Eigentlich wollte ich nur kurz einen Autor und sein im Berenberg Verlag erschienenes Buch vorstellen. Aber gestern habe ich mir noch einmal den phantastischen Lubitsch Film “To Be or Not to Be” von 1942 angeschaut. Thematisch drängen sich hier gleich mehrere Parallelen auf. Die reizen mich zu sehr, als dass ich sie nicht verfolgen würde. Zum Buch komme ich daher etwas später.
Denn über schöne und talentierte Darstellerinnen verliert man gern ein Wort. So etwa über Carole Lombard, die in “To Be or Not to Be” neben ihrer vielleicht besten Darstellung überhaupt zugleich ihren letzten Auftritt in einem Film erlebt. Kurz darauf ist sie nämlich mit dem Flugzeug verunglückt. Dieses Wissen wirft leider seinen Schatten auf bestimmte Szenen des Films und nimmt ihnen die Leichtigkeit, die ohnehin durch den geschichtlichen Hintergrund immer wieder in Frage gestellt wird. Schließlich ist ihr junger Verehrer im Film Pilot. Spätestens wenn er sie zu einem Rundflug einlädt, holt die Realität die Fiktion ein. Wenig tröstlich ist der Gedanke, dass es wenigen Schauspielern gelingt, auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Karriere abzutreten.
Realität und Fiktion sind ein zentrales Thema von “To Be or Not to Be“. Noch zentraler ist dieses Thema in Howard Hawks Film “Twentieth Century” (IMDb) aus dem Jahr 1934. Wie “To Be or Not to Be” ist auch “Twentieth Century” eine Komödie. Carole Lombard spielt in der Rolle der Lily Garland wieder eine Schauspielerin.
Oscar Jaffe (John Barrymore) macht Lily Garland mit einem Theaterstück zum Star. Dem gemeinsamen Erfolg folgt eine Beziehung. Mit seiner Eifersucht vertreibt Jaffe den Star allerdings nach Hollywood. Mit Lily Garland verschwindet auch der Erfolg, alles geht den Bach runter. Auf der Flucht vor den Gläubigern begegnet er Lily zufällig im Zug (dem “Twentieth Century Limited”) wieder. Da sie aus nachvollziehbaren Gründen nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, heißt es für Jaffe alle Register der Schauspielkunst zu ziehen, um sie wieder unter Vertrag zu bekommen. Lily hat inzwischen ebenfalls alle Tricks der Schauspielkunst verinnerlicht. Die Grenzen von Kunst und Leben verschwimmen für die beiden vollkommen. Ihre melodramtischen, völlig überzogenen Attitüden sind es denn auch, die den Zuschauer zum Lachen bringen. Phantastische Darstellerleistungen und eine große Komödie von dem besser als Western- (Red River, Rio Bravo) oder Gangsterfilm-Regisseur (Scarface) bekannten Howard Hawks machen den Film zu einem Ereignis.

Bild: Lily Garland (Carole Lombard) und Oscar Jaffe (John Barrymore)
Was “To Be or Not to Be” und “Twentieth Century” erst zu dem machen, was sie sind, sind ausgezeichnete Drehbücher. Der finale Übergang der heutigen Veröffentlichung! “To Be or Not to Be” haben Ernst Lubitsch und Edwin Justus Mayer geschrieben. Von letzterem stammt übrigens auch “Midnight” (1939, IMDb).
Sowohl an dem Theaterstück wie auch dem Drehbuch zu “Twentieth Century” hat ein Mann mitgeschrieben, dessen Name ungleich öfter auftaucht als der von Edwin Justus Mayer. Obgleich man ihn den “Shakespeare von Hollywood” nannte, ist sein Name – Ben Hecht – nicht jedem bekannt. Dabei hat Ben Hecht unter anderem die Geschichte zu Josef von Sternbergs “Underworld” (1927) geliefert, er hat “The Front Page” geschrieben, das von Lewis Milestone im Jahr 1931, von Howard Hawks als “His Girl Friday” 1940 und später auch von Billy Wilder verfilmt worden ist. Er hat die Drehbücher für Howard Hawks “Scarface” (1932), Ernst Lubitschs “Design for Living” (1933) sowie Hitchcocks “Spellbound” (1945) und “Notorious” (1946) geschrieben. Unzählige weitere Arbeiten zeichnen ihn aus. Das alles weckt das Interesse für den Mann hinter diesen Werken. Und wirft die Frage auf, ob es denn nicht auch Bücher von ihm gibt.
Die Revolution im Wasserglas
Das Hintergrundwissen für seine Arbeit als Autor in Hollywood hat sich der 1894 in New York geborene Hecht als Reporter erworben. Ab 1910 arbeitet er für die Chicago Daily News. 1918 wird er als einer der ersten ausländischen Reporter im Auftrag der Daily News nach Deutschland geschickt. Das im Berenberg Verlag erschienene Buch “Die Revolution im Wasserglas” schildert seine Eindrücke, erzählt, wie der damals Vierundzwanzigjährige, kaum dass er im Berliner Adlon Hotel abgestiegen ist, von einem Kellner über die bevorstehende Erstürmung des kaiserlichen Schlosses durch Karl Liebknecht und seine Männer informiert wird. Das ist natürlich eine Geschichte, die er sich nicht entgehen lassen wird.
Wenig später lässt er sich von einem der bekanntesten deutschen Fliegerasse ein Flugzeug besorgen. Mit einem Bomber aus dem Ersten Weltkrieg, der kurzer Hand aus einem Hangar entwendet wird, reist er fortan durch Deutschland, immer auf der Suche nach einer interessanten Geschichte. Mehrere erzählt er uns. Unter anderem, wie er die Revolution in Bayern erlebt hat. Später auch über die Bekanntschaft mit George Grosz.
Das schmale Buch liest sich wie ein auf Tatsachen beruhender Abenteuerroman. Interessant ist es nicht nur für diejenigen, die sich für den stillen Schöpfer vieler namhafter Filme interessieren. Obgleich der Reiz des Buches vor allem in der bildhaften Schilderung der zeitlichen Ereignisse, weniger in einer präzisen geschichtlichen Einordnung liegt. Das Talent des späteren Autors ist hier bereits erkennbar. Hecht beweist ein gutes Gespür für den Ungeist der Zeit und warnt wiederholt in seinen Reportagen vor einem Erstarken jener Kräfte, die den Ersten Weltkrieg mit ermöglicht haben. Hier ist es wieder: das Sein hinter dem Schein; erlebt in einem politischen Possenspiel. Bei den Herausgebern seiner Zeitung wollte man davon wenig hören. Der Bolschewismus erschien als die größere Gefahr. Ganz erfolgreich ist das Buch auch auf einem anderen Gebiet. Man beginnt, sich für die Geschehnisse der Zeit zu interessieren. Mehr kann man nicht verlangen. Zumal die Komödie Politik immer noch aufgeführt wird.




