Mit Bezug auf Wilhelm Müller (1794-1827) hat Heinrich Heine die folgenden, hier sinngemäß zitierten Worte hinterlassen: „Ich bin eitel genug, um zu glauben, dass mein Name einmal, wenn wir schon lange nicht mehr leben, zusammen mit dem ihren genannt werden wird.“ So eitel war Heine nicht, denn im Vergleich mit dem bekannten Dichter strahlt der Nachruhm Wilhelm Müllers relativ bescheiden. Dass es diesen Nachruhm überhaupt gibt, dazu hat ganz wesentlich der Komponist Franz Schubert (1797-1828) beigetragen. Und zwar durch die Vertonung von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus „Die Winterreise“. Dazu Franz Schubert: „Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dies bei anderen der Fall war. Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen.“

Dem Regisseur Hans Steinbichler haben sie nicht nur gefallen, sondern darüber hinaus dazu inspiriert, sie in seinen zweiten Kinofilm einfließen zu lassen. Die von Schubert vertonten Gedichte sind nicht das bestimmende Thema des Films, aber gleichwohl viel mehr als nur Filmmusik. Nach den Beweggründen für diesen Film gefragt, nennt der Regisseur Hans Steinbichler Schuberts „Winterreise“ an zweiter Stelle. Als Hauptmotiv gibt er die Arbeit mit Josef Bierbichler an. Das wird sofort verstehen, wer diesen großartigen Schauspieler einmal gesehen hat. Bereits in seinem ersten Film, „Hierankl“ (2003), hat Steinbichler mit Bierbichler zusammengearbeitet.
Josef Bierbichler ist auch der Grund, dass der Film in dieser Form überhaupt zustande kommen konnte. Ursprünglich wollte nämlich Dieter Ulrich Aselmann das autobiographische Werk von Martin Rauhaus verfilmen. Als sich Aselmann und Steinbichler dann auf einem Filmfestival trafen und über den Stoff austauschten, konnte Steinbichler für die Hauptrolle den Schauspieler Bierbichler in Aussicht stellen, wenn nur er den Film drehen könnte. Das überzeugte Aselmann, der den Stoff übergab und den Film dann produzierte. Josef Bierbichler ist auch der Grund dafür, dass Hanna Schygulla im Film mitspielt, obwohl der ihre Rolle als schwache Frau nicht gefallen hat, dass Sibel Kekilli mitspielt und das viele kleine Rollen zum Wohle des Films so prominent besetzt werden konnten.
Die Handlung
Josef Bierbichler spielt Franz Brenninger, einen Unternehmer, der in wirtschaftliche Schieflage geraten ist. Hinter seinem Charakter, den die DVD-Hülle euphemistisch mit „Launenhaftigkeit“ umschreibt, verbirgt sich manische Depression. Dieser Umstand führt schon zum größten Verdienst von Film und Hauptdarsteller. Der Film beschreibt nämlich nicht das Krankheitsbild als solches, sondern fügt eine betroffene Person in eine interessante Geschichte. Martha „Mucky“ Brenninger (Hanna Schygulla) ist die Frau an der Seite eines unmöglichen Mannes. Sie erträgt dessen Gefühlsschwankungen zwischen Zorn und Zuneigung, Ruhelosigkeit und Apathie ohne aufzumucken. Es wird angedeutet, dass Brenninger auch das Leben der erwachsenen und nur am Rande in Erscheinung tretenden Kinder Paula (Anna Schudt) und Xaver (Philipp Hochmair) zur Hölle gemacht hat.
Dieser Brenninger ist durch sein gesamtes Verhalten der Umwelt gegenüber eine einzige Zumutung. Dennoch schafft es der Film, ihn so zu zeichnen, dass die Sympathie des Zuschauers diesem ungewöhnlichen Protagonisten gegenüber nie ganz verloren geht. Zum einen, weil dem Zuschauer die Dämonen, mit den Brenninger ringt, nicht vorenthalten werden und zum anderen, weil immer wieder positive Aspekte durchbrechen. Momente der Besinnung, in denen Brenninger realisiert, was er seiner Umwelt antut.
In diesem Brenninger schaut es wahrlich düster aus. Die finanzielle Situation ist beängstigend, als eine anstehende Operation seiner Frau zusätzlich nach viel Geld verlangt. Nur vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass sich Brenninger auf ein dubioses Geschäft mit afrikanischen Geschäftsleuten einlässt, die vorgeben, über sein Konto Geld an der Steuer vorbei schleusen zu wollen. Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht, wird spätestens klar, als sie im letzten Augenblick eine Sicherheitszahlung verlangen. Der verzweifelt an die Wand gepresste Mann zahlt. Kann man ihm einen Vorwurf machen, dass er nach dem Grashalm greift? Er hört natürlich nichts mehr von seinen “Partnern”.
Gemäß dem Text von Wilhelm Müllers 20. Gedicht („ … Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück“) reist Brenninger nach Afrika, um sein Geld zu retten. Weil er kein Englisch spricht, wird er von Leyla (Sibel Kekilli), die für ihn übersetzen soll, auf seiner Reise begleitet. Sie ist das sanfte Gegengewicht und – betrachtet man die Bilder – der Farbtupfer, der sich angenehm von den dunklen Tönen eines Franz Brenninger abhebt. Die Reise nach Afrika bewirkt einen Bruch in der Figur Brenninger. Das tobende Ungeheuer wird ruhiger und findet letztlich seine Bestimmung.
Die Bilder des Films (Kamera: Bella Halben) sind wunderschön. Die Gegenlichtaufnahmen, die in Afrika entstanden sind, allein machen den Film unbedingt sehenswert. Die Leistung von Josef Bierbichler ist ein weiterer, wenn nicht der Grund, den Film unbedingt zu sehen. Und so sind es die Regie, die Musik und die Nebenrollen.
Die DVD ist uneingeschränkt zu empfehlen. Wer sich den Audiokommentar anhört, erfährt, welchen Einsatz bestimmte Szenen vom Hauptdarsteller gefordert haben.
Wertung: 9/10
Über Franz Schuberts „Winterreise“ informiert die Reihe „Hundert Meisterwerke“.