Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for January, 2008


Invisible Waves (2006)

Pen-Ek Ratanaruangs “Invisible Waves” – wieder eine Zusammenarbeit mit dem Cinematographer Christopher Doyle – kam keine drei Jahre nach dem Film “Last Life in the Universe” (2003) in die Kinos. Einiges spricht dafür, dass es sich dabei um einen Gegenentwurf handelt. Stand im Vorgängerfilm eine Liebesgeschichte und das Finden eines Sinns am Sein im Zentrum, geht es im Nachgänger – klassisch formuliert – um Verbrechen und Strafe, die zu Sinnverlust führen.

Invisible Waves (2006)

“Invisible Waves” ist ein sehr ruhiger Film. Man hätte den Stoff unter minimal anderen Voraussetzungen zu einem temporeichen Thriller verarbeiten können. Aber das konnte nicht die Absicht des Regisseurs sein, um das das Drehbuch von Prabda Yoon angemessen umzusetzen.

Wie auch dem Protagonisten Kyoji (Tadanobu Asano), offenbart sich dem Zuschauer nicht sofort, worauf die Geschichte hinausläuft. Viel Handlung gibt es nicht. Geduld ist angesagt, man wird am Ende nicht enttäuscht sein. Der Film ist eine Bildungsreise, die leider zu einer traurigen Erkenntnis führt.

Obwohl es zahlreiche Anknüpfungspunkte zu “Last Life in the Universe” gibt, so die Ähnlichkeiten einzelner Charaktere oder gleiche Namen, sind die Figuren doch nicht identisch. Wie bereits gesagt, man kann “Invisible Waves” als Gegenentwurf betrachten. Und dennoch ist es ein völlig eigenständiger Film, der kein Vorwissen voraussetzt.

Was den Film weniger leicht zugänglich macht, ist das Fehlen einer Projektionsfläche: sprich einer zweiten zentralen Figur. Kyoji, der einen Befehl befolgend eine schlimme Tat begangen hat, ist größtenteils auf sich allein gestellt. Auf einem Schiff, dessen bedrückende Atmosphäre Kafka nicht besser hätte beschreiben können, flieht er. Die in seinem Kopf stattfindenden Prozesse können und sollen zunächst nicht veranschaulicht werden, da sie sich auch erst entwickeln. Der Film bereitet sein Feld mit einer ganz eigenen Atmosphäre vor, die auf das Gemüt von Zuschauer und Kyoji wirkt.

Ein Barkeeper, mit dem sich Kyoji auf dem Schiff unterhält, gibt erste Anhaltspunkte über das Thema des Films. Der Barkeeper berichtet, er habe etwas Schlimmes getan und bestrafe sich mit der ungebliebten Tätigkeit auf dem Schiff selbst. Und darauf will wohl auch der Filmtitel, “Invisible Waves”, anspielen. Die unsichtbaren Nachwehen der Tat.

Je mehr der Film in seinem sehr langsamen Verlauf von seinem Gegenstand preisgibt, um so größer wird das Entzücken. Letzteres mit Blick auf die künstlerische Umsetzung, denn Heiterkeit kommt trotz leisen Humors nicht wirklich auf. Dafür ist das Thema zu ernst.

Am Ende seiner Reise ist Kyoji wieder dort angekommen, wo er aufgebrochen ist. Aber er ist ein anderer, bereit für das, was kommen wird.

Dieser Film wirft seine Geheimnisse nicht unter die Massen. Dem Zuschauer, der sie “Invisible Waves” entlockt, führen sie zu der Erkenntnis, einen großen Film gesehen zu haben. Pflichtkauf für Cineasten!

Wertung: 9/10

Last Life in the Universe (Leben nach dem Tod in Bangkok, 2003)

“Last Life in the Universe” ist Pen-Ek Ratanaruangs vierter und vielleicht bester von bisher sieben Filmen. Es ist seine erste Zusammenarbeit mit dem Cinematographer Christopher Doyle. Inzwischen sind weitere gemeinsame Projekte gefolgt. Der Film erzählt im Kern eine unaufdringliche Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Was vielleicht noch wenig originell klingt, hat man so noch nicht gesehen.

