„La Science des rêves“ ist ein wunderbarer Film voller Phantasie über Stéphane Miroux (Gael García Bernal), einen Menschen, der Realität und Traum nicht immer auseinander halten kann. Der Film selber bewegt sich dabei weit jenseits herkömmlicher Erzählmuster. Er beginnt damit, dass Stéphane im Rahmen seiner Show “Television Educative” eine Welt entwerfen möchte, in der alles möglich ist. In der Manier eines Kochs mixt er die Zutaten zusammen, die es für diese Traumwelt bedarf: zufällige Gedanken, Erinnerungen, Liebe und Freundschaft. Die Kameras der Show sind aus Pappe – “Television Educative” ist ein Phantasieprojekt, das in der Vorstellung lebt.

Bild: Stéphanie und Stéphane begegnen sich. Bestimmung schwingt mit.
Deshalb ist nie ganz klar, ob alles, was folgt, Teil dieser Show ist oder ob es sich um Ereignisse in der realen Welt handelt. Das ist aber auch egal. Egal, weil man „La Science des rêves“ mit einer Zusammenfassung der Geschichte, des Plots, gar nicht adäquat beschreiben kann. Der Film überzeugt vielmehr durch seine Umsetzung, seine Ideen, durch Phantasie. Deshalb sollte man den deutschen Titel mit seinem programmatisch-technischen Titel gar nicht ernst nehmen.
Nach der Einführung von Stéphane in das Konzept seiner Show, bewegen wir uns entweder im Rahmen dieses erschaffenen Traumes oder in Stéphanes Realität. Stéphane kommt gerade aus Mexiko nach Paris zurück. Anlass ist der Tod des Vaters, mit dem Stéphane als Kind Mutter und Frankreich verlassen hat. Die Mutter vermietet Wohnungen. In ihrer Wohnung in einem Appartementhaus kommt der Heimkehrer unter. Er hat die Wohnung ganz für sich.
Der Job, den die Mutter dem kreativen Sohn besorgt hat, ist ein Alptraum. Er muss Texte in Kalender einkleben. Nachdem er im Hausflur fast von einem Klavier erschlagen wird, entwickeln sich die Dinge aber zum Besseren. Er wird in der Nachbarwohnung von Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) und Zoé (Emma de Caunes) medizinisch versorgt. Stéphanie mag Stéphane, das spürt er. Stéphane aber mag Zoé. Die Geschichten, die Stéphane und Zoé einander erzählen, sind nicht ganz aufrichtig, manövrieren aber vor allem Stéphane und Stéphanie in Schwierigkeiten. Denn auch kleine Lügen müssen später mit großem Aufwand aufrechterhalten werden.
Die Nachbarn Stéphane und Stéphanie, die schon der gemeinsame Name füreinander bestimmt, die sich aber zu Beginn noch nicht einmal ihre Nachbarschaft eingestehen können, zusammenzubringen, ist der rote Faden des Films. Wenn man dem Film einen solchen zugestehen möchte. Besitzt eine schöne Wolke einen Bauplan?
Was besonders fasziniert, ist das ständige Durchbrechen der realen Welt mit Elementen des Traums. Da gibt es Zeitmaschinen und Geräte, mit denen man Gedanken lesen kann, Brillen, welche die Welt in 3D erlebbar machen. Zwar zweifelt Stéphanie die Errungenschaft von Stéphanes 3D-Brille an: „Ist das Leben nicht bereits in 3D?“ Aber solche Einwände gelten im Film natürlich nicht. Immer wieder gibt es Ausflüge in eine animierte Stop-Motion Welt. Die beiden verfügen über die Phantasie, die ganz neue Welten erschafft. Und in die uns Stéphane und Stéphanie dankbarerweise mit eintauchen lassen.
„La Science des rêves“ sprengt die Grenzen der Realität, verliert aber nie die weltlichen Sehnsüchte und Ängste seiner Protagonisten aus den Augen. Das macht ihn so sympathisch. Lässt den Film sogar dann real erscheinen, wenn ein Spielzeugpferdchen über die Tastatur des Klaviers gallopiert.
Dass über so viel Phantasie hinweg niemand bei der Suche nach Liebe und Freundschaft in einer Traumwelt verloren geht, dafür sorgt unter anderem Stéphanes Arbeitskollege Guy mit einem kräftigen Beitrag weltlicher Realität. Guy ist ein überheblicher Fiesling, dem Phantasie ganz fremd ist. Und wenn sie ihn doch einmal heimsucht, dann dreht es sich dabei um Sex. Zum Glück ist Guy kein einfarbiges Stereotyp, sondern besitzt auch seine Schattierungen. Am Ende mag man auch diesen schrägen Vogel irgendwie.
Weil sich der Film nicht als einfältige Romanze (Stéphane sucht seine Stéphanie) präsentiert, die man nicht lokalisierbar in das Reich zwischen Realität und Traum geschoben und mit extravaganten Elementen aufgepeppt hat, erwacht man am Ende wie aus einem schönen Traum. Den Möglichkeiten des Seins ein wenig näher gerückt. Und mit dem Vorteil, dass man nicht so erschöpft ist, wie der Protagonist Stéphane, den das Träumen immer so anstrengt.
„La Science des rêves“ ist ein Filmerlebnis, das zu gleichen Teilen der Phantasie des Regisseurs und Drehbuchautors Michel Gondry und seinen herausragenden Darstellern zu danken ist. „La Science des rêves“ verpasst man besser nicht, wenn man Filme der etwas anderen Art mag.
Wertung: 8.9/10
IMDb: La Science des rêves