Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for July, 2008


Die Büchse der Pandora (1929)

Wenn man mit höchsten Erwartungen an einen Film herangeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man enttäuscht wird. Und so lässt auch „Die Büchse der Pandora“ nach dem ersten Sehen einen gespaltenen Eindruck zurück. Insbesondere wirkt der Film hinter Louise Brooks etwas klein. Das ändert sich mit dem zweiten Sehen. Das mag zum einen daran liegen, dass der Film die Erwartungshaltung hinsichtlich der Erzähstruktur so wenig bedient. Zum anderen an einer Handlung, die keinem roten Faden folgt, sondern dem Instinkt der Figuren. Was sagte Frank Wedekind, der Autor von „Erdgeist“ und „Die Büchste der Pandora“ – den Stücken, denen der Film seine Motive verdankt – über sein Programm: Ich wollte „das sich immer überschätzende menschliche Bewusste am Unbewussten scheitern lassen.“ Das führt natürlich nicht zu einer Handlung, die sich ohne Verwerfungen geradewegs in eine Richtung bewegt. Ein solcher Film kann nicht in einem herkömmlichen Sinn homogen wirken. Wenn es in „Die Büchse der Pandora“ eine klare Richtung gibt, dann ist es die von oben nach unten.

Büchse der Pandora / Pandora's Box Louise Brooks

Was negativ auffällt, ist der Auftritt eines Inspizienten (Sig Arno) im dritten Akt, der einem mit seinen Slapstick-Einlagen auf die Nerven fällt. Die Motivation, diese Figur einzubauen, lässt sich aus dem Stoff heraus nicht erklären. Was eine Rolle gespielt haben mag, ist folgender Umstand: Als man den „Erdgeist“ 1898 erstmals ins Theater brachte, inszenierte man das Stück als Burleske, weil es niemand für möglich hielt, „den furchtbaren Ernst der Idee und Handlung durchzuhalten.“ Möglicherweise hatte noch dreißig Jahre später Drehbuchautor Ladislaus Vajda ähnliche Bedenken. Auch heute noch kann man spüren, wie sehr der Film gegen die Konventionen der Zeit verstoßen hat.

Was dagegen sofort fasziniert, ist die zeitlose Schönheit von Louise Boorks. Ihre Fähigkeit, Lulu eine einmalige, ganz und gar natürliche Leinwand-Präsenz zu verleihen. Kombiniert mit einem Sex Appeal, dem jeder, der mit ihr im Film (am Bildschirm?) in Kontakt kommt, verfällt. Die meisten ganz hoffnungslos.

Büchse der Pandora / Pandora's Box Louise Brooks

Bemerkenswert ist weiterhin die schöne Beleuchtung, insbesondere im schummrigen Schlussteil. Die entschädigt dafür, dass die Bilder des Films sonst mehr auf Erzählen denn auf cinematographisches Bebildern angelegt sind.

Lulu

Was für ein Mensch begegnet uns mit der Figur der Lulu? Zunächst einmal unterscheidet sich Lulu deutlich von ihrem literarischen Vorbild in den Bühnenstücken Franz Wedekinds. Sie ist viel harmloser. Im Film könnte Lulu nie folgenden Satz sprechen: „Hätte er nur eine annähernd richtige Vorstellung von mir, er würde mir einen Stein an den Hals binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist!“ (Erdgeist, II. Aufzug, 3. Auftritt) Dafür fehlt ihr schlichtweg die Fähigkeit zur Reflexion.

Im Film ist sie lebensfreudig, ursprünglich, kindlich und wenn sie ihren Launen nachgibt, dann beweist sie nur, dass sie ganz im Jetzt lebt. Das ändert freilich nichts am Schicksal der Männer und Frauen, die ihr verfallen.

Die Rückseite meiner DVD („Pandora’s Box“ – Special Edition, Second Sight) stellt Lulu als „high class prostitute“ vor, „whose incredible beauty and passion for life leaves a trail of broken admirers in her wake.“

Ob Lulu eine Prostituierte ist, lässt sich im Film mit gutem Grund anzweifeln. Erst am Ende, als sich Lulu bereits in ganz verzweifelter Lage befindet, gibt es eine Szene, die darauf hindeutet. Aber auch hier verzichtet sie auf Bezahlung, weil ihr der Mann gefällt.

