Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for January, 2009


Vorleser & Vorleserinnen in Zeiten des Hörbuchs

Wenn man auf der Seite der Internet Movie Database nach “The Reader” sucht, um sich zu informieren, wann Stephen Daldrys Verfilmung von Bernhard Schlinks “Der Vorleser” ins Kino kommt – es ist der 26. Februar – dann bekommt man als zweites Suchergebnis Michel Devilles “La Lectrice” aus dem Jahr 1988 angezeigt. Der englische Titel von “La Lectrice” lautet nämlich ebenfalls “The Reader”. Der feine Unterschied ist der, dass sich hinter “La Lectrice” kein Vorleser, sondern eine Vorleserin verbirgt.

La Lectrice / Die Vorleserin

“La Lectrice” zeigt uns zu Beginn Constance (Miou-Miou), die ihrem Freund im Bett aus Raymond Jeans Roman “La Lecrice” vorliest. Inspiriert von der Heldin Marie, die ihrer schönen Stimme wegen in der Zeitung als Vorleserin annonciert, beschließt Constance, ihr nachzueifern.

Die Warnung, dass ihr Angebot als Vorleserin ein wenig doppeldeutig erscheint und leicht missverstanden werden kann, wischt sie beiseite. So ganz unbegründet erweist sich die Warnung nicht, führt aber zu keinen Ereignissen, denen Constance nicht auch einen Reiz abgewinnen kann.

So, wie sich die Geschichte der Buchheldin Marie mit dem Leben von Constance überlagert und beides bald nicht mehr klar zu trennen ist, so verschwimmen auch die Grenzen zwischen dem Leben ihrer unterschiedlichen Klienten und der fiktionalen Wirklichkeit der Literatur, die sie ihnen vorträgt.

“La Lectrice” ist kein Filmgigant, aber ein Film, dessen Charme man sich nicht entziehen kann. Als Drama steht es der Komödie näher als der Tragödie, verzichtet aber auf billige Lacher, laute Effekte und gekünstelte Originalität. Man muss die in allen Aspekten überzeugende Miou-Miou in der Rolle der sympathischen Constance einfach mögen. Im Rennen um den César hat man ihr 1989 nur Isabelle Adjani voraus gesehen, deren ebenfalls mit einem César gekrönter Film “Camille Claudel” hier unlängst Erwähnung fand.

Obiges Bild wirbt, wie ich finde, nicht nur auf schöne Weise für “La Lectrice”. Für mich stellt es sowohl die Suche nach der richtigen Lese-po-sition dar, als auch den vorweggenommenen Übergang von der “Vorleserin” zum “Vorleser”, wenngleich nur bildlich.

“Stauffenberg” (2004) und “Valkyrie” (2008)

Stauffenberg (2004)

Mit der Absicht, mir „Valkyrie“ (2008, deutsch: “Operation Walküre”) im Kino anzuschauen, habe ich mir letzte Woche zunächst noch einmal „Stauffenberg“ (2004), den die ARD ausnahmsweise einmal zu Recht spät (23.25 Uhr) ausgestrahlt hat, angesehen. Die Produktion, in die augenscheinlich viel Geld geflossen ist, hat mich nicht überzeugt. Weder das Drehbuch, das vom Regisseur Jo Baier geschrieben worden ist, noch das Spiel so mancher Nebendarsteller – und von denen gab es reichlich – war überzeugend. Für letzteres trägt das mehr als durchwachsene Skript sicher einen guten Teil der Verantwortung. Selbst der Hauptdarsteller Sebastian Koch musste sich durch manch verkorkste Szene quälen.

Stauffenberg

Ein Film dauert nicht ewig. Da muss bezüglich dessen, was erzählt werden soll, Kompromissbereitschaft bestehen. Baier wollte augenscheinlich ein großes Panorama in verknappter Form zeigen. Er beginnt nämlich bereits im Jahr 1939. Stauffenberg ist noch ein begeisterter Anhänger des Führers. Mit gewaltigen Zeitsprüngen sollen uns wenige, sehr kurze Szenen einen Eindruck der Schlüsselerlebnisse vermitteln, die zum inneren Wandel geführt haben. Diese geraffte Form des Erzählens hat mich nicht überzeugt. Ihm fehlte die emotionale Wahrheit und damit die Authentizität. Das erinnerte an diese viel zu oft albern wirkenden Nachstellungen in so genannten Geschichtsdokumentationen, nur eben mit viel mehr Geld realisiert.

