Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.


Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)

Hiroshi Teshigaharas Film “Otoshiana” (Pitfall) weist für einen japanischen Film eine ungewöhnlich kurze Laufzeit auf. Die Spieldauer der Masters of Cinema Edition beträgt lediglich 93 Minuten (IMDb gibt die Länge des Films mit 97 Minuten an). “Pitfall” ist die erste Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem Schriftsteller Kôbô Abe, von dem sowohl die Romane als auch die Drehbücher für die von Teshigahara verfilmten Werke “Suna no onna” / Woman in the Dunes (1964) und “Tanin no kao” / The Face of Another (1966) stammen.

“Pitfall” basiert auf einem Theaterstück. Es entstand in einer bewegten Zeit voller Unruhen und Arbeitskämpfe. Obwohl das Stück für den Film komplett umgeschrieben wurde, wirkt der geschichtliche Hintergrund spürbar in den Stoff hinein.

Im Vergleich zu seinen späteren Filmen, die mit großen Namen besetzt sind, muss Teshigahara in diesem Independentfilm seine Lust auf Experimente nicht zügeln. Er kombiniert realistische, teilweise aus Dokumentarfilmmaterial stammende Bilder, mit fantastischen Elementen, die in einer großen, nie ganz durchschaubaren Verschwörung zusammenfließen. Es sei bemerkt, dass die Experimentierfreude niemals das Vergnügen am Sehen strapaziert oder gar überdehnt. Vielmehr ist sie die Basis für einen großartigen Film, der immer wieder neu zu überraschen versteht.

Der japanische Titel – Tony Raynes erläutert das und vieles mehr auf der Kommentarspur der schönen Masters of Cinema Edition – gibt bereits einen Hinweis auf das Kommende. Er besagt, dass eine Falle mit einer bestimmten Absicht errichtet worden ist.

Der Vorspann zeigt uns einen namenlosen Mann mit einem Kind. Die beiden laufen vor etwas weg. Wenig mehr ist offenkundig. Das Kind hat für den Film keine eigenständige Funktion. Es ist lediglich Beobachter. Bei dem Mann aus der Unterschicht handelt es sich um einen Minenarbeiter, der den schlechten Arbeitsbedingungen zu entkommen sucht.

Wenig später sehen wir ihn für einen Farmer nach Kohle graben. Im Hintergrund taucht ein Mann mit einem Fotoapparat auf. Die verdächtige Gestalt trägt einen weißen Anzug. Die Frage, warum er Bilder vom Minenarbeiter macht, bleibt unbeantwortet. Dass der Fremde beim Fotografieren zwischen Grabsteinen steht, löst eine beunruhigende Vorahnung aus.

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Nach Kohle graben

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Ein mysteriöser Beobachter

Neben diesem Vorausblick widmet sich Teshigahara im ersten Teil der Einführung seiner Hauptfigur. Die schlechten Lebensbedingungen der Minenarbeiter werden gezeigt. Direkt über die Handlung oder durch eine Reflexion des Arbeiters. Auf dieser von der eigentlichen Handlung losgelösten gedanklichen Ebene, fließen sogar Dokumentaraufnahmen ein. Ein Grund mag sein, dass der Regisseur in früheren Jahren Dokumentarfilme gedreht hat. Die Reflexion endet mit einem bitteren Resümee: so ein Leben wünscht man sich nicht noch einmal.

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Das Foto zeigt ohne Frage den Arbeiter

Dann schlägt der Film eine unerwartete Richtung ein. Der Minenarbeiter erhält von seinem Boss – der seltsamerweise ein Foto von ihm besitzt – eine Karte. Er solle ihr folgen, sein neuer Arbeitgeber werde am Bestimmungsort auf ihn warten. Das Ziel der Reise, die durch beeindruckend verwahrlostes Terrain führt, ist eine Geisterstadt. Eine Frau betreibt einen kleinen Shop, sonst ist niemand zu sehen.

