Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Thriller’


Claude Chabrol: Nada (1974)

Wer mit dem Werk von Claude Chabrol ein wenig vertraut ist, der wird “Nada” als ungewöhnlich für das Schaffen des Regisseurs einstufen. Den Film einem bestimmten Genre zuzuordnen, ist nicht möglich. “Nada” bedient sich der Elemente des Polit-Thrillers und der Satire. Am besten umschreibt ihn vielleicht die Bezeichnung Farce.

Claude Chabrol: Nada (1974)
Nada: ein Produkt der Phantasie – und deshalb vielleicht doch vorstellbar?

Claude Chabrol: Nada (1974)

Chabrol erzählt in seinem 1974 geschaffenem Werk von der Entführung des amerikanischen Botschafters in Frankreich durch die linksradikale Terror-Gruppe “Nada”. Nada bedeutet nichts. Mit diesem Namen ist die Gruppen-Ideologie der Entführer recht gut beschrieben. Zwar mag sich die Gruppe den Namen zugelegt haben, um auf ihre anarchistischen Absichten zu verweisen. Er signalisiert dem Zuseher aber viel treffender die Abwesenheit von jeglichem Programm. Denn die Ideale von einst sind den Mitgliedern lange abhanden gekommen.

André Épaulard (Maurice Garrel) etwa, der von der Gruppe als Experte für die Entführung kontaktiert wird, glaubt nicht mehr an die Revolution. Auch eine erfolgreiche Entführung hält er nicht für möglich. Nur weil er Gruppenmitglieder von früher her kennt, schließt er sich dem Unternehmen an. Der Lehrer Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy), der sich – oh Ironie! – als liberalen Kommunisten bezeichnet, zweifelt an Ideologie und Vorhaben. Andere machen mit, weil sie Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy) reagiert gereizt …

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: André Épaulard (Maurice Garrel) sagt Buenaventura Diaz (Fabio Testi) voraus, er werde das Lösegeld nie sehen

Weil der Film nicht auf psychologisch entwickelte Spannung abzielt, ist der Blick auf ein Zitat hilfreich. Es erscheint mir als ein Schlüssel für die dem Film zugrunde liegende Idee. Marcel Treuffais zitiert Schopenhauer, nach dem “der Solipsist ein Verrückter ist, der in einer uneinnehmbaren Festung eingeschlossen ist.” Die Ich-Bezogenheit des Solipsisten, der andere Standpunkte nicht gelten lässt, ist auch das zentrale Problem von Terroristen. Es passt zum Stil des Films, dass man der Filmfigur – der das freilich nicht so bewusst wird wie dem Zuschauer – den Spiegel in die Hand drückt.

Die Gültigkeit von Schopenhauers Gedanken beginnt der Zitierende Augenblicke später zu belegen. Im Straßenverkehr gereizt, zieht Treuffais sein Messer. Keine der Figuren im Film, unabhängig davon, ob sie auf Seiten der Terroristen oder der Polizei steht, tickt normal – und belegt damit auch die Allgemeingültigkeit des Zitats für die “Nada”-Filmwelt. Wenn der unmotivierte Terrorismus einem brutal kalkulierenden Polizeiapparat begegnet, stoßen nicht zwei Welten, Gut und Böse gar, aufeinander. In “Nada” ringen Parteien miteinander, von denen beide die gleichen Mittel anwenden. Mit dem Abgleiten ins programmatische Nichts lösen sich auch die politischen Positionen auf.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Nicht unbemerkt …

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: … verläuft die Entführung des Botschafters … aus einem Bordell

Immer wieder wird die eigentliche Handlung von Worten und Bildern begleitet, die leicht als beißende Kommentare Chabrols zu entschlüsseln sind. Wären sie weniger gekonnt umgesetzt, wären sie von Gleichgültigkeit motiviert, müsste man sie zynisch nennen. Chabrol meistert diese Gratwanderung. Nicht minder bemerkenswert ist der Umstand, wie Chabrol eine Vielzahl von Figuren einzuführen versteht, denen in wenigen Augenblicken eine unverwechselbare Charakteristik verliehen wird.