Der Tag des Attentats wurde dann besser geschildert, war insgesamt aber auch nicht wirklich überzeugend. Mittelmäßige Dialoge in einem Geschehen, das den Zuschauer nie emotional einbeziehen wollte. Vereinzelt tönten interessante Stichworte aus dem Geschehen. So heißt es einmal, dass das Attentat durchgeführt werden muss, nicht damit es gelingt, sondern um der Welt zu zeigen, dass man es gewagt hat (Tresckow). Der Regisseur wusste als durchaus, was er erzählen wollte. Nur bei der Umsetzung ist er mehrfach gestolpert. Ein den Zuschauer überzeugendes großes Ganzes hat der Film deshalb nicht formen können. Dazu fehlte ihm eine klare Linie.

Valkyrie (2008)

Was bringt einen dazu, sich „Valkyrie“ anzusehen, wenn man einerseits Tom Cruise nicht für die Jahrhundertmime schlechthin hält und andererseits das Geschehen des 20. Juli schon aus zahlreichen anderen Filmen und Dokumentationen kennt? Nun, es war die Neugier. Ein Interesse daran, wie Regisseur Bryan Singer seinen Film erzählt.

Heute kann ich sagen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. „Valkyrie“ hat mich sehr, und zwar positiv überrascht. Der Film verzichtet nicht nur auf praktisch alle üblichen Hollywoodübertreibungen, sondern bemüht sich darüber hinaus um größtmögliche Authentizität. Die Wirkung auf mich wäre sicher noch größer gewesen, wenn ich nicht die deutsche TV-Version aus dem Jahr 2004 wenige Tage vorher gesehen hätte.

Tom Cruise, Valkyrie (2008)

Die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander haben augenscheinlich ein detailliertes Quellenstudium betrieben und sicher auch die bekannten deutschen Produktionen zum Thema gesehen. So manche Einstellung kam einem vertraut vor. Das ist keine Kritik.

Dagegen fällt es positiv ins Gewicht, dass man nahezu alle Schwächen, die mir in der deutschen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 aufgefallen sind, beseitigt hat. Stauffenberg wird uns zu Beginn in Afrika bereits als Gegner des Regimes gezeigt. In einem Tagebuch macht er sich Notizen, die dem Zuschauer seine Abwehrhaltung gegenüber dem Mann, dem er einst den Eid geschworen hat, erklären. Wo sich Baier bei dem Versuch, die innere Systemabkehr Stauffenbergs in chronoloischen Häppchen zu erzählen, in Breite und Glaubwürdigkeit (innerhalb des Mediums Film) verliert, strafft Singer die Handlung, ohne dem Zuschauer die wirklich wichtigen Informationen vorzuenthalten.

Ganz erstaunlich fand ich, wie gut der Film den Operationsplan, der nach Wagners Walküren benannt ist, sowie den späteren Versuch, diesen Plan umzusetzen, erklärt hat, ohne jemals Ton und Tempo zu verlieren. „Valkyrie“ ist ein Thriller. Bryan Singer hat bewiesen, dass man deutscher Geschichte auch in einem spannenden Thriller gerecht werden kann – und zwar auch in Amerika.

Dass man auf bestimmte Details der historischen Wahrheit verzichten muss, damit der Film in seiner gewählten Form funktioniert, ist mehr als verständlich.

Ein Sebastian Koch als Stauffenberg in diesem Film hätte „Valkyrie“ sicher noch besser gemacht. Einfach weil er etwas mehr als Wille und Anspannung auszudrücken vermag. Aber auch Tom Cruise spielt ordentlich, unterstützt von einer gewissen Ähnlichkeit mit dem historischen Original. Die Nebenrollen sind sehr gut besetzt. Die Bilder überzeugen. Sie ordnen sich der Geschichte unter. Auffällig ist es, wie oft die Kamera die Nähe zu den Darstellern sucht. Das ist im Zweifel immer wirksamer als artifizielle Einstellungen und wackelige Handkameraaufnahmen, die dabei-sein-Flair vermitteln sollen.