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Am Bestimmungsort angekommen

Wenig später taucht allerdings der Mann im weißen Anzug auf. Man ahnt nichts Gutes. Unaufhaltsam nähert er sich unserem Minenarbeiter. Während der beunruhigte Arbeiter in einen Laufschritt verfällt, zieht er sich in aller Ruhe Handschuhe über. Der Film läuft keine halbe Stunde – und wir müssen bereits um die Gesundheit der zentralen Figur fürchten …

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Unheimlicher Verfolger

Hiroshi Teshigahara: Otoshiana / Pitfall (1962)
Bild: Eine Verkäuferin

Das Ereignis, das geschickt zwischen dem Tod eines Frosches und einer Fliege eingebettet ist, führt zu ganz und gar überraschenden und hochoriginellen Entwicklungen. Ich möchte davon an dieser Stelle nichts preisgeben. Der Film ist so faszinierend ungewöhnlich, dass man sich gern ins Unbekannte stürzen darf. Die Laufzeit ist, wie erwähnt, ungewöhnlich kurz. Man riskiert also wenig. Dagegen ist eine angenehme Überraschung nahezu gewiss.

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IMDb: Pitfall

Hiroshi Teshigahara: Suna no onna (1964)

“Suna no onna” ist eine der ganz großen filmischen Parabeln. Meisterhaft fotografiert, stilsicher erzählt – und doch offen für die Interpretation des Sehers. Ich schreibe immer gern “muss man sehen”. Weil das auch für “Die Frau in den Dünen” gilt, weil man auch diesen Film gesehen haben muss, will ich kurz erläutern, was ich damit meine. Selbstverständlich meine ich keine Pflicht, sondern beziehe mich auf ein rein cineastisches Erlebnis, um das man sich brächte, wenn man den Film nicht sieht. Weil der Film so schön und intelligent zugleich ist, soll man ihn sehen, nicht weil er ein Klassiker ist, einem Kanon zugeordnet wird oder man anderweitig mitreden möchte. Aber das wird sich der umsichtige Leser natürlich schon gedacht haben. Es mag mit dem losen, sich ständig bewegenden Sand des Films zu tun haben, dass ich mich um einen festen Ausgangspunkt bemühe.

Inhaltlich wird heute mehr als üblich verraten. Das sollte das Vergnügen am Film nicht mindern, weil er über Bilder und deren Ausdeutung wirkt.

Die Pläne und der Sand

Was der Lehrer und Hobby-Entomologe (Insektenkundler) Niki Jumpei (Eiji Okada) vom Leben möchte, ist klar. Er möchte einen unbekannten Käfer finden, um seinen Namen, mit dem Käfer verbunden, für alle Zeiten verewigt zu sehen. Dafür hat er sich drei Tage frei genommen. In der Wüste irgendwo am Meer sucht er nach dem Insekt.

Den Käfer findet er nicht, aber eine Hütte, die am Boden eines großen Sandlochs errichtet worden ist. “What a terrible place to live”, beschreibt er die Verhältnisse nicht unzutreffend. Als ihn wenig später ein Mann fragt, ob er ein Inspektor sei, der hier ermittelt, lacht er. Dem Zuschauer kommt das schon ein wenig verdächtig vor. Und wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir erfahren, dass der letzte Bus des Tages abgefahren ist und Niki beschließt, sich dem fremden Mann anzuvertrauen. Der verspricht eine einfache, aber ganz in der Nähe gelegene Unterkunft für die Nacht.

Die Unterkunft stellt sich als die Hütte im Sandloch heraus, zu der Niki – es ist ja nur für eine Nacht – herabgelassen wird. Warum sollte ihm das komisch vorkommen? Die Frau (Kyôko Kishida) in der Hütte ist freundlich, wirkt geradezu dankbar. Sie bewirtet ihn. Um den lästigen Sand, der aus allen Fugen rinnt und alles überlagert, muss er sich nicht weiter kümmern. Es ist nur für eine Nacht. Aber nun hellhörig zu werden, wäre ohnehin zu spät. Fielen ihm die vielen Andeutungen auf, die der Zuschauer bemerkt, dann wäre es mit seiner Ruhe vorbei. So verbringt er eine ruhige Nacht. Und stellt erst am nächsten Morgen fest, dass man die Hängeleiter hinter ihm hochgezogen hat. Er gefangen ist.

