“Faust – Eine deutsche Volkssage” ist Friedrich Wilhelm Murnaus letzter in Deutschland gedrehter Film. Danach ging er in die Vereinigten Staaten, um seinen bereits im Januar 1925 mit dem Produzenten William Fox geschlossenen Vertrag zu erfüllen. Mit “Sunrise: A Song of Two Humans” sollte dort 1927 Murnaus vielleicht beeindruckendster Film entstehen.
“Faust – Eine deutsche Volkssage” entstand nicht lange nach Beendigung des Ersten Weltkrieges. Gedreht wurde er von einem Mann, der diesen Krieg als Soldat erlebt hat. Ohne die daraus resultierenden Erfahrungen wäre der Film, der sich auf die Faust-Legende sowie Motive von Johann Wolfgang von Goethe, Christopher Marlowe und Ludwig Berger stützt, sicher nicht in dieser Form entstanden.
Handlung
Murnaus „Faust“ spielt im Mittelalter. Bereits die erste Tafel – die Texte stammen von Gerhart Hauptmann – gibt einen Eindruck über das, was kommen wird:
“Siehe: Aufgetan sind die Pforten der Finsternis und die Schrecken der Völker jagen über die Erde …”
Man sieht drei apokalyptischen Reiter, die Krieg, Hunger und Pest symbolisieren, durch die Lüfte jagen. Doch da, ein Licht! Der Erzengel Michael erscheint und fragt: “Was geißelst Du die Menschheit mit Krieg, Pest, Hungersnot?!” Ein geblendeter Mephisto erwidert: “Mein ist die Erde!” Darauf der Engel: “Nie wird die Erde Dein sein! Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!”

Bild: Faust im Studierzimmer
Der lehrende Faust – ein alter Mann – wird uns gezeigt, wie er seinen jungen Zuhörern mitteilt, dass „der Wunder Größtes … die Freiheit des Menschen (ist): zu wählen zwischen Gut und Böse!”
Mephisto aber möchte Gott die Seele des Faust abringen. Der Erzengel macht das Angebot zu einer Wette: Kann Mephisto das Göttliche in Faust zerstören, soll ihm die Erde gehören. „Die Wette gilt!!“
Die Verführung des Faust wird von Mephisto mit Allgewalt angegangen. Als riesige Erscheinung mit gewaltigem Schattenwurf nähert er sich der Stadt. Mit seinem schwarzen Mantel verdunkelt er die Sonne. Ein Sturm bläst die Pest in die Gassen der Stadt. Panik bricht aus. Bald schon gibt es kein von der Krankheit verschontes Haus mehr. Die Leichen werden aus den Häusern getragen. “Tag und Nacht rang Faust im Gebet mit Gott, um ein Heilmittel gegen die Pest zu finden.”
Aber seine Medizin kann gegen die Pest nichts ausrichten. Eifrige Prediger werden von ihr ebenso dahingerafft wie die Menschen, die sich hysterisch in ein letztes Vergnügen stürzen.
Die Menschen flehen Faust an, zu helfen. Aber weder Medizin noch Glaube vermögen etwas auszurichten. In seiner Verzweiflung verbrennt er seine Bücher.

Bilder: Mephisto (Emil Jannings) erträgt den Anblick der Madonna mit Kind nicht. Ein Vorausblick auf das Kommende. Aber noch sehnt Gretchen (Camilla Horn) …

Das ist der Moment, in dem Mephisto zum ersten Mal an ihn herantritt. Er lockt Faust zu einem Kreuzweg und lässt sich von ihm rufen. Um Faust herum ringen die Naturgewalten miteinander, am Himmel jagen die apokalyptischen Reiter vorbei. Faust quälen seine Zweifel. Dann erscheint Mephisto. Erst durch Mephistos Hartnäckigkeit und der in Aussichtstellung eines Probetages „Teufelspakt“, wird der bekannte Vertrag geschlossen – und mit Blut besiegelt.
Was macht der Faust nun mit seiner neu gewonnen Macht? Er will den Menschen, die ihn wieder um Hilfe anflehen, helfen, „in Teufels Namen!” Dankbar sind die Menschen über die erste gelungene Heilung. Aber wie, der Faust erträgt den Anblick des Kreuzes nicht? Er muss mit dem Teufel im Bunde stehen. Er wird davongejagt, man wirft mit Steinen nach ihm.
Von Mephisto beschwatzt, lässt sich Faust verjüngen. Es folgt ein Liebesabenteuer in Parma. Dem jugendlich-sorglosen Faust lockt eine Nacht mit der schönsten Frau Italiens. Als sich Faust ins Bett schwingen will, tritt Mephisto mit der Sanduhr an ihn heran: Der Probetag ist abgelaufen! Jetzt die Jugend verlieren? Faust lehnt ab, verfällt dem Teufel.
Die Zeit vergeht, Faust findet keine Erfüllung. Dann lernt er Gretchen kennen. Und nun soll es die oder keine sein. Mephisto hilft mit einem „Teufelskettchen“.

