Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for March, 2008


Match Point (2005)

Es gibt einen schönen Film von Krzysztof Kieslowski aus dem Jahr 1987: “Przypadek” (Der Zufall, möglicherweise). “Przypadek” zeigt drei Episoden, die alle damit beginnen, dass Witek, der Protagonist des Films, versucht, einen gerade abfahrenden Zug zu erreichen. In der ersten Episode erreicht er den Zug. Im Zug trifft er einen Genossen der kommunistischen Partei. Er wird später selber ein Mitglied der Partei. In der zweiten Episode stößt er beim Versuch, den Zug zu erreichen, einen Polizisten an. Er wird ausfallend, worauf hin man ihn verhaftet. Sein Weg führt in die Opposition. In der dritten Episode verpasst er den Zug. Er trifft eine junge Frau, die er später heiratet. Von der Politik hält sich fern. – Tom Tykwer hat das Thema in seinem Film “Lola rennt” (1998) neu interpretiert.

Match Point (2005)

“Match Point” zeigt zu Beginn die Nahaufnahme eines Tennisnetzes. Ein Ball wird darüber hin und her geschlagen. Eine Stimme aus dem Off, die sich irgendwo zwischen Beschreibung und Offenbarung bewegt, teilt dem Zuschauer mit, wie viel im Leben doch vom Zufall abhängt:

The man who said “I’d rather be lucky than good”, saw deeply into life.

Und wie wenig wir uns dessen bewusst sind; wie viel nicht unserer Kontrolle unterliegt. Zur Illustration prallt ein Tennisball an die Netzkante und fliegt genau über dem Netz in die Höhe. Das Bild gefriert. Auf welcher Seite des Netzes wird der Ball herunterfallen? Mit etwas Glück in die richtige Richtung und das Spiel wird gewonnen.

Woody Allen wählt wie auch Krzysztof Kieslowski oder Tom Tykwer den gleichen faszinierenden Gedanken als Ausgangspunkt für einen Film: den Zufall. Er entwickelt aber ein völlig anderes Konzept für “Match Point”. Er verzichtet auf Episoden, die einen leichten Vergleich ermöglichen, weil sie den gleichen Ausgangspunkt wählen und sich dann – von einem Punkt aus – in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Allen erzählt eine zeitlich lineare Geschichte, in der der Zufall nicht zu Beginn, sondern – der Filmtitel deutet darauf hin – am Ende darüber bestimmt, ob das “Spiel”, welches in Allens Film natürlich mehr als ein simples Tennismatch ist, gewonnen wird.

Die Spielfläche des Films ist London. In einem von moralischer Nachdenklichkeit befreitem Raum treffen attraktive Under Class und vermögende Upper Class aufeinander, um sich in einem Netz von Lust, Liebe und dem Verlangen nach finanzieller Sicherheit zu verlieren.

Der Tennisspieler Chris (Jonathan Rhys Meyers), dem die Ambition für die Tour und wahrscheinlich auch das letzte Stück Talent fehlt, um ein ganz Großer zu werden, zieht nach London, wo er als Tennislehrer arbeitet. Hier gibt er dem aus sehr vermögendem Hause stammenden Tom Hewett (Matthew Goode) Stunden. Der lädt ihn bald darauf in die Oper ein. Der Grund offenbart sich in der Loge: seine Schwester Chloe Hewett (Emily Mortimer) muss Chris nur zweimal anschauen, um sich in ihn zu verlieben.

Chloe ist nicht hässlich und die Vorzüge eines reichen Elternhauses helfen zusätzlich, die beiden zusammenzubringen. Wirklich hingezogen fühlt er sich aber zur schönen Nola (Scarlett Johansson), der er eines Tages im Haus von Chloes Eltern begegnet. Nola ist Amerikanerin mit Schauspielambitionen. Sie stellt sich als die im Hause Hewett wenig geschätzte Freundin von Tom heraus.

Schon bald bringt die Lust Chris und Nola zusammen. Chris, der sich mehr als einen Augenblick Leidenschaft erhofft, wird aber von Nola, die sich durch eine Heirat mit Tom finanziell absichern möchte, eine kalte Abfuhr erteilt.

Und so heiratet Chris, dem Chloes Vater inzwischen einen sehr gut bezahlten Job in einer seiner Firmen besorgt hat, Chloe.

Die avisierte Heirat zwischen Nola und Tom kommt am Ende nicht zustande. Tom tauscht seine Partnerin gegen eine bessere, von der Familie zudem besser akzeptierte Partie aus.

