Stauffenberg (2004)
Mit der Absicht, mir „Valkyrie“ (2008, deutsch: “Operation Walküre”) im Kino anzuschauen, habe ich mir letzte Woche zunächst noch einmal „Stauffenberg“ (2004), den die ARD ausnahmsweise einmal zu Recht spät (23.25 Uhr) ausgestrahlt hat, angesehen. Die Produktion, in die augenscheinlich viel Geld geflossen ist, hat mich nicht überzeugt. Weder das Drehbuch, das vom Regisseur Jo Baier geschrieben worden ist, noch das Spiel so mancher Nebendarsteller – und von denen gab es reichlich – war überzeugend. Für letzteres trägt das mehr als durchwachsene Skript sicher einen guten Teil der Verantwortung. Selbst der Hauptdarsteller Sebastian Koch musste sich durch manch verkorkste Szene quälen.

Ein Film dauert nicht ewig. Da muss bezüglich dessen, was erzählt werden soll, Kompromissbereitschaft bestehen. Baier wollte augenscheinlich ein großes Panorama in verknappter Form zeigen. Er beginnt nämlich bereits im Jahr 1939. Stauffenberg ist noch ein begeisterter Anhänger des Führers. Mit gewaltigen Zeitsprüngen sollen uns wenige, sehr kurze Szenen einen Eindruck der Schlüsselerlebnisse vermitteln, die zum inneren Wandel geführt haben. Diese geraffte Form des Erzählens hat mich nicht überzeugt. Ihm fehlte die emotionale Wahrheit und damit die Authentizität. Das erinnerte an diese viel zu oft albern wirkenden Nachstellungen in so genannten Geschichtsdokumentationen, nur eben mit viel mehr Geld realisiert.
Der Tag des Attentats wurde dann besser geschildert, war insgesamt aber auch nicht wirklich überzeugend. Mittelmäßige Dialoge in einem Geschehen, das den Zuschauer nie emotional einbeziehen wollte. Vereinzelt tönten interessante Stichworte aus dem Geschehen. So heißt es einmal, dass das Attentat durchgeführt werden muss, nicht damit es gelingt, sondern um der Welt zu zeigen, dass man es gewagt hat (Tresckow). Der Regisseur wusste als durchaus, was er erzählen wollte. Nur bei der Umsetzung ist er mehrfach gestolpert. Ein den Zuschauer überzeugendes großes Ganzes hat der Film deshalb nicht formen können. Dazu fehlte ihm eine klare Linie.
Valkyrie (2008)
Was bringt einen dazu, sich „Valkyrie“ anzusehen, wenn man einerseits Tom Cruise nicht für die Jahrhundertmime schlechthin hält und andererseits das Geschehen des 20. Juli schon aus zahlreichen anderen Filmen und Dokumentationen kennt? Nun, es war die Neugier. Ein Interesse daran, wie Regisseur Bryan Singer seinen Film erzählt.
Heute kann ich sagen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. „Valkyrie“ hat mich sehr, und zwar positiv überrascht. Der Film verzichtet nicht nur auf praktisch alle üblichen Hollywoodübertreibungen, sondern bemüht sich darüber hinaus um größtmögliche Authentizität. Die Wirkung auf mich wäre sicher noch größer gewesen, wenn ich nicht die deutsche TV-Version aus dem Jahr 2004 wenige Tage vorher gesehen hätte.

Die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander haben augenscheinlich ein detailliertes Quellenstudium betrieben und sicher auch die bekannten deutschen Produktionen zum Thema gesehen. So manche Einstellung kam einem vertraut vor. Das ist keine Kritik.
Dagegen fällt es positiv ins Gewicht, dass man nahezu alle Schwächen, die mir in der deutschen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 aufgefallen sind, beseitigt hat. Stauffenberg wird uns zu Beginn in Afrika bereits als Gegner des Regimes gezeigt. In einem Tagebuch macht er sich Notizen, die dem Zuschauer seine Abwehrhaltung gegenüber dem Mann, dem er einst den Eid geschworen hat, erklären. Wo sich Baier bei dem Versuch, die innere Systemabkehr Stauffenbergs in chronoloischen Häppchen zu erzählen, in Breite und Glaubwürdigkeit (innerhalb des Mediums Film) verliert, strafft Singer die Handlung, ohne dem Zuschauer die wirklich wichtigen Informationen vorzuenthalten.
Ganz erstaunlich fand ich, wie gut der Film den Operationsplan, der nach Wagners Walküren benannt ist, sowie den späteren Versuch, diesen Plan umzusetzen, erklärt hat, ohne jemals Ton und Tempo zu verlieren. „Valkyrie“ ist ein Thriller. Bryan Singer hat bewiesen, dass man deutscher Geschichte auch in einem spannenden Thriller gerecht werden kann – und zwar auch in Amerika.
Dass man auf bestimmte Details der historischen Wahrheit verzichten muss, damit der Film in seiner gewählten Form funktioniert, ist mehr als verständlich.
Ein Sebastian Koch als Stauffenberg in diesem Film hätte „Valkyrie“ sicher noch besser gemacht. Einfach weil er etwas mehr als Wille und Anspannung auszudrücken vermag. Aber auch Tom Cruise spielt ordentlich, unterstützt von einer gewissen Ähnlichkeit mit dem historischen Original. Die Nebenrollen sind sehr gut besetzt. Die Bilder überzeugen. Sie ordnen sich der Geschichte unter. Auffällig ist es, wie oft die Kamera die Nähe zu den Darstellern sucht. Das ist im Zweifel immer wirksamer als artifizielle Einstellungen und wackelige Handkameraaufnahmen, die dabei-sein-Flair vermitteln sollen.
Das Ende des Films hat man deutlich aufgewertet, indem man auf so manch peinliche Szene des deutschen Vorgängers verzichtet hat. Noch einmal: Die amerikanische Großproduktion verzichtet auf Pathos (!) – und erzielt eben dadurch mehr Wirkung. Hoffentlich merkt man sich das.
„Valkyrie“ ist ein beeindruckender Film, den man sich unbedingt ansehen sollte, wenn man Geschichte in spannender Form serviert bekommen möchte. Die meisten Dokumentationen vermitteln weniger gut, was „Valkyrie“ zu erzählen im Stande ist.