Das Ende des Films hat man deutlich aufgewertet, indem man auf so manch peinliche Szene des deutschen Vorgängers verzichtet hat. Noch einmal: Die amerikanische Großproduktion verzichtet auf Pathos (!) – und erzielt eben dadurch mehr Wirkung. Hoffentlich merkt man sich das.

„Valkyrie“ ist ein beeindruckender Film, den man sich unbedingt ansehen sollte, wenn man Geschichte in spannender Form serviert bekommen möchte. Die meisten Dokumentationen vermitteln weniger gut, was „Valkyrie“ zu erzählen im Stande ist.

Luis über Louis – oder: Mai ‘68

“Anfang Mai 1968 war ich in Paris. Ich begann mit meinen Assistenten gerade die Vorbereitungen und die Motivsuche zur Milchstraße, als wir eines Tages plötzlich vor den Barrikaden standen, welche die Studenten im Quartier Latin errichtet hatten …

Sonst ganz vernünftige Leute verloren den Kopf. Louis Malle, ein guter Freund, teilte als Leiter irgendeiner Aktionsgruppe seine Truppen für die große Schlacht ein und befahl meinem Sohn Jean-Louis, auf jeden Polizisten zu schießen, der sich an der Straßenecke zeigte … ” (Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer)

Eine Komödie im Mai

In einem Film aus seinem Spätwerk kommt Louis Malle auf die Ereignisse im Mai 1968 noch einmal zurück. In “Milou en mai” (1990), der deutsche Titel lautet “Eine Komödie im Mai”, erreichen die Studentenunruhen ein abgeschiedenes Landgut und versetzen die trauernde, aber schon bald in Erbstreitigkeiten und sexuelle Abenteuer abdriftende Familie um Milou (Michel Piccoli), dessen Mutter gerade gestorben ist, in fieberhafte Zustände zwischen Euphorie und Weltuntergangsstimmung. Eine großartig besetzte – neben Michel Piccoli u.a. Miou-Miou und Bruno Carette – und unbedingt sehenswerte schwarze Komödie.

Milou en mai / Eine Komödie im Mai: Amazon, IMDb

Elia Kazan

Vivien Leigh
Vivien Leigh als Blanche DuBois in Elia Kazans “A Streetcar Named Desire” (1951). Nicht zu sehen: ein genialer Marlon Brando und eine großartige Kim Hunter, die Blanche DuBois’ Schwester Stella spielt.

Karl Malden
Karl Malden als Archie Lee Meighan in Elia Kazans “Baby Doll” (1956). Archie Lee muss sich nicht nur mit Baby Doll, sondern auch mit einem großartigen Eli Wallach als Widersacher herumschlagen.

Carroll Baker
Großartig: Carroll Baker in Elia Kazans “Baby Doll” (1956). Für “A Streetcar Named Desire” und “Baby Doll” hat Tennessee Williams die Drehbücher geschrieben. Besser können die Dialoge kaum sein.

Lee Remick
Lee Remick in Elia Kazans “A Face in the Crowd” (1957). Genial: Andy Griffith als Larry ‘Lonesome’ Rhodes.

Lee Remick
Lee Remick und Montgomery Clift in Elia Kazans “Wild River” (1960). Star des Films ist die gut vierzig Jahre älter geschminkte Jo Van Fleet, deren Haus einem Staudamm weichen soll. Der Regisseur: Egal was man tut, wie gut die Sache, die man verfolgt, auch seine mag, “there is always a cost”.

Elia Kazan: Amazon, IMDb, Wikipedia

Entweder / Oder

Juliette Binoche
Juliette Binoche in “Trois couleurs: Bleu” (1993).

Juliette Binoche
Juliette Binoche in “Les Amants du Pont-Neuf” (1991).