Last Life in the Universe (2003)

Foto: Sinitta Boonyasak, Christopher Doyle, Pen-Ek Ratanaruang

Kenji (Tadanobu Asano) spielt einen in Bangkok lebenden Japaner, der in einer Bibliothek arbeitet. Vom Leben erwartet er nichts Interessantes mehr. Wäre ihm bei seinen zahllosen Selbstmordversuchen nicht immer wieder das Leben selbst dazwischen gekommen, gäbe es schon gar keine Geschichte mehr zu erzählen.

So aber beobachten wir Kenji, wie er sich eines nachts von einer Brücke stürzen möchte. Aber nicht er wird die Welt verlassen, sondern Nid (Laila Boonyasak), die Schwester von Noi (Sinitta Boonyasak). Die beiden Frauen sind mit dem Auto unterwegs, als sie in Streit geraten. Noi wirft ihre Schwester aus dem Auto. Wenig später wird diese vor den Augen des bereits auf dem Geländer der Brücke hockenden Kenji überfahren.

Der Film zeigt Kenji und Noi im Krankenhaus; die Ärzte haben nicht mehr helfen können. Als Noi am nächsten Tag in die Bibliothek kommt, um Kenji seine Tasche zurückzubringen, bittet dieser Noi, sie in ihre Wohnung begleiten zu können. Er selber hat nämlich zwei ernste Probleme, nachdem es in seinem Appartement zu einer Schießerei mit Yakuza-Hintergrund gekommen ist, bei der auch sein Bruder getötet worden ist.

Nach dem Verlust der Schwester hat Noi gegen Gesellschaft nichts einzuwenden und nimmt den durch und durch harmlosen Japaner mit in ihr auf dem Land gelegenes Haus. Das war sicher irgendwann einmal ein Idyll im Grünen, ist aber heruntergekommen und dank Noi eine Oase von Chaos und Unordnung.

Noi arbeitet für einen Begleitservice, um es vorsichtig zu formulieren, der Film verschweigt Details, ist etwas vulgär und im Gegensatz zum lethargischen Kenji voller Energie. Obwohl es zwischen den gänzlich verschiedenen Menschen auch noch Sprachprobleme gibt, die Gespräche werden abwechselnd in Thai, Japanisch oder Englisch geführt, zeigt sich, dass die beiden mehr verbindet. Zunächst vielleicht nur ein Verlust, den beide erlitten haben und das Bedürfnis, der Einsamkeit zu entgehen und Trost zu finden, dann entwickelt sich aber doch mehr zwischen Kenji und Noi.

Last Life in the Universe (2003)

Last Life in the Universe (2003)

Der Film erzählt das mit einer visuellen Kraft, die nur das asiatische Kino besitzt. Hier der Zusammenarbeit von Pen-Ek Ratanaruang und Christopher Doyle zu verdanken. Dabei ist es alles andere als eine große Romanze, was hier erzählt wird. Der thailändische Filmtitel (Ruang rak noi nid mahasan) spielt bereits darauf an: “Nid” und “Noi” haben beide die Bedeutung von “klein”, wohingegen “mahasan” für “riesig” steht. Wie es der Film letztlich schafft, die Beziehung der beiden zu entwickeln und zu veranschaulichen, lässt sich jenseits der Bilder mit Worten gar nicht adäquat beschreiben. Insbesondere weil es über weite Strecken keine konkrete “Handlung” gibt. Hier gewährt der Film seinen Figuren – basierend auf uneingeschränkter Akzeptanz gegenüber dem anderen – kleine und unspektakuläre, aber doch wunderschöne Momente. Und so schafft man mit vielen Details eine kohärente Atmosphäre, die dem Film Integrität verleiht und sich auf den Zuschauer mit verblüffender Wirkung durch sehr ruhige und melancholische Bilder überträgt. Diese Wirkung wird durch einen unauffälligen, aber wirksamen Soundtrack unterstützt.