Handlung

Der Beginn zeigt eine mit dem Stromableser flirtende Lulu. Da kommt ein untersetzter alter Mann zu Besuch, den sie stürmisch begrüßt. Im Stück zählt Schigolch (Carl Goetz) bereits „siebenundsiebzig Lenze“. Der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen den beiden und der große Altersunterschied könnten darauf hindeuten, dass Schigolch sie aushält. Einmal macht er sich an Lulus Geldbörse zu schaffen. Aber steckt er Geld hinein oder nimmt er welches heraus?

Schigolch möchte Lulu groß herausbringen. Deshalb soll sie beim großen Rodrigo Quast (Krafft-Raschig) eine Rolle übernehmen. Rodrigo wartet bereits vor dem Haus. Zunächst einmal erscheint aber Dr. Schön (Fritz Kortner), mit dem sie eine Affäre hat. Bevor Dr. Schön hereingebeten wird, muss sich Schigolch auf dem Balkon verstecken.

Dr. Schön hat sich verlobt und kündigt an, die Beziehung zu Lulu zu beenden, um seinen Ruf nicht zu zerstören. Überall redet man! Wie es der Zufall will, entdeckt Dr. Schön den auf dem Balkon kauernden Schigolch. Eine Szene, die viel über über den Charakter von Lulu verrät. Denn was das Potential zu einer peinlichen Szene besitzt, überspielt Lulu mit heiterer Ausgelassenheit. Was ist denn schon dabei? Schigolch ist halt ihr erster „Mäzen“, wie sie Dr. Schön gesteht. Später bezeichnet sie ihn als ihren Vater. Das Verhältnis der beiden wird nie ganz klar.

Dass Lulu gefährlich für ihn ist, weiß Dr. Schön. Als ihn sein Sohn Alwa (Franz Lederer) fragt, warum er sie nicht heiratet, antwortet er, dass man eine solche Person nicht heiraten kann.

Im Theater

Im dritten Akt wird Dr. Schöns Schicksal besiegelt. Wir befinden uns im Theater. Anstatt bei Rodrigo spielt Lulu in einem Stück von Alwa mit. Als Lulu Dr. Schön mit seiner Verlobten erblickt, erklärt sie, für die ganze Welt aber nicht diese Person tanzen zu wollen. Das Stück droht zu platzen. Dr. Schön begibt sich in Lulus Zimmer. Die wirft sich verzweifelt auf dem Bett herum. Ein Gemütszustand, der sich auf Dr. Schön übertragt, der sich eine Zigarette anstecken will. Der prompte Hinweis Lulus, Rauchen sei hier verboten, beweist, dass sie die Situation sehr wohl beherrscht, Dr. Schön manipulieren will. Die beiden liegen sich kurz darauf in den Armen. Die Tür geht auf – Dr. Schöns Verlobte schaut herein.

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Lulu genießt ihren Triumph sichtbar. Ihre Stimmung hellt sich auf, mit großer Freude will sie jetzt tanzen. Dr. Schön erklärt, Lulu zu heiraten, wenngleich „das … meine Hinrichtung“ ist.

Nach der Hochzeit

Eine Feier. Lulu in einem Brautkleid. Die Hochzeit hat also stattgefunden. Die Atmosphäre ist geichwohl hitzig. Auch die Gräfin Geschwitz (Alice Roberts) kann dem Reiz von Lulu nicht widerstehen. Ein Tanz mit Lulu, eine leichte Berührung mit der Hand verraten ihre Gefühle.

Büchse der Pandora / Pandora's Box

Der frisch verheiratete Dr. Schön findet den gemeinsamen Tanz der Frauen gänzlich unpassend und drängt die beiden auseinander. Er wird noch deutlich mehr an diesem Abend erleben.

Denn auch Schigolch und Rodrigo sind erschienen. Lulu kümmert sich höchstpersönlich um deren Bewirtung. Die beiden beschließen, Rosen auf Lulus Hochzeitsbett zu streuen. Dort entdeckt Lulu die beiden. Dort entdeckt Dr. Schön die drei, wie sie eng und ausgelassen miteinander feiern.

