Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for October, 2009


Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)

Luchino Viscontis Familiendrama “Rocco e i suoi fratelli” erzählt die Geschichte der Familie Parondi, die auf ein besseres Leben hoffend, aus dem armen Süden Italiens nach Milan zieht. Hell erleuchtete Boulevards wecken bei der nächtlichen Ankunft der “Südländer” Erwartungen. Die wenigsten werden im Verlauf des Films in Erfüllung gehen.
Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Verheißungsvolles, nächtliches Milan

Schon die Ankunft der verwitweten Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit ihren vier Söhnen bei Vincenzo (Spiros Focás), dem fünften und bereits in Milan lebendem Sohn, steht unter keinem guten Stern. Vincenzo wohnt bei seiner Freundin Ginetta (Claudia Cardinale) und feiert gerade Verlobung, als seine Familie eintrifft. Die Wiedersehensfreude ist groß. Schnell wendet sich das Gespräch aber dem Thema Geld zu. Und dann ist der Spaß vorbei. Die Situation eskaliert und Vincenzo wird gemeinsam mit seiner Familie aus der Wohnung geworfen.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nach Vincenzos Rauswurf trifft er Ginetta auf der Straße

Visconti erzählt seinen 168 Minuten langen Film – nie kommt er einem zu lang vor – in zwei Teilen, die jeweils aus zwei Kapiteln bestehen. Die Kapitel tragen die Namen der vier ältesten Söhne Rosaria Parondis, deren Geschichte sie erzählen.

Vincenzo, nach dem das erste Kapitel benannt ist, wird hauptsächlich benötigt, um die Familie in Milan einzuführen. Seine Beziehung zu Ginetta spielt eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für die Handlung sind die Söhne, denen sich die beiden Folgekapitel widmen: Simone und Rocco. Das letzte Kapitel trägt den Namen Ciro. Auch Ciro bleibt bloße Skizze.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Die leichtlebige Nadia (Annie Girardot)

Simone und Rocco

Simone (Renato Salvatori) versucht sich an einer Karriere als Profiboxer. Mit Lust und Ehrgeiz ist er nicht bei der Sache. Er interessiert sich mehr für Frauen als für Training. In Nadia, die er mit Geld aushält, findet er eine Begleiterin.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nadia zu Besuch bei Simone

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Leidenschaftslos

Rocco (Alain Delon) ist das Gegenteil seines lebenslustigen Bruders. Er ist ein gutmütiger, aber weltfremder Träumer. Obwohl er ebenfalls gute Anlagen für eine Boxkarriere zeigt, arbeitet er lieber in einer Reinigung.

Es gibt eine schöne Szene, welche die Unterschiede zwischen Simone und Rocco trefflich offenbart. Wir sehen den verschüchterten Rocco in der Reinigung. Rocco ist von vier dort angestellten Frauen umgeben. Und die erlauben sich ihre Späße mit ihm. Ob man ihn küssen sollte? … Dann kommt Roccos Bruder Simone – und schlagartig wendet sich das Blatt. Simone flirtet offensiv mit den Frauen, was diese erst überrascht, dann beeindruckt. Simone lässt sich auch mal eben seine Sachen bügeln. Das Geld zur Bezahlung, Simone fehlt es natürlich, borgt er sich von Rocco. Den wollte er sowieso anpumpen. Rocco schießt das Geld, immerhin seinen halben Lohn, gern vor. Seinem Bruder Simone kann er nichts abschlagen. Der weiß und nutzt das aus.

Das ungetrübte Verhältnis ändert sich im nächsten, dem dritten Kapitel. “Rocco” setzt über ein Jahr später ein. Rocco, der gerade seine Militärzeit ableistet, begegnet zufällig Simones ehemaliger Freundin Nadia. Die hat Simone aus gutem Grund vor langer Zeit verlassen. Eine Entscheidung, die sie nicht davon abgehalten hat, in andere Schwierigkeiten zu geraten.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Nadia begegnet …

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: … Rocco

Die sich zwischen den beiden anbahnende Beziehung, gefällt Simone, als man ihn darüber unterrichtet, gar nicht. Sein Lebensstil hat seine Boxkarriere an den Abgrund getrieben. Endlich erhält sein Frust die Möglichkeit, sich gegenüber seinem Bruder Rocco, der ihn immer unterstützt und den er selbst so oft hintergangen hat, zu entladen.

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Simone wird über die Beziehung zwischen Rocco und Nadia informiert

Luchino Visconti: Rocco und seine Brüder (1962)
Bild: Konfrontation

Fazit

Viscontis sozialkritisches Familiendrama ist kurzweilig und spannend inszeniert. Nur das melodramatische Finale, bei dem viele Tränen fließen, mutet heute ein wenig übertrieben an. Es ist die einzige Schwäche des Films.

