Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.


Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)

Luchino Viscontis Familiendrama “Rocco e i suoi fratelli” erzählt die Geschichte der Familie Parondi, die auf ein besseres Leben hoffend, aus dem armen Süden Italiens nach Milan zieht. Hell erleuchtete Boulevards wecken bei der nächtlichen Ankunft der “Südländer” Erwartungen. Die wenigsten werden im Verlauf des Films in Erfüllung gehen.
Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Verheißungsvolles, nächtliches Milan

Schon die Ankunft der verwitweten Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit ihren vier Söhnen bei Vincenzo (Spiros Focás), dem fünften und bereits in Milan lebendem Sohn, steht unter keinem guten Stern. Vincenzo wohnt bei seiner Freundin Ginetta (Claudia Cardinale) und feiert gerade Verlobung, als seine Familie eintrifft. Die Wiedersehensfreude ist groß. Schnell wendet sich das Gespräch aber dem Thema Geld zu. Und dann ist der Spaß vorbei. Die Situation eskaliert und Vincenzo wird gemeinsam mit seiner Familie aus der Wohnung geworfen.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nach Vincenzos Rauswurf trifft er Ginetta auf der Straße

Visconti erzählt seinen 168 Minuten langen Film – nie kommt er einem zu lang vor – in zwei Teilen, die jeweils aus zwei Kapiteln bestehen. Die Kapitel tragen die Namen der vier ältesten Söhne Rosaria Parondis, deren Geschichte sie erzählen.

Vincenzo, nach dem das erste Kapitel benannt ist, wird hauptsächlich benötigt, um die Familie in Milan einzuführen. Seine Beziehung zu Ginetta spielt eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für die Handlung sind die Söhne, denen sich die beiden Folgekapitel widmen: Simone und Rocco. Das letzte Kapitel trägt den Namen Ciro. Auch Ciro bleibt bloße Skizze.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Die leichtlebige Nadia (Annie Girardot)

Simone und Rocco

Simone (Renato Salvatori) versucht sich an einer Karriere als Profiboxer. Mit Lust und Ehrgeiz ist er nicht bei der Sache. Er interessiert sich mehr für Frauen als für Training. In Nadia, die er mit Geld aushält, findet er eine Begleiterin.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nadia zu Besuch bei Simone

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Leidenschaftslos

Rocco (Alain Delon) ist das Gegenteil seines lebenslustigen Bruders. Er ist ein gutmütiger, aber weltfremder Träumer. Obwohl er ebenfalls gute Anlagen für eine Boxkarriere zeigt, arbeitet er lieber in einer Reinigung.

Es gibt eine schöne Szene, welche die Unterschiede zwischen Simone und Rocco trefflich offenbart. Wir sehen den verschüchterten Rocco in der Reinigung. Rocco ist von vier dort angestellten Frauen umgeben. Und die erlauben sich ihre Späße mit ihm. Ob man ihn küssen sollte? … Dann kommt Roccos Bruder Simone – und schlagartig wendet sich das Blatt. Simone flirtet offensiv mit den Frauen, was diese erst überrascht, dann beeindruckt. Simone lässt sich auch mal eben seine Sachen bügeln. Das Geld zur Bezahlung, Simone fehlt es natürlich, borgt er sich von Rocco. Den wollte er sowieso anpumpen. Rocco schießt das Geld, immerhin seinen halben Lohn, gern vor. Seinem Bruder Simone kann er nichts abschlagen. Der weiß und nutzt das aus.

Das ungetrübte Verhältnis ändert sich im nächsten, dem dritten Kapitel. “Rocco” setzt über ein Jahr später ein. Rocco, der gerade seine Militärzeit ableistet, begegnet zufällig Simones ehemaliger Freundin Nadia. Die hat Simone aus gutem Grund vor langer Zeit verlassen. Eine Entscheidung, die sie nicht davon abgehalten hat, in andere Schwierigkeiten zu geraten.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nadia begegnet …

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: … Rocco

Die sich zwischen den beiden anbahnende Beziehung, gefällt Simone, als man ihn darüber unterrichtet, gar nicht. Sein Lebensstil hat seine Boxkarriere an den Abgrund getrieben. Endlich erhält sein Frust die Möglichkeit, sich gegenüber seinem Bruder Rocco, der ihn immer unterstützt und den er selbst so oft hintergangen hat, zu entladen.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Simone wird über die Beziehung zwischen Rocco und Nadia informiert

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Konfrontation

Fazit

Viscontis sozialkritisches Familiendrama ist kurzweilig und spannend inszeniert. Nur das melodramatische Finale, bei dem viele Tränen fließen, mutet heute ein wenig übertrieben an. Es ist die einzige Schwäche des Films.

Leider war die Bildqualität meiner DVD nicht optimal. Dabei könnte es sich um den Transfer von einer Videokassette gehandelt haben. Deshalb ist wohl auch der Untertitel auf den Screenshots zu sehen. Es gibt bessere Editionen des Films.

