Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for July, 2009


Why did the chicken cross the road?

“Why did the chicken cross the road?” – das ist ein Satz aus John Hustons “The African Queen” (1951). Der Film spielt 1914 in Deutsch-Ostafrika. Den Ausbruch des Ersten Weltkrieges bekommt eine Mission im Dschungel zu spüren, als deutsche Truppen die Hütten des Dorfes in Brand stecken. Die Missionarin Rose Sayer (Katharine Hepburn) flieht gemeinsam mit Kapitän Charlie Allnut (Humphrey Bogart) auf einem kleinen Dampfboot. Das heruntergekommene Boot trägt den stolzen Namen “African Queen”.

The African Queen: Katharine Hepburn und Humphrey Bogart
Bild: Rose entleert den Ginvorrat. Charlie hat noch einen schweren Kopf.

Was folgt, ist ein Mischung aus Abenteuer und Romanze. Sie zieht ihre Kraft aus den gegensätzlichen Charakteren, die sich, auf einer Nussschale zusammengezwängt, erst auf einen verwegenen Plan und dann auch aufeinander einlassen.

Während eines Gespräches fragt Rose den Kapitän, was ihn nach Afrika geführt hat. Ein Brückenbau der Briten ist es gewesen. Für Charlie ein unverständliches Projekt, schließlich gleicht der Dschungel auf der linken Seite des Flusses dem auf der rechten Seite. Das Unerklärliche drückt er mit den Worten aus: “Why did the chicken cross the road?”

Das ist die Stelle des Films, an der sich 0,12% aller Zuseher fragen, ob die Figur Charlie Allnut so sprechen würde. Allnut wird als einfacher Mann eingeführt. Zu Beginn des Films, wenn er von Rose und ihrem Bruder zum Essen eingeladen wird, windet er sich qualvoll auf seinem Stuhl, während die Missionare gepflegte Oberklasse-Konversation betreiben. Viel mehr als ein wiederholtes “That’s right, Miss”, kann er nicht beitragen. Hinzu kommt ein Magenknurren Allnuts, das dem Ganzen eine degradierende Note verleiht.

Ob Allnut so sprechen würde oder nicht, ist letztlich egal, weil sich der Film zum Vorteil des Zuschauers entwickelt. Was nützt ein Kapitän, der keinen vernünftigen Satz formulieren kann? Und Charlie wird noch zu hoher Form auflaufen. Eine Einstellung zeigt ihn beim Rasieren. Der polierte Dampfkessel der “African Queen” dient ihm als Spiegel. Während Rose gleichgültig am Ende des Bootes sitzt und in einem Buch liest, legt Charlie los:

“Ah, it’s a great thing to have a lady aboard with clean habits. It sets the man a good example. A man alone, he gets to living like a hog. Then, too, with me, it’s always: ‘Put things off. Never do today what you can put off till tomorrow.’ But with you: ‘Business before pleasure.’ Every time. Do all your personal laundry, make yourself spic and span, get all the mending out of the way and then – and only then – sit down for a nice quiet hour with the Good Book. I tell you, it’s a model – like an inspiration.”

Eine Auswahl ähnlich bemerkenswerter Filmperlen findet man auf dieser (filmsite.org) Seite.

Anders als im Film, kann man den Satz vom Huhn – der schriftlich erstmals 1847 (Wiki) dokumentiert ist – aber auch ernst nehmen. Und wenn es nur dazu dient, eine humorvolle Antwort zu finden.

Why? Antworten.

Eine mögliche Antwort – Ludwig Wittgenstein in den Mund gelegt – lautet: “The possibility of ‘crossing’ was encoded into the objects ‘chicken’ and ‘road’, and circumstances came into being which caused the actualization of this potential occurrence.” Pyrrho der Skeptiker könnte wie folgt geantwortet haben: “What road?” Oder noch skeptischer: “It did?”

Eine größere Zusammenstellung möglicher Antworten findet man hier (philosophy.eserver.org).

Das Finale als “actualization of its potential”

Was hat das mit dem Film zu tun? Das Ende eines Films ist – ähnlich der Entscheidung des Huhns, to cross or not to cross – die Realisierung einer “Möglichkeit”. Und hier ist es, wo ich wirkliche Schwächen in den zwei zuletzt gesehenen Filmen von John Huston sehe.