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Die Waffen der Linksterroristen

Claude Chabrol: Nada (1974)

Bild: Macht keine Kompromisse: Kommissar Goemond (Michel Aumont)

Claude Chabrol: Nada (1974)

Betrachtet man das Ende des Films, dann erweist sich die Position des intellektuellen Heißsporns Marcel Treuffais, der sich zur rechten Zeit in einen nachdenkenden Zauderer verwandelt, als die gesündeste Einstellung. Bis es soweit ist, rechtfertigt der kreative, kritisch-humorvolle Stil Claude Chabrols das Verweilen vor dem Fernseher.

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IMDb: Nada

Niagara (1953)

Die DVD-Hülle von „Niagara“ (Diamond Collection) verspricht auf der Rückseite, dass Marilyn Monroe in diesem Thriller von Henry Hathaway „als brillante Charakterdarstellerin mit einer unglaublich erotischen Ausstrahlung“ überzeugt.

Das ist im Rahmen der Rolle, die Marilyn Monroe als Rose Loomis spielt, durchaus richtig. Nur leider gibt die Rolle wenig Raum zur Entfaltung des Talents als Charakterdarstellerin. Sie ist vielmehr ganz auf Szenen mit erotischer Ausstrahlung angelegt.

Niagara

Niagara

Ort der Handlung ist ein Erholungspark in Sichtweite der Niagarafälle. Das Ehepaar Cutler, gespielt von Jean Peters und einem schrecklichen Max Showalter, das hier seine verspäteten Flitterwochen verbringen möchte, findet den gemieteten Bungalow belegt. In der Beziehung seiner aktuellen Bewohner, es sind Rose (Marilyn Monroe) und George Loomis (Joseph Cotten), kriselt es gewaltig.

Dem Zuschauer wird schnell und deutlich erklärt, dass die atemberaubende Kulisse der Niagarafälle (wie einsam wirkt der Ort in einer Zeit vor den großen Touristenströmen) als Metapher für eine am Ende angelangte Beziehung zu denken ist. Das Ehepaar Loomis (er mit psychischen Problemen, sie mit einem Geliebten) wird bereits von der Strömung mitgerissen und befindet sich unmittelbar im Sog der Fälle. Ein dramatisches Geschehen kündigt sich an, unaufhaltsam. Wie ein friedlicher kleiner Teich wirkt da die Beziehung des Ehepaares Cutler, das uns als weitere Gegenüberstellung präsentiert wird.

Was man dem Film zugute halten muss, ist zunächst, wie er den Ort des Geschehens in schöne Bilder zu transformieren versteht. In seinen besten Momenten glaubt man nichts anderes, als einen von Alfred Hitchcocks besten Filmen zu sehen. Eine große und erhabene Naturkulisse, in der sich die einzelnen Menschen zu verlieren scheinen.

Obwohl der Film später Spannung aufbaut, hat er mich nicht wirklich mitreißen können. Was wohl daran lag, dass die Figuren so eindimensional gezeichnet sind. Und manche davon gar unerträglich (Max Showalter) oder unerträglich und komplett überflüssig (Max Showalters Chef) waren. Einer sehr überzeugenden Jean Peters hat man hier einen Mann (Max Showalter) an die Seite gestellt, der mit seinem Grinsen die ganze Zeit nur um einen Vertrag für Zahnpastareklame oder eine Rolle als Drittklasse-Comedian zu kämpfen scheint. Schrecklich! Später taucht auch noch sein Chef auf. Der könnte ein fett gewordener Clon von Max Showalter sein.

Die Zeit, die man mit diesem Personal verschleudert, hätte man nutzen sollen, um aus den Stereotypen echte Menschen zu machen. Zum Beispiel mit Hilfe von besseren Dialogen. Muss Max Showalter zu seiner dem Zuschauer als durch und durch vernünftig vorgestellten Frau schwachsinnige Floskeln wie „Get organized, baby!“ sagen, nachdem diese offenkundig etwas von Bedeutung erlebt hat?

Die Phrase vom „get organized“ wird später vom Chef in anderem Zusammenhang wiederholt. Ich denke nicht, dass es das sprachliche Limit des Skriptautors belegt, sondern vielmehr Cutlers Drang zum Nacheifern. Für mich ist es aber vor allem Beleg davon, wie hier Energie in Nebenschauplätze fließt. Cutler und sein Chef sind groteske Lachnummern, über die der Zuschauer sich ärgert aber nicht erheitert.