Eines Tages begegnen sich Chris und Nola in der Stadt. Während sich Chris und Chloe vergeblich um ein Kind bemühen, flammt die einst so rauh beendete Beziehung in neuer Leidenschaft wieder auf.

Chris verliert sich in einem auf Dauer gefährlichen Doppelspiel aus Liebe und finanzieller Sicherheit einerseits, und der Lust auf Nola andererseits. Immer wieder kann er Nola mit der Versicherung, Chloe zu verlassen, nur eben nicht gerade jetzt, hinhalten. Als Nola schwanger wird, droht das Versteckspiel aufzufliegen.

Was bis zu diesem Zeitpunkt ein ernüchterndes, in seiner rationalen Präzision frostig temperiertes Portrait moderner Beziehungen gewesen ist, entwickelt sich zum Thriller. Über dessen Ausgang wird in letzter Konsequenz der Zufall bestimmen.

“I’d rather be lucky than good”, um den Gedanken vom Beginn noch einmal aufzugreifen, ist in Woody Allens tollem Film mehr als ein bloßes Zitat. Keine der Figuren ist in einem moralischen Sinn wirklich gut. Die Moral ist etwas, das man überwunden hat.

Wertung: 9/10

John Fords Kavallerie Trilogie – Teil I

Wer hinter dem Wort “Trilogie” das Konzept vermutet, einen bestimmten Stoff so umfassend zu behandeln, dass daraus drei Filme entstehen, der liegt falsch. Zwar erzählen alle Filme der Trilogie ihre Geschichten oft mit gleichem Personal, aber die Schauspieler verkörpern zum größten Teil unterschiedliche Figuren. Alle Filme haben einen eigenständigen, nicht aufeinander aufbauenden und abgeschlossenen Inhalt.

Der letzte Film der Reihe, Rio Grande (1950), ist zudem ein Kompromissprojekt, den John Ford nur drehte, um von seinem neuen Studio die Genehmigung für seinen Wunschfilm “The Quiet Man” zu erhalten.

“Kavallerie Trilogie” nimmt man deshalb am besten wörtlich: es sind Filme, die mehr oder weniger deutlich den Alltag in der US-Kavallerie im Westen der Vereinigten Staaten in der Generation nach dem Bürgerkrieg beschreiben. In dieses Geschehen werden die unterschiedlichen Geschichten eingebettet.

Wer mit dem Werk von John Ford weniger vertraut ist und dem der Gegenstand deshalb verdächtig nach tendenziösem Patriotismus klingt, wird gleich mit dem ersten Film eindrucksvoll eines besseren, deutlich mehrdimensionalen Blickwinkels belehrt.

Fort Apache (Bis zum letzten Mann, 1948)

Im ersten und besten Film der Trilogie beschäftigt sich John Ford mit dem Heldenmythos. In diesem Sinne ist der Mythos etwas, das im Nachhinein entsteht. Was da entsteht, muss mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. Wesentliche Bestandteile – insbesondere beim Heldenmythos – sind Auslassung, Vereinfachung und Übersteigerung.

John Ford - Fort Apache

So konnte auch General Custer, der aufgrund maßloser Arroganz und Dummheit mit all seinen Männern am Little Big Horn umkam, zunächst zum Helden werden. “Fort Apache” erzählt nicht seine Geschichte, aber die Rolle des Lt. Col. Owen Thursday (Henry Fonda) hat viel mit dem historischen “Vorbild” gemein.

Thursday wird nach Fort Apache versetzt. Er reist mit seiner hübschen Tochter Philadelphia an. Thursday ist ehrgeizig, überheblich und, was die Mischung gefährlich macht, dumm.

Nach dem Bürgerkrieg fühlt er sich hier auf das Abstellgleis geschoben. Mit seiner arroganten Art, die überall Nachlässigkeit, Missgunst und Inkompetenz wittert, verspielt er sich im Handumdrehen alle Sympathien. Die Indianerkriege mit ihren Unruhen in der Gegend sind für ihn die Chance, sich zu bewähren und endlich den Ruhm zu erlangen, der ihm seiner Meinung nach zukommt.

Der Thursday unterstellte Capt. Kirby York (John Wayne) ist da schon von anderem Kaliber. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, bricht er in das Lager der Indianer auf, um diese zu einer Rückkehr ins Reservat zu bewegen. Seine Verhandlungen sind erfolgreich, er kehrt erleichtert zurück.

