Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for August, 2009


Linke Erkenntnis

Amator
“‘Film ist die wichtigste Kunst.’ – Wer sagte das?”

Amator
“Lenin.”

Krzysztof Kieslowski: “Amator” (1979, IMDb)

Ich habe keine Ahnung, ob Lenin die Worte gesprochen hat. Wenn das der Fall ist, dann ist die Aussage sicher fragwürdig. Mir gefällt der Gedanke besser, dass man die Worte der Autorität einfach in den Mund gelegt hat, um einen vom Betrieb finanzierten Filmclub zu gründen.

Der Andruck und sein Verwandter

Wer sich Fritz Langs “Frau im Mond” (1929, IMDb) anschaut, und später das schöne Wort “Andruck” bei Wikipedia nachzuschlagen sucht, wird feststellen, dass die Erläuterung: “… ein Probedruck zur Überprüfung der Qualität” in keiner Beziehung zum gesuchten Begriff steht. Und dass die erste deutsche, zudem in schwarz-weiß gefilmte Mondmission etwas mit “mehrfarbigen Arbeiten an einer Druckmaschine” zu tun haben könnte, fällt mehr unter Ironie als Information.

Frau im Mond
Bild: Das Weltraumschiff “Friede”. Auch der Name wird den Nazis nicht gefallen haben, als sie den Film – Raketentechnologie wurde als Staatsgeheimnis behandelt – verboten.

Frau im Mond
Bild: Der Andruck (die kritischen “40″ dürften etwa 4g entsprechen)

Der psychologische Andruck

Wenn man keine Erklärung zum Andruck findet, dann fällt es um so leichter, über den psychologischen Andruck nachzudenken. Den psychologischen Andruck stelle ich mir als eine dem Andruck verwandte Kraft vor. Sie beschreibt den gefühlten Andruck. Auch der psychologische Andruck ist von externen Faktoren abhängig, setzt aber Gefühl und Bewusstsein voraus. Er ist nicht messbar. Nicht mit Instrumenten oder wissenschaftlicher Methodik. Sonne verringert ihn für gewöhnlich, graue Wolken erhöhen ihn. Üblicherweise wird der psychologische Andruck in Bildern ausgedrückt, zum Beispiel: “Ich fühle mich federleicht.” oder “Jeder Schritt fällt mir schwer.”

Welle
Bild: Katsushika Hokusai, 1832

Bestimmte Ereignisse können den psychologischen Andruck wie eine Welle zusammenstürzen lassen. Man fühlt sich “in Höhen katapultiert” oder “auf Wolken wandelnd”.

Das ist natürlich alles ungenau. Leider. Aber was soll man machen? Warten wir darauf, was uns Wikipedia vielleicht schon in naher Zukunft über den psychologischen Andruck verraten wird. Es wird die Welt vollständiger und zu einem behaglicheren Ort machen.

Die Screencaps des Films stammen übrigens von der spanischen DVD (”Mujer en la Luna”), deren Bild vielmehr besticht, als es die Bilder hier erahnen lassen.

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IMDb: Frau im Mond

Hiroshi Teshigahara: Suna no onna (1964)

“Suna no onna” ist eine der ganz großen filmischen Parabeln. Meisterhaft fotografiert, stilsicher erzählt – und doch offen für die Interpretation des Sehers. Ich schreibe immer gern “muss man sehen”. Weil das auch für “Die Frau in den Dünen” gilt, weil man auch diesen Film gesehen haben muss, will ich kurz erläutern, was ich damit meine. Selbstverständlich meine ich keine Pflicht, sondern beziehe mich auf ein rein cineastisches Erlebnis, um das man sich brächte, wenn man den Film nicht sieht. Weil der Film so schön und intelligent zugleich ist, soll man ihn sehen, nicht weil er ein Klassiker ist, einem Kanon zugeordnet wird oder man anderweitig mitreden möchte. Aber das wird sich der umsichtige Leser natürlich schon gedacht haben. Es mag mit dem losen, sich ständig bewegenden Sand des Films zu tun haben, dass ich mich um einen festen Ausgangspunkt bemühe.