Da geraten das überzeugende Spiel von Jean Peters (sie ist die eigentliche Frontfrau des Films), Marilyn Monroe und Joseph Cotten völlig unnötig in den Hintergrund. Deshalb bleibt auch der Eindruck vom Film ein sehr gemischter. Viele schöne und sehr schöne, oft stimmungsvolle Bilder (manches Mal ein wenig zu gut ausgeleuchtet), gute Darsteller, aber eine zu direkte, an der Oberfläche verharrende und sich verlierende Inszenierung.

Niagara

Niagara

Niagara

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“Stauffenberg” (2004) und “Valkyrie” (2008)

Stauffenberg (2004)

Mit der Absicht, mir „Valkyrie“ (2008, deutsch: “Operation Walküre”) im Kino anzuschauen, habe ich mir letzte Woche zunächst noch einmal „Stauffenberg“ (2004), den die ARD ausnahmsweise einmal zu Recht spät (23.25 Uhr) ausgestrahlt hat, angesehen. Die Produktion, in die augenscheinlich viel Geld geflossen ist, hat mich nicht überzeugt. Weder das Drehbuch, das vom Regisseur Jo Baier geschrieben worden ist, noch das Spiel so mancher Nebendarsteller – und von denen gab es reichlich – war überzeugend. Für letzteres trägt das mehr als durchwachsene Skript sicher einen guten Teil der Verantwortung. Selbst der Hauptdarsteller Sebastian Koch musste sich durch manch verkorkste Szene quälen.

Stauffenberg

Ein Film dauert nicht ewig. Da muss bezüglich dessen, was erzählt werden soll, Kompromissbereitschaft bestehen. Baier wollte augenscheinlich ein großes Panorama in verknappter Form zeigen. Er beginnt nämlich bereits im Jahr 1939. Stauffenberg ist noch ein begeisterter Anhänger des Führers. Mit gewaltigen Zeitsprüngen sollen uns wenige, sehr kurze Szenen einen Eindruck der Schlüsselerlebnisse vermitteln, die zum inneren Wandel geführt haben. Diese geraffte Form des Erzählens hat mich nicht überzeugt. Ihm fehlte die emotionale Wahrheit und damit die Authentizität. Das erinnerte an diese viel zu oft albern wirkenden Nachstellungen in so genannten Geschichtsdokumentationen, nur eben mit viel mehr Geld realisiert.

Der Tag des Attentats wurde dann besser geschildert, war insgesamt aber auch nicht wirklich überzeugend. Mittelmäßige Dialoge in einem Geschehen, das den Zuschauer nie emotional einbeziehen wollte. Vereinzelt tönten interessante Stichworte aus dem Geschehen. So heißt es einmal, dass das Attentat durchgeführt werden muss, nicht damit es gelingt, sondern um der Welt zu zeigen, dass man es gewagt hat (Tresckow). Der Regisseur wusste als durchaus, was er erzählen wollte. Nur bei der Umsetzung ist er mehrfach gestolpert. Ein den Zuschauer überzeugendes großes Ganzes hat der Film deshalb nicht formen können. Dazu fehlte ihm eine klare Linie.

Valkyrie (2008)

Was bringt einen dazu, sich „Valkyrie“ anzusehen, wenn man einerseits Tom Cruise nicht für die Jahrhundertmime schlechthin hält und andererseits das Geschehen des 20. Juli schon aus zahlreichen anderen Filmen und Dokumentationen kennt? Nun, es war die Neugier. Ein Interesse daran, wie Regisseur Bryan Singer seinen Film erzählt.

Heute kann ich sagen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. „Valkyrie“ hat mich sehr, und zwar positiv überrascht. Der Film verzichtet nicht nur auf praktisch alle üblichen Hollywoodübertreibungen, sondern bemüht sich darüber hinaus um größtmögliche Authentizität. Die Wirkung auf mich wäre sicher noch größer gewesen, wenn ich nicht die deutsche TV-Version aus dem Jahr 2004 wenige Tage vorher gesehen hätte.

