiben. Kein anderer mir bekannter Regisseur kann Stimmungen in seinen Bildern so eindrucksvoll vermitteln. Leider kommt man an Shunji Iwais Filme (ich beziehe mich auf “Love Letter”, „April Story“, „Hana and Alice “, „Fireworks, Should We See It from the Side or the Bottom?) nur über ebay. An dieser Stelle möchte ich versichern: kein Aufwand ist zu groß, um diese Filme sehen zu können.