Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for February, 2008


No Country for Old Men (2007)

Der neueste Film der Coen Brüder basiert auf einem Buch von Cormac McCarthy, das seinen Titel einem Gedicht von William Butler Yeats aus dem Jahr 1928 entlehnt. Das Gedicht trägt den Titel “Sailing to Byzantium”: “That is no country for old men / … An aged man is but a paltry thing / … And therefore I have sailed the seas and come / To the holy city of Byzantium.”

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Im Film spielt diesen sehnsuchtsvollen “Seemann” – hier freilich in der Gestalt des Sheriffs Ed Tom Bell – Tommy Lee Jones. Der berichtet am Anfang des Films aus dem Off heraus von einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint. Dazu zeigt der Film Bilder einer leblosen Landschaft vom Westen der USA, deren Bestandteile davonzutragen sich der Wind auch noch bemüht. Das erinnert stilistisch sehr an “Blood Simple”, einen Film der Coen Brüder aus dem Jahr 1984. Etwa zur gleichen Zeit spielt auch “No Country for Old Men”, der aus vielerlei Gründen an die filmische Vergangenheit der Regiebrüder anknüpft.

Ed Tom Bells Hoffnung, Gott werde im Alter zu ihm sprechen, hat sich zerschlagen. Das Abhandenkommen des Sinns, dieses Hadern mit sich in einer unverständlicher werdenden Welt ist aber nur Nebenstrang des Films, wenngleich es den Film thematisch überlagert. Die Fragen beschäftigen die dritte Figur des Films, während sie auf der real-weltlichen Suche nach den Hauptfiguren des Films ist. Denn der Film ist in erster Linie ein technisch makelloser Thriller über einen psychopathischen Killer. Anton Chigurh, gespielt von Javier Bardem – der dafür völlig zu Recht mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet worden ist – ist dieser Mann. Sein Name, der im Englischen so ähnlich wie Zucker klingt, könnte nicht mehr über das wahre Wesen dieses Mannes täuschen. Gut, dass dieser erst zu einem Zeitpunkt genannt wird, wenn die Figur bereits vorgestellt ist.

Chigurh wird zu Beginn von einem Polizisten verhaftet, aber schon während der am Telefon berichtet, die Lage im Griff zu haben, wird er von Chigurh mit dessen Handschellen brutal und blutig erwürgt. Vorgehen und Mimik von Chigurh machen unmissverständlich klar, dass hier ein Mann der gefährlichsten Kategorie am Wirken ist. Berechnend, so emotions- wie rücksichtslos – und erfolgreich. Der ganz eigene Haarschnitt gibt ihm noch die perverse Note eines Markenzeichens. Kaum wieder frei, tötet er auf dem Highway den nächsten Mann mit einem Bolzenschussgerät, das er ruhig und bestimmt mit den Worten “Nicht bewegen!” direkt auf die Stirn des Opfers drückt. Ein Freak, der nach eigenen Regeln spielt.

Llewelyn Moss (Josh Brolin) ist gerade in der Wüste auf der Jagd. Er verfolgt das von ihm angeschossene Tier, als eine Blutspur seine Fährte kreuzt. Ein verletzter Pitbull schleppt sich durch die verdörrte Landschaft. Moss wendet sich in die Richtung, aus der der Hund gekommen ist. Bald entdeckt er ein wahres Massaker. Ein Drogendeal ist offensichtlich fehlgeschlagen. Von Kugeln zersiebte Menschen, Hunde und Autos liegen oder stehen im Sand der Wüste, der zudem mit Maschinenpistolen und reichlich leeren Hülsen bedeckt ist. Ein Schwerverletzter bittet um Wasser. Etwas entfernt findet Moss schließlich einen Koffer mit zwei Millionen Dollar. Den schafft er nach Hause.

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Spät in der Nacht regt sich dann wohl so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Deshalb bricht Moss mit einer Flasche Wasser, die er dem Überlebenden Mexicaner bringen will, erneut in die Wüste auf. Der ist mittlerweile gestorben, dafür entdecken die gerade eintreffenden Gangster Moss. Unter ihnen auch Chigurh. Moss kann entkommen, hat aber fortan einen gnadenlosen Verfolger der übelsten Sorte an den Fersen.

Was den Film der Coen Brüder groß macht, ist der Erzählstil. Weder bedarf es herkömmlicher Tricks, um Spannung aufzubauen (Tempo, schnelle Schnitte), was dadurch mehr als kompensiert wird, dass jedes Bild etwas zu sagen hat. Einfachheit und Können. Noch benötigt der Film einen Soundtrack. Allein durch den effektiven Einsatz natürlicher Geräusche (das Knirschen der Schritte, das Pfeifen des Windes) erzeugt der Film viel mehr Atmosphäre, als es ein Klangteppich jemals vermochte. Der Nachteil ist lediglich der, dass nun andere Filme mit ihrer Musik als seltsame Konglomerate erscheinen können.

