“Down by Law” entstand 1986, zwei Jahre nach “Stranger than Paradise“. Stilistisch vergleichbar, ebenfalls in schwarz-weiß gedreht, wendet sich Jarmusch erneut dem Schicksal dreier Protagonisten zu, die allesamt weitab vom amerikanischen Traum existieren. Jack (John Lurie), ein kleiner Zuhälter der netteren Art, wird gleich zu Beginn von einem “Freund” aufs Kreuz gelegt und von der Polizei verhaftet. Ebenso ergeht es dem gescheiterten Radio DJ Zack (Tom Waits), der für eine Hand voll Dollar ein gestohlenes Auto überführen soll, dann aber betrunken und zu seiner großen Überraschung mit einer Leiche im Kofferraum von der Polizei gestoppt wird.
Die beiden landen in der gleichen Zelle in einem Gefängnis von New Orleans. Sie sind sich auf eine uneingestandene Art und Weise viel zu ähnlich, um sich mögen zu können. Wenig später wird noch Roberto (Roberto Benigni) in ihre Zelle gesteckt und macht das Filmtrio komplett. Roberto Benigni, der in “Down by Law” in seinem ersten amerikanischen Film mitwirkt, spielt einen italienischen Einwanderer, dem man beim Falschspiel erwischt hat. Die sich daraus ergebenden Ereignisse – eine Geschichte, die Roberto im Film viel zu schön erzählt, um sie hier vorwegzunehmen – haben auch ihn mit dem Gesetz in Konflikt gebracht.
Roberto hat eine optimistischere, auf mehr Harmonie bedachte (”My friends!”) Lebenseinstellung als seine beiden Zellengenossen. Sein Hadern mit dem Englischen, seine Vorliebe für Redewendungen, die er in einem kleinen Notizblock notiert und bei Gelegenheit anzubringen sucht, tragen zu vielen heiteren Momenten und lauten Lachern bei. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal so laut gelacht habe. Und dabei mag ich Roberto Benignis affektiertes und selbstverliebtes Auftreten sonst gar nicht. Den Erfolg von “La Vita è Bella” habe ich nie verstanden. Aber unter der Regie von Jim Jarmusch (und vielleicht auch weil “Down by Law” Benignis erster amerikanischer Film ist) wird seine Darbietung – völlig überraschend – zum Genuss.
Wer sich für schöne Dialoge und Sprache an sich interessiert, wird viele großartige Momente erleben. Dabei denke ich nicht an die oft zitierte und schon ziemlich laute “I scream … icecream” Nummer, sondern die vielen subtilen Gelegenheiten, die Tücken und Schönheiten einer fremden Sprache offenbaren. Einmal zeichnet Roberto ein Fenster an die Wand der Zelle und fragt Jack, den er viel zu oft mit “Zack” anredet, weil er die beiden nicht auseinanderhalten kann, ob man im Englischen “at the window” or “out the window” schaut. Jack schaut sich das auf die Zellenwand skizzierte Fenster an und antwortet, in diesem Fall schaut man “at the window”.
Zum Glück kennt Roberto einen amerikanschen Film, der einen Gefängnisausbruch beschreibt. Bald darauf befinden sich die drei glücklichen Ausbrecher in den Sümpfen Louisianas. Einem Ort, an dem es Aligatoren, Mokassinschlangen und rote Ameisen gibt, “die eine ganze Familie in einer halben Stunde auffressen” können … Eine Odyssee beginnt.
“Down by Law” ist ein minimalistischer Film, es agiert das aus anderen Jarmuschfilmen bekannte und sehr überzeugende Personal. Die Musik (Tom Waits, John Lurie) könnte besser nicht sein. Der Film hat im Gegensatz zu “Stranger than Paradise” ein weniger klares Konzept, ist aber tiefgründiger als man zunächst meinen mag. Unbedingt anschauen!