Mit der Pistole vertreibt er Schigolch und Rodrigo. Sein angegriffener Verstand erweist sich als endgültig zerrüttet, als er wiederkommt und nun seinen Sohn Alwa in den Armen von Lulu findet. Er gibt Lulu die Pistole und bittet sie, sich zu erschießen, damit sie ihn nicht auch noch zum Mörder macht. Es kommt anders.

Gericht und Flucht

Wegen Totschlags muss sich Lulu vor Gericht verantworten. Obwohl vom Verteidiger bis zum Richter alle in ihren Bann geraten, steht Schlimmes zu befürchten.

In der ersten Reihe sieht man Alwa, Schigolch, Rodrigo und die Gräfin Geschwitz sitzen. Die Verfallenen und Begehrenden. Sie lassen sich etwas einfallen. Dem Chaos im Gericht folgt die Flucht der Angeklagten.

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Lulu begibt sich in die Wohnung von Alwa. Sie ist schon wieder ganz ausgelassen, blättert in einer Modezeitung. Prozess und Flucht sind vergessen. Alwa kann es nicht fassen, als er Lulu so bei ihm entdeckt. Wo sich Lulu so heimisch fühlt, ist doch der Vater verblutet! Aber wer entkommt dem Reiz von Lulu? Die beiden verlassen gemeinsam das Land.

Abstieg und Ende

Was folgt, ist ein langsamer Abstieg. Marquis Casti-Piani (Michael von Newlinsky) und Rodrigo zeichnen sich jeder für sich mit Erpressungsversuchen gegenüber Lulu aus. Das Versteck muss verlassen werden. Geld ist keines mehr vorhanden, das hat Alwa im Glücksspiel verloren. In einer schäbigen Absteige in London finden Lulu, Alwa und Schigolch Zuflucht.

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In dieser verzweifelten Lage macht sich Lulu schön und begibt sich auf die Straße. Der Mann, dem sie in der Nacht begegnet und mitnimmt, entpuppt sich als Jack the Ripper (Gustav Diesel). Was in Wohlstand begann, endet mit einem anonymen Tod.

Fazit

Es macht unbedingt Sinn, sich den Film ein zweites Mal anzuschauen. Nicht nur weil man dann bereits seine Erwartungshaltung korrigiert hat und offen für den Film ist. Man entdeckt darüber hinaus viele Details, die einem beim ersten Mal entgangen sind.

„Die Büchse der Pandora“ ist – schon weil die Zensur sonst (noch deutlicher) zugeschlagen hätte – erfreulich subtil erzählt. Eine Erzählweise, die sich auf alle Bereiche erstreckt. Viel wird nur angedeutet (das Ende Rodrigos) oder gar offen gelassen.

Es sind ausgerechnet die zwei Filme, die Louise Brooks in Deutschland unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst gedreht hat („Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“), die ihren Ruhm begründet haben. Pabst bat Brooks inständig, in Europa zu bleiben. Er prophezeite ihr das Schicksal Lulus, sollte sie in die Staaten zurückkehren. Sie folgte seinem Bitten nicht. Die Dokumentation „Looking for Lulu“ verrät, dass Pabst mit seiner Voraussage nicht ganz verkehrt lag.

Wertung: 8.9/10

IMDb: Die Büchse der Pandora

Shurayukihime / Lady Snowblood (1973)

Am Anfang war die Hitze. Und der Gang zum Kühlschrank wurde zum Abenteuer, einer Herausforderung an Körper und Geist. Dann, die Hand am Glas mit kalter Cola, wurde die Idee geboren, ein visuelles Gegengewicht zu schaffen. „Hundstage“ (IMDb) von Ulrich Seidl hätte sich angeboten. Der Film spielt zwar in der wärmsten Jahreszeit, aber seine Atmossphäre sorgt noch bei höchsten Temperaturen für Kälteschauer. Ein großartiges Filmerlebnis, das leider an die Substanz geht. Dafür ist man nicht immer gewappnet. „Shining“ hat sich mir als nächstes aufgedrängt. Der spielt schon mal im (Kunst-)Schnee. Jack Nicholson mit Axt sorgt für zusätzliche Gänsehaut. Meine Wahl ist dann aber auf Fujita Toshiyas „Shurayukihime“ (Lady Snowblood) gefallen. Und so hat – was mit Hitze begann – im Schnee und der Entdeckung eines Meisterwerks geendet.