Wenn man die Erzählform als klassisch, auch im Sinne von höchster Qualität, bezeichnen kann, dann wird man im Zusammenhang mit der erstklassigen Geräuschkulisse an die Eröffnungssequenz von “Spiel mir das Lied vom Tod” erinnern dürfen. So effektiv, wenngleich deutlich subtiler, werden Geräusche hier eingesetzt. Und auch das Knirschen von Schritten hat seit “Gerry” nicht mehr so klar aus den Lautsprechern geklungen.

Der Film braucht wenige Minuten, um einen davon zu überzeugen, dass man einen ganz großen Film sieht. Glücklicherweise enttäuscht der Film diese gewonnene Erkenntnis auch später nicht. “No Country for Old Men” nimmt am Ende Fahrt heraus und verzögert das Ende. Jedenfalls endet er nicht da, wo man es erwartet hätte (was gut ist). Vielleicht kann man überhaupt nicht von einem richtigen Ende sprechen. Vielmehr entlässt der Film seine Figur. Im Film heißt es einmal: “Man kann nicht aufhalten, was kommen mag. Das wäre Eitelkeit.” Eitelkeit ist es vielleicht auch, das Ende aller Dinge kennen und erzählen zu wollen.

“No Country for Old Men” ist der Beweis, dass man Cormac McCarthys an Weltuntergangsmythen erinnernde Stoffe hervorragend verfilmen kann. Ridley Scott muss nun zeigen, ob er mit seiner Verfilmung der “Abendröte im Westen” das Niveau der Coens wird erreichen können. Die Messlatte liegt unglaublich hoch.

Wertung: 9.5/10

To Be Or Not To Be (Sein oder Nichtsein, 1942)

Professor Siletsky (Stanley Ridges), der als Spion für die Deutschen arbeitet und sich durch einen Trick in den Besitz der Adressen zahlreicher für den polnischen Untergrund arbeitender Personen gebracht hat, ist auf dem Weg in das Gestapohauptquartier in Warschau. Eine Gruppe von Schauspielern um den zweitklassigen Shakespearedarsteller Joseph Tura (Jack Benny) möchte dies im letzten Augenblick verhindern, um ein Desaster abzuwenden.

“To Be Or Not To Be” ist eine komplex konstruierte Komödie, deren unbeschwert fließende Präsentation von einem Meister im Regiestuhl zeugt. Der Film macht sich nicht nur über die Nazis lustig, sondern lässt auch die Eitelkeit des Schauspielers in mildem Licht durchschimmern. Da leidet der mittelmäßige und im Schatten seiner Frau Maria (Carole Lombard) stehende Joseph Tura darunter, dass ein Zuschauer, immer wenn er im “Hamlet” zu seinem Monolog “To Be Or Not To Be” ansetzt, den Saal verlässt. Was er noch nicht weiß: Der junge Mann hat einen guten Grund, den Saal zu verlassen. Er ist nämlich hinter der Bühne mit Maria Tura verabredet, der er mit ganzem Herzen zuneigt.

Josef Tura: Someone walked out on me. Tell me, Maria, am I losing my grip?
Maria Tura: Oh, of course not, darling. I’m so sorry.
Josef Tura: But he walked out on me.
Maria Tura: Maybe he didn’t feel well. Maybe he had to leave. Maybe he had a sudden heart attack.
Josef Tura: I hope so.
Maria Tura: If he stayed he might have died.
Josef Tura: Maybe he’s dead already! Oh, darling, you’re so comforting.

Wem heute mancher im Film über die Nazis gemachte Witz verharmlosend erscheinen mag, der bedenke, dass der Film seinerzeit (er wurde bereits 1941 gedreht) wegen seiner kritischen Position selbst in den noch neutralen USA nicht aufgeführt werden durfte, bis diese in den Krieg eingetreten sind. Man mag sich auch der Worte Charles Chaplins erinnern, mit denen er “Der große Diktator” rechtfertigen musste: Hätte man rechtzeitig über Hitler gelacht, dann hätte man ihn vielleicht nie fürchten müssen.