Der als Genie geltende Maler Frenhofer (Michel Piccoli) führt mit seiner Frau Liz (Jane Birkin) ein zurückgezogenes Leben in der Provinz. Seine letzte Ausstellung liegt bereits zwanzig Jahre zurück.
Der Kunstsammler Porbus (Gilles Arbona), der junge Fotograf Nicolas (David Bursztein) und dessen Freundin Marianne (Emmanuelle Béart) besuchen den Maler. Frenhofer führt seine Besucher auch in seine Werkstatt, zeigt einige Werke aus der jüngeren Vergangenheit. Darunter ist nichts, was den Maler begeistert. Seit Monaten hat er nicht gemalt.
“La Belle Noiseuse” – die schöne Querulantin – ist der Name eines Bildes, das der Maler vor Jahren begonnen aber nie beendet hat. Motiv ist die französische Kurtisane Catherine Lescault, die im 17. Jahrhundert gelebt hat. Seine Frau stand ihm damals Modell, erzählt der Maler Nicolas, aber nun sei es zu spät zum weitermalen.
Nicolas, den es als Bewunderer Frenhofers nach einem neuen Werk drängt, schlägt vor, mit seiner Freundin Marianne als Modell die Arbeit an diesem Werk wieder aufzunehmen. Frenhofer überlegt kurz und stimmt schließlich zu. Marianne wird von Nicolas von der Übereinkunft informiert und zeigt sich wenig begeistert, dass ihr Freund Frenhofer “ihren Arsch verkauft hat”.
Am nächsten Morgen erscheint sie jedoch bei Frenhofer, um sich malen zu lassen. Es beginnt ein langer Prozess der Vorbereitung, des mühsamen Wiederbeginnens, der Zweifel. Der Maler behandelt Marianne grob und drängt sie in immer neue, schmerzhafte Posen. Sie bringt ihm dafür wenig verborgene Verachtung entgegen.
Ein großer Teil der vier Stunden Film nimmt das Beobachten von Maler und Modell ein. Wir erleben, wie Frenhofer Skizze um Skizze mit Feder und Tusche in seinem Zeichenheft anfertigt. Man versinkt nach und nach in diesem Film und meint sogar die Beschaffenheit des Papiers spüren zu können, über welches des Malers Feder vernehmbar kratzt und das trotz Tusche und Wasser, mit deren Hilfe er Konturen und Hintergründe schafft, nicht nachgibt. Die Wahrheit Mariannes, welche der Maler dem Modell entlocken will, bleibt dagegen lange unter der entblößten, aber verschlossenen, abweisenden Oberfläche verborgen. Die Sitzungen dauern mehrere Tage. Das gibt immer wieder Gelegenheit, in Gesprächen die Beziehungen der unterschiedlichen Figuren zueinander neu zu beleuchten. In der Werkstatt durch das Modell Marianne und außerhalb vorrangig durch seine Frau Liz.
Jacques Rivettes Film aus dem Jahr 1991 basiert lose auf der Erzählung “Das ungekannte Meisterwerk” von Balzac. Außer den Namen der männlichen Hauptfiguren und einigen unterschiedlich stark gewichteten thematischen Anleihen haben Film und Erzählung aber wenig gemein. Im Zentrum der Erzählung steht ein Maler, dessen besessene Schöpferkraft am Ende ins Zerstörerische umschlägt und dabei das Werk und den dem Wahnsinn verfallenden Maler selbst vernichtet. Rivette trägt den Konflikt des Malers, der bei Balzac allein den Maler in seiner Werkstatt betrifft, nicht nur aus dem Jahre 1612 in die Gegenwart hinein, sondern auch in die Welt hinaus, indem er “La Belle Noiseuse” Frauenfiguren von Gewicht hinzufügt. So kann er die Auswirkungen der Wahrheitssuche auch im Umfeld des Malers zeigen.
