Hiroshi Teshigaharas Film “Otoshiana” (Pitfall) weist für einen japanischen Film eine ungewöhnlich kurze Laufzeit auf. Die Spieldauer der Masters of Cinema Edition beträgt lediglich 93 Minuten (IMDb gibt die Länge des Films mit 97 Minuten an). “Pitfall” ist die erste Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem Schriftsteller Kôbô Abe, von dem sowohl die Romane als auch die Drehbücher für die von Teshigahara verfilmten Werke “Suna no onna” / Woman in the Dunes (1964) und “Tanin no kao” / The Face of Another (1966) stammen.
“Pitfall” basiert auf einem Theaterstück. Es entstand in einer bewegten Zeit voller Unruhen und Arbeitskämpfe. Obwohl das Stück für den Film komplett umgeschrieben wurde, wirkt der geschichtliche Hintergrund spürbar in den Stoff hinein.
Im Vergleich zu seinen späteren Filmen, die mit großen Namen besetzt sind, muss Teshigahara in diesem Independentfilm seine Lust auf Experimente nicht zügeln. Er kombiniert realistische, teilweise aus Dokumentarfilmmaterial stammende Bilder, mit fantastischen Elementen, die in einer großen, nie ganz durchschaubaren Verschwörung zusammenfließen. Es sei bemerkt, dass die Experimentierfreude niemals das Vergnügen am Sehen strapaziert oder gar überdehnt. Vielmehr ist sie die Basis für einen großartigen Film, der immer wieder neu zu überraschen versteht.
Der japanische Titel – Tony Raynes erläutert das und vieles mehr auf der Kommentarspur der schönen Masters of Cinema Edition – gibt bereits einen Hinweis auf das Kommende. Er besagt, dass eine Falle mit einer bestimmten Absicht errichtet worden ist.
Der Vorspann zeigt uns einen namenlosen Mann mit einem Kind. Die beiden laufen vor etwas weg. Wenig mehr ist offenkundig. Das Kind hat für den Film keine eigenständige Funktion. Es ist lediglich Beobachter. Bei dem Mann aus der Unterschicht handelt es sich um einen Minenarbeiter, der den schlechten Arbeitsbedingungen zu entkommen sucht.
Wenig später sehen wir ihn für einen Farmer nach Kohle graben. Im Hintergrund taucht ein Mann mit einem Fotoapparat auf. Die verdächtige Gestalt trägt einen weißen Anzug. Die Frage, warum er Bilder vom Minenarbeiter macht, bleibt unbeantwortet. Dass der Fremde beim Fotografieren zwischen Grabsteinen steht, löst eine beunruhigende Vorahnung aus.

Bild: Nach Kohle graben

Bild: Ein mysteriöser Beobachter
Neben diesem Vorausblick widmet sich Teshigahara im ersten Teil der Einführung seiner Hauptfigur. Die schlechten Lebensbedingungen der Minenarbeiter werden gezeigt. Direkt über die Handlung oder durch eine Reflexion des Arbeiters. Auf dieser von der eigentlichen Handlung losgelösten gedanklichen Ebene, fließen sogar Dokumentaraufnahmen ein. Ein Grund mag sein, dass der Regisseur in früheren Jahren Dokumentarfilme gedreht hat. Die Reflexion endet mit einem bitteren Resümee: so ein Leben wünscht man sich nicht noch einmal.

Bild: Das Foto zeigt ohne Frage den Arbeiter
Dann schlägt der Film eine unerwartete Richtung ein. Der Minenarbeiter erhält von seinem Boss – der seltsamerweise ein Foto von ihm besitzt – eine Karte. Er solle ihr folgen, sein neuer Arbeitgeber werde am Bestimmungsort auf ihn warten. Das Ziel der Reise, die durch beeindruckend verwahrlostes Terrain führt, ist eine Geisterstadt. Eine Frau betreibt einen kleinen Shop, sonst ist niemand zu sehen.


Bild: Am Bestimmungsort angekommen
Wenig später taucht allerdings der Mann im weißen Anzug auf. Man ahnt nichts Gutes. Unaufhaltsam nähert er sich unserem Minenarbeiter. Während der beunruhigte Arbeiter in einen Laufschritt verfällt, zieht er sich in aller Ruhe Handschuhe über. Der Film läuft keine halbe Stunde – und wir müssen bereits um die Gesundheit der zentralen Figur fürchten …

Bild: Unheimlicher Verfolger

Bild: Eine Verkäuferin
Das Ereignis, das geschickt zwischen dem Tod eines Frosches und einer Fliege eingebettet ist, führt zu ganz und gar überraschenden und hochoriginellen Entwicklungen. Ich möchte davon an dieser Stelle nichts preisgeben. Der Film ist so faszinierend ungewöhnlich, dass man sich gern ins Unbekannte stürzen darf. Die Laufzeit ist, wie erwähnt, ungewöhnlich kurz. Man riskiert also wenig. Dagegen ist eine angenehme Überraschung nahezu gewiss.



















