„Im allgemeinen ist das, was sich uns als Zufall darstellt, eine Verkettung von uns unbekannten oder ungenügend bekannten Ursachen und ebensolchen Wirkungen.“
Diese Zeilen liest Lukas (Josef Bierbichler) am Tag seines sechzigsten Geburtstages seinem alten Studienfreund Goetz (Peter Simonischek) vor, der nach dreißig Jahren den Weg nach Hierankl gefunden hat. Welche Ursachen haben ihn zur Rückkehr bewegt?

Der Zufall bzw. eine Verkettung uns noch unbekannter Ursachen und Wirkungen lässt zu Beginn des Films auch Lukas’ Tochter Lene (Johanna Wokalek) von ihrem ursprünglichen Plan, den Zug nach Berlin, ihrem Zuhause, zu nehmen, abweichen. Statt dessen besteigt sie den Zug Richtung Salzburg, um ihre Familie im Chiemgau zu besuchen.
Die Reise nach Hierankl, einem abgelegenen Gut mitten in der Natur der Berge, wird zu einer Reise in die Vergangenheit, die viele unschöne Dinge ans Tageslicht fördert und manche Erkenntnis bringt. Noch im Zug sitzend wird sie Zeugin, wie sich der Vater am Bahnsteig in Rosenheim von seiner Freundin verabschiedet und dann zusteigt. Die Wiedersehensfreude ist so groß wie auch deutlich wird, dass viel Zeit und Distanz zwischen den Familienangehörigen liegt.
„Hierankl“ ist ein Heimatfilm. Als solcher erzählt er über die Heimat. Das heißt, er erzählt über die Menschen, die an einem bestimmten Ort groß geworden sind. Im Gegensatz zum klassischen Heimatfilm, der sich in verklärenden Bildern und Themen erschöpft, orientiert sich Steinbichler an der Maxime „Heimat ist da, wo es wehtut.”
Und so wird Hierankl – übrigens in einer Gegend gelegen, in welcher der Regisseur und Drehbuchautor Steinbichler aufgewachsen ist – zum Schauplatz eines Geschehens, das mehr mit einer antiken Tragödie denn mit Idylle zu tun hat. Auf schöne Bilder, das beweist der Film, muss dabei nicht verzichtet werden.
Nur vordergründig sind die Menschen noch eins mit der Natur. Die Farben ihrer Kleidung heben sich kaum von der sie umgebenden Landschaft ab. Aber die Menschen haben sich verändert. Jedes Familienmitglied hat sich verändert. Alle verbergen Geheimnisse, die nach und nach an die Oberfläche brechen und dort gewaltig mit ihrer Umgebung reagieren.
Ich habe bereits erwähnt, dass der Film an eine antike Tragödie erinnert. Wie man den Film letztlich beurteilt, hängt nämlich nicht unwesentlich davon ab, wie weit man die präsentierte Geschichte zu akzeptieren bereit ist, wie man sie einordnen will.
„Hierankl“ ist ein Debütfilm. Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Regisseur in diesen alles an großem Drama hat reinpacken wollen, was nur irgend möglich war. Schaut man sich den Film an, ohne bereit zu sein, ihn vor dem Hintergrund des klassischen Heimatfilms und der antiken Tragödie zu sehen, dann bekommt man sicher ein Problem mit der Glaubwürdigkeit.
In einem Gespräch mit dem Vater, einer vergleichsweise harmlosen Szene, sagt Paul (Frank Giering) einmal zum Vater: „Das klingt jetzt wie im Heimatfilm.“ Worauf Lukas seinem Sohn antwortet: „Es ist ein Heimatfilm, Pauli.“ Ich bin kein großer Freund dieser Art von Brechung im Film. Aber der Hinweis deutet doch in eine bestimmte Richtung.
Was die Schauspieler betrifft, dann genügt es, eines festzuhalten: sie machen das größtmögliche Angebot an den Zuschauer, um diesen die Story akzeptieren zu lassen. Steinbichler hätte kaum besseres Personal für seinen Film finden können. Eine sensationelle Besetzung für einen Debütfilm.
So, wie sich die Spätsommersonne mit erster Kälte (die man den Schauspielern, die immer sommerlich leicht gekleidet sind, weil der Film ja im Sommer spielen soll, nicht ansieht) über die Drehaufnahmen gesenkt hat, so bleiben eben auch längere Schatten nicht aus. Vergleicht man diese aber mit dem, was der Film bietet, dann ist „Hierankl“, insbesondere für ein Debüt, herausragend.
Auf dem Filmfest München wurden Steinbichler und Wokalek denn auch als bester Regisseur und beste Darstellerin ausgezeichnet. Inzwischen hat Hans Steinbichler mit „Winterreise“ (2006) und „Autistendisco“ (2007) weitere Filme vorgelegt.
Wertung: 7.9/10