Der ganze Film ist magischer Realismus. Am schönsten und leichtesten ist aber vielleicht die Szene, in der Noi entdeckt, wie sich das Haus durch Kenjis Wirken in einen Ort der Ordnung und Sauberkeit verwandelt. Hier begegnen sich Traum und Wirklichkeit.

Und so wird man Zeuge, wie sich unmerklich wieder Sinn in die “kleinen” Existenzen in diesem großen Universum schleicht.

Was sich noch mit Gewissheit sagen lässt, ist, dass der Film von einem feinen Humor begleitet wird. Die Kollision von Kenjis Ordnungssucht und Nois Chaos geben dafür ebenso Anlass, wie Kenjis Hang zu suizidalen Unternehmungen. Der kluge Regisseur weiß natürlich, dass letztere nicht lustig sind. Deshalb gibt es keine Witze darüber, sondern Bilder, die Anteil nehmen und doch ein Lächeln ins Gesicht zwingen.

Last Life in the Universe (2003)

Cinema-Cinema

Was erstaunt, ist die Kombination dieser “Lovestory” mit Yakuza-Elementen. Vielmehr, dass diese Kombination nicht scheitert. Das Gelingen spricht für das Drehbuch von Pen-Ek Ratanaruang und Prabda Yoon. Die Geschichte erhält damit eine ganz individuelle Note und noch mehr Raum für Interpretation.

Ratanaruang hat es sich nicht nehmen lassen, in einer Nebenrolle Takashi Miike, Regisseur u.a. von “Ôdishon / Audition” (1999) und “Koroshiya 1 / Ichi, the Killer” (2001), als Yakuzaboss zu besetzen. “Koroshiya 1″ übrigens mit “Last Life in the Universe”-Hauptdarsteller Tadanobu Asano in der Rolle eines sadomasochistischen Yakuza Killers.

In diesen Momenten dreht der Film dann auch den für Humor zuständigen Regler von “subtil” auf “lustig”, aber das funktioniert.

“Last Life in the Universe” ist als große Kunst unbedingt empfehlenswert.

Wertung: 9.5/10

Elizabeth – The Golden Age (2007)

“Elizabeth – The Virgin Queen” (1998) hat erzählt, wie Königin Elizabeth I. an die Macht gekommen ist und diese gefestigt hat. Ihre Regierungszeit, die sich darüber hinaus über weitere vierzig Jahre erstrecken sollte, wird als das “Goldene Zeitalter” bezeichnet.

Basierend auf einem Drehbuch von William Nicholson und Michael Hirst hat der Regisseur Shekhar Kapur, von dem auch “Elizabeth – The Virgin Queen” stammt, einen Film gedreht, der an die bereits gezeigten Ereignisse anknüpft und ihn folgerichtig “Elizabeth – The Golden Age” genannt.

Es scheint ganz so, als ob die Geschichtsbücher aus dieser goldenen Zeit den Drehbuchautoren zu wenig Drama geboten haben. Denn in das Zentrum des Films stellen sie eine Dreicksbeziehung zwischen der Königin (Cate Blanchett), dem Entdecker Sir Walter Raleigh (Clive Owen) und der Hofdame Beth (Abbie Cornish), die es so nicht gegeben hat. Aber die Kunst ist frei – und so sind es die Autoren. Was letztlich zählt, ist der Film als Kunstwerk, nicht dessen historische Genauigkeit.

In diesem Punkt kann der Film leider nicht überzeugen. Das liegt zunächst daran, dass er keine klare Linie besitzt. Die romantische Beziehung der Königin zu Raleigh besitzt von Anfang an keine Aussicht auf Erfüllung. Da dem Film damit im Zentrum das Potential für Entwicklung fehlt, wird die Beziehung zur Hofdame mit den zu erwartenden Implikationen eingeflochten, was dann ein Gemisch ergibt, das sich auf dem Level einer besseren Telenovela mit deutlich besseren Schauspielern bewegt. Mit viel Melodrama wird Elizabeth als eine Frau gezeigt, die weit hinter die Entwicklung ihrer Figur zu Ende des ersten Teiles zurückfällt.