Gegen allen Rat und gegen die von York mit den Indianern vereinbarte Absprache, bricht Thursday mit seinen Truppen auf, um durch ein provoziertes und ganz unnötiges Gefecht zu einem ruhmvolleren Ergebnis als einem bloßen Verhandlungssieg zu gelangen. Diese Vermessenheit reißt ihn und den größten Teil der Truppe in den Untergang.

Als der Film ausklingt, hat die Mythenbildung um einen heroischen Lt. Col. Owen Thursday, dessen Weste keine Flecken ausweist, bereits eingesetzt.

“Fort Apache” besitzt eine phantastische Cinematographie. Sie allein macht den Film schon sehenswert. Bis zur kleinsten Wolkenformation wird alles genutzt, um atemberaubend schöne Bilder zu komponieren. Die Landschaft des Monument Valley bietet die Kulisse für beeindruckende Hintergrundbilder.

Die Handlung selber, die viel subtiler erzählt wird, als man vermutet und die interessanten Nebenstränge machen den Film erst recht sehenswert. Die Indianer werden nicht als brutale Wilde dargestellt. Sie sind das Opfer verfehlter Politik und zeigen sich im Gefecht anständiger als die von Thursday geführten Truppen. Ford erzählt keine simple Gut kontra Böse Geschichte, sondern entwirft ein für seine Zeit beeindruckend ausgeglichenes Panorama, das durch seine Nebengeschichten eine komplexe Detaildichte besitzt.

Man langweilt sich beim Sehen keine Sekunde, was – neben vielen ernsten Zwischentönen – auch am vereinzelt eingestreuten Ford-typischen Humor liegt. Hier übertreibt es Ford zum Glück nicht. In “She Wore a Yellow Ribbon” (1949) gibt es dann schon eine Szene, die das Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Stereotypen in seinen Figuren umschifft der Film in bemerkenswerter Weise. Was man bemängeln kann, ist höchstens die von einer bestimmten Philosophie geprägte Erzählweise. Nämlich dass der “einfache Mann” dem Gutmenschen immer am nächsten kommt. Aber selbst das lässt nicht so absolut formulieren.

Wenn dann bei aller Einschränkung doch Patriotismus und ein Loblied auf die Pflichterfüllung mitschwingt, dann handelt es sich dabei um eine historisch korrekte Beschreibung der Zeit vor der Jahrhundertwende.

Wertung: 9/10

Pickup on South Street (1953)

“Pickup on South Street” ist ein Film über einen Taschendieb, der vor dem Hintergrund der “Kommunistischen Bedrohung” zufällig in den Besitz von brisanten Mikrofilmaufnahmen gelangt, als er in der U-Bahn eine Handtasche leert, was ihn zur Hauptfigur in einem Spiel von unterschiedlichen Interessen macht.

Pickup on South Street (1953)
Bild: Moe (Thelma Ritter) und McCoy (Richard Widmark)

Um die kommunistische Bedrohung selbst geht es in einem der bekanntesten Filme von Samuel Fuller aber nur vordergründig. Gerade weit genug, um darum einen spannenden Thriller im Stil des Film Noir zu entwickeln. Die einzig erkennbare Funktion, die der kommunistischen Gefahr als einer anonymen Macht im Film zukommt (übrigens einem Film, der vom FBI als pro-kommunistisch und von den Kommunisten als anti-kommunistisch interpretiert wurde), ist, den Taschendiebstahl McCoys erheblich zu relativieren.

Dass der politische Subtext belanglos ist, zeigt auch die zeitgenössische französische Übersetzung. Auf Grund des noch vorhandenen Einflusses der kommunistischen Partei in Frankreich, wurde aus dem Spionagethema einzig durch Synchronisation ein Film über Drogen (”Le Porte de la drogue”)!

Worum es in diesem von exzellent agierenden Hauptfiguren getragenen Film wirklich geht, sind Emotionen zwischen Gewalt, Leidenschaft und Liebe.

Richard Widmark, der den dreifach vorbestraften Taschendieb Skip McCoy spielt, ist gerade aus der Haft entlassen worden. Bei einem seiner ersten Beutezüge in der U-Bahn fallen ihm Mikrofilmaufnahmen in die Hände, welche die Prostituierte Candy, gespielt von einer grandiosen Jean Peters, in einem letzten Auftrag für ihren ehemaligen Freund Joey (Richard Kiley) transportiert.