Inhaltlich wird heute mehr als üblich verraten. Das sollte das Vergnügen am Film nicht mindern, weil er über Bilder und deren Ausdeutung wirkt.

Die Pläne und der Sand

Was der Lehrer und Hobby-Entomologe (Insektenkundler) Niki Jumpei (Eiji Okada) vom Leben möchte, ist klar. Er möchte einen unbekannten Käfer finden, um seinen Namen, mit dem Käfer verbunden, für alle Zeiten verewigt zu sehen. Dafür hat er sich drei Tage frei genommen. In der Wüste irgendwo am Meer sucht er nach dem Insekt.

Den Käfer findet er nicht, aber eine Hütte, die am Boden eines großen Sandlochs errichtet worden ist. “What a terrible place to live”, beschreibt er die Verhältnisse nicht unzutreffend. Als ihn wenig später ein Mann fragt, ob er ein Inspektor sei, der hier ermittelt, lacht er. Dem Zuschauer kommt das schon ein wenig verdächtig vor. Und wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir erfahren, dass der letzte Bus des Tages abgefahren ist und Niki beschließt, sich dem fremden Mann anzuvertrauen. Der verspricht eine einfache, aber ganz in der Nähe gelegene Unterkunft für die Nacht.

Die Unterkunft stellt sich als die Hütte im Sandloch heraus, zu der Niki – es ist ja nur für eine Nacht – herabgelassen wird. Warum sollte ihm das komisch vorkommen? Die Frau (Kyôko Kishida) in der Hütte ist freundlich, wirkt geradezu dankbar. Sie bewirtet ihn. Um den lästigen Sand, der aus allen Fugen rinnt und alles überlagert, muss er sich nicht weiter kümmern. Es ist nur für eine Nacht. Aber nun hellhörig zu werden, wäre ohnehin zu spät. Fielen ihm die vielen Andeutungen auf, die der Zuschauer bemerkt, dann wäre es mit seiner Ruhe vorbei. So verbringt er eine ruhige Nacht. Und stellt erst am nächsten Morgen fest, dass man die Hängeleiter hinter ihm hochgezogen hat. Er gefangen ist.

Für Nahrung und Wasser muss er gemeinsam mit der Frau Sand in Kisten schaufeln, die von oben aus dem Loch gezogen werden. Jeden Tag weht der Wind neuen Sand in das Loch. Jeden Tag müssen neue Kisten befüllt werden. Die Arbeit ist nicht ganz und gar sinnlos. Das Abtragen des herangewehten Sandes schützt die nächstgelegene Hütte der Gemeinschaft.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Auf der Suche nach dem Käfer

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die freundliche Wirtin. Von oben rinnt der Sand.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Insekt und Insektensammler sitzen in der Falle

Perspektivwechsel und Sinnfragen

Der Film provoziert Sinnfragen. Er erzählt die Geschichte eines Übergangs. Vom Wechsel der Perspektive. Gegen die Veränderungen, die dem zugrunde liegen, kämpft Niki lange mutig an. Man mag ihn eingesperrt haben, aber er wird entkommen, lange noch ist er davon überzeugt. Er wird es seinen Peinigern zeigen. Dass der Film dabei auf Größeres als ein Einzelschicksal zielt, wird kunstvoll angedeutet, ist aber unmissverständlich. Eine das Schicksal betreffende Gleichsetzung von Mensch und Insekt drängt sich auf. Zu sehr gleicht der Forscher im Loch dem Insekt in der Kiste. Oft scheint der Mensch auch dem Körnchen Sand seltsam verwandt. Der Sand ist überhaupt die Metapher des Films für Zeit, Veränderung und einen ewigen Kreislauf. Wo ist der Sinn im Ganzen? Was macht ihn aus?

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Fluchtversuch aus dem Sandloch

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Dem “Sand” entkommst Du nicht

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Erkenntnis

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Schippen um zu Leben, Leben um zu Schippen

Die Bedingungen für ein erträgliches Sein

Wenn Flucht nicht möglich ist, dann interessiert vor allem, unter welchen Umständen man sich mit den Umständen zu arrangieren bereit ist. Was ist zum Leben nötig? Was bringt den Menschen dazu, sich mit dem Sein abzufinden? Der Film hat Antworten und überlässt die endgültige Ausdeutung doch dem Zuschauer.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die Zeit vergeht, der Sand bewegt sich immerfort …

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Bein und Sein

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Gemeinsam sein

Nach und nach arrangiert sich Niki mit dem Leben in der Hütte. Als er eine Entdeckung macht, die seine Neugier fesselt, wird sein Forscherdrang geweckt. Der Aufenthalt im Sandloch wird zum wissenschaftlichen Projekt.