Leider war die Bildqualität meiner DVD nicht optimal. Dabei könnte es sich um den Transfer von einer Videokassette gehandelt haben. Deshalb ist wohl auch der Untertitel auf den Screenshots zu sehen. Es gibt bessere Editionen des Films.

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IMDb: Rocco und seine Brüder

Boys Just Want To Have Fun

Edward Yang zeigte in “Yi Yi” (2000), dass Girls Just Want To Have Fun. Shunji Iwai beweist in “Love Letter” (1995): auch Boys Just Want To Have Fun.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)

Die Ginei Studios werden nach 70-jährigem Bestehen abgerissen. Ein Dokumentarfilm soll den größten Star des Studios, Chiyoko Fujiwara, ehren. Der Reporter Genya Tachibana – ein glühender Verehrer Fujiwaras – und sein jugendlicher Kameramann Torrakichi machen sich deshalb auf, die zurückgezogen lebende Schauspielerin in den Bergen zu besuchen.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Reporter Genya vor den Ginei Studios

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Abriss der Ginei Studios

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Chiyoko Fujiwaras Filme

Die beiden haben Glück. Denn für gewöhnlich werden im Hause Fujiwara keine Reporter vorgelassen. Weil ein Interview recht langweilig anzuschauen wäre, bedient sich der Film mehrerer Kniffe, die “Millenium Actress” zu einem wunderbaren Erlebnis machen.

Zunächst übergibt Genya der älteren Dame einen mysteriösen Schlüssel. Fujiwara ist hocherfreut und gerührt, den Schlüssel, den sie augenscheinlich kennt, wieder in den Händen zu halten. Natürlich verbirgt sich dahinter eine spannende, im Film zu erzählende Geschichte.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Ein mysteriöser Schlüssel …

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: … gelangt wieder in die Hände der Schauspielerin

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: der geheimnisvolle Vorbesitzer

Ein weiterer Kunstgriff, den Film interessant zu erzählen, besteht darin, zwischen den Zeitebenen virtuos zu springen, Realität und Fiktion in meisterhafter Weise zu verflechten. Das hat man sich so vorzustellen, dass in den Erinnerungen Fujiwaras plötzlich die beiden Dokumentarfilmer auftauchen. So lebendig schildert die Schauspielerin ihr Leben.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Japans bewegte Geschichte

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Japans bewegte Geschichte

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Japans bewegte Geschichte

Die Schilderung ihrer Schauspielkarriere führt den Zuschauer nicht nur durch die jüngere japanische Geschichte, sondern auch durch Filmsequenzen, die dem besehenen Zuschauer vertraut vorkommen werden. Hier wird den Großen, und damit ist nicht nur Godzilla gemeint, Tribut gezollt.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Der böse Geist kommt einem so bekannt vor …

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: … weil Akira Kurosawas “Throne of Blood” wohl als Vorlage diente

Das Geheimnis des mysteriösen Schlüssels, den Genya Fujiwara zu Beginn übergab, hat mit einer ergreifenden, lebenslangen Liebesgeschichte zu tun. Dass “Millenium Actress” bei der Schilderung nicht melodramatisch wird, liegt in der Balance, die das gegensätzliche Reporterduo hervorbringt. Immer wenn Genya die Ergriffenheit Tränen in die Augen treibt, gibt sein Kollege Torrakichi einen Spruch zum besten, der den Film gekonnt erdet. Die Rührung, die der Film dennoch beim Zuschauer bewirkt, ist ehrlicher Natur.

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: Die Liebe auf der Leinwand …

Satoshi Kon: Millennium Actress (2001)
Bild: … trotzt den Gesetzen der Zeit

Satoshi Kons “Millennium Actress” (2001) muss man, wie auch “Tokyo Godfathers” (2003) und “Paprika” (2006), unbedingt sehen.

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IMDb: Millenium Actress

Claude Chabrol: Nada (1974)

Wer mit dem Werk von Claude Chabrol ein wenig vertraut ist, der wird “Nada” als ungewöhnlich für das Schaffen des Regisseurs einstufen. Den Film einem bestimmten Genre zuzuordnen, ist nicht möglich. “Nada” bedient sich der Elemente des Polit-Thrillers und der Satire. Am besten umschreibt ihn vielleicht die Bezeichnung Farce.

Claude Chabrol: Nada (1974)
Nada: ein Produkt der Phantasie – und deshalb vielleicht doch vorstellbar?