Pickup on South Street (1953)
Bild: Candy (Jean Peters)

Joey steht schon länger im Verdacht der Spionage. Deshalb werden er und Candy auch überwacht. Die Polizei wird dadurch Zeuge des Taschendiebstahls. McCoy entkommt aber. Über Moe, gespielt von der für ihre Darbietung oscarnominierten Thelma Ritter, die sich im Milieu der Kleinkriminellen gut auskennt und dort kleine Geschäfte macht, versuchen Polizei und Gangster an McCoy heranzukommen. Die Rolle der Moe ist dabei von ambivalentem Charakter. Einerseits macht sie Geschäfte mit der Polizei und verkauft Informationen. Andererseits steht sie McCoy sehr nahe.

Die Glaubwürdigkeit der Handlung ruht öfters auf ganz dünnem Eis. Das ist aber belanglos, weil der Film auf seiner Ebene fantastisch funktioniert. Überhaupt scheint die Handlung vorrangig dazu zu dienen, um Seelenzustände darzustellen oder Emotionen zuzulassen: Einmal überrascht Candy – die über Moe die Adresse von McCoy inzwischen erfahren hat – diesen auf einem seltsam märchenhaft anmutenden Hausboot auf dem East River, um für Joey, der von seinen Auftraggebern mittlerweile selber unter Druck gesetzt wird, den Mikrofilm zurückzukaufen. McCoy schlägt sie brutal nieder. Mit einem Schwapp im East River gekühlten Bieres weckt er die Bewusstlose wieder auf. Candy verliebt sich natürlich sofort in einen solch rauhen Kerl …

Auch das Ende ist nicht so ganz glaubwürdig. Das stört aber den Eindruck, einen tollen Film gesehen zu haben, nicht im mindesten. Und wann lässt sich das schon einmal behaupten!

Wertung: 8.9/10

Hard Candy (2005)

Wie der Titel verspricht, ist “Hard Candy” keine leichte Kost. Zwar dürfte sich der Titel eher auf die Hauptfigur beziehen, die ihrem Gegenüber schwer zusetzt, aber auch dem Zuschauer schlägt der Film auf den Magen.

Hard Candy (2005)

Die erste Einstellung zeigt einen Computerbildschirm. Ohne Vorgeschichte werden wir Zeuge, wie sich “Lensman319″ gerade mit “Thonggrrrl14″ verabredet. Hinter “Lensman319″ verbirgt sich Jeff Kohlver, gespielt von Patrick Wilson. Kohlver ist ein 32-jähriger Fotograf, der seine Freizeit gern Online in Chatrooms verbringt. “Thonggrrrl14″ ist die 14-jährige Hayley Stark (Ellen Page).

Was folgt, hätte mit einer weniger herausragenden Besetzung leicht daneben gehen können. Aber Patrick Wilson und vor allem Ellen Page – die beim Dreh bereits 17 Jahre alt war – verleihen einem tollen Drehbuch herausragende Gestalt.

Die beiden treffen sich in einem Cafe. Sie teilen gemeinsame Interessen und können sich gut und angeregt unterhalten. Unter dem Vorwand, Hayley einen Konzertmitschnitt zu geben, fahren sie in die Wohnung von Kohlver. Das angebotene Getränk lehnt Hayley ab. Bei Fremden niemals etwas trinken, dessen Zubereitung man nicht beobachtet hat, sagt sie halb im Scherz.

Also mixt Hayley selber etwas zurecht. Der Fotograf hätte sich besser auch an den Grundsatz gehalten, denn ehe er die ersten Bilder von Hayley machen kann, wird ihm schon schlecht. Als er wenig später wieder erwacht, findet er sich an einen Stuhl gefesselt wieder. Von Hayley wird er dem Vorwurf der Pädophilie ausgesetzt.

Die Mittel, die Hayley einsetzt, sind äußerst drastisch und dürften manchen Zuschauer aus dem Sessel rutschen lassen. In diesem Zusammenhang ist es mehr als vernünftig, die Rolle der Hayley von der bereits 17-jährigen Ellen Page spielen zu lassen. Deren überragende Schauspielkunst lässt den Zuschauer keinen Moment über die Frage nachsinnen, ob sie nicht vielleicht doch zu intelligent (wenngleich nicht weise) für ihr Alter agiert. Sie wird Kohlver mit ihrer Klugheit zur Verzweiflung, wenn nicht sogar einen Schritt darüber hinaus bringen.