Die begleitenden Ereignisse die mit der Handlung verknüpft werden, um den Film interessant zu machen, sind zum größten Teil so stereotyp gestaltet, dass sie über die knalligen Farben hinaus kein Eigenleben gewinnen.

Da gibt es die Verschwörer, die nur auf ein Zeichen von Maria Stuart (Samantha Morton) warten, um Elizabeth vom Thron zu stürzen. Und Philip II. von Spanien (Jordi Mollà), der immerhin mit der mächtigsten Seemacht seiner Zeit gegen England in die Schlacht zieht und am Ende die größte Niederlage zur See in Spaniens Geschichte zu verantworten haben wird. Eigentlich das Material für Spannung und Drama, möchte man meinen.

Leider werden alle diese Figuren mit der gleichen dunklen Plakatfarbe gezeichnet, die sie lediglich als Gegenspieler und Rivalen kennzeichnet. Im schlimmsten Fall zu Witzfiguren macht. Der österreichische Thronfolger, der um die Hand der Königin wirbt, wird als junger Tölpel gezeigt. Das Muster erinnert an den ersten Teil, wo Vincent Cassel den lächerlichen Franzosen in Frauenkleidern mimen musste. Philip II. von Spanien, als in schwarz gewandeter Dämon unter dem Kreuz, muss mit watschelndem Gang durch seine Auftritte steuern. Ist Elizabeth von schönen Hofdamen umgeben, hat man Maria Stuart dunkle Gestalten an die Seite gestellt, die sämtlich als Boten der Unterwelt durchgingen.

Viel farbenprächtiger als die einfarbigen Charaktere präsentieren sich die Bilder. Aber anstatt eine Entwicklung zu begleiten, sind sie oft symbolüberladen, schrecklich simpel und vorhersehbar. Da reicht es nicht, dass uns die die kleine Isabella von Spanien gezeigt wird, die ihr Vater, Philip II. von Spanien, auf Englands Thron setzen möchte. Nein, sie muss ein Püppchen in der Hand halten. Ständig werden dem Zuschauer Kreuze vor die Augen gehalten, als ob dieser nicht mitbekommen hätte, in welcher Mission Philip II. unterwegs ist.

Zur Veranschaulichung dieser einfachen Bildersymbolik eine Szene im Abriss: Ein in schwarz gekleideter, düster blickender Philip II. wird in einer dunklen Kapelle gezeigt (ein Kreuz im Hintergrund). Es erfolgt ein Umschnitt auf Elizabeth, die mit heller Rüstung in einem weißen, vom Wind bewegten Zelt gezeigt wird. Schnitt auf Philip II, der murmelt: “Elizabeth ist Dunkelheit, ich bin das Licht.” Schnitt auf Elizabeth, die das Zelt gleich mit einem weißen, wallenden Gewand verlassen wird.

Am Schluss wartet der Film dann überflüssiger Weise auch noch mit Magie auf: Sir Walter Raleigh steuert in stürmischer Nacht ein brennendes Schiff in die Linien der Spanier, springt über Bord und befindet sich nur Minuten später an Bord des Flaggschiffs der Engländer neben Sir Francis Drake.

Brilliant: Cate Blanchett

Was den Film sehenswert macht, ist die Leistung von Cate Blanchett. Ihre Zerissenheit zwischen Verlangen und Verpflichtung, die öffentlich zur Schau getragene Würde unter persönlichem Schmerz sind großartig. Mit einer anderen Schauspielerin wäre der Film sicher ganz schnell untergegangen.

Und so hat “Elizabeth – The Golden Age” doch ein paar große Momente. Etwa in der Konfrontation zwischen Elizabeth und dem spanischen Botschafter, der ihr vorwirft, Piraterie zum Nachteil Spaniens angeordnet zu haben. In diesem Moment überträgt sich etwas von der Energie und Würde der Figur Elizabeths, die sehr wohl weiß, wie nah am Abgrund sich das Land befindet.