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Es ist sicher hilfreich, zu erwähnen, dass ich kein großer Freund von Samurai- und Martial Arts Filmen bin. Nun hat mich „Lady Snowblood“ aber in wirklich jeder Beziehung in Begeisterung versetzt. Das spricht für den Film – und gerne begebe ich mich auf die Suche nach den Gründen.

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Charlie Chaplin: The Immigrant (1917)

Das kennt man vielleicht: man schlendert im Sommer durch den Garten und entdeckt ein Osterei, das irgendwie übersehen worden ist. Die Überraschung ist denkbar groß, das Ei leider verdorben. „The Immigrant“ ist über 90 Jahre alt. Die Freude über meine Entdeckung des Films könnte nicht größer sein. Denn im Gegensatz zum Ei hat die Zeit Charlie Chaplins Film nichts anhaben können. „The Immigrant“ beweist schon den frühen Chaplin ganz auf der Höhe seiner Kunst. Der Kurzfilm ist ein Konzentrat der Elemente, die später seine berühmten Filme bestimmen werden.

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Bild: Mit der richtigen Wurftechnik zum Gewinn

In knapp 20 Minuten kombiniert er Slapstick-Comedy, Gesellschaftskritik und romantische Elemente zu einer einfachen, bedenkt man die Kürze der Zeit, erstaunlich weitgespannten Geschichte.

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The Astronaut Farmer (2006)

„The Astronaut Farmer“ ist nicht realistisch, enthält unzählige Clichés und Bilder, die nicht nur ein Idyll beschreiben, sondern auch noch weichgezeichnet werden. Und doch! Man kann sich dem Charme des Films nicht entziehen. Die Magie, die ihm entstrahlt, versetzt den Zuschauer in eine Stimmung, in der man gern über alle Schwächen hinwegsieht.

Astronaut Farmer

„Who will take my dreams away?“ singt Marianne Faithfull in „La Fille Sur Le Pont“ (1999). Träume sind auch das Thema von „The Astronaut Farmer.“ Genaugenommen Charles Farmers (Billy Bob Thornton) Traum, mit einem selbstgebauten Raumschiff in den Weltraum zu fliegen. Wie wir wissen, verfügt Billy Bob Thornton über die nötigen Schrauberqualitäten. Man denke an seine Rolle des Mechanikers Darrell in „U-Turn“ (1997).

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Die Frau auf der Brücke (1999)

Patrice Lecontes „La fille sur le pont“ ist eine visuell beeindruckende Romanze, deren dramatische Handlung auf eine heitere Art erzählt wird.

Der Film kommt sofort auf den Punkt. In einer Szenerie, die aufgrund des Lichts und der Figurenanordnung an ein Verhör auf einem Polizeirevier denken lässt, „beichtet“ Adèle (Vanessa Paradis) einem psychologisch geschultem Gegenüber ihr Leid. Mit dem Leben hat sie bislang nichts anfangen können. Das Glück wollte ihr einfach nicht begegnen. Die Beziehungen zu Männern, denen sich Adèle – Slalomstangen gleich – immer mit großer Geschwindigkeit nähert, sie kurz und heftig berührt, um sie dann ebenso schnell wieder hinter sich zu lassen, sind keine Erfüllung.

La fille sur le pont
Bild: Adèle, die Frau auf der Brücke

Und so steht Adèle nachts auf einer Brücke, bereit zum Sprung. Motiv ist weniger abgrundtiefe Verzweiflung, als Enttäuschung über das Ausbleiben des Glücks. Von Anbeginn nimmt der Film seinen Stoff, dessen Protagonisten, nur bis an die Grenze herzlicher Anteilnahme ernst. Der Restraum ist dem Humor vorbehalten. Während Adèle auf den Fluss hinabschaut, spricht sie Gabor (Daniel Auteuil) an. Der ist Messerwerfer und rekrutiert seine Partnerinnen vorzugsweise auf Brücken oder hohen Türmen. Denn sein Beruf ist gefährlich und jenseits der vierzig „Glückssache“. Da schadet eine gewisse Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber nicht.

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