Es gibt einen schönen Film von Krzysztof Kieslowski aus dem Jahr 1987: “Przypadek” (Der Zufall, möglicherweise). “Przypadek” zeigt drei Episoden, die alle damit beginnen, dass Witek, der Protagonist des Films, versucht, einen gerade abfahrenden Zug zu erreichen. In der ersten Episode erreicht er den Zug. Im Zug trifft er einen Genossen der kommunistischen Partei. Er wird später selber ein Mitglied der Partei. In der zweiten Episode stößt er beim Versuch, den Zug zu erreichen, einen Polizisten an. Er wird ausfallend, worauf hin man ihn verhaftet. Sein Weg führt in die Opposition. In der dritten Episode verpasst er den Zug. Er trifft eine junge Frau, die er später heiratet. Von der Politik hält sich fern. – Tom Tykwer hat das Thema in seinem Film “Lola rennt” (1998) neu interpretiert.

“Match Point” zeigt zu Beginn die Nahaufnahme eines Tennisnetzes. Ein Ball wird darüber hin und her geschlagen. Eine Stimme aus dem Off, die sich irgendwo zwischen Beschreibung und Offenbarung bewegt, teilt dem Zuschauer mit, wie viel im Leben doch vom Zufall abhängt:
The man who said “I’d rather be lucky than good”, saw deeply into life.
Und wie wenig wir uns dessen bewusst sind; wie viel nicht unserer Kontrolle unterliegt. Zur Illustration prallt ein Tennisball an die Netzkante und fliegt genau über dem Netz in die Höhe. Das Bild gefriert. Auf welcher Seite des Netzes wird der Ball herunterfallen? Mit etwas Glück in die richtige Richtung und das Spiel wird gewonnen.
Woody Allen wählt wie auch Krzysztof Kieslowski oder Tom Tykwer den gleichen faszinierenden Gedanken als Ausgangspunkt für einen Film: den Zufall. Er entwickelt aber ein völlig anderes Konzept für “Match Point”. Er verzichtet auf Episoden, die einen leichten Vergleich ermöglichen, weil sie den gleichen Ausgangspunkt wählen und sich dann – von einem Punkt aus – in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Allen erzählt eine zeitlich lineare Geschichte, in der der Zufall nicht zu Beginn, sondern – der Filmtitel deutet darauf hin – am Ende darüber bestimmt, ob das “Spiel”, welches in Allens Film natürlich mehr als ein simples Tennismatch ist, gewonnen wird.
Die Spielfläche des Films ist London. In einem von moralischer Nachdenklichkeit befreitem Raum treffen attraktive Under Class und vermögende Upper Class aufeinander, um sich in einem Netz von Lust, Liebe und dem Verlangen nach finanzieller Sicherheit zu verlieren.
Der Tennisspieler Chris (Jonathan Rhys Meyers), dem die Ambition für die Tour und wahrscheinlich auch das letzte Stück Talent fehlt, um ein ganz Großer zu werden, zieht nach London, wo er als Tennislehrer arbeitet. Hier gibt er dem aus sehr vermögendem Hause stammenden Tom Hewett (Matthew Goode) Stunden. Der lädt ihn bald darauf in die Oper ein. Der Grund offenbart sich in der Loge: seine Schwester Chloe Hewett (Emily Mortimer) muss Chris nur zweimal anschauen, um sich in ihn zu verlieben.
Chloe ist nicht hässlich und die Vorzüge eines reichen Elternhauses helfen zusätzlich, die beiden zusammenzubringen. Wirklich hingezogen fühlt er sich aber zur schönen Nola (Scarlett Johansson), der er eines Tages im Haus von Chloes Eltern begegnet. Nola ist Amerikanerin mit Schauspielambitionen. Sie stellt sich als die im Hause Hewett wenig geschätzte Freundin von Tom heraus.
Schon bald bringt die Lust Chris und Nola zusammen. Chris, der sich mehr als einen Augenblick Leidenschaft erhofft, wird aber von Nola, die sich durch eine Heirat mit Tom finanziell absichern möchte, eine kalte Abfuhr erteilt.
Und so heiratet Chris, dem Chloes Vater inzwischen einen sehr gut bezahlten Job in einer seiner Firmen besorgt hat, Chloe.
Die avisierte Heirat zwischen Nola und Tom kommt am Ende nicht zustande. Tom tauscht seine Partnerin gegen eine bessere, von der Familie zudem besser akzeptierte Partie aus.
Eines Tages begegnen sich Chris und Nola in der Stadt. Während sich Chris und Chloe vergeblich um ein Kind bemühen, flammt die einst so rauh beendete Beziehung in neuer Leidenschaft wieder auf.
Chris verliert sich in einem auf Dauer gefährlichen Doppelspiel aus Liebe und finanzieller Sicherheit einerseits, und der Lust auf Nola andererseits. Immer wieder kann er Nola mit der Versicherung, Chloe zu verlassen, nur eben nicht gerade jetzt, hinhalten. Als Nola schwanger wird, droht das Versteckspiel aufzufliegen.
Was bis zu diesem Zeitpunkt ein ernüchterndes, in seiner rationalen Präzision frostig temperiertes Portrait moderner Beziehungen gewesen ist, entwickelt sich zum Thriller. Über dessen Ausgang wird in letzter Konsequenz der Zufall bestimmen.
“I’d rather be lucky than good”, um den Gedanken vom Beginn noch einmal aufzugreifen, ist in Woody Allens tollem Film mehr als ein bloßes Zitat. Keine der Figuren ist in einem moralischen Sinn wirklich gut. Die Moral ist etwas, das man überwunden hat.
Wertung: 9/10