Bild oben: Liebe / Später: Gretchens Hilfeschrei an Faust eilt durch die Nacht. Bild unten: Die Masse frohlockt. Gretchen steht am Pranger.

Wie schon in Italien, fällt ihm Mephisto wieder in den Rücken. Er lockt den Bruder herbei und ersticht ihn. Faust muss fliehen. Gretchen wird als „Dirne“ an den Pranger gestellt. Die Menschen bringen ihr Hohn und Missachtung entgegen.
Dann ist Winter. Der Schnee rieselt im Schein einer Laterne hinab. Durch das Fenster eines Hauses sieht man glückliche Menschen. Sie singen Weihnachtslieder.
Draußen pfeift der Wind. Gretchen irrt mit ihrem neugeborenen Kind im Arm durch die Kälte. Überall wird sie abgewiesen. Erschöpft sinkt sie nieder. Im Fieber bettet sie das Kind in den Schnee, der ihr als eine Kinderwiege erscheint. Sie schläft ein.
Eine Wache weckt sie. Das Kind ist tot. „Der Kindsmörderin den Scheiterhaufen!“
„Faust, hilf!!“, fleht sie. Ihr stummer Schrei jagt durch das Dunkel der Nacht und erreicht tatsächlich den Faust. Der eilt herbei. Gretchen wird schon auf den Scheiterhaufen geführt. Faust, von Mephisto wieder im Stich gelassen, will ihr Schicksal teilen und verbrennt so mit ihr.

Bild: Gretchen auf dem Scheiterhaufen. Mephisto will die Wette einlösen.
Im Himmel wähnt sich Mephisto als Sieger der Wette. Fausts Liebe zu Gretchen aber, so Erzengel Michael, macht den Pakt zunichte.
Fazit
In Murnaus „Faust“ ringen Gut und Böse miteinander. Dieser Kampf wird als bildgewaltiges Schauspiel in Szene gesetzt. Sonne und Finsternis, Licht und Schatten sind die Antipoden, die jedes einzelne Bild des Films beherrschen. Der Wind wächst sich zum Sturm aus und trägt die Übel der Welt unter die Menschen. Die Feuer der Verdammnis lodern, die Ausdünstungen der Hölle wehen durch die Bilder. Die Kälte des Winters bringt Tod und Verderben. Dann wieder ein Feuer – die Erlösung.
Schwer zu sagen, was an diesem Film am meisten fesselt. Die Handlung, die Photographie, die Bauten oder das Schauspiel des Mephisto?
Sicher ist, dass Murnau die technischen Möglichkeiten des Films seiner Zeit visionär ausgereizt hat. So entstanden mit Carl Hoffmann hinter der Kamera visuell beeindruckende Bilder, die nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Dabei hilft, dass Murnau keine Szene, kein Bild des von Hans Kyser geschriebenen Drehbuchs inszeniert, das durch seine Aussage im Film nicht notwendig erscheint. An das Spiel der Schaupieler mag sich der eine oder andere vielleicht gewöhnen müssen, aber die Bilder des Films – unterstützt durch die beeindruckenden Bauten – sind nach wie vor außergewöhnlich. Man schaue sich nach „Faust“ nur einmal einen beliebigen zeitgenössischen Film an. Wie gewöhnlich, wenn nicht sogar blass, fällt der Vergleich mit dem über 80 Jahre alten „Faust“ aus!
Das Spiel der Darsteller: wie erwähnt, manch einer wird sich daran gewöhnen müssen. Mich überzeugt das ausdrucksstarke Spiel von Emil Jannings als Mephisto. Ihm gegenüber müssen die Leistungen aller weiteren Schauspieler deutlich abfallen. Das schadet dem “Faust” nicht.
Als Film, der zwischen den Weltkriegen entstand, ist die Ausgestaltung des Faustmotivs im Film besonders interessant. Wird er nicht trotz ausgelobter freier Wahl zwischen Gut und Böse zum Spielball von Mächten, denen er nichts entgegensetzen kann? Schon die Wette im Himmel, bei der die Allmächtigen leichtfertig um das Schicksal der Erde spielen, ist moralisch fragwürdig. Gar nicht von den Tricks der Parteien zu reden: Probetag und Hinterlist hier, Nichtigkeitsgrund “Liebe” dort.
Kann man unter den gegebenen Umständen dem Menschen Faust einen Vorwurf machen, dass er beim Teufel das Heilmittel gegen die Pest sucht? Wenn, dann sicher in geringerem Maße, als der Masse Mensch, die Faust steinigt und Gretchen verbrennt. Das Glück können die beiden naturgemäß in dieser Welt nicht finden. Dazu bedarf es der Erlösung. Murnau gewährt sie ihnen.
Wertung: 10/10