Das Psychoduell in diesem technisch bewunderswert makellosen Film (Regie: David Slade) lebt vor allem von der Spannung, die von Beginn bis zum Ende mit unterschiedlichem Gegenstand aufrechterhalten wird. Das “Spiel” steigert sich bis zur Frage, ob Kohlver vielleicht sogar in die Entführung oder gar Ermordung eines verschwundenen Mädchens verstrickt ist.

Hard Candy (2005)

Wenn der Film vorüber ist und man noch ganz verstört unter den Eindrücken der teils schockierenden Bilder – viele sind psychologischer Natur und werden im Kopf zu Ende gedacht – steht, tauchen langsam Fragen auf, die einen lange bewegen werden. “Hard Candy” gibt keine Antworten, reißt aber genug Themen (Motive) an, um über das Verhalten von Kohlver und Hayley nachzudenken. Insbesondere über Hayley, deren Verhalten man nicht billigt, der man aber sehr viel Sympathie entgegenbringt, und deren Rache wird man nachdenken.

Mit gutem Grund kann man annehmen, dass der Film nicht das eine Übel (Pädophilie) mit einem anderen (Sadismus) bekämpft und letzteres als endgültige Lösung anbietet. Die 14-jährige Hayley ist überdurchschnittlich intelligent, aber lebensunerfahren und unreflektiert. Der Film zeigt ihr Verhalten und stellt es dem Zuschauer anheim, sich damit auseinanderzusetzen. Das verlangt etwas Zeit, ist aber nicht zu viel Einsatz für ein im Gegenzug beeindruckendes Filmerlebnis.

Wertung: 8.8/10

Stagecoach (1939)

Stagecoach ist der Name eines vierrädrigen Kutschentyps. Gewöhnlich von vier Pferden gezogen, war diese Kutsche das gängige Langstreckenbeförderungsmittel bevor die Eisenbahn die Weiten Amerikas erschlossen hat. Eine lange Reise in einer solchen Kutsche (coach) erfolgte in Etappen von einer Station (stage) zur nächsten. Die Reiseroute des Films via “Overland Stage Line” verläuft von Tonto über Dry Fork, Apache Wells, Lee’s Ferry nach Lordsburg.

Stagecoach

Die erste Szene des Films zeigt eine Telegraphenstube, in der eine militärische Lagebesprechung stattfindet. Die Apachen der Gegend sind unter der Führung des aus dem Reservat ausgebrochenen Geronimo auf dem Kriegspfad und haben bereits zahlreiche Häuser in Brand gesteckt. Ein gerade eintreffender Funkspruch aus Lordsburg bricht nach dem ersten Wort ab. Die Meldung lässt Schlimmes ahnen: “Geronimo …”

Zur gleichen Zeit trifft in Tonto eine Kutsche ein. An Bord befinden sich bereits Lucy Mallory (Louise Platt), die ihren Mann Richard in Lordsburg besuchen möchte und Samuel Peacock (Donald Meek), ein Whiskyhändler. Nach einem kurzen Zwischenstop soll die Reise fortgesetzt werden.

Das ist die Gelegenheit, um die weiteren Fahrgäste einzuführen. Das sind Marshal Curly Wilcox (George Bancroft), der den Ausbrecher Ringo Kid verhaften möchte, der alkoholabhängige Doctor Boone (Thomas Mitchell), Dallas, eine Prostituierte, die von der “Law and Order League” aus der Stadt getrieben wird und Hatfield (John Carradine), ein sich als Gentleman gerierender Glücksspieler, der Lucy Mallory vorgeblich seinen Schutz anbieten möchte.

Wegen Geronimo und seinen Leuten stellt die Armee der Kutsche eine Eskorte zur Verfügung, warnt aber alle Reisenden über die Risiken. Niemand der unterschiedlich stark verängstigten Reisenden mag von der Reise Abstand nehmen. Am Ortsrand steigt in letzter Sekunde noch der zwielichtige Bankdirektor Henry Gatewood (Berton Churchill) zu.

Kaum haben die Reisenden die Stadt hinter sich gelassen, fängt die Kamera zum ersten Mal das beeindruckende Hintergrundpanorama des Monument Valley ein, durch welches die Reise führt. Der Regisseur wird Gefallen an der Landschaft gefunden haben, schließlich kam er für weitere acht Filme an diesen Drehort zurück.

