Es gibt ein bekanntes Gedicht von Heinrich Heine, das wie folgt beginnt:
„Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermählt“
Das Gedicht ist ein Klassiker. Das Thema zeitlos. Der „Jüngling“ in Céline Sciammas Film „Water Lilies“ ist Marie (Pauline Acquart), die sich in Floriane (Adele Haenel) verliebt. Floriane ist in François verliebt. Anne (Louise Blachère), die pummelige Freundin von Marie, ist ebenfalls in François verliebt und leidet zudem unter der Entfremdung, die Maries Liebe zu Floriane für ihre Freundschaft bedeutet.

Bild: Marie, Floriane und Anne
Marie, Floriane und Anne sind fünfzehn Jahre alt. Sie stehen an der Grenze zum Erwachsenwerden. Die Gefühle melden sich, Leidenschaften erwachen. Auch das ist ein zeitloses Thema. Ich habe den Einstieg mit einem Heine-Zitat gewählt, weil die Regisseurin keinen schnöden Teenager-Film gedreht hat, sondern dem Anspruch eines zeitlosen Themas mit einem Film gerecht geworden ist, der nicht durch eine bestimmte Sprache, Kleidung oder Musik im Jetzt verankert ist, nur um in wenigen Jahren lediglich als historisches Zeugnis aus dem Jahr 2007 wahrgenommen zu werden.
Handlung
Es sind Ferien in einem ruhigen Vorort von Paris. Die Wege von Marie und Floriane kreuzen sich in der Schwimmhalle bei einem Wettbewerb im Synchronschwimmen. Marie verliebt sich in Floriane, die von allen begehrte Mannschaftsführerin.
Floriane hat einen gewissen Ruf, den sie pflegt. Mit ihren Mitschwimmerinnen versteht sie sich nicht besonders. Auch die schüchterne Marie, die sich in ihrem Verlangen an Floriane heranzutasten bemüht, blitzt zunächst bei ihr ab. Florianes Interesse gilt François. Aber noch steht dieser Beziehung ein Problem im Weg.
Die pummelige und etwas nassforsche Anne hat es schon aufgrund ihres Aussehens ganz eigene Probleme. Von der Natur benachteiligt, muss sie mit höherem Einsatz spielen, um im Wettstreit der Leidenschaften etwas Sonne zu sehen. Dabei besteht die Gefahr, sich die Haut zu verbrennen.
Nach und nach gelingt es Marie, Floriane als Freundin zu gewinnen. Das bedeutet für sie zunächst, ausgenutzt zu werden. Die Beziehung wärmt sich auf, weil Marie die Antwort für das Problem ist, welches Florianes Beziehung zu François im Wege steht.
Das Gedicht von Heine aus dem Jahre 1822 schließt mit den Worten:
„Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.“
Herzen brechen im Film natürlich nicht entzwei. Nicht im wörtlichen Sinn, denn ohne bittere Erfahrungen ist das Älterwerden nicht zu haben. Das zeigt die Regisseurin mit einem sensiblen Blick auf die Schicksale ihrer drei Protagonistinnen.
Die Regisseurin
Sciamma wurde am 12. November 1980 geboren. „Water Lilies“ ist ihr erster Film. Die Idee, den Film im Umfeld des Synchronschwimmens anzusiedeln, geht auf eigene Erfahrungen zurück. In ihrer Jugend packte sie nämlich für kurze Zeit eine große Leidenschaft für diesen Sport. Weil ihr das Synchronschwimmen, das an der Oberfläche so spielerisch leicht wirkt, unter der Oberfläche aber aus harter Arbeit besteht, als eine ausgezeichnete Metapher für die Probleme von Mädchen im Heranwachsen erschien, flossen die Erinnerungen in „Water Lilies“ ein.
Wertung: 7.5/10
Links:
Directors Notes: Interview mit Céline Sciamma über „Water Lilies“ (Englisch, ~17 Minuten)
IMDb: Naissance des pieuvres (Water Lilies)