In gedanklichen Rückblicken wird offenbar, welch starke Konkurrenz die Liebe zu Liz und das Schaffen der “La Belle Noiseuse” bildeten, in welch unauflösbare Widersprüche sie mündeten und damit das Projekt zum Scheitern brachten. Mehrfach warnt Liz Marianne vor den Gefahren, von Frenhofer gemalt zu werden, denen diese aber kein Gehör schenkt. Die Beziehungen von Liz zu Frenhofer und von Marianne zu Nicolas werden durch die Arbeit an “La Belle Noiseuse” ebenso belastet, wie sich zwischen Marianne und Frenhofer ein spannungsreiches Miteinander entwickelt. Ganz früh im Film wird die Farbe rot mit Gefahr verknüpft und blitzt in der Handlung immer wieder neu auf.
Über das Ende des Films wird man entweder ein wenig enttäuscht sein, da man den Sprung von Wahrheitssuche zur Wahrheitsfindung nicht wirklich erlebt. Zumal einem auch die Wahrheit des Bildes selbst vorenthalten wird. Weil die Behauptungen des Films nur in den Reaktionen der Akteure ihre Bestätigung finden, kann man das Verhältnis von endlos langer Vorarbeit (Skizzen, Skizzen, Skizzen) und äußerst kurzem, verhülltem Finale in seiner Gewichtung zumindest in Frage stellen.
Oder aber man ist begeistert über Rivettes Schachzug, das dem Modell entlockte Geheimnis gleichwohl der Öffentlichkeit zu verhüllen. Immerhin gibt er genügend Hinweise, um welche Art Geheimnis es sich handelt.
Wie auch immer man darüber denken mag, der Film inspiriert zu weit mehr als nur vier Stunden Nachdenken über das Gesehene hinaus. Interessant und lohnend ist natürlich auch der Vergleich mit Balzacs Erzählung.
François Hainaut (Bruno Cremer), Lehrer für Philosophie, befragt seine Schüler nach dem Unbewussten im psychologischen Sinn. Betretenes Schweigen, dann zwei sehr ernüchternde Antworten. Das Unbewusste steht doch eher weniger im Zusammenhang mit den Konsequenzen einer Tat. Und hat ebenso wenig mit dem Koma gemein, wie ein verschlafen wirkender Schüler vermutet. Da betritt Mathilde Tessier (Vanessa Paradis) die Klasse. Das Mädchen wirkt erschöpft, hat tiefe Ränder unter den Augen. Der Lehrer fordert eine Erklärung, warum sie deutlich zu spät und die letzten zwei Wochen überhaupt nicht erschienen ist. Mathilde antwortet ihm nicht. Daraufhin verweist er sie des Raumes.
Auf dem Weg nach Hause entdeckt Hainaut das Mädchen an einer Bushaltestelle. Sie liegt, völlig weiß im Gesicht, auf der Bank. Passanten erzählen, dass das Mädchen umgekippt ist. Hainaut lädt sie in sein Auto und fährt sie nach Hause. Es stellt sich heraus, dass Mathilde ganz allein lebt. Die lässt ganz unbefangen ihre Sachen fallen und legt sich ins Bett. Den Arzt, den Hainaut Mathilde rufen möchte, lehnt sie ab. Sie will nur schlafen. Hainaut verspricht, nach dem Unterricht noch einmal nach ihr zu sehen.
In der Schule erkundigt sich Hainaut nach dem Hintergrund des Mädchens, das erst ein knappes Jahr an der Schule ist. Mathilde Tessier ist siebzehn, ihre Eltern leben und arbeiten in Paris. Der Vater ist nachlässig mit seinen Sorgfaltspflichten, die Mutter selbstmordgefährdet. Die zwei Brüder haben Probleme mit der Polizei. Mathilde wird als begabt aber zerbrechlich geschildert.
