Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for February, 2009


“The World According to Garp”, sagte er

Vor einigen Wochen habe ich auf der Seite der IMDb auf einem Message Board einen Beitrag eines Nutzers entdeckt, der über den Besuch von Satoshi Kon (”Paprika”, “Tokyo Godfathers”, “Millennium Actress”) in Schweden berichtet hat. Eine Frage, die dem Regisseur bei einer Publikumsdiskussion gestellt worden ist, galt seinen Lieblingsfilmen. Satoshi Kon nannte unter anderem den mir unbekannten “The World According to Garp”. Gestern habe ich mir die DVD angeschaut. Es ist eine der DVDs, die ich wegen ihres Covers (es zeigt einen süßlich lächelnden Robin Williams mit 80-er Jahre Fönfrisur) nie angefasst hätte. Was ein Fehler gewesen wäre. Zum Glück hatte ich von dem Film gelesen. Soviel zum Nutzen und Mehrwert von Message Boards auf IMDb.

“The World According to Garp” liegt ein Buch zugrunde, das, wie auch die Vorlage für den wunderbaren “The Door in the Floor” (2004), von John Irving stammt. Die Regie des 1982 gedrehten Films führte George Roy Hill (”Butch Cassidy and the Sundance Kid”, “The Sting”).

Ich werde über eine uneingeschränkte Empfehlung hinaus, sich den Film anzuschauen, keine Details der Handlung verraten, die das ereignisreiche Leben des Schriftstellers T.S. Garp nachzeichnet. Worin liegt die Magie des Films? Vielleicht darin, die Schönheit des Lebens ungeachtet seiner Widrigkeiten zu feiern.

The World According to Garp
Mann beißt Hund: Robin Williams als T.S. Garp

“Garp” ist im Vergleich mit “The Door in the Floor” die leichtere, deutlich humorvollere Irving-Verfilmung. Trotz eines höheren bodycounts und ungeachtet von Schicksalsschlägen, die auch den Titelhelden nicht verschonen.

„Schreiben ist wie Ringen. Man braucht Disziplin und Technik. Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner“, sagt John Irving. Es steckt viel vom Autor in “Garp”, das vermutet man spätestens bei der ersten Ringerszene.

Um die Möglichkeiten und den Zauber des Mediums Film zu bewundern, schaut man sich “Garp” am besten zusammen mit “The Door in the Floor” an. Es gibt Parallelen (Schriftsteller, Unglücksfälle und das mehr oder weniger erfolgreiche Ringen, diese zu bewältigen), wenngleich die Filme ganz anders gestimmt, erzählt und strukturiert sind. “The Door in the Floor” etwa erzählt nur ein Drittel der Handlung des ihm zugrunde liegenden Romans. Daher die düstere Stimmung. Der Teil, in dem Irving seinen Lesern Zucker reicht, fehlt.

Beide Filme sind hervorragend besetzt. Bleibt “Garp” daneben wegen seines Humors, seiner positiven Ausstrahlung und raffiniert verknüpften Ereignissen in Erinnerung, so “The Door in the Floor” wegen seiner Stimmung, den wunderbaren Farben, tollem Set-Design und der Erkenntnis, das manche Dinge larger than life sind.

Mir gefällt “The Door in the Floor” als Film etwas besser. Die Beschränkung auf einen Teil des Romans erlaubt mehr Tiefe. Das Screenplay, dem das zu verdanken ist, stammt vom Regisseur Tod Williams. Es wundert nicht, dass der unbekannte Regisseur die Zusage des Buchautors Irving für den Film erhalten hat.

The Door in the Floor
Ort der Handlung: Long Island

The Door in the Floor
Die Frau des Künstlers: Kim Basinger

The Door in the Floor
Der Künstler: Jeff Bridges

The Door in the Floor
Filmposter in Filmen haben meistens eine besondere Bedeutung

“Garp” wirkt durch die Anhäufung von Ereignissen ein wenig überladen. Das hat mich aber über die bloße Kenntnisnahme nie wirklich gestört. Dazu war der Film zu gut erzählt. Zum anderen hat mir die Aussage, die ich aus dem Film herausgelesen habe, so gefallen, dass ich dem Film viel mehr nachgesehen hätte.

Leider ist die “Garp”-DVD (Amazon) arm ausgestattet: “Specials: USA-Kinotrailer”. Auf “The Door in the Floor” (Amazon) kommen Darsteller, Regisseur und auch John Irving zu Wort.

Der Regisseur und sein Thema

Gestern habe ich “gero von boehm begegnet …” einmal nicht verpasst. Gesprächspartner war der Regisseur Volker Schlöndorff, dessen Buch “Licht, Schatten und Bewegung” (Amazon) ich vor gar nicht langer Zeit gelesen und an diesem Ort auch schon erwähnt und empfohlen habe.
gero von boehm begegnet ...

