Kenji Mizoguchis Film “Ugetsu Monogatari” basiert auf einer Sammlung japanischer Geistergeschichten aus dem späten 18. Jahrhundert. Weil diese Information – wie übrigens auch die wörtliche Übersetzung des Titels (Geschichten vom Regen und dem Mond) – den wahren Gegenstand des Films verschleiert, gleich zu Beginn der Hinweis, dass es sich bei dem Film um ein atmosphärisch beeindruckend erzähltes Drama und keinen gewöhnlichen Geister- oder gar Horrorfilm handelt.
“Ugetsu” erzählt vom Schicksal zweier Bauern, die zur Zeit des Bürgerkrieges im 16. Jahrhundert ehrgeizige Ziele verfolgen. Der Film gibt dem Zuschauer früh zu verstehen, dass er es mit seinem moralischen Gehalt ernst nimmt. Vermögen, die in unruhigen Zeiten erworben werden, zerrinnen so schnell wie sie gewonnen wurden, heißt es.
Das ist natürlich auch ein Vorausblick. Denn auf ein Vermögen hat es Genjuro (Masayuki Mori) abgesehen. Der Krieg hat die Preise für Töpfereiwaren nach oben getrieben. Genjuro, der neben der Farmarbeit eine kleine Brennerei betreibt, wittert seine Chance auf das große Geld. Das Risiko der Produktion ist hoch, denn feindliche Truppen bedrohen das Dorf. Der Transport der Waren zum Markt ist noch gefährlicher.
Ein Haus weiter wohnt die Schwester von Genjuro. Sie hat den Farmer Tobei (Eitarô Ozawa) geheiratet. Der möchte um jeden Preis den Ruhm eines Samurais erwerben.
Mizoguchi führt seine Personen großartig ein. Ein Schwenk über die dörfliche Landschaft endet auf der Familie von Genjuro. In der Ferne fallen Schüsse. Die Lage ist offenkundig bedrohlich. Genjuro will gerade zum Markt aufbrechen, um seine Töpfe zu verkaufen. Die Preise sollen verlockend hoch sein. Im Hintergrund sehen wir bereits seine Schwester Ohama (Mitsuko Mito) und Tobei.
Wenig später kehr Genjuro mit viel Geld vom Markt zurück. Die Gier wird angestachelt. Nachbar Tobei, der ihn begleitet hat, kehrt nicht zurück. Er will sich Samurais anschließen.

Bild: Genjuro (Masayuki Mori) verabschiedet sich von Frau Miyagi (Kinuyo Tanaka) und Kind. Im Hintergrund: Ohama (Mitsuko Mito) und Tobei.

Bild: Mit viel Geld kommt Genjuro vom Markt zurück: “Ambition must be as boundlesss as the ocean.”

Bild: Ein schönes Geschenk für seine Frau Miyagi
Miyagi: It’s not the kimono but your kindness that makes me so happy. As long as you’re with me I want for nothing in life.
Genjuro: Just look at all this … Dried fish, oil, flour, arrowroot and rice cakes. Money is everything, see? Without it life is hard … and all hope dies.
Obwohl der Dorfälteste vor feindlichen Truppen warnt, die das Dorf erreichen könnten, will Genjuro, den die Gier gepackt hat, so viele Töpfe wie möglich herstellen. Der Preis, den er für die letzten Waren erzielt hat, ist zu verlockend: “War’s always good for business.”

Bild: “We won’t make it, if we don’t hurry.”

Bild: Gefährliche Überfahrt in fantastischen Bildern
Noch eine Verlockung
Genjuro, der den feindlichen Truppen mit seinen Waren entwischt, sieht sich bald der nächsten Versuchung ausgesetzt. Sie tritt ihm in Gestalt von Lady Wakasa (Machiko Kyô) auf dem Markt gegenüber.



Alles hat seinen Preis
Wenn uns Mizuguchi etwas lehren möchte, dann die Tatsache, dass Erfolg immer einen Preis hat.
Während sich Tobei, der vom Verkauf der Töpferwaren anteilsmäßig profitiert hat, die Ausrüstung eines Samurai kauft …

… verschleppen Soldaten seine Frau.

Bild: “Success always comes at a price, and we pay in suffering.”
Das nächste Aufeinandertreffen zwischen dem zu (erschlichenem) Ansehen gelangten Tobei und seiner Frau Ohama in einem Lusthaus, ist entsprechend schockierend.
Und auch auf Genjuro, der über seinem Vergnügen mit Lady Wakasa Frau und Kind vergessen hat, wartet ein böses Erwachen. Das ist in einer überraschenden Wendung genial erzählt und sollte unbedingt selbst gesehen werden (ich und die Bilder verraten davon nichts).

Bild: Eine böse Überraschung wartet auf Tobei im Lusthaus

Bild: Genjuro steht vor den Trümmern eines bösen Traums
Für “Ugetsu” gilt, was Kurosawa über große Filme gesagt hat: deren Geschichten sind immer einfach und leicht verständlich. Es ist die Kunst des Erzählens, die den Film auszeichnet. “Ugetsu” besticht durch seine einzigartige Atmosphäre, die sich zwischen japanischer Geistergeschichte und der Welt von Salvador Dali bewegt.
Der Eindruck des Unwirklichen ist ein schöner Spiegel für die Ambitionen der Männer, die sich völlig von dem gelöst haben, was wichtig und vernünftig ist. Von dem, was dauerhaftes Glück verspricht. Wie so oft bei Mizoguchi, sind es dann die Frauen, die den Preis für die Irrungen der Männer zu bezahlen haben.
Mizoguchi war nicht glücklich darüber, dass das Ende des Films abgemildert wurde, um kommerziell erfolgreicher zu sein. Abgemildert bedeutet für den Zuschauer nicht, dass er mit einem süßlichen Happy End rechnen muss. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich würde auch Mizoguchi aus der Distanz seinen großartigen Film milder beurteilen.
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IMDb: Ugetsu monogatari