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Bild: Bronki testet “seinen” Hitler auf Warschaus Straßen

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Bild: Carole Lombard, Ernst Lubitsch

Furcht ist auch die Macht im Film, die die Nazis auf Linie hält. Jeder Führerwitz wird sofort mit einem schlagartig hochgerissenen Arm und einem nachdrücklichen “Heil Hitler!” zu konterkarieren versucht. Das ist absurd und komisch. Wahrer Höhepunkt des Films – im echten Wortsinn – sind aber die in blinder Gefolgschaft auf vermeintlichen Führerbefehl ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springenden Nazis.

Bei allem Spaß war “To Be Or Not To Be” mit seiner Kritik für die agierenden Schauspieler zugleich Herzensangelegenheit. Etwa für Carole Lombard, die noch bevor der Film in die Kinos kam, bei einer Werbekampagne für Kriegsanleihen mit dem Flugzeug tödlich verunglückt ist. “To Be Or Not To Be” war ihr letzter Film. Ihre Zeile “What can happen in a plane?” wurde aus dem Film geschnitten.

Ernst Lubitsch hat mit “To Be Or Not To Be” eine grandiose, zeitlose Komödie geschaffen, die charmant und subtil erzählt ist und dennoch mit Figuren operieren kann, die “over the top” agieren. Eigentlich eine unmögliche Leistung. Die tollen Dialoge, Anspielungen und schauspielerischen Leistungen – und das Vergnügen daran – verlangen unbedingt mehrfaches Sehen.

Wertung: 10/10

Dawn of the Dead (1978)

Wenn man zuerst Zack Snyders “Dawn of the Dead” aus dem Jahr 2004 mit Gefallen gesehen hat und damit einen Film, der lediglich den gleichen Ort der Handlung wählt, was ihn kaum zum Remake im herkömmlichen Sinn macht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Original von George A. Romero, wenn man es jetzt zum ersten Mal sieht, eine maßlose Enttäuschung darstellt.

Der Grund liegt vor allem in einer richtungslosen Handlung und einem wilden Mix des Erzählstils. Mal will der Film mit plakativer Sozialkritik ernst genommen werden, mal versucht er sich in schwarzem Humor mit starker Tendenz zum Klamauk. Beide Elemente sind mit mäßig gruseligen, aber immer gewalttätig-blutigen Szenen durchsetzt, in denen herumtapernde Zombies die Protagonisten vor allem deshalb bedrohen, weil die gerade wie eine Schlaftablette durch einen durch und durch bedrohlichen Lebensraum rollen oder außergewöhnlich unlogisch agieren. Das ist mitunter kaum erträglich und wird von einem schaurigen Soundtrack noch verschlimmert.

Dawn of the Dead (1978)

Von der Handlung her schließt der Film an Romeros “Night of the Living Dead” (1968) an. Die Epidemie greift immer weiter um sich, die Zombies gewinnen die Oberhand. Die Reporter Stephen (David Emge) und Francine (Gaylen Ross), sowie die Polizisten Peter (Ken Foree) und Roger (Scott H. Reiniger) flüchten mit einem Hubschrauber auf das Dach einer Shoppingmall. Der ursprüngliche Plan, nach Canada zu flüchten, wird zugunsten eines langen Aufenthaltes in der Mall aufgeschoben. Bei dem Versuch, die Mall von Zombies zu reinigen und permanent vor Zombies zu sichern, werden Fehler gemacht, welche die Zahl der Akteure verringern. Wie gut, dass Francine rechtzeitig auf dem Dach und mit nur einer Drittel Tankfüllung das Fliegen eines Helikopters gelernt hat. So schwierig ist das ja nun nicht. Vor dem großen Aufbruch sorgt noch der Besuch einer Horde Motorradrocker in Nazikostümen für Abwechslung und noch mehr blutige “Unterhaltung”.

Je nach Fassung ist der Spuk nach weit über zwei Stunden vorbei. Man wundert sich, wie wenig man von den Figuren erfahren hat.

Der Film mag seinerzeit für das Genre Impulse gesetzt haben. Heute muss man sich den Film nicht mehr anschauen. Es sei denn, man mag auf die Suche nach ein paar leuchtenden Plakaten mit Sozialkritik gehen, die aus einem blutigen B-Movie Spektakel herausragen.

Wertung: 4/10

“Dawn of the Dead” von Zack Snyder ist der technisch sauberere, spannendere, homogenere und schauspielerisch überlegene Film. Den kann man empfehlen.

Beaufort (2007)

Seit 18 Jahren befindet sich “Beaufort”, die über 1000 Jahre alte, von den Kreuzrittern auf einem Berg erbaute Festung, in den Händen der Israelis. Die Festung, die in einem blutigen Kommandounternehmen erobert worden ist und sich heute auf besetztem, libanesischem Gebiet befindet, soll in wenigen Tagen aufgegeben werden.