Wieder in der Wohnung des Mädchens, möchte er erneut einen Arzt rufen. Sie lehnt ab. Allein vom Schlaf hat sie sich spürbar erholt. Ganz unbefangen steigt sie nackt aus dem Bett und läuft zur Dusche. Dem Lehrer, dem wie dem Zuschauer unbehaglich zu Mute wird, möchte gehen. An der Tür wird er von der herbeieilenden Mathilde abgefangen. Sie bittet ihn, zu bleiben. Er bleibt. Der Zuschauer weiß, dass Hainaut seine letzte Chance, Kontrolle über die Situation zu wahren, verspielt hat.
In der anschließenden Unterhaltung schildert sich Mathilde als Produkt der gescheiterten 68er Revolution. Als Kind von Eltern, die sich danach der Hindu Philosophie verschrieben haben: die Welt, das Leben, alles ist nur eine Illusion. Der Vater kümmerte sich nicht mehr um die Kinder, die Mutter wurde der Welt komplett entrückt. Hainaut berichtet von seiner Frau, die einen Buchladen betreibt und Artikel für die Regionalzeitung schreibt. Hainaut ruft zu Hause an – und geht mit Mathilde zu Abend essen.
Hainaut versucht Mathilde, deren Lebensphilosophie vom geboren werden, durch die Welt eilen und sterben einem Engagement in der Schule entgegensteht, Sinn zu vermitteln. Schließlich versprechen Kultur und Zeugnisse ein besseres und behaglicheres “durch die Welt eilen”. Verzweiflung ist nur verkleidete Eitelkeit, sagt er. Sie antwortet ihm, dass Verzweiflung, was immer sie sei, auf jeden Fall sehr weh tut, wenn sie einen ergreift, und damit real ist. Die beiden schweigen.
Nach dem Verlassen des Lokals anerkennt Hainaut ihre Außergewöhnlichkeit: ein Mädchen in ihrem Alter, welches so desillusioniert ist. Hier verbessert er sich und sagt, er habe “lucid” sagen wollen. Sie strahlt ihn an.
Am nächsten Tag erscheint sie zum Unterricht. Niemand kann über das Unbewusste Auskunft geben. Niemand außer Mathilde, deren Vater Psychiater ist. Hainaut lässt sie seinen Platz an der Tafel einnehmen und zieht sich selber nach hinten zurück. Während Mathilde über Freuds Therapieansatz von der Bewusstmachung unterdrückter Gedanken referiert, lauscht Hainaut ergriffen – und wie sein Gesicht andeutet – vielleicht auch betroffen.
Von seiner Frau Catherine (Ludmila Mikaël) über die Schülerin befragt, gesteht er, in Mathilde die erste außergewöhnliche Person seines Lebens zu erblicken. Während sich Hainaut des Gewichts seiner Worte gar nicht bewusst ist, wendet sich seine Frau für einen Moment ab und deutet unmissverständlich an, wie sehr sie diese Worte treffen.
In der Stunde, die noch vor dem Zuschauer liegt, wird der Lehrer alles tun, um Mathilde, deren Versäumnisse in Mathe und Französisch sie an den Rand des Schulausschlusses bringen, zu fördern. Immer mehr driftet er dabei von einem zunächst auf Faszination begründetem emotionalem Engagement in eine unmögliche Beziehung zu seiner Schülerin.
Sensibler und ehrlicher als Jean-Claude Brisseau kann man dieses brisante Thema wohl kaum bearbeiten. Die schöne Cinematographie und die tollen Darstellerleistungen machen den Film zu einem Kunstwerk.
Eine kleine Warnung vorab: “An American Crime” ist ein unbedingt empfehlenswerter und wichtiger Film. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist aber so erschütternd, dass man sich den Film eigentlich nur anschauen kann, wenn man am nächsten Tag nichts zu tun hat. Denn an Schlaf ist danach nicht zu denken. Viel zu sehr wird man vom Film aufgewühlt.
“An American Crime” beruht auf einem wahren Fall. 1965 wurde die sechzehnjährige Sylvia Marie Likens von Gertrude Baniszewski, ihren Kindern sowie deren Freunden aus der Nachbarschaft zu Tode gefoltert. Drei Monate zuvor hatten Betty und Lester Likens ihre beiden Töchter, Sylvia und Jennie, für zwanzig Dollar die Woche in die Obhut von Gertrude Baniszewski gegeben.