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IMDb: Rocco und seine Brüder

C’era una volta il West (1968)

Gestern habe ich zum vierten Mal „C’era una volta il West“ („Once Upon a Time in the West“) gesehen, nachdem die DVD jahrelang im Regal geruht hatte. Ich war überrascht, wie stark stilisiert die Bildsprache von Leone doch ist. Das hatte ich so nicht in Erinnerung. Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich durch die starken Bildkompositionen in die Geschichte hinein gesehen habe. Einmal dort angekommen, habe ich mich aber wieder sehr wohl gefühlt – und auch dieses Mal wieder Neues entdeckt. Den Film noch einmal zu sehen, hat sich also gelohnt. Ich habe keinen Grund gefunden, ihn von der Liste der Lieblingsfilme zu streichen.

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Die großartige Geschichte, die stilistisches Protzen und manch coolen Spruch mühelos verkraftet, kennt man beim vierten Durchlauf natürlich. Deshalb hat man Zeit, auf andere Dinge zu achten. Auf die schönen Farben, die großartige Ausstattung, das Licht, die Bildkomposition, musikalische und thematische Motive, ja die Sounds überhaupt – und die Gesichter, die Dialog ersetzen, wenn man sie so phantastisch inszeniert. Weil man inzwischen manch anderen Western gesehen hat, entschlüpften einem auch wohlige Sätze wie „Ah, das hat Leone von Fred Zinnemann!“ oder „The Searchers!“ usw. Wenn das Gedächtnis besser wäre, käme es sicher zu deutlich mehr Äußerungen, aber immerhin.

Ich habe mich dieses Mal ganz über die Farben begeistern können. Die breite Palette von gelb bis braun, oder das schöne rot. Die Details der Ausstattung, angefangen vom Interieur des Eisenbahnwaggons bis hin zum immer größer werdenden Set von „Sweetwater“. So etwas kann man heute gar nicht mehr drehen.

Die tollen Wolken im Hintergrund von John Ford country. Der immer richtige Stand der Sonne, um maximalen Effekt aus der Kulisse zu gewinnen.

Wenn ich bei anderen Filmen mit Sicherheit von einer gefährlichen (die Story überlagernde) Ästhetisierung sprechen würde, sage ich bei „Once Upon a Time in the West“ selbst bei der Beerdigung von Brett McBain noch: „Herrliche Bilder!“ Der niedrige Kamerawinkel, das Gegenlicht, die Farben!, wenn Claudia Cardinale aus der Sonne an das offene Grab tritt. Das ist doch unglaublich schön. Solch gewaltige Bilder verkraftet sonst kein Film.

Once Upon a Time in the West
Bild: Herrlich!

Und die Musik! Was für eine Inkompetenz der Academie-Mitglieder, Ennio Morricone nicht mal für den Oscar zu nominieren. Abgesehen davon, dass dieser trotz fünf erfolgter Nominierungen nie einen Oscar für eine Filmmusik gewonnen hat. Der Ehrenoscar kam immerhin als Schuldeingeständnis. Wenn man sich anschaut, wer in der Kategorie Filmmusik schon gewonnen hat, muss man einfach in hysterisches Lachen verfallen.

Ist „Once Upon a Time in the West“ nun der beste Western? Ohne Frage! Natürlich. Und natürlich profitiert der Film von seinen großen Vorgängern, die er liebevoll aber in ureigenem Stil zitiert. Denn vor allem stilbildend ist er wie kaum ein anderer. Und dabei makellos, wie mir scheint. Oder doch ganz dicht an der Perfektion. Bei John Fords „The Searchers“ zum Beispiel finde ich trotz seiner epischen Wucht etwas zum kritisieren. Wenngleich auf einem über – den – Woken – Niveau.

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

Once Upon a Time in the West

„Once Upon a Time in the West“ ist auch bei weitem Sergio Leones bester Western. Ich bilde mir ein, dass dafür auch Bernardo Bertolucci verantwortlich ist, der die Geschichte, die dem Drehbuch zugrunde liegt, mitgeschrieben hat. Der Film ist mit stärkerem Stoff weniger zynisch als die früheren „A Fistful of Dollars“ (1964) und „The Good, the Bad and the Ugly“ (1966) oder der spätere „A Fistful of Dynamite“ (1971). Die durchweg geniale Besetzung trägt selbstverständlich ein übriges zum Erfolg von „Once Upon a Time in the West“ bei. Claudia Cardinale als „Zukunft“ oder Jill McBain und die Männer einer „ancient race“: Henry Fonda in seiner Lieblingsrolle als Frank, Jason Robards als Cheyenne und Charles Bronson in seiner Durchbruchsrolle als Harmonica. Besser besetzt kann man sich den Film nicht einmal denken. Geschweige von der Umsetzung …

Gestern nun habe ich den Film also zum vierten Mal gesehen. Und ich könnte schon wieder! Aber das wird dem Leser nicht anders gehen, oder?

IMDb: Once Upon a Time in the West

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