Das Ende von “The Treasure of the Sierra Madre” (1948, IMDb) empfinde ich geradezu verwegen. Zumal es in einen Widerspruch mündet. Will Huston einen moralischen Film über den Fluch des Goldes (wobei sich freilich der Mensch als Fluch des Menschen erweist) zeigen – und daran gibt es wenig Zweifel, dann dient er der moralischen Botschaft nicht, wenn das Ende unglaubwürdig ist. Die Sache wird nicht besser, wenn das unglaubwürdige Ende auch noch mit starker Hand und spürbarer Freude inszeniert ist.

Sieht man vom Ende und dem Umstand ab, dass Humphrey Bogarts Charakter in “The Treasure of the Sierra Madre” einige sehr abrupte Stimmungswechsel vollziehen muss, dann ist der Film nach wie vor absolut sehenswert. Tolle Darsteller und eine gewohnt gekonnte, mätzchenfreie Inszenierung Hustons.

Die Entwicklung der Figuren gefällt mir in “The African Queen” besser. Aber auch hier läuft der Film auf ein wenig glaubwürdiges Ende hinaus. Gleichwohl ist auch dieser Film sehenswert. Gerade im Sommer, wenn zwanzig Minuten Mückenjagd Alltag sind, um schlafen zu können, wird man die Darstellungskünste Humphrey Bogarts bewundern (und nachvollziehen können), wenn er seinen Körper von Blutegeln übersät findet. Und Katharine Hepburn, die sich über den Psycho-Kick, den ihr das Durchfahren von Stromschnellen bereitet, begeistert, lässt man sich besser auch nicht entgehen.

Vielleicht fällt einem dann auch wieder das Huhn ein. Bezüglich “The African Queen” könnte man die Frage, warum das Huhn die Straße überquert, wie folgt beantworten: Das Huhn hat nach einem anderen Huhn bzw. Hahn gesucht. Auch um der Gefahr willen, Überfahren zu werden. No risk, no fun.

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IMDb: The African Queen

Viele Farben: Weiß

Blau, Weiß und Rot – das sind die Farben von Krzysztof Kieslowskis Filmtrilogie. Werke wie “Bleu“, “Rouge“, “Pierrot le fou” und “Mauvais Sang” haben mich spürbar für Farben sensibilisiert und interessiert. Nicht nur in Filmen.

Felix Vallotton
Bild: Félix Vallotton, Liegender Akt auf rotem Teppich (1909)

Félix Vallotton, den man der Jugend seiner Zeit nicht so recht zumuten wollte, macht mit einem blauroten Grenzgang in Weiß den Auftakt zur “Viele Farben” – Serie, die in loser Folge fortgesetzt werden wird. Im besten Fall gleichen sich die Bilder nicht nur in ihrer Farbe, sondern lassen darüber hinausgehende Ähnlichkeiten oder Gegensätze erkennen.

Jean Auguste Dominique Ingres
Bild: Jean Auguste Dominique Ingres (1780–1867), Odalisque en Grisaille

Johann Heinrich Füssli
Bild: Johann Heinrich Füssli, Kriemhild wird von ihren Gewissensbissen heimgesucht (etwa 1805)

James Abbot McNeill Whistler
Bild: James Abbot McNeill Whistler, Mädchen in Weiß (1862)

Gustav Klimt
Bild: Gustav Klimt, Portrait der Serena Lederer (1899)

Es war einmal das City Girl

Regelmäßig zum Ende der Tour de France sind die meisten Felder abgeerntet. Ein deprimierender Anblick. Ob der Sieger der Tour nachträglich aus den Annalen der Veranstaltung verschwinden wird wie das goldgelbe Korn vom Acker, von einem Dopingtest nach neuer Methode überführt, interessiert mich schon lange nicht mehr. Aber so ein leeres Feld, das ist nach wie vor deprimierend.

Früher war alles besser. Vor dem Fernseher fieberte man in ungetrübter Illusion bei der Tour mit. Und auf den Feldern, in einer Zeit, die noch weiter zurück liegt, wohnten Ausgelassenheit und Frohsinn. Der Fortschritt schreitet eben nicht zwangsläufig in die richtige Richtung. Was waren das noch für Zeiten, als keine computergesteuerten Erntemaschinen einsam über die Felder rollten.