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Die Arbeit ist akzeptiert

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Wie grausame Götter …

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: … erscheinen die Aufseher am Rand des Sandlochs

Suna no onna / Die Frau in den Dünen
Bild: Ruhig geworden

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IMDb: Suna no onna

Summer time, vacation time …

… so heißt es auf einer Tafel in “Sunrise” (1927). Das soll heute als Inspiration genügen.

Seurat
Bild: Georges Seurat, La Grande Jatte (1884-86)

Coney Island
Bild: Werbung (1898)

A Song of Two Humans: Sunrise (1927)

“Sunrise” kam im September 1927 zu einem Zeitpunkt in die Kinos, als die Ära des Tonfilms gerade anbrach. Dass der Film dennoch nicht den Höhepunkt des Stummfilms, sondern einen Höhepunkt des Kinos schlechthin markiert, sollte so neugierig auf “Sunrise” wie kritisch gegenüber rein technischer Innovation machen. Filme sind niemals “neu” oder “alt”, sondern, wenn es schon Kategorien sein müssen, “gut” oder “schlecht” gemacht.

“Sunrise”, Murnaus Meisterwerk, ist in besonderer Weise geeignet, die Leidenschaft für das Kino zu wecken. Wer sich von den Bildern der zeitlosen Geschichte nicht berühren und verzaubern lässt, dem wird kein anderer Film helfen können. Wen sie bewegen, der hat – so er dem Kino nicht schon verfallen ist – einen Schritt in eine Richtung getan, in der noch viele Schätze der frühen Filmgeschichte auf ihre Entdeckung warten. Insoweit lohnt das Sehen des Films gleich in doppelter Hinsicht.

Die ewige Frage: Was nutzt das Genie des Regisseurs, wenn das Werk später von Laienhand, natürlich in der Meinung, es besser machen zu können, zerstückelt wird? Auf diese Weise hat man Sergio Leones “C’era una volta il West” (1968, IMDb) zunächst völlig ruiniert. Murnau hatte mit “Sunrise” Glück. Der Erfolg seines Films “Der letzte Mann” (1924) brachte den Produzenten William Fox dazu, Murnau volle künstlerische Freiheit einzuräumen. Drei Oscars waren dann der Lohn.

Inhalt des Films

In Kurzform erzählt “Sunrise” die Geschichte (”this song”) von einem Mann und einer Frau, deren Liebe erst durch die Hand einer Dritten auf eine schwere Probe gestellt werden muss, um später um so intensiver neu entdeckt werden zu können. Mann und Frau tragen im Film keinen Namen. Um den universellen Anspruch noch zu verstärken, sind auch Ort und Zeit des “Songs” unbestimmt: “you might hear it anywhere, at any time.”

Ich werde dieses Mal detaillierter als üblich über die Handlung berichten, denn es ist gar nicht so sehr von Bedeutung, was geschieht, als vielmehr der Umstand, wie es inszeniert ist. Und das muss man sich dann eben selbst anschauen. Wer sich dennoch überraschen lassen möchte, der leiht oder kauft sich den Film einfach auf diese Empfehlung hin.

“Summer time … vacation time”

Die Ferienzeit hat viele Erholungssuchende hinaus aufs Land geführt. Darunter: “a Woman of the City.” Es folgt ein Zeitsprung. Eine Tafel erklärt, dass sich besagte Frau nun schon seit vielen Wochen hier aufhält. Mit ihrer modischen Kleidung wirkt sie wie ein Fremdkörper. Zielbewusst sehen wir sie ein Haus ansteuern. Im Haus: der Ehemann und seine Frau (wie schon gesagt, beide ohne Namen). Mit Pfiffen lockt sie den Mann zu sich heraus. Wie dem Ruf einer Sirene folgt er ihr hinaus in die Nacht. Kamera- und beleuchtungstechnisch ist das kaum besser zu machen. Man achte einmal auf die Kamera, die dem Mann folgt.