Elizabeth - The Golden Age (2007)

Oder wenn sie vor der Schlacht die Reihen ihrer Männer abreitet und die Worte an sie richtet, die – da ist man sich wirklich absolut sicher – diesen hoffnungslos unterlegenen Haufen zum Sieg führen werden.

Makellos ist auch die Vorstellung von Geoffrey Rush, der wie schon im ersten Teil Elizabeths Berater Sir Francis Walsingham spielt. Fast tut er einem leid, dass er bei bekannter Bündnislage Philip II. den Vorwand für einen Krieg liefert, dies aber nach Drehbuch nicht hat kommen sehen dürfen. Solche Konstruktionen beleidigen die Vernunft des Zuschauers.

Clive Owen ist als guter Schauspieler bekannt und überzeugt in der Rolle des Sir Walter Raleigh soweit es das Drehbuch zulässt ebenso wie die ihm an die Seite gestellte Abbie Cornish.

Wer den englischsprachigen Trailer gesehen hat, wird wissen, dass man sich trotz aller Mängel des Films die DVD wohl wird besorgen müssen, um Cate Blanchett in Originalsprache erleben zu können. Wie leicht hätte diese Frau, einen anderen Regisseur und ein besseres Drehbuch vorausgesetzt, einen Meilenstein in diesem Genre schaffen können.

So bleiben vor allem eine tolle Cate Blanchett und schöne Kostüme in Erinnerung.

Wertung: 6/10

Die DVD erscheint im Februar.

Balls of steel: Rogue Trader (1999)

Mitte vergangene Woche wurde bekannt, dass Jérôme Kerviel, 31, der Bank Société Générale einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro beschert hat.

Wie der Spiegel berichtet, soll der Händler vor wenigen Wochen 140.000 Dax-Futures gekauft haben. Obwohl Kerviel nur ein erlaubtes Handelsvolumen von 20 Millionen Euro besaß, handelte er mit knapp 50 Milliarden Euro. Die Kontrollen konnte er umgehen, “weil er sich mit dem System bestens auskannte“. Bis zum 18. Januar verlor der DAX 600 Punkte, was sich bei 25 Euro pro Punkt auf 2,1 Milliarden summiert.

Die Bank erhielt Alarmmeldungen aus Deutschland, liquidierte panisch alle Kerviel-Positionen, und baute die Verluste “durch dieses unfassbare Missmanagement” noch aus, so ein Händler.

Gab es das so ähnlich nicht schon einmal?

Nick Leeson brauchte immerhin von 1992 bis Anfang 1995 um 1,4 Milliarden Dollar zu verlieren. Die Barings Bank meldete anschließend Insolvenz an. 1996 veröffentlichte Leeson eine Autobiographie, “Rogue Trader”, die 1999 von James Dearden verfilmt wurde.

Rogue Trader (1999)

Eine Geschichte über das phänomenal verlustreiche Geschäft mit Futures zu erzählen, deren Höhepunkt mit der Insolvenz von Barings, der ältesten Privatbank der Welt, zudem bekannt ist, verspricht wenig Spannung. Der Film belehrt uns eines besseren!

Ganz unabhängig davon, ob “Rogue Trader” eine geschönte Version des Falles Nick Leeson ist, ob man Erfahrung mit dem Derivategeschäft hat oder sich zumindest dafür interessiert, ist der Film so spannend wie guter Psycho-Thriller.

Das liegt am Fokus des Films und an einem überragenden Ewan McGregor. Der Regisseur hat zum Glück darauf verzichtet, eine langweilige auf Fakten gestützte Chronologie der Ereignisse abzuliefern. Sein Augenmerk richtet sich vielmehr auf die psychologische Verfasstheit des Protagonisten, die im Lauf des Films einen dramatischen Absturz erleidet.

Am Anfang steht ein Nick Leeson (Ewan McGregor) der versessen darauf ist, auf dem Parkett der Börse Geschäfte abwickeln zu dürfen. Den kleinen Angestellten, der er noch ist, schickt man aber zunächst nach Indonesien, wo er in einem Keller in Jakarta Inhaberobligationen sortiert.