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Obiges Bild beweist: das Einbringen der Ernte um 1900 ging traumhaft leicht von der Hand. Der verträumte Blick der jungen Frau verrät das City Girl, welches das Landleben noch als neu und aufregend empfindet. In jenen Zeiten konnte eine Frau aus der Stadt hinaus aufs Land ziehen, den erstbesten Mann heiraten – und glücklich werden. Eine alltägliche Geschichte, wie sie zum Beispiel in “The Purchase Price” (1932) nacherzählt wird.

Aber Vorsicht! Man mache nicht den Fehler, das gute City Girl mit dem bösen City Girl, wie es uns zum Beispiel in Friedrich Wilhelm Murnaus “Sunrise” begegnet, zu verwechseln. Diese Ausprägung findet auf dem Land natürlich keinen Frieden und kann – von der Stadt verderbt – den männlichen Helden durchaus zum Mord anstiften.

Barbara Stanwyck
Bild: Barbara Stanwyck in “The Purchase Price” (Fotoquelle: emily@flickr.com)

Maschine
Bild: Der Beginn des Maschinenzeitalters läutet das Ende des City Girls ein. Wo kann es hier noch Halme schneiden?

Kann man Filmen trauen, die am Image der City Girl – Welt rütteln? Hat sich ein Rousseau geirrt, wenn er untergegangene Paradiese beschrieben hat? Missernten und ein schweres Leben? Auf dem Land?

Friedrich Wilhelm Murnau: “City Girl” (1930)

Über “City Girl” habe ich bisher nur in meinem Buch über Murnau – es trägt den schönen Untertitel: Ein Melancholiker des Films – gelesen. Aber der Film fällt mir ebenfalls ein, wenn ich ein abgeerntetes Feld sehe.

Darin verliebt sich ein Farmer beim Verkauf der Ernte in der Stadt in eine Kellnerin. Farmer und City Girl kehren gemeinsam aufs Land zurück. Der Vater des Farmers ist wenig begeistert: eine Frau aus der Stadt? Ein City Girl?

Schönere Bilder und eine bessere Story als in “The Purchase Price” sind zu erwarten, knallharter Realismus nicht.

City Girl
Bild: Kate (Mary Duncan) und Lem (Charles Farrell); Foto: theauteurs.com

City Girl
Bild: Dort wohnt das Glück (Foto: theauteurs.com)

IMDb: City Girl

Terrence Malick: “Days of Heaven” (1978)

“Days of Heaven” habe ich als “Glut des Südens” auf DVD. Für den Film wäre es mal wieder Zeit. Mir sind vor allem die stimmungsvollen, zur blauen Stunde gedrehten Bilder in Erinnerung geblieben. Der Kampf des Farmbesitzers (Sam Shepard) und eines Arbeiters (Richard Gere) um die gleiche Frau (Brooke Adams). Soweit ich mich erinnere, schildert Malick die harte Arbeit realistisch. Seine Paradiesbeschreibungen in “The Thin Red Line” und in “The New World” sind, als Kontrast natürlich mit hohem Effekt eingebracht, hinterfragbar.

Days of Heaven / Glut des Südens

Days of Heaven / Glut des Südens

Days of Heaven / Glut des Südens

Days of Heaven / Glut des Südens

IMDb: Days of Heaven

Schade, schade

Welchen Verlust das Ende des City Girls bedeutet, schaut man sich am besten im Bild an. Die Freude Kikuchiyos (Toshirô Mifune) beim Anblick der Feldarbeiterinnen in Akira Kurosawas “The Seven Samurai” können Worte nur unzureichend beschreiben. Dass es sich dabei nicht um “echte” City Girls handelt, nun ja … Nothing is perfect.

Leos Carax: Mauvais Sang (1986)

Kreativität, nicht mit Worten beschrieben, sondern in einem Bild visualisiert, zeigt Strukturen, die gewöhnlichen Ordnungsprinzipien zuwiderlaufen. Ein solches Bild stellt immer eine Herausforderung für den Betrachter dar. Nimmt er die Herausforderung an, dann belohnt es ihn ungleich mehr als ein Entwurf, dem bereits der erste Blick alle Geheimnisse entlockt.

Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung

Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung

Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung

“Mauvais Sang” – deutsch: Die Nacht ist jung – ist ein solch kreatives, die Genreregeln sprengendes Werk. Eine ähnliche Wirkung hat bei mir zuletzt Terry Gilliams “Brazil” (1985, IMDb) hinterlassen. Mehr noch als “Brazil”, bei dem die Bewunderung für den Film stärker ausgeprägt war als das Gefallen am Film, begeistert mich “Mauvais Sang”. Den Film schaut man sich an und merkt, dass man es mit etwas Schönem und Ungewöhnlichem zu tun hat. Man schaut ihn sich wieder an – und spätestens jetzt geht einem langsam auf, dass das Ungewöhnliche etwas Großes ist. Ich habe mir den Film zwei Mal angesehen. Und ich bin mir sicher, auch beim dritten Mal wird der Film noch wachsen.

Es sind die Bilder, die immer wieder in Bann schlagen. So schön, so stimmungsgeladen und so ureigen findet man Film höchst selten inszeniert. Welcher Regisseur kann, indem er mit dem Tempo spielt, die Gesetze der Zeit aushebeln? Ein paar Frames entfernen und “schnell” schneiden, das können viele. Aber die Stimmung des Augenblicks den Moment dominieren zu lassen, die Zeit mal zu dehnen, mal zu raffen, das schaffen wenige.

Ich habe vor kurzem Godards “Pierrot le fou” (1965, IMDb) gesehen. Ein beeindruckend schöner Film. Man kennt die Geschichte vom Regisseur und seiner Muse Anna Karina. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass ganz viel Hommage an diesen Film in “Mauvais Sang” enthalten ist. Nicht nur war Leos Carax ebenfalls mit seiner Hauptdarstellerin (Juliette Binoche) liiert, nicht nur sind die Farben rot und blau höchst vorteilhaft in Szene gesetzt, zusätzlich trägt auch die mysteriöse Frau, in die sich die Hauptfigur verliebt, den Namen Anna. Frisiert und gekleidet ist Juliette Binoche wie Anna Karina in Godards “Vivre sa vie” (1962, IMDb).

Das sind lediglich interessante Aspekte. Es steckt unendlich mehr im Film als ein- oder zweimaliges Sehen ans Licht bringen kann. Etwas Recherche hilft hier sehr. Und macht noch mehr Lust, den Film wieder zu sehen.

Inhalt

So ganz ernst nimmt es der Regisseur mit seinem Plot nicht. Drei Männer, von denen keiner exakt wie ein junger Paul Newman aussieht, die mit nacktem Oberköper in einem Kabrio durch die Nacht fahren, haben etwas Komisches an sich. Die Männer freilich sind angespannt, sie bereiten ein Coup vor. Der fingerfertige Alex (Denis Lavant) soll aus einem Labor ein Serum gegen eine Krankheit stehlen, die Liebende befällt, wenn sich einer dem anderen, ohne wirklich Liebe zu empfinden, hingibt. Das ist natürlich mehr als Metapher zu verstehen. Hier meint es der Film ernst.

Der Gruppe wiederum sitzt eine Amerikanerin mit ihren Gangstern im Nacken. Wer einen Thriller sehen möchte, der wird sich ärgern, wie nachlässig bezüglich der Glaubwürdigkeit und wie ironisch bezüglich seines Stoffes erzählt wird. Andere sehen darin eine Stärke. Carax geht es nämlich um anderes. Alex, der gerade seine Freundin Lise (Julie Delpy) verlassen hat, verliebt sich in Anna (Juliette Binoche). Die wiederum liebt einen anderen, nämlich Marc (Michel Piccoli). Unerwiderte Liebe, mit ein wenig griechischer Mythologie unterlegt, ist am ehesten das Thema, das man diesem poetischen Film aufstempeln kann.

Über Juliette Binoche habe ich mich schon begeistert, als ich über Kieslowskis “Bleu” geschrieben habe. Nicht weniger fasziniert sie in diesem Film. Obgleich alle Darsteller sehr überzeugend agieren. Es ist von großem Nutzen für den Zuschauer, wenn der Regisseur ein persönliches Interesse an seiner Hauptdarstellerin hat. Das fügt der Schönheit der Bilder innere Wahrheit hinzu. Ich meine eine Form von Verständnis, die sich über die Bilder mitteilt. Gar nicht zu reden von der Inspiration, die der Regisseur erfahren und in Film transformiert hat.

Aber genug des Wunderns. Man nähere sich den Film erwartungsfrei und lasse sich überraschen!

Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
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Leos Carax: Mauvais Sang / Die Nacht ist jung
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IMDb: Mauvais Sang

Pirate Lane

Es gibt eine erstaunliche Parallele zwischen dem Schwimmen, sofern es als Leistungssport betrieben wird, und einem Zeitvertreib, der früher unter dem Schlagwort Piraterie für Nervenkitzel sorgte. Die gewachsene Bedeutung von “Wunderanzügen” hat die Nähe der beiden Disziplinen nur augenscheinlicher gemacht.

Das mag seltsam klingen, aber die Ähnlichkeiten sind frappierend. Das ist mir letzte Nacht klar geworden. Ausgangspunkt war das unten abgebildete Foto und die Frage, ob der Fotograf bei der Auswahl des Kostüms – bzw. der noch schwierigeren Beschränkung auf Schlüsselaccessoires – in die gleiche Richtung wie ich gedacht hat. Sehr wahrscheinlich nicht. Dafür muss man Anreizen wie Alela Dianes “The Pirate’s Gospel” oder Jacques Tourneurs “Anne of the Indies” ausgesetzt gewesen sein. Andererseits dürfte der Piratenfilm zur Zeit der Entstehung des Fotos bereits eine erste Blüte erlebt haben. Wenngleich die Hauptrollen sicher nicht mit Frauen besetzt waren. Wurde hier “Neuland” fotografiert?


Bild: Ein Foto vom Kameragenie Alfred Cheney Johnston?

Weil die Distanz zwischen Foto und Assoziation so groß war, sind die Gedanken in der schlaflosen Nacht denn auch weiter abgedriftet. Das Foto verschwand allmählich aus dem Bewusstsein. Die Disziplin Schwimmen tauchte in der Wahrnehmung auf – und erwies sich nach längerer Reflexion überraschend als evolutionsgeschichtliche Variation der Piraterie. Ein Vergleich zeigt die Ähnlichkeiten:

1. Das Element Wasser

Pirat und Schwimmer sind auf das gleiche Element angewiesen. Das Wasser ist nicht wegzudenken, ohne dass die Ausübung der Tätigkeit unmöglich gemacht würde. Dabei ist der Rückzug vom Weltmeer in die Halle ins Becken eine klare, wenn auch fragwürdige Ausprägung der Spezialisierung. Durch Wettbewerbe wie z.B. das Langstreckenschwimmen – und die damit verbundene Rückkehr ins Meer – besinnt man sich der Ursprünge.

2. Kampf um Gold

Pirat und Schwimmer streben nach Gold. Michael Gross ist 38000 Kilometer für drei Olympia-Goldmedaillen geschwommen. Henry Morgen hätte darüber nur gelacht.

3. Tools

Was dem Pirat sein schnelles Schiff gewesen ist, ist dem Schwimmer sein Schwimmanzug. Preislich nähert sich der moderne Schwimmanzug den Anschaffungskosten eines Schiffes wieder an. Die Parallele wird deutlicher, denkt man an die Anfänge der Fliegerei. Otto Lilienthal ist auch nicht in einen Airbus gestiegen, sondern hat sich seinen Flugapparat auf den Rücken geschnallt. Beim Schwimmen verläuft die Entwicklung lediglich in die andere Richtung. Hier ist weniger mehr. Sinnigerweise hat man Schwarz als Anzugfarbe gewählt. Man zeigt Flagge.

4. Outlaws

Wie steht es mit dem Gesetz? Handelten die Piraten, die für die englische Krone spanische Schiffe kaperten, gesetzlos oder nach Law and Order? Schwimmt, wer dopt, nach den Regeln? Die Grenzen scheinen so fließend, wie Wasser schwer zu fassen ist.

5. Evolutionssprung

Denkt man an die Fremdschädigung, in die früherer Kaperfahrten unausweichlich mündeten, dann bemerkt man den Evolutionssprung, den das Schwimmen darstellt. Heute schädigt sich der dopende Schwimmer ausschließlich selbst. Das wird vom Publikum honoriert. Ruhm und Ehre sind fester Bestandteil des Wettkampfes.

Jean Peters: Die Piratenkönigin / Anne of the Indies

Fazit und Ausblick

Der schwimmende Leistungssportler ist ein moderner Nachfahre des Piraten. Mit der Dramaturgie eines Piratenfilms inszeniert, ließe sich leicht ein neues Subgenre für das Kino erschließen.