Obwohl der Mann schon viele Werte der Farm für die Frau verkauft hat, möchte sie ihn ganz für sich: “Sell your farm, come with me …” Und meine Frau? Die soll er ertränken. Einen Unfall mit dem Boot vortäuschen. Sie bezirzt ihn solange, bis er ihrem Plan zustimmt.

Eine letzte Nacht noch muss er im Haus mit seiner Frau verbringen. Obgleich der Bann der Frau aus der Stadt hält, spüren wir die Last, die sich über den Mann senkt, der Böses vorhat. Schwer sind seine Schritte, langsam die Bewegungen. Im Gegenschnitt sehen wir immer wieder die zarte, nichtsahnende Frau. Am nächsten Morgen wird die Bootsfahrt, die ihr Schicksal besiegeln soll, vorbereitet. Sie ist freudig erregt.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Der Mann (George O’Brien) wird gelockt …

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: … und folgt
A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: die Frau aus der Stadt (Margaret Livingston)

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Verführung in schöner Überblendung

Der vermeidende Blick

Um uns über den Seelenzustand der Personen zu unterrichten, nutzt Murnau gern und wirkungsvoll die Augen seiner Darsteller, deren Blicke. Wer sucht den Blick? Wer vermeidet ihn? Wenn der Mann seine Frau auf den See hinausrudert, kann er ihr nicht mehr in die Augen blicken. Sie dagegen sucht seinen Blick. Ganz langsam dämmert ihr, dass etwas nicht stimmt. Und ihr entsetzter Blick, wenn der Mann die Ruder aus der Hand legt und sich ihr langsam nähert, die Hände schon ausstreckt – um dann doch vor der Tat zurückzuschrecken. Wie besessen rudert er zurück ans Ufer, als könne er der bösen Absicht, diesem Teil von sich, entkommen, alles hinter sich lassen, wenn er nur schnell genug rudert.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: der Blick ist gesenkt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Da stimmt doch was nicht? (Janet Gaynor)

Der suchende Blick

Für die Frau ist eine Welt zerbrochen. Am Ufer angelangt, flüchtet sie vor ihrem Mann. Die Flucht führt die Hauptfiguren in die Stadt. Das Chaos der Großstadt ist ein eindrucksvoll in Szene gesetzter Spiegel für die Entfremdung zwischen den beiden.

Hat der erste Teil märchenhafte Züge, erscheint er uns wie ein Alptraum, in dem die Frau aus der Stadt sirenenhaft verführt, ist der zweite Teil realistischer. Er setzt die Annäherung an Vertrautes am fremden Ort, das langsame Wiederfinden der Liebe zwischen Mann und Frau ins Bild. Und er zelebriert die Liebe, die sich neu entdeckt und sich erst jetzt ihres wahren Wertes bewusst werden kann.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Die Stadt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Schuld und Fassungslosigkeit

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: George O’Brien

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: zarte Annäherung

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: In einer eigenen Welt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Alte Liebe neu entdeckt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Ausgelassenheit

Finale Bewährungsprobe

Das Glück, das Murnau in Bildern, deren Stimmung von Minute zu Minute heiterer und ausgelassener wird, feiert, ist nicht das letzte Wort des Films. Denn Mann und Frau müssen noch mit dem Boot nach Hause fahren. Und ein Sturm braut sich am Himmel über ihnen zusammen.

Fazit

Ein wunderschöner Film, der den meisten Sehern Tränen in die Augen treiben wird. Indem Murnau die technischen Möglichkeiten seiner Zeit im Dienste einer poetischen Erzähltechnik ausreizt, hat er einen der schönsten Filme der Filmgeschichte geschaffen. Zu diesem Eindruck tragen natürlich auch die tollen Bauten (Rochus Gliese), die Kameraarbeit (Charles Rosher, Karl Struss) und der äußerst effektive Soundtrack bei. “Sunrise” muss man sehen!

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IMDb: Sunrise