Die Eltern von Sylvia Likens, gespielt von Ellen Page (Hard Candy, Juno), und Jennie Likens (Hayley McFarland) sind Zirkusarbeiter. Das hat die Familie in der Vergangenheit zu häufigen Umzügen veranlasst. Freunde finden die Kinder deshalb nicht leicht. Zu Beginn des Films werden wir Zeuge, wie die beiden Mädchen eine Freundschaft mit den Kindern von Gertrude Baniszewski knüpfen.
Als sie sich einmal im Haus von deren Mutter aufhalten, schaut Vater Likens vorbei, um die Kinder abzuholen. Er kommt ins Gespräch mit Gertrude. Mit der Beziehung zu seiner Frau ist es nicht zum Besten bestellt. Durch eine Trennung von den Kindern verspricht sich der Vater eine Verbesserung im Verhältnis der Eheleute. Deshalb beschließt der Vater, seine beiden Töchter in die Obhut der ihm bis dahin unbekannten Gertrude Baniszewski (Catherine Keener) zu geben. Obwohl sie bereits sechs Kinder zu versorgen hat, nimmt Gertrude die beiden Mädchen auf, weil der Vater zwanzig Dollar pro Woche zu zahlen verspricht.
Catherine Keener ist die perfekte Besetzung für Gertrude Baniszewski. Sie verleiht Gertrude ein freundliches Erscheinungsbild. Sie agiert sanft, wirkt zerbrechlich. Die sechs, nunmehr acht Kinder stellen für die Frau eine spürbare Belastung dar. Nicht, dass die Kinder besonderer Zuwendung bedürften. Baniszewski hat zunächst einmal Geldsorgen. Ihr junger Freund, der kaum älter als ihre Tochter Paula ist und sich nur zum Vergnügen blicken lässt, zieht ihr selbst das Geld, was für das Lebensminimum der Familie – darunter auch sein noch in den Windeln liegendes Kind – notwendig ist, aus der Tasche. Er ist skrupellos und denkt keinen Augenblick an die Konsequenzen seines Tuns. Baniszewski kann ihm nichts abschlagen. Ihre Geldsorgen gehen einher mit physischen (Asthma) und psychischen Problemen (Depressionen aufgrund des Älterwerdens und verfehlter Beziehungen). Verbunden mit einer gefährlichen Selbstmedikation machen diese Umstände die Frau zu einem unberechenbaren Vulkan. Ursache und Wirkung verschwimmen, eigenes Versagen und eigene Schuld werden verdrängt. Oder schlimmer: auf ein Opfer, das sich nicht wehren kann, projiziert: Sylvia Likens.
All diese ungünstigen Umstände führen in der Wahrnehmung dazu, dass die äußerlich sanft und zerbrechlich wirkende Frau bald schon als größere Bedrohung wahrgenommen wird, als das mit einer anderen Besetzung oder bei offen zur Schau getragener Brutalität der Fall gewesen wäre.
Ein Scheck über zwanzig Dollar, der nicht termingerecht eintrifft, leitet das Drama ein, indem er das Ausmaß der geistigen Gestörtheit zum ersten Mal aufblitzen lässt. Baniszewski führt die Mädchen in den Keller, um sie an des Vaters Stelle bzw. für ihre eigene Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, zu bestrafen. Weil ihr das nicht bewusst ist, die Verdrängung perfekt funktioniert, hat sie keinerlei Unrechtsempfinden, glaubt sogar an eine pädagogische Maßnahme.
Als Baniszewskis schwangere Tochter Paula (Ari Graynor) Stress und Ärger mit ihrem Freund, einem verheirateten Mann, bekommt, ist es wieder Sylvia, die bei der Mutter wegen übler Nachrede angeschwärzt, die Konsequenzen zu spüren bekommt. Eine ganz fürchterliche, an Intensität stetig zunehmende Entwicklung hat eingesetzt.
