Der neueste Film der Coen Brüder basiert auf einem Buch von Cormac McCarthy, das seinen Titel einem Gedicht von William Butler Yeats aus dem Jahr 1928 entlehnt. Das Gedicht trägt den Titel “Sailing to Byzantium”: “That is no country for old men / … An aged man is but a paltry thing / … And therefore I have sailed the seas and come / To the holy city of Byzantium.”


Im Film spielt diesen sehnsuchtsvollen “Seemann” – hier freilich in der Gestalt des Sheriffs Ed Tom Bell – Tommy Lee Jones. Der berichtet am Anfang des Films aus dem Off heraus von einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint. Dazu zeigt der Film Bilder einer leblosen Landschaft vom Westen der USA, deren Bestandteile davonzutragen sich der Wind auch noch bemüht. Das erinnert stilistisch sehr an “Blood Simple”, einen Film der Coen Brüder aus dem Jahr 1984. Etwa zur gleichen Zeit spielt auch “No Country for Old Men”, der aus vielerlei Gründen an die filmische Vergangenheit der Regiebrüder anknüpft.
Ed Tom Bells Hoffnung, Gott werde im Alter zu ihm sprechen, hat sich zerschlagen. Das Abhandenkommen des Sinns, dieses Hadern mit sich in einer unverständlicher werdenden Welt ist aber nur Nebenstrang des Films, wenngleich es den Film thematisch überlagert. Die Fragen beschäftigen die dritte Figur des Films, während sie auf der real-weltlichen Suche nach den Hauptfiguren des Films ist. Denn der Film ist in erster Linie ein technisch makelloser Thriller über einen psychopathischen Killer. Anton Chigurh, gespielt von Javier Bardem – der dafür völlig zu Recht mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet worden ist – ist dieser Mann. Sein Name, der im Englischen so ähnlich wie Zucker klingt, könnte nicht mehr über das wahre Wesen dieses Mannes täuschen. Gut, dass dieser erst zu einem Zeitpunkt genannt wird, wenn die Figur bereits vorgestellt ist.
Chigurh wird zu Beginn von einem Polizisten verhaftet, aber schon während der am Telefon berichtet, die Lage im Griff zu haben, wird er von Chigurh mit dessen Handschellen brutal und blutig erwürgt. Vorgehen und Mimik von Chigurh machen unmissverständlich klar, dass hier ein Mann der gefährlichsten Kategorie am Wirken ist. Berechnend, so emotions- wie rücksichtslos – und erfolgreich. Der ganz eigene Haarschnitt gibt ihm noch die perverse Note eines Markenzeichens. Kaum wieder frei, tötet er auf dem Highway den nächsten Mann mit einem Bolzenschussgerät, das er ruhig und bestimmt mit den Worten “Nicht bewegen!” direkt auf die Stirn des Opfers drückt. Ein Freak, der nach eigenen Regeln spielt.
Llewelyn Moss (Josh Brolin) ist gerade in der Wüste auf der Jagd. Er verfolgt das von ihm angeschossene Tier, als eine Blutspur seine Fährte kreuzt. Ein verletzter Pitbull schleppt sich durch die verdörrte Landschaft. Moss wendet sich in die Richtung, aus der der Hund gekommen ist. Bald entdeckt er ein wahres Massaker. Ein Drogendeal ist offensichtlich fehlgeschlagen. Von Kugeln zersiebte Menschen, Hunde und Autos liegen oder stehen im Sand der Wüste, der zudem mit Maschinenpistolen und reichlich leeren Hülsen bedeckt ist. Ein Schwerverletzter bittet um Wasser. Etwas entfernt findet Moss schließlich einen Koffer mit zwei Millionen Dollar. Den schafft er nach Hause.

Spät in der Nacht regt sich dann wohl so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Deshalb bricht Moss mit einer Flasche Wasser, die er dem Überlebenden Mexicaner bringen will, erneut in die Wüste auf. Der ist mittlerweile gestorben, dafür entdecken die gerade eintreffenden Gangster Moss. Unter ihnen auch Chigurh. Moss kann entkommen, hat aber fortan einen gnadenlosen Verfolger der übelsten Sorte an den Fersen.
Was den Film der Coen Brüder groß macht, ist der Erzählstil. Weder bedarf es herkömmlicher Tricks, um Spannung aufzubauen (Tempo, schnelle Schnitte), was dadurch mehr als kompensiert wird, dass jedes Bild etwas zu sagen hat. Einfachheit und Können. Noch benötigt der Film einen Soundtrack. Allein durch den effektiven Einsatz natürlicher Geräusche (das Knirschen der Schritte, das Pfeifen des Windes) erzeugt der Film viel mehr Atmosphäre, als es ein Klangteppich jemals vermochte. Der Nachteil ist lediglich der, dass nun andere Filme mit ihrer Musik als seltsame Konglomerate erscheinen können.
Wenn man die Erzählform als klassisch, auch im Sinne von höchster Qualität, bezeichnen kann, dann wird man im Zusammenhang mit der erstklassigen Geräuschkulisse an die Eröffnungssequenz von “Spiel mir das Lied vom Tod” erinnern dürfen. So effektiv, wenngleich deutlich subtiler, werden Geräusche hier eingesetzt. Und auch das Knirschen von Schritten hat seit “Gerry” nicht mehr so klar aus den Lautsprechern geklungen.
Der Film braucht wenige Minuten, um einen davon zu überzeugen, dass man einen ganz großen Film sieht. Glücklicherweise enttäuscht der Film diese gewonnene Erkenntnis auch später nicht. “No Country for Old Men” nimmt am Ende Fahrt heraus und verzögert das Ende. Jedenfalls endet er nicht da, wo man es erwartet hätte (was gut ist). Vielleicht kann man überhaupt nicht von einem richtigen Ende sprechen. Vielmehr entlässt der Film seine Figur. Im Film heißt es einmal: “Man kann nicht aufhalten, was kommen mag. Das wäre Eitelkeit.” Eitelkeit ist es vielleicht auch, das Ende aller Dinge kennen und erzählen zu wollen.
“No Country for Old Men” ist der Beweis, dass man Cormac McCarthys an Weltuntergangsmythen erinnernde Stoffe hervorragend verfilmen kann. Ridley Scott muss nun zeigen, ob er mit seiner Verfilmung der “Abendröte im Westen” das Niveau der Coens wird erreichen können. Die Messlatte liegt unglaublich hoch.
Wertung: 9.5/10