Beaufort (2007)

Für die kleine Besatzung stellt sich zunehmend die Frage nach dem Sinn des Kampfes, zumal der nur noch darin besteht, vor den von der Hizbullah täglich auf das Fort abgefeuerten Mörsergranaten und Raketen nicht davonzulaufen, um “Stärke” zu zeigen. Über die lange Zeit der Besatzung hinweg hat sich der Sinn in hinterfragbare Routine verwandelt. Gefährliche Routine freilich, wie die regelmäßig ertönende, schrecklich monotone Stimme verrät, welche die Besatzung mit einem “Incoming, incoming” vor sich nähernden Granaten warnt.

Vor dem Hintergrund dieser Bedrohungslage und einem stets unsichtbar bleibendem Gegner, erschafft der Film schnell eine bedrückende Atmosphäre. Vor allem der junge Liraz, der Kommandeur der Truppe, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, mit welchen Recht er seine Soldaten einer tödlichen Bedrohung aussetzt. Es gibt ein Gerücht, nachdem der Berg mit großen Verlusten erobert worden ist, obwohl die Festung vom Feind übergeben werden sollte. Soll die Aufgabe der Festung nun wieder mit unnötigem Blutvergießen begleitet werden?

Beaufort (2007)

Der Film ist routiniert und mit überzeugenden Bildern erzählt. Es gibt schöne Szenen, etwa wenn der Vater eines vor der Festung getöteten Soldaten in einem TV Interview berichtet, er habe in der Erziehung versagt, weil es ihm nicht gelungen ist, die lebensrettende Furcht in seinen Sohn zu pflanzen. Nur Liraz, der das Interview anschaut, und der Zuschauer wissen, dass der Sohn die Furcht hatte, ihm diese aber von Liraz ausgeredet worden ist. Oder wenn an anderer Stelle ein Soldat, der gerade erst in der Festung angekommen ist, einen Blick in eine Zukunft wirft, die den Berg als friedlichen und idyllischen Ort zeigt – und Liraz gestehen muss, sich diesen Ort nicht vorstellen zu können.

Leider versäumt es der Film, auch nur einmal über den Gegner zu reflektieren. Berücksichtigt man den großen psychologischen Druck, unter dem die Soldaten stehen, dann kann man das realitätsnahes Erzählen hinnehmen. Weniger schön ist, dass die Figuren keine besondere Tiefe gewinnen. Wer näher vorgestellt wird, hat in der Regel nicht mehr lange zu leben. Aus technischer Hinsicht stört einzig der Umstand, dass das Pfeifen einer sich nähernden Granate regelmäßig genauso laut ist wie deren Explosion.

“Beaufort” ist mehr Psychodrama denn effektreicher Antikriegsfilm, lässt aber nicht die kritischen Töne vermissen. Der Film ist empfehlenswert, wenngleich Potential verschenkt worden ist.

Wertung: 7/10

Import Export (2007)

Im Gegensatz zu den “Hundstagen” (2001), die zur wärmsten Zeit des Jahres spielen, ist es in Ulrich Seidls zweitem Spielfilm beinahe unerträglich kalt. Und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass im Winter bei mitunter -30 Grad Celsius gedreht worden ist.

“Import Export” verdankt seinen Namen den zwei Geschichten, die der Film erzählt. Nämlich die der Krankenschwester Olga (Ekateryna Rak), welche die Ukraine verlässt, um in Österreich ihr Glück zu suchen. Und die des ehemaligen Security Angestellten Pauli (Paul Hofmann), der von Österreich aus in die Ukraine aufbricht. Der Film ist weder Reisefilm noch Roadmovie. “Import Export” ist eine soziale Bestandsaufnahme in Zeiten des globalen Kapitalismus. Aus diesem Grund ist der Titel wohl auch dem Wirtschaftsdeutsch entnommen.

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Wer “Hundstage” gesehen hat, wird zahlreiche Schauspieler wiedererkennen. Der Regisseur ist sich insoweit treu geblieben, als er die Hauptrollen erneut mit Personen besetzt, die vorher noch nicht vor der Kamera gestanden haben, aber mit dem Milieu, in dem ihre Rolle spielt, vertraut sind. Das Resultat ist vollständig überzeugend: sowohl die Ukrainerin Ekateryna Rak wie auch der Österreicher Paul Hofmann spielen ihre Rollen glaubwürdig und lassen durch nichts erkennen, dass sie keine Erfahrung vor der Kamera besitzen.

