Es ist nicht so, dass die menschlichen Abgründe, von denen “Onibaba” erzählt, dem Betrachter verborgen blieben. Ich fand es aber hilfreich, den vom selben Regisseur vier Jahre zuvor gedrehten Film “Hadaka no shima” (Die nackte Insel) zu kennen. Das ist ein Erfahrungswert. Als ich “Onibaba” zum ersten Mal gesehen habe – “Hadaka no shima” aber noch nicht kannte – habe ich den Film anders wahrgenommen. “Onibaba” hat beim erneuten Sehen deutlich an Tiefe gewonnen. Der Verdacht, der Regisseur von “Onibaba” wollte möglichst viele Zuschauer mit viel nackter Haut ködern, hat sich verflüchtigt. Es ist der Stoff, der die Kleider von den Körpern fächert.



Der vier Jahre zuvor entstandene “Hadaka no shima” ist eine gewaltige Sisyphos-Metapher. Die “nackte Insel” ist ein großer Fels ohne eigene Süßwasservorkommen. Senta (Taiji Tonoyama) und Toyo (Nobuko Otowa) leben dort mit ihren zwei Kindern und betreiben Ackerbau. Man kann sich keine Vorstellung von dem Aufwand machen, den sie betreiben müssen, um Wasser heranzuschaffen. Über die Mühsal menschlicher Arbeit könnte man das Thema des Films nennen.
Ich habe so weit ausgeholt, weil man sich “Onibaba”, obwohl er völlig anders erzählt ist, als Gegenentwurf denken kann. “Onibaba” spielt im 14. Jahrhundert. Der Krieg verhindert, dass die Figuren des Films Ackerbau betreiben können. Weil es gefährliche Zeiten sind, leben die Mutter (Nobuko Otowa) des Soldaten Kichi und deren Schwiegertochter (Jitsuko Yoshimura) versteckt im Schilf.
Wovon sie leben, zeigt die Eröffnungsszene. Es ist ein blutiges Geschäft. Bei mir hat sich später das Bild von Löwinnen ins Bewusstsein geschlichen, die nach Jagd und Fressen im Schatten ihren Schlaf suchen. Ich weiß nicht, ob es das Bild ist, welches der Film provozieren will, aber die Distanz zur Zivilisation macht er eindrucksvoll deutlich, ohne dabei grotesk zu wirken.
Als der Nachbar Hachi (Kei Sato) ohne Kichi aus dem Krieg zurückkehrt, lädt sich die animalische Grundstimmung weiter auf. Es wird spürbar schwül im Schilf. Zu tun gibt es nichts, so konzentriert sich der eine auf den anderen. Schweiß perlt über die Haut. Zwischen rhythmisch wogendem Schilf erzählt Kaneto Shindô von den Urinstinkten und -trieben des Menschen. Raum für schöne Illusionen gibt es nicht.
Es gibt viele Gründe, sich das ungeschminkte Ringen von Lust, Eifersucht und Aberglauben anzusehen. Zum Ersten ist der Ort der Handlung perfekt gewählt. Das wogende Schilf, das immer wieder in interessanten Bildern eingefangen wird, ist ein schönes und vielfältig ausdeutbares Motiv für die Kräfte, die hier miteinander ringen.
Der Einsatz der Maske eines Dämons, die später maskieren und demaskieren, Schrecken verbreiten und Furcht auslösen wird, ist großartig. Details möchte ich nicht preisgeben.



Die schöne Schwarzweißfotografie der Bilder möchte ich noch erwähnen. Die Handlung spielt im Schilf, es sind also nicht eindrucksvolle Kulissen, mit denen man Wirkung erzielen kann. Hier muss mit Kamera und Darstellern unter geschicktem Einsatz von Licht, Schatten und Bewegung gezaubert werden.
Die Darsteller zaubern nicht, beeindrucken aber sehr. Vor allem Körpersprache ist in dem dialogarmen Film gefragt, um den Eindruck animalischer Unterströmungen hervorzurufen. Immer wieder sind es Blicke, die ganz viel von den Gedanken verraten. Nobuko Otowa, die auch die Hauptrolle in “Die nackte Insel” gespielt hat, habe ich gar nicht wiedererkannt, so völlig anders kann sie spielen.
Das Fazit nach dem zweiten Sehen lautet: ein sehr überzeugender Film, der mit dem erneuten Sehen noch wächst. Es ist ohne Risiko, zu behaupten, dass “Onibaba” zu der Kategorie Film gehört, die Bilder schafft, welche man nie vergisst.
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IMDb: Onibaba
