Für Nahrung und Wasser muss er gemeinsam mit der Frau Sand in Kisten schaufeln, die von oben aus dem Loch gezogen werden. Jeden Tag weht der Wind neuen Sand in das Loch. Jeden Tag müssen neue Kisten befüllt werden. Die Arbeit ist nicht ganz und gar sinnlos. Das Abtragen des herangewehten Sandes schützt die nächstgelegene Hütte der Gemeinschaft.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Auf der Suche nach dem Käfer

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die freundliche Wirtin. Von oben rinnt der Sand.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Insekt und Insektensammler sitzen in der Falle

Perspektivwechsel und Sinnfragen

Der Film provoziert Sinnfragen. Er erzählt die Geschichte eines Übergangs. Vom Wechsel der Perspektive. Gegen die Veränderungen, die dem zugrunde liegen, kämpft Niki lange mutig an. Man mag ihn eingesperrt haben, aber er wird entkommen, lange noch ist er davon überzeugt. Er wird es seinen Peinigern zeigen. Dass der Film dabei auf Größeres als ein Einzelschicksal zielt, wird kunstvoll angedeutet, ist aber unmissverständlich. Eine das Schicksal betreffende Gleichsetzung von Mensch und Insekt drängt sich auf. Zu sehr gleicht der Forscher im Loch dem Insekt in der Kiste. Oft scheint der Mensch auch dem Körnchen Sand seltsam verwandt. Der Sand ist überhaupt die Metapher des Films für Zeit, Veränderung und einen ewigen Kreislauf. Wo ist der Sinn im Ganzen? Was macht ihn aus?

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Fluchtversuch aus dem Sandloch

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Dem “Sand” entkommst Du nicht

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Erkenntnis

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Schippen um zu Leben, Leben um zu Schippen

Die Bedingungen für ein erträgliches Sein

Wenn Flucht nicht möglich ist, dann interessiert vor allem, unter welchen Umständen man sich mit den Umständen zu arrangieren bereit ist. Was ist zum Leben nötig? Was bringt den Menschen dazu, sich mit dem Sein abzufinden? Der Film hat Antworten und überlässt die endgültige Ausdeutung doch dem Zuschauer.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die Zeit vergeht, der Sand bewegt sich immerfort …

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Bein und Sein

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Gemeinsam sein

Nach und nach arrangiert sich Niki mit dem Leben in der Hütte. Als er eine Entdeckung macht, die seine Neugier fesselt, wird sein Forscherdrang geweckt. Der Aufenthalt im Sandloch wird zum wissenschaftlichen Projekt.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die Arbeit ist akzeptiert

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Wie grausame Götter …

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: … erscheinen die Aufseher am Rand des Sandlochs

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Ruhig geworden

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IMDb: Suna no onna

Neue Lieblingsfilme

Leider konnte ich Tomas Alfredsons „Let the right one in“ (So finster die Nacht) noch immer nicht sehen. Der Film wird hier nicht gezeigt. Das ist bedauerlich, insbesondere wenn man immer wieder auf Werbung für „Twilight“ stößt. Wer will den sehen?

Meine Filmerlebnisse kamen daher von DVD und VHS. Und gleich sechs Filme habe ich in meine Liste mit Lieblingsfilmen aufgenommen.

Es sind die folgenden Werke:

Die Frau in den Dünen
„Die Frau in den Dünen“ (1966). Hiroshi Teshigaharas Film hätte Franz Kafka bestimmt besser gefallen, als sämtliche Verfilmungen seiner Werke.

Mitt liv som hund
„Mitt liv som hund“ aus dem Jahr 1985 zählt zu den Lieblingsfilmen des ebenfalls gerade entdeckten Satoshi Kon. Es ist Lasse Hallströms bester Film.

A streetcar named desire
„A Streetcar named Desire“ (1951). Viel zu spät entdeckt, aber sofort bewundert: die Zusammenarbeit von Regisseur Elia Kazan mit dem Autor Tennessee Williams.

Baby Doll
„Baby Doll“ (1956). Ebenfalls eine Zusammenarbeit von Elia Kazan mit Tennessee Williams. Mindestens so gut wie Stanley Kubricks „Lolita“.

Paprika
„Paprika“ (2006). Selten verspüre ich das Bedürfnis, einen Film gleich nochmal sehen zu wollen. Satoshi Kons „Paprika“ gehört zu diesen Ausnahmen. Was als “Brain on Anime” beworben wird, ist die geniale Verknüpfung von Realität und Traum.

Tokyo Godfathers
„Tokyo Godfathers“ (2003). Satoshi Kons etwas andere und daher bessere Weihnachtsgeschichte.