Der Film beginnt in der Ukraine, wo die Krankenschwester Olga gerade ihr Gehalt abholen möchte. Es werden lediglich dreißig Prozent ausgezahlt, was nicht zum Leben reicht. Für Olga, die ihr Kind bei der Mutter zurücklässt, beginnt eine Odyssee, die sie, ausgehend von den erniedrigenden Erfahrungen in einer Internet-Sex-Agentur in der Ukraine, letztlich bis nach Österreich in eine geriatrische Einrichtung führen wird.

Parallel zu dieser Geschichte verfolgt der Film den Österreicher Pauli. Der hat gerade seinen Job in einer Sicherheitsfirma verloren. Nun ist er mit seinem Stiefvater in Richtung Osten unterwegs, um zunächst Kaugummiautomaten in der Slowakei aufzufüllen und später einen Spielautomaten in die Ukraine zu liefern.

Im Gegensatz zum klassischen Bildungsroman findet der Film für seine Figuren keinen harmonischen Zustand des Ausgleichs mit der Umwelt. “Import Export” beschreibt die Suche nach Glück, das nicht gefunden wird. Weder auf dem Weg nach Osten, noch auf dem Weg nach Westen. Das Thema, das den ganzen Film durchzieht, ist damit nicht der Gegensatz von Ost und West und mithin ein geographischer oder politischer Gegenstand, es ist gesellschaftlich-sozialer Natur. Dieses Thema wird in den verschiedensten Variationen verarbeitet. Lösungen bietet der Film am Ende nicht an, er will aufzeigen und verstören, zum Nachdenken anregen.

In “Import Export” scheitern die Menschen an gesellschaftlichen Hierarchien und – wie auch schon in “Hundstage” – an Kommunikationsunfähigkeit. Letztere schlägt sich häufig in besonders drastischen Dialogen nieder. Regelmäßig reden die Figuren aneinander vorbei. Hinzu kommt, dass es jenseits der fremdsprachlichen Barriere eine weitere, unüberwindbare Schranke gibt. Einmal wird Olga, die Arbeit als Putz- und Dienstmädchen in einem vermögenden Haushalt gefunden hat, von ihrer Chefin, einer Mutter von zwei Kindern, gefragt: “Rede ich zu schnell?” “Ein bisschen”, antwortet Olga. Worauf die Mutter mit einem “Das macht nichts” in ihrem Monolog fortfährt. Das sind die Muster, die Kommunikation und Miteinander prägen. Die Konsequenzen, zu denen sie führen, sind meist traurig. So auch im Fall von Olgas Anstellung. Als es der endlich gelingt, zu den verwöhnten Kindern einen Zugang zu finden, setzt sie die nun eifersüchtig gewordene Mutter und Arbeitgeberin kurzer Hand vor die Tür. Sprichwörtlich vor dieser steht sie nun mit kurzer Hose. Es ist Winter und es herrscht soziale Kälte.

Die Bilder, die der Film immer wieder findet, wirken durch ihre Authentizität und durch ihren hohen ästhetische Qualität. Letzteres scheint fast in einen Widerspruch zu münden, denn der Film liefert viele Bilder, die durch ihre ungeschönte Nähe zur Realität nur schwer zu ertragen sind. Insbesondere die Teile des Films, die in einer echten Internet-Sex-Agentur und einer echten geriatrischen Einrichtung mit teils echten Patienten gedreht worden sind.

Einmal gibt es ein Kostümfest in der Anstalt, in der Olga beschäftigt ist und in der die alten Menschen, in ihren Betten liegend, jahrelang auf den Tod warten. Musik und Text (”Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist.”) verraten, dass man diesem Ort der Hoffnungslosigkeit nicht entkommen kann.

“Ich versuche, einen ungeschönten Blick auf das Leben zu werfen. Ich glaube, dass die Realität uns alle betrifft, unsere Ängste und unsere Sehnsüchte: Die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach Liebe”, sagt Regisseur Ulrich Seidl. Die Realität, die uns “Import Export” zeigt, betrifft nicht nur, sondern macht betroffen. Verstören will der Film, keine Lösungen vorgeben. Seiner künstlerischen Qualität ist es zu verdanken, dem Zuschauer auch unerträglich erscheinende Realitäten vor Augen führen zu können, ohne dass dieser sich abwendet, obwohl er den Wunsch mehrfach verspüren wird. Da hilft es sicher, wenn ab und an komische Momente das Dunkel ein wenig aufhellen. So möchte man die Erklärungen, die sich hinter den Erfolgsrezepten von “Seriös warten” und “LMAA” verbergen, nicht missen.

“Import Export” ist mit Sicherheit kein Entertainment, aber ein wichtiger und künstlerisch sehr gelungener Film, den man unbedingt sehen sollte.

Wertung: 9/10