Ein mehr an Information als sie das Buch liefert, hat die kurze Sendezeit natürlich nicht zugelassen. Interessant fand ich immerhin die Äußerung des in Potsdam lebenden Schlöndorff bezüglich der Beziehung, die zwischen Regisseur und Hauptfigur bzw. dem Stoff eines Films bestehen muss. Die Figur sollte demnach zumindest einen Teil des Selbst in sich tragen. Anderenfalls fehlt die Bindung zum Film, das Projekt will nicht recht gelingen. Als Beispiel führte Schlöndorff “Michael Kohlhaas – Der Rebell” (1969, IMDb) – die Geschichte eines “der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit” (Heinrich v. Kleist, Michael Kohlhaas) – an. Den Film habe ich leider noch nicht gesehen, aber Kleists Novelle vor wenigen Wochen erneut gelesen.

Mit dem absolut rigiden Charakter der Figur, der es an jeglicher Flexibilität mangelt, ist er als Regisseur bald in Konflikt geraten. Was er bei der Arbeit beim Film von Louis Malle gelernt hat, nämlich Umwege zu gehen, das Terrain und dessen Gefälle zu nutzen (was für ein schönes Bild!), geht dem Kleistschen Helden wahrlich völlig ab:

“Du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir weh tun, und ich will’s!”

Ich mag mich der Kritik an der Hälfte seiner Werke nicht anschließen, solange ich nicht jeden Film gesehen habe. Die Vorstellung von einem Film und das fertige Werk mögen zwei Dinge sein, die den Regisseur durch ihre Abweichung voneinander unzufrieden stimmen. Die Wirkung des Films auf den Zuschauer, der im besten Fall ganz offen an das Werk herantritt, kann eine andere sein. Ich werde mir “Michael Kohlhaas” sicher irgendwann einmal anschauen. Dafür spricht schon Anna Karina, welche die Rolle der Elisabeth Kohlhaas spielt.

Das Gesagte hat mich gestern auch deshalb in besonderer Weise angesprochen, weil mir neulich der Zusammenhang von Biografie und Werk der Regisseure Kenji Mizoguchi und Masaki Kobayashi aufgefallen ist. Daran habe ich denken müssen, als Volker Schlöndorff über das sich wiederfinden im Stoff als Bedingung für einen guten Film sprach. So hat es sicher seinen guten Grund, dass Volker Schlöndorff “Die Stille nach dem Schuss” (Amazon) so gut gelungen ist. Mir gefällt der Film jedenfalls sehr gut.

Surreal?

Um noch einmal an den etwas dunkler gefärbten Humor aus Luis Malles “Milou en mai” anzuknüpfen, ein letztes Zitat aus Luis Buñuels Buch “Mein letzter Seufzer”:

“Vor meinem letzten Seufzer stelle ich mir gerne einen letzten Scherz vor. Ich bitte alle meine alten Freunde zu mir, die wie ich überzeugte Atheisten sind. Betrübt versammeln sie sich um mein Bett. Dann kommt der Priester, den ich habe rufen lassen. Zum großen Entsetzen meiner Freunde beichte ich, bitte um die Vergebung aller meiner Sünden und empfange die letzte Ölung. Dann drehe ich mich zur Wand und sterbe. Ob man in dem Augenblick aber noch die Kraft hat zu scherzen?” (Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer)

Ähnlich surreal – wenn man das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt gelten lassen möchte – stelle ich mir folgende Situation vor: Man kommt aus dem Kino, wo man gerade Masaki Kobayashis “The Human Condition” (etwa 9 Stunden plus zweimal 5 Minuten Pause) gesehen hat. Noch ganz unter dem gewaltigen Eindruck des Films stehend, schwingt man sich auf sein Fahrrad. Weil man geistig noch ganz woanders ist – übrigens ein Phänomen, auf das auch Luis Buñuel in seinem Buch zu sprechen kommt – nimmt man die reale Welt um sich herum nicht richtig wahr. Man fährt deshalb vor eine Litfaßsäule. Es folgt ein Sturz auf das Straßenpflaster. Der letzte, schon verschwommene Blick richtet sich auf die Säule, die man langsam als Ursache für den Unfall auszumachen beginnt. An der Säule entdeckt man ein Poster, das unter der Schlagzeile “Drama im Anflug!” für den Film “Pearl Harbor” wirbt. Was für ein schrecklich deprimierendes Ende!

Die Chance, “The Human Condition” im Kino erleben zu können, geht leider gegen Null, käme einem Wunder gleich. Die Poster, die für Michael Bays widerlichen Film werben, gibt es natürlich. Ich bin heute einem begegnet. Leider ebenso wahr: Sucht man bei Amazon nach Masaki Kobayashi, dann erhält man lediglich fünf Suchergebnisse. Nicht ein Titel ist lieferbar.