Nachdem er sich bewährt hat und endlich das Börsenparkett betreten darf, spürt man die Euphorie, die Leeson erlebt. Was der Zuschauer nur als Chaos und Lärm wahrnimmt, ist für den Händler ein Ort der Sehnsucht. Da schimmert schon für einen Augenblick etwas von dem Fieber durch, das einen Glücksspieler kennzeichnet.

Rogue Trader (1999)

Mit einem unerfahrenen Team an der Seite werden nun Geschäfte mit Futures abgewickelt. Einmal verwechselt seine Händlerin ein von ihm gegebenes Signal, was sofort einen Verlust von 20.000 $ bedeutet. Noch meldet Leeson die schiefe Position, bucht sie aber schon nicht aus. Er glaubt, das Blatt mit etwas Glück noch wenden zu können, wenn sich der Markt am nächsten Tag dreht.

“Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen!” – so schließt Dostojewskis “Spieler”. Nick Leeson steht erst am Beginn seines Niedergangs.

Kim, die unglückliche Händlerin, sieht man nicht wieder. Sie hat dem Stress nicht standhalten können. Nick dagegen wartet und verdreifacht den Verlust. Über einen “Back Office Error Account”, ein Konto das Verluste verschleiern soll, will er zukünftig für die Bank selber handeln, was natürlich verboten ist, um die Verluste auszugleichen. “Also spielen?”, fragt ihn Bonnie, die ihm das fragliche Konto führt. Darum dreht sich alles, der Markt ist “ein riesiges Casino”, antwortet er ihr.

Leeson häuft Schritt für Schritt immer größere Verluste an. Anfangs kann er sie tatsächlich noch ausgleichen, aber bald gelingt das nicht mehr. Einher mit zunehmenden Verlusten geht eine auf tatsächlichen Gewinnen basierende Wertschätzung, die sich immer mehr steigert. Das Dilemma zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung baut immer mehr Druck auf. Die Erwartungen seiner Frau und persönliche Schicksalsschläge vermehren diese Diskrepanz noch.

Der Film findet die richtigen Bilder, um diesen emotionalen Sturzflug zu veranschaulichen. Mehrmals wähnt sich der Händler unmittelbar vor dem Auffliegen. Aber eine schlampige Kontrollaufsicht und Vorgesetzte, die von den Gewinnen ihres besten Mannes schier geblendet werden, machen es ihm leicht, sich der Entdeckung zu entziehen und die Misere noch zu vergrößern.

Es ist schwer zu sagen, wann Leeson die Grenze überschreitet, aber als er realisiert, dass es kein zurück gibt, ist ihm schon alles egal. “It’s just numbers”, sagte er zu Beginn. Jetzt steht er vor einem Spiegel und redet mit seinem Spiegelbild, um sich zu versichern, dass er an einem Tag 50 Millionen Pfund verloren hat.

In solchen Momenten zeigt der Film, wie der Spieler aus seinem Fiebertraum erwacht und sich in einem realen Alptraum mit echten Konsequenzen wiederfindet. Die Welt erscheint surreal und schrecklich real zugleich.

Am Ende des Films, wenn McGregor, auf der Flucht und nur einen Wimpernschlag von seiner Verhaftung entfernt, sagen muss, er will sich stellen, um die Konsequenzen seines Handelns zu tragen, klingt es dann leider doch sehr nach geschönter Leeson-Autobiographie.

Ansonsten ist der Film mit einem herausragenden Ewan McGregor unbedingt empfehlenswert und bietet sicher auch so manchem “wanker from Société Générale” (Filmzitat) angenehme Unterhaltung und die Erkenntnis, dass es nichts Neues gibt unter der Sonne.