Claude Chabrol: Nada (1974)

Chabrol erzählt in seinem 1974 geschaffenem Werk von der Entführung des amerikanischen Botschafters in Frankreich durch die linksradikale Terror-Gruppe “Nada”. Nada bedeutet nichts. Mit diesem Namen ist die Gruppen-Ideologie der Entführer recht gut beschrieben. Zwar mag sich die Gruppe den Namen zugelegt haben, um auf ihre anarchistischen Absichten zu verweisen. Er signalisiert dem Zuseher aber viel treffender die Abwesenheit von jeglichem Programm. Denn die Ideale von einst sind den Mitgliedern lange abhanden gekommen.

André Épaulard (Maurice Garrel) etwa, der von der Gruppe als Experte für die Entführung kontaktiert wird, glaubt nicht mehr an die Revolution. Auch eine erfolgreiche Entführung hält er nicht für möglich. Nur weil er Gruppenmitglieder von früher her kennt, schließt er sich dem Unternehmen an. Der Lehrer Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy), der sich – oh Ironie! – als liberalen Kommunisten bezeichnet, zweifelt an Ideologie und Vorhaben. Andere machen mit, weil sie Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy) reagiert gereizt …

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: André Épaulard (Maurice Garrel) sagt Buenaventura Diaz (Fabio Testi) voraus, er werde das Lösegeld nie sehen

Weil der Film nicht auf psychologisch entwickelte Spannung abzielt, ist der Blick auf ein Zitat hilfreich. Es erscheint mir als ein Schlüssel für die dem Film zugrunde liegende Idee. Marcel Treuffais zitiert Schopenhauer, nach dem “der Solipsist ein Verrückter ist, der in einer uneinnehmbaren Festung eingeschlossen ist.” Die Ich-Bezogenheit des Solipsisten, der andere Standpunkte nicht gelten lässt, ist auch das zentrale Problem von Terroristen. Es passt zum Stil des Films, dass man der Filmfigur – der das freilich nicht so bewusst wird wie dem Zuschauer – den Spiegel in die Hand drückt.

Die Gültigkeit von Schopenhauers Gedanken beginnt der Zitierende Augenblicke später zu belegen. Im Straßenverkehr gereizt, zieht Treuffais sein Messer. Keine der Figuren im Film, unabhängig davon, ob sie auf Seiten der Terroristen oder der Polizei steht, tickt normal – und belegt damit auch die Allgemeingültigkeit des Zitats für die “Nada”-Filmwelt. Wenn der unmotivierte Terrorismus einem brutal kalkulierenden Polizeiapparat begegnet, stoßen nicht zwei Welten, Gut und Böse gar, aufeinander. In “Nada” ringen Parteien miteinander, von denen beide die gleichen Mittel anwenden. Mit dem Abgleiten ins programmatische Nichts lösen sich auch die politischen Positionen auf.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Nicht unbemerkt …

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: … verläuft die Entführung des Botschafters … aus einem Bordell

Immer wieder wird die eigentliche Handlung von Worten und Bildern begleitet, die leicht als beißende Kommentare Chabrols zu entschlüsseln sind. Wären sie weniger gekonnt umgesetzt, wären sie von Gleichgültigkeit motiviert, müsste man sie zynisch nennen. Chabrol meistert diese Gratwanderung. Nicht minder bemerkenswert ist der Umstand, wie Chabrol eine Vielzahl von Figuren einzuführen versteht, denen in wenigen Augenblicken eine unverwechselbare Charakteristik verliehen wird.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Die Waffen der Linksterroristen

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Macht keine Kompromisse: Kommissar Goemond (Michel Aumont)

Claude Chabrol: Nada (1974)

Betrachtet man das Ende des Films, dann erweist sich die Position des intellektuellen Heißsporns Marcel Treuffais, der sich zur rechten Zeit in einen nachdenkenden Zauderer verwandelt, als die gesündeste Einstellung. Bis es soweit ist, rechtfertigt der kreative, kritisch-humorvolle Stil Claude Chabrols das Verweilen vor dem Fernseher.

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IMDb: Nada

Sadao Yamanaka: Humanity and Paper Balloons (1937)

Sadao Yamanakas exzellenter Film “Humanity and Paper Balloons ” wird hier noch genauer vorzustellen sein. Die nachfolgende Bildsequenz zeigt Matajuro Unno (Chojuro Kawarasaki), dem gerade die Hilfe, auf die er sich verlassen hat, verweigert worden ist.

Sadao Yamanaka: Humanity and Paper Balloons (1937)

Sadao Yamanaka: Humanity and Paper Balloons (1937)

Sadao Yamanaka: Humanity and Paper Balloons (1937)

Sadao Yamanaka: Humanity and Paper Balloons (1937)

Vom Regisseur haben leider nur drei seiner über zwanzig Filme überlebt. “Humanity and Paper Balloons ” feierte an dem Tag Premiere, an dem der Regisseur zur Armee eingezogen wurde. Er starb am 17. September 1938 im japanisch besetzten Manchukuo.

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IMDb: Humanity and Paper Balloons