Tom Cruise, Valkyrie (2008)

Die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander haben augenscheinlich ein detailliertes Quellenstudium betrieben und sicher auch die bekannten deutschen Produktionen zum Thema gesehen. So manche Einstellung kam einem vertraut vor. Das ist keine Kritik.

Dagegen fällt es positiv ins Gewicht, dass man nahezu alle Schwächen, die mir in der deutschen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 aufgefallen sind, beseitigt hat. Stauffenberg wird uns zu Beginn in Afrika bereits als Gegner des Regimes gezeigt. In einem Tagebuch macht er sich Notizen, die dem Zuschauer seine Abwehrhaltung gegenüber dem Mann, dem er einst den Eid geschworen hat, erklären. Wo sich Baier bei dem Versuch, die innere Systemabkehr Stauffenbergs in chronoloischen Häppchen zu erzählen, in Breite und Glaubwürdigkeit (innerhalb des Mediums Film) verliert, strafft Singer die Handlung, ohne dem Zuschauer die wirklich wichtigen Informationen vorzuenthalten.

Ganz erstaunlich fand ich, wie gut der Film den Operationsplan, der nach Wagners Walküren benannt ist, sowie den späteren Versuch, diesen Plan umzusetzen, erklärt hat, ohne jemals Ton und Tempo zu verlieren. „Valkyrie“ ist ein Thriller. Bryan Singer hat bewiesen, dass man deutscher Geschichte auch in einem spannenden Thriller gerecht werden kann – und zwar auch in Amerika.

Dass man auf bestimmte Details der historischen Wahrheit verzichten muss, damit der Film in seiner gewählten Form funktioniert, ist mehr als verständlich.

Ein Sebastian Koch als Stauffenberg in diesem Film hätte „Valkyrie“ sicher noch besser gemacht. Einfach weil er etwas mehr als Wille und Anspannung auszudrücken vermag. Aber auch Tom Cruise spielt ordentlich, unterstützt von einer gewissen Ähnlichkeit mit dem historischen Original. Die Nebenrollen sind sehr gut besetzt. Die Bilder überzeugen. Sie ordnen sich der Geschichte unter. Auffällig ist es, wie oft die Kamera die Nähe zu den Darstellern sucht. Das ist im Zweifel immer wirksamer als artifizielle Einstellungen und wackelige Handkameraaufnahmen, die dabei-sein-Flair vermitteln sollen.

Das Ende des Films hat man deutlich aufgewertet, indem man auf so manch peinliche Szene des deutschen Vorgängers verzichtet hat. Noch einmal: Die amerikanische Großproduktion verzichtet auf Pathos (!) – und erzielt eben dadurch mehr Wirkung. Hoffentlich merkt man sich das.

„Valkyrie“ ist ein beeindruckender Film, den man sich unbedingt ansehen sollte, wenn man Geschichte in spannender Form serviert bekommen möchte. Die meisten Dokumentationen vermitteln weniger gut, was „Valkyrie“ zu erzählen im Stande ist.

Gegensätze in ultraviolet: „Ultraviolet“

Zwei Zitate zu Beginn. In Cees Nootebooms “Die folgende Geschichte” heißt es: “Wenn man selbst unsterblich ist, muss der Gestank, der sterbliche Wesen umgibt, unerträglich ein.” Der Erzähler bezieht sich dabei auf die von Prithinos geschaffene Darstellung des Kampfes zwischen dem sterblichen Peleus mit der göttlichen Thetis, die Peleus nicht heiraten wollte.


Bild: Thetis im Kampf mit Peleus

Auf der Buchmesse in Frankfurt hat der Autor Jonathan Franzen den FAZ Fragebogen ausgefüllt und auf die Frage “Was ist für Sie das größte Unglück?” wie folgt geantwortet: “Dass des Lebens qualvolle Endlichkeit eben das ist, was ihm Sinn verleiht.”

Ultraviolet (1998), Ultraviolet (2006)

Gegensätzliche Aussagen, die sich besonders gut in einem Filmgenre verarbeiten lassen: dem Vampirfilm. Das Bild zeigt zwei Poster gleichnamiger Produktionen. Kurt Wimmers „Ultraviolet“ aus dem Jahr 2006 mit Milla Jovovich in der Hauptrolle. Diesen Film mit einem außergewöhnlich rattigen Rating von 3.9 (!