Wertung: 8/10

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Ôdishon (Audition, 1999) vs. The Ring (2002)

Ôdishon (Audition, 1999)

Takashi Miikes “Audition” ist ein Film, der sehr lange nicht verrät, welchem Genre er angehört. So wird am Anfang sehr viel Zeit darauf verwendet, die Hauptfigur und dessen Umfeld einzuführen: Sieben Jahre nach dem Tod seiner Frau, denkt Filmproduzent Shigeharu Aoyama (Ryo Ishibashi) wieder ernsthaft an Heirat. Sein Freund bringt ihn auf die Idee, bei einem Vorsprechen (Audition) für einen Film nach einer geeigneten Kandidatin Ausschau zu halten. Shigeharu hat zwar Bedenken, weil kein Geld für den Film vorhanden ist und ihm das Ganze als Täuschung erscheint, stimmt aber zu. Eine extra initiierte Radioshow soll Kandidatinnen anlocken. Schon am nächsten Tag hört Shigeharu bei einer Autofahrt mit einem Anflug von Lächeln im Gesicht, eine Stimme im Radio säuseln, die verspricht, ein “Star von Morgen” werden zu können.

In einer wunderschönen Szene kurz darauf sitzt er schon über den unzähligen Einsendungen hoffnungsvoller “Stars von Morgen” gebeugt. Schuldbewusst blickt er über die Einsendungen hinweg auf das Foto seiner verstorbenen Frau, das er verlegen wegdreht, bevor er mit der Vorauswahl der dreißig Frauen fortfährt, die zum Vorsprechen eingeladen werden sollen.

Audition (1999) - 01

Audition (1999) - 02

Das Vorsprechen steuert mit viel leiser Ironie auf den Punkt zu, an dem Nummer 28, Asami Yamazaki (Eihi Shiina), die von Shigeharu im Vorfeld ins Auge gefasste Favoritin, die Bühne betritt. Ganz begeistert von der jungen Frau, wird der bis dahin sehr zurückhaltende Mann von seiner Leidenschaft spürbar an die Grenzen japanischer Zurückhaltung getrieben. Ja, Asami Yamazaki scheint die Richtige zu sein.

Obwohl sein Freund ein ungutes Gefühl hat und wenig später Unregelmäßigkeiten in den Angaben von Asami entdeckt, beginnt er sich mit Asami zu treffen.

Das ist dann auch der Zeitpunkt, zu dem Film das Fahrwasser eines ruhigen Dramas verlässt. Erste Indizien sorgen dafür, dass man sich Sorgen um den verliebten Shigeharu zu machen beginnt. Etwas scheint mit der so zurückhaltenden Asami nicht zu stimmen.

Der Film zieht im Tempo nicht an, sondern lässt sich nach wie vor Zeit, seine Geschichte zu entwickeln. Dabei wird einem nie langweilig. Kurz vor dem großen Finale gibt es eine phantastisch in die Handlung eingearbeitete Traumsequenz. Knapp dreizehn Minuten geben nicht nur kunstvoll Aufschluss über zahllose Ereignisse in der Vergangenheit sondern wirken gleichzeitig als antizipierendes Moment. Und dieses Moment bereitet Unbehagen, wenn man an Shigeharus Wohlbefinden denkt.

Audition (1999) - 03

Der Schluss des Films steht unter dem Motto: “Du kannst Lügen erzählen, deine Schmerzen nicht.” Nun wird es leider ziemlich blutig. Das ist zwar alles sehr schön fotografiert und in großartigen Gegensätzen erzählt. Aber ein derartiges Ende ist nicht jedermanns Sache. Wenigstens braucht der Film keine tumbe Pseudorechtfertigung für seine Gewaltdarstellung wie man das etwa aus der SAW-Reihe kennt. Denn die Erschütterung des Zuschauers gibt der Überraschung, mit der der Film aufwartet, wenn Shigeharu am schlimmsten leidet, erst die rechte Wirkung. Selten hat Hoffnung heller erstrahlt!

The Ring (2002)

Wer Gore Verbinski nur als Regisseur von “The Mexican” kennt und abwinkt, hat zwar in seiner Beurteilung vorgenannten Films recht, verpasst aber mit “The Ring”, übrigens ein Remake des japanischen “Ringu”, ein richtig gutes Werk.