Wenig später macht sich der letzte Mitfahrer durch einen Schuss in die Luft am Wegesrand bemerkbar. Es ist John Wayne in der Rolle des Ringo Kid. Dem wird von John Ford eine beeindruckende Einführung in den Film, der Wayne zum Star machen wird, zugestanden: den Sattel über den linken Arm geworfen und mit einem Gewehr in der Rechten, das er lässig wie einen Revolver herumschwingt – im Hintergrund die Tafelberge -, hält er die Kutsche an, während die Kamera ganz dicht an ihn heranzoomt. Unvergesslich!

Ringo Kid, der auf dem Weg nach Lordsburg war, um eine Rechnung mit den Plummer Brüdern zu begleichen, hat sein Pferd im Stich gelassen. Er wird vom Marshal freudig begrüßt und sofort unter Arrest gestellt. Eine böse Überraschung für Ringo.

In der nächsten Station wartet auf alle Reisenden eine böse Überraschung. Die Eskorte, die die Kutsche eigentlich übernehmen sollte, wurde abkommandiert. Die Weiterreise, von der niemand lassen möchte, wird noch gefährlicher.

Die Kamera schwenkt immer wieder über die Landschaft und fängt beeindruckende Bilder von der einsam durch das Monument Valley fahrenden Kutsche ein. Wie ein Kontrast schlagen einem die Bilder aus dem beengten Innenraum entgegen, in dem die unterschiedlichsten Typen dicht gedrängt gegenüber sitzen und miteinander hadern. Ihre Vorurteile wirken vor dieser großartigen und weiten Kulisse der Natur so recht als das, was sie sind. Die Reise durch die Wüste scheint zugleich ein Ort der Reinigung zu sein. Aber das alles braucht Zeit, die sich der Film nimmt, ohne sie zu vergeuden. Was am Anfang noch wie eine reichlich konstruierte Reisegruppe gewirkt hat, füllt der Film mit Leben: er verwandelt die Figuren in Individuen.

Im Figurenensemble richtet der Film besondere Aufmerksamkeit auf das Verhältnis des Outlaws Ringo zu Dallas. Der weiß zunächst nichts von deren beruflicher Tätigkeit, was die sich anbahnende Liebe mit einer gewissen Unsicherheit für die Zukunft behaftet.

Auch für den inhaftierten Ringo bringt man Verständnis auf, wenn man erst einmal mehr über dessen Hintergrund erfahren hat. Bald macht er Dallas den Vorschlag, ihm auf seine Ranch hinter der Grenze zu folgen. Vorher möchte er freilich noch Rache an den drei Plummer Brüdern nehmen, die er in Lordsburg vermutet.

Zuerst gilt es aber das Problem mit seiner Inhaftierung zu lösen. Und so lange die Kutsche nicht Lordsburg erreicht hat, ist überhaupt niemand in Sicherheit. Deshalb spitzt sich die Lage erneut zu, als die Kutsche durch ein überraschendes Ereignis aufgehalten wird, bei dem sich Doc Boone auszeichnen kann.

Manche Figuren der großen Gruppe bleiben im Film notgedrungen etwas blass, aber es gibt niemanden, den der Regisseur nicht mit ein paar Bildern Persönlichkeit einhauchen kann. Ein gutes Beispiel ist Peacock, der Whiskeyhändler, der mehr Gegenstand eines running gag und Projektionsfläche für den Trinker Doc Boone ist. Boone pflegt ein von großer Zuneigung geprägtes Verhältnis zum von ihm als “Reverend” verehrten Peacock, weil der dankenswerterweise mit einem großen Koffer von Probeexemplaren reist, den Boone “verwaltet”. Nicht zu Unrecht hat der in diesem Jahr dreifach nominierte Thomas Mitchell für seine philosophisch angehauchte Darstellung des Doc Boone den Oscar für die beste Nebenrolle bekommen.

Prägen die Reise vor allem soziale Aspekte, kommt im großen Showdown Hollywood auf seine Kosten. Aber vor dem finalen Duell müssen erst einmal die Gefahren der Reise überstanden werden. Geronimo und seiner Krieger machen sich nämlich schon für eine eindrucksvolle Verfolgung mit spektakulären Stunts bereit.

“Stagecoach” war John Fords erster Western mit Ton. Der Film war eine Revolution für das Westerngenre, das bis dahin vor allem das B-Movie beherrschte. Die Zeit hat dem Film wenig anhaben können. Es wäre schade, wenn man dieses sehenswerte Stück Filmgeschichte nicht kennt.

Wertung: 9/10