Wer “La Nuit américaine” für einen in Amerika spielenden Thriller hält (Film Noir?), der wird schon im Vorspann eines Besseren belehrt. Während man im Hintergrund die Anweisungen eines Regisseurs vernehmen kann, laufen links neben den Texttafeln zwei visualisierte Tonspuren durch das Bild. Frühe Hinweise darauf, dass in “La Nuit américaine” das Medium Film selbst im Mittelpunkt steht.

Bild: Eine Anweisung von Ferrand (Truffaut) an Julie (Jacqueline Bisset)
Und so verweist „La Nuit américaine” denn auch auf ein Verfahren, bei dem man Nachtaufnahmen unter der Verwendung eines starken Filters am Tage dreht. Der amerikanische Titel des Films gibt dem Zuschauer mit seiner sinngemäßen Übersetzung (”Day for Night”) einen Hinweis, der deutsche Titel (”Die Amerikanische Nacht”) mit seiner wörtlichen Übersetzung dagegen nicht.
“La Nuit américaine” ist François Truffauts ganz persönliche Liebeserklärung an den Film. Eine Liebeserklärung, die sich dem Zuschauer freilich durch die Hintertür nähert. Denn “La Nuit américaine” erzählt mittels Film im Film von den Problemen, mit denen sich ein Regisseur beim Drehen eines Films herumschlagen muss. Truffaut beschreibt das im Film mit den Worten:
„Einen Film zu drehen ist wie eine Reise in einer Kutsche. Zunächst hofft man auf eine schöne Reise. Später wünscht man nur noch, das Ziel zu erreichen.“
Wer Keith Fulton und Louis Pepes „Lost in La Mancha“ – eine Dokumentation über Terry Gilliams nicht beendeten Film „The Man Who Killed Don Quixote“ – gesehen hat, der weiß um den ernsten Kern in Truffauts Worten.
Realistisch in seinem Gehalt, sieht man einmal von der außerordentlichen Häufung der Schwierigkeiten ab, präsentiert sich Truffauts Making of a film in Spielfilmlänge zum Glück unbeschwert und heiter. Ferrand, der Regisseur, den Truffaut im Film spielt, lässt sich während der Dreharbeiten – eine offene Huldigung an die geschätzten Vorbilder – Bücher über große Regisseure schicken. Inspirationsquellen. Mit dabei: Ernst Lubitsch. Anleihen an dessen Humor und seiner Art, Handlung fließend leicht zu präsentieren, kann man “La Nuit américaine” anmerken. Erst diese Form der Gestaltung, der warmherzige Blick auf die Probleme der Menschen, die am Dreh beteiligt sind und auf kurze Zeit eine große Familie bilden, macht “La Nuit américaine” über einen großen Film hinaus zur Liebeserklärung an das Medium und alle daran Beteiligten. Sie findet ihresgleichen nicht.
Blickt man auf die Schwierigkeiten, die auf Ferrand beim Dreh von „Meeting Pamela“ hereinstürzen, dann hätte man es Truffaut fürwahr nicht verübeln können, wenn er sich in der Formgebung nicht an Lubitsch sondern an Hitchcock orientiert hätte.
Was behindert nicht alles die Dreharbeiten! Stars, die mit Neurosen, Depressionen, Alkohol- und Textproblemen kämpfen, Affären durchleben und an der Grenze zum Liebeswahn stehen. Eine Darstellerin, die plötzlich schwanger ist und aus ihrer Rolle „herauszuwachsen“ droht. Katzen, die nicht wollen wie sie sollen. Welche Assoziationen entstehen da im Kopf des Zuschauers! Ein Labor, das Filmmaterial vernichtet. Ein Drehbuch, an dem noch gearbeitet werden muss. Zeitdruck und ein Unglück, das kurz vor Ende der Dreharbeiten alle Hoffnungen zu Nichte machen droht …
Unter diesen Umständen wundert es nicht, dass der Regisseur im Schlaf die Flucht in schönere Sphären sucht. In einer in schwarz/weiß gehaltenen Traumsequenz sehen wir einen kleinen Jungen, der vom Aushang eines Kinos die Filmfotos von „Citizen Kane“ stiehlt. Kann es eine Frage sein, um wen es sich dabei handelt?
„When I first saw Citizen Kane, I was certain that never in my life had I loved a person the way I loved that film.“ (François Truffaut im Interview mit Charles Thomas Samuels: “Encountering Directors“)
Es sind die vielen Details, die den Film so außergewöhnlich machen. Sie sind so vielzählig, dass sie ganz nebenbei eingestreut werden können. Mal werden kleine Geheimnisse über die Beleuchtung einer Szene verraten, mal weilt die Kamera für einen Augenblick auf einem Straßennamen. Kann eine Filmcrew auf dem falschen Weg sein, wenn sie durch die Rue Jean Vigo fährt?
François Truffaut jedenfalls hat den richtigen Weg verfolgt und mit “La Nuit américaine” einen einzigartigen Film abgeliefert. Der Oscar für den besten ausländischen Film ist nur die Bestätigung.
Wertung: 10/10
IMDb: La Nuit américaine