Der Film hält sich zum Glück mit der Illustration der Folter zurück. Er geht genau soweit, dass jedem verständlich wird, was das Mädchen zu erdulden hat. Verständlich insoweit, als das einem Nichtbetroffenen überhaupt möglich ist. Die Wirkung ist eindringlich genug. Sie wird vor allem dadurch erzielt, dass eine Atmosphäre geschaffen wird, in der das Opfer völlig hilflos ist. Alle Personen wenden sich gegen das Mädchen. Selbst ihre Schwester schweigt aus Angst vor Strafe.
Die Folterung Sylvia Likens ist von Gertrude Baniszewski als Bestrafung legitimiert. Als eine Maßnahme, die ihr Besserung lehren soll. Das ist für die Kinder und die Freunde der Kinder eine verheerende ethische Vorgabe. Schon bald verbringen alle zusammen ihre Nachmittage im Keller von Gertrude Baniszewskis Haus damit, Sylvia Likens zu foltern. Niemand schreitet ein, gegenseitig stacheln sie sich noch auf. Obwohl alle wissen, dass Sylvia Likens “eigentlich” gar nichts Schlimmes getan hat, hält niemand inne.
Muss man so etwas zeigen? Warum ist der Film so wichtig? Weil die Zeitungen regelmäßig von Ereignissen berichten, bei denen Schutzbefohlene zu Tode kommen. Folter in diesem Umfang wird fast nie im Spiel sein. Aber Vernachlässigung – auch eine Form von Folter – die dann zum Tode oder nur knapp daran vorbei führt, ist nicht weniger schlimm. Es ist immer das schwächste Glied im sozialen Gefüge, das bei Überforderung zum Opfer wird. Und immer hätten Nachbarn oder Angehörige einschreiten können, wenn sie sich nicht dazu entschlossen hätten, lieber nichts zu sehen. Der Film hinterlässt einen solchen Eindruck, dass der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit und Courage vielleicht doch mehr als nur eitle Hoffnung ist.
Andere Regisseure wären möglicherweise versucht gewesen, die Mutter mit kräftigen Farben als Monster zu zeichnen. Ihre Person mit kleinen Tricks zu dämonisieren. Das hätte es für den Zuschauer aber zu leicht gemacht. Der Film beweist, dass dies gar nicht notwendig ist. Auf diese Weise ist die Wirkung beim Zuschauer noch nachdrücklicher. Weil man kein primitives Monster serviert bekommt, befindet sich der Zuschauer zudem in einem Dilemma. Es ist niemand da, auf den man leicht und ohne Nachdenken Wut und Schmerz, die sich beim Sehen des Films zwangsläufig einstellen, umleiten kann. Man muss sich also Gedanken machen. Über die Mutter, die Eltern, das schweigende Umfeld, aber auch über eine Welt, in der Vergleichbares immer wieder geschieht, weil die Menschen sind, wie sie sind. Und irgendwo sieht man vielleicht auch die eigene Person als Punkt im Bild und hofft, im rechten Augenblick mehr Mut als z.B. die Nachbarn zu besitzen.
Deshalb ist die Besetzung der Rolle Gertrude Baniszewskis mit Catherine Keener so gelungen. In ihrem harmlosen äußeren Erscheinen provoziert sie geradezu die bekannten Rechtfertigungsmuster derjenigen, die nicht eingreifen: “… wirkte so freundlich und harmlos …”, ” … ich hätte nie gedacht …”
Insoweit besitzt der Film von Tommy O’Haver Gültigkeit weit über den Film hinaus. Möglicherweise heißt der Film auch deshalb “An American Crime” und nicht “The Case Sylvia Likens”.
“Cloverfield” gehört zu der Kategorie Film, bei dem die Idee zum Film schon fast die gesamte Story des Films ist. Eine vernünftige Handlung existiert nicht. Selbst die Idee, die die Macher zum Film inspiriert haben mag, bleibt verschwommen. Richtig klar ist nur, welche Vorgängerfilme als Inspiration gedient haben. Was es gibt, sind flache Figuren, die sehr fragwürdige Entscheidungen treffen und ein gerüttelt Maß verwackelter Bilder. Nein, “Cloverfield” mag in keiner Beziehung so recht befriedigen.
Worum geht es? Die Freunde von Rob (Michael Stahl-David) veranstalten im New Yorker Stadtteil Manhatten ihrem Freund zu Ehren, der einen Job in Japan angenommen hat und sie verlassen wird, eine Abschiedsparty. Einem Partygast, Hud (T.J. Miller), wird eine Videokamera in die Hand gedrückt, um den Abend festzuhalten. Das ist auch die Perspektive, aus der wir den Film erzählt bekommen. Hud, der Neuling hinter der Kamera, liefert uns die Bilder!
Plötzlich geht eine gewaltige Erschütterung durch das Gebäude, am Horizont zeichnet sich die Feuerwolke einer Explosion ab. Alles denkt zunächst an einen Terroranschlag und flieht auf die Straße. Wie sich zeigt, ist ganz Manhattan auf der Flucht. Ein riesiges, haushohes Ungeheuer attackiert die Stadt. Häuser stürzen ein. Der Kopf der Freiheitsstatue rollt die Straße herunter. Kleinere Monster, eine Mischung aus Krabbe und Spinne, attackieren die Menschen. Da bekommt Rob einen Anruf: seine Freundin ist in ihrem Appartement eingeklemmt. Natürlich bricht er auf, um sie zu befreien. Natürlich begleiten ihn Kameramann Hud und zwei Frauen (Lizzy Caplan, Jessica Lucas). Das ist nicht zwingend logisch, aber Filmmonster sind hungrig. Während die Monster der Gruppe zusetzen, fallen immer wieder Worte wie “Oh shit!”, “Oh mein Gott!” und “Jesus Christ!”. Dann passiert noch ein wenig, was aber der “Spannung” zu Liebe nicht verraten werden soll. Und dann ist Schluss. Viele Fragen hallen nach.
Da hat man sich wohl des Konzeptes von “Blair Witch Project” erinnert und etwas “Godzilla” beigemengt. “Blair Witch Project” hatte allerdings den Vorteil, dass die Idee damals noch ganz neu und die Geschichte spannender und komplexer war. Vor Jahren wusste man noch, dass eine Handkamera eingesetzt wird, auch wenn die Bilder nicht permanent herumwackeln. Wem Effekte allein (circa eine Minute riesige Monster-CGI, der durch die Straße rollende Kopf der Freiheitsstatue) nichts bedeuten, dem wird “Cloverfield” leicht zur Verzweiflung treiben.
Der Film verrät nicht, woher die Monster kommen. Das ist hinsichtlich der Perspektive, aus der der Film erzählt wird, konsequent. Aber der Zuschauer fragt sich natürlich nach der Ursache, der Herkunft. Ein Raumschiff? Unwahrscheinlich. Aus dem Meer? Wie Godzilla? Mal wieder ein Unfall im streng geheimen Biolabor der Regierung? Eine befriedigende Antwort ist nicht in Sicht. Die Monster erscheinen daher wie aus dem Hut gezaubert. Vielleicht ist es aber auch von Vorteil, wenn man die dünne Handlung stetig mit Fragen begleitet. Das lenkt ab.
Technisch (Perspektive, Erzählstruktur) ist der Film in Ordnung. Der Regisseur packt den Zuschauer gleich zu Beginn bei der Hand und führt ihn durch den Film. Man hat niemals den Eindruck, stehengelassen, vergessen zu werden und auf ein brüchiges Konstrukt zu blicken. Leider stellt sich die Reise, auf die einen der Regisseur da mitgenommen hat, als ein Angebot heraus, das man nicht hätte buchen müssen.