Die Erfahrung zeigt, dass “Audition” und “Ring” ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Entweder hält man ersteren für den Film, der Grusel verursacht, oder letzteren. Findet man das Finale von “Audition” richtig schön schaurig, wendet man sich nicht leicht angewidert ab vom vielen Blut, dann wird “The Ring” eher als Film ohne Horror wahrgenommen. Letzterer arbeitet nämlich auf einer visuellen Ebene bloßer Andeutung, die mit Soundeffekten kombiniert, eine wahrhaft schauerliche Wirkung erzeugen kann. Aber dazu muss eben etwas im Kopf stattfinden.

Der Plot klingt zunächst ziemlich fragwürdig. Ein Videotape tötet innerhalb von sieben Tagen jeden, der es gesehen hat. Andererseits hatten “Alien” und “Shining” auch eine wenig glaubwürdige Basis – und das sind großartige Filme. Ganz so hoch hinaus geht es für “The Ring” sicher nicht, aber immerhin.

Im Gegensatz zu “Audition” nimmt sich “The Ring” keine Zeit für lange Einführungen. Der erste Personalausfall erfolgt früh. Eine Teenagerin, die zuvor mit drei Freunden ein Wochenende in einer Hütte verbracht hat, kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Die Mutter des Mädchens bittet die Reporterin Rachel Keller, gespielt von Naomi Watts, der Sache auf den Grund zu gehen. Rachel stellt schnell fest, dass etwa zeitgleich auch die anderen Freunde auf seltsame Weise ums Leben gekommen sind.

Mit der Theorie um das gefährliche Videotape vertraut, stattet die Reporterin der Hütte einen Besuch ab. Sie findet das Videoband und schaut es sich an – was natürlich ein böser Fehler ist. Das Tape startet mit einem Ring (The Ring) und enthält eine verstörende Anzahl von Bildern und Sequenzen, deren Bedeutung zunächst rätselhaft bleibt. Das Band selbst bildet ein kleines Kunstwerk innerhalb des Films. Auf billige Effekte und Blut wird komplett verzichtet, die Wirkung wird allein durch eine kaum erklärbare Mischung aus Motiv, Komposition und Geräuschen erzielt. Und das ist eine phantastische Leistung.

The Ring (2002) - 01

Schon kurz nach dem Anschauen des Films werden erste Boten des kommenden Schreckens vorausgeschickt. Die Ankündigungen werden sich noch intensivieren. Der Sieben-Tage-Theorie muss Glauben geschenkt werden, die Ermittlungen beginnen, noch ist Zeit.

The Ring (2002) - 02

The Ring (2002) - 03

Der Film entwickelt nun eine spannende und atmosphärisch dichte Suche, um dem Rätsel hinter dem Band auf die Spur zu kommen und den in Gang gesetzten Countdown zu stoppen. Dabei lernen wir nicht nur Rachel näher kennen, sondern auch deren Sohn Aidan (David Dorfman) sowie den Freund Noah Clay (Martin Henderson), die beide auch das Band anschauen. Die Charaktere besitzen alle ein Profil, das mit Leben gefüllt wird. Die Besetzung dieser Rollen, wie auch der Nebenfiguren, könnte nicht besser sein.

Fazit: Beide Filme gehören in die Kategorie intelligenter Horror-Film, sind hervorragend erzählt und besetzt. “Audition” kann man über vierzig Minuten hinweg für ein erstklassiges Drama halten. Das blutige Finale freilich wird nicht jedermann zusagen. Darüber hinaus bietet “Audition” einen feinen psychologischen Subtext, über den man lange nachdenken kann. “The Ring” ist im Gegensatz zu dem ruhigeren und komplexer angelegten “Audition” schneller erzählt, deutlich spannender und verzichtet auf rote Farbe. Die Psycho-Schreckeffekte des “Rings” haben deutlich größeres Gänsehautpotential und wirken lange nach. Am Ende ist man tief erleichtert, den Film auf DVD und nicht auf einem Videoband gesehen zu haben. Versprochen.

Wertung: Audition (8.5/10), The Ring (8.5/10)

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