Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for September, 2009


Karl Struss

Vielleicht, weil ich gerade über Motiv und Inspiration nachdachte, bin ich bei einem Bild von Karl Struss hängen geblieben. Fotografie ist nicht nur Licht und Schatten. In jedem Foto teilt sich auch der Fotograf mit.

Foto: Karl Struss
Bild: Foto von Karl Struss (1917)

Eine zugegebener Maßen banale Einsicht. Interessanter ist die Frage, ob uns obiges Bild aus dem Jahr 1917 bereits etwas über die Zukunft von Karl Struss, aus dem ab 1920 ein berühmter Kameramann werden sollte, verraten kann.

Es sagt wohl nichts, wenn ich aus dem Licht- und Schattenspiel des Fotos leicht Parallelen zu “Sunrise: A Song of Two Humans” (1927, mit dem Oscar ausgezeichnet), “Dr. Jekyll and Mr. Hyde” (1931, Oscar nominiert), “The Sign of the Cross” (1932, Oscar nominiert) oder auch “The Great Dictator” (1940) ziehen kann.

Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Bild: “Dr. Jekyll and Mr. Hyde” (1931), Regie: Rouben Mamoulian, Kamera: Karl Struss.

Ist obige Frage ein Zeitvertreib, ist immerhin der Gedanke an sich die Beschäftigung mit ihm wert. Denn in jedem Bild, das wir aufnehmen, teilen wir uns mit.

Film und Kamera. Weitwinkel- oder Teleobjektiv?

Nach Nietzsche beginnt alle Philosophie mit Müßiggang. Technische Möglichkeiten lösen sehr oft einen ganz ähnlichen Prozess aus. Weil die Spiegelreflexkamera über ein Gewinde für den Anschluss unterschiedlicher Objektive verfügt, senkt sich automatisch eine Frage über den Benutzer der Kamera herab. Welches Objektiv soll an die Kamera geschraubt werden? Die Kamera ist, ein Objektiv soll es werden. Sein und Sollen, Sinn und Zweck, Wille und Vorstellung – bei der Objektivfrage ist noch jeder zum Philosophen geworden.

Einen Unterschied gibt es aber doch. Denn mit der Fotografie endet der Müßiggang, mit dem die Philosophie nach Nietzsche beginnt. Nicht nur ist Fotografieren harte körperliche Arbeit, auch sind Kamera und Objektiv empfindlich schwerer als die rein geistige Auseinandersetzung mit – von mir aus – gewichtigen Gedanken.

Philosophie und Fotografie liegen nicht nur dicht beieinander, sie gehen auch oft ineinander über. Denn schnell legt sein Objektiv wieder beiseite, wer es zu schwer gekauft hat. Müßiggang ist die Folge. Und nach Nietzsche ist das der Beginn …

Film ist eine andere Welt. Hier scheinen Kameras und Objektive oft nur die Geschichte illustrieren zu müssen. Wer käme auch im Traum darauf, zu überlegen, ob das gewählte Objektiv und die Art seines Einsatzes in irgendeiner Verbindung stehen?

Blowup
Thomas (David Hemmings) in Michelangelo Antonionis “Blowup” (1966). Die Frage: reicht die Brennweite des Objektivs für die Bilder des Films? Fraglich. Vernachlässige ich aber gern, weil mir der Film gefällt.

Blood Diamond
Jennifer Connelly als Maddy Bowen mit einer Leica M6 in Edward Zwicks “Blood Diamond” (2006). Als Motiv sehe ich ein Flüchtlingskind mit großen Augen hinter dem Zaun. Reicht die Brennweite?

Rear Window
James Stewart in Alfred Hitchcocks “Rear Window” (1954). Das richtige Objektiv (stimmen die Spiegelungen?); aber hier lautet die Frage auch, ob man einen Mörder mit einem Blitzlicht abwehren kann …

Love Letter
In “Love Letter” trifft die Schüchternheit des Fotografen auf ein sportliches Motiv. Das Teleobjektiv ist die richtige Wahl. Sehr schöner Film, sollte man kennen.

Max

Max

Die größte Herausforderung stellen Weitwinkelobjektive dar. Hier muss man wirklich komponieren. Weniger bei einem so verlockenden Motiv (Romy Schneider), wie es sich Michel Piccoli in Claude Sautets “Max et les ferrailleurs” (1971) gewählt hat. Dafür wird man um so mehr inspiriert …

Scarlett
Einfach lustig (oder zuckerwattesüß) fand ich die guten Fotos, die das Resultat von Cristinas (Scarlett Johansson) Point-and-Shoot Kamerastreifzügen in Woody Allens “Vicky Cristina Barcelona” (2008) waren.

Girls Just Want To Have Fun

Yi Yi

Yi Yi

Edward Yang: Yi Yi (2000, IMDb)

Kenji Mizoguchi: Ugetsu Monogatari (1953)

Kenji Mizoguchis Film “Ugetsu Monogatari” basiert auf einer Sammlung japanischer Geistergeschichten aus dem späten 18. Jahrhundert. Weil diese Information – wie übrigens auch die wörtliche Übersetzung des Titels (Geschichten vom Regen und dem Mond) – den wahren Gegenstand des Films verschleiert, gleich zu Beginn der Hinweis, dass es sich bei dem Film um ein atmosphärisch beeindruckend erzähltes Drama und keinen gewöhnlichen Geister- oder gar Horrorfilm handelt.

“Ugetsu” erzählt vom Schicksal zweier Bauern, die zur Zeit des Bürgerkrieges im 16. Jahrhundert ehrgeizige Ziele verfolgen. Der Film gibt dem Zuschauer früh zu verstehen, dass er es mit seinem moralischen Gehalt ernst nimmt. Vermögen, die in unruhigen Zeiten erworben werden, zerrinnen so schnell wie sie gewonnen wurden, heißt es.

Das ist natürlich auch ein Vorausblick. Denn auf ein Vermögen hat es Genjuro (Masayuki Mori) abgesehen. Der Krieg hat die Preise für Töpfereiwaren nach oben getrieben. Genjuro, der neben der Farmarbeit eine kleine Brennerei betreibt, wittert seine Chance auf das große Geld. Das Risiko der Produktion ist hoch, denn feindliche Truppen bedrohen das Dorf. Der Transport der Waren zum Markt ist noch gefährlicher.

Ein Haus weiter wohnt die Schwester von Genjuro. Sie hat den Farmer Tobei (Eitarô Ozawa) geheiratet. Der möchte um jeden Preis den Ruhm eines Samurais erwerben.

Mizoguchi führt seine Personen großartig ein. Ein Schwenk über die dörfliche Landschaft endet auf der Familie von Genjuro. In der Ferne fallen Schüsse. Die Lage ist offenkundig bedrohlich. Genjuro will gerade zum Markt aufbrechen, um seine Töpfe zu verkaufen. Die Preise sollen verlockend hoch sein. Im Hintergrund sehen wir bereits seine Schwester Ohama (Mitsuko Mito) und Tobei.

Wenig später kehr Genjuro mit viel Geld vom Markt zurück. Die Gier wird angestachelt. Nachbar Tobei, der ihn begleitet hat, kehrt nicht zurück. Er will sich Samurais anschließen.

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Genjuro (Masayuki Mori) verabschiedet sich von Frau Miyagi (Kinuyo Tanaka) und Kind. Im Hintergrund: Ohama (Mitsuko Mito) und Tobei.

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Mit viel Geld kommt Genjuro vom Markt zurück: “Ambition must be as boundlesss as the ocean.”

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Ein schönes Geschenk für seine Frau Miyagi

Miyagi: It’s not the kimono but your kindness that makes me so happy. As long as you’re with me I want for nothing in life.

Genjuro: Just look at all this … Dried fish, oil, flour, arrowroot and rice cakes. Money is everything, see? Without it life is hard … and all hope dies.

Obwohl der Dorfälteste vor feindlichen Truppen warnt, die das Dorf erreichen könnten, will Genjuro, den die Gier gepackt hat, so viele Töpfe wie möglich herstellen. Der Preis, den er für die letzten Waren erzielt hat, ist zu verlockend: “War’s always good for business.”

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: “We won’t make it, if we don’t hurry.”

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Gefährliche Überfahrt in fantastischen Bildern

Noch eine Verlockung

Genjuro, der den feindlichen Truppen mit seinen Waren entwischt, sieht sich bald der nächsten Versuchung ausgesetzt. Sie tritt ihm in Gestalt von Lady Wakasa (Machiko Kyô) auf dem Markt gegenüber.

Ugetsu Monogatari (1953)

Ugetsu Monogatari (1953)

Ugetsu Monogatari (1953)

Alles hat seinen Preis

Wenn uns Mizuguchi etwas lehren möchte, dann die Tatsache, dass Erfolg immer einen Preis hat.

Während sich Tobei, der vom Verkauf der Töpferwaren anteilsmäßig profitiert hat, die Ausrüstung eines Samurai kauft …

Ugetsu Monogatari (1953)

… verschleppen Soldaten seine Frau.

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: “Success always comes at a price, and we pay in suffering.”

Das nächste Aufeinandertreffen zwischen dem zu (erschlichenem) Ansehen gelangten Tobei und seiner Frau Ohama in einem Lusthaus, ist entsprechend schockierend.

Und auch auf Genjuro, der über seinem Vergnügen mit Lady Wakasa Frau und Kind vergessen hat, wartet ein böses Erwachen. Das ist in einer überraschenden Wendung genial erzählt und sollte unbedingt selbst gesehen werden (ich und die Bilder verraten davon nichts).

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Eine böse Überraschung wartet auf Tobei im Lusthaus

Ugetsu Monogatari (1953)
Bild: Genjuro steht vor den Trümmern eines bösen Traums

Für “Ugetsu” gilt, was Kurosawa über große Filme gesagt hat: deren Geschichten sind immer einfach und leicht verständlich. Es ist die Kunst des Erzählens, die den Film auszeichnet. “Ugetsu” besticht durch seine einzigartige Atmosphäre, die sich zwischen japanischer Geistergeschichte und der Welt von Salvador Dali bewegt.

Der Eindruck des Unwirklichen ist ein schöner Spiegel für die Ambitionen der Männer, die sich völlig von dem gelöst haben, was wichtig und vernünftig ist. Von dem, was dauerhaftes Glück verspricht. Wie so oft bei Mizoguchi, sind es dann die Frauen, die den Preis für die Irrungen der Männer zu bezahlen haben.

Mizoguchi war nicht glücklich darüber, dass das Ende des Films abgemildert wurde, um kommerziell erfolgreicher zu sein. Abgemildert bedeutet für den Zuschauer nicht, dass er mit einem süßlichen Happy End rechnen muss. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich würde auch Mizoguchi aus der Distanz seinen großartigen Film milder beurteilen.

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IMDb: Ugetsu monogatari

Magic Moments, 15: Before Sunset (2004)

Neun Jahre nachdem sich Celine und Jesse zum ersten Mal in Wien getroffen haben, begegnen sich die beiden in Paris in einem Buchladen erneut. Jesse hat ein Buch über ihre Begegnung geschrieben, das er in einer Lesung in der Lieblingsbuchhandlung von Celine vorstellt. Celine ist anwesend. Es verbleiben ein paar Stunden, bis zum Abflug von Jesses Flugzeug …

Before Sunset (2004)

Before Sunset (2004)

Jesse: Alright, now I know for sure. You wanna know why I wrote that stupid book?
Céline: Why?
Jesse: So that you might come to a reading in Paris, and I could walk up to you and ask, “Where the fuck were you?”
Céline: No, you think I’d be here today?
Jesse: I’m serious, I think I…I wrote it in a way to try to find you.
Céline: OK, that’s… I know that’s not true, but that’s sweet of you to say it.
Jesse: I think it is true. What do you think the chances were of us ever meeting again?

Before Sunset (2004)

Before Sunset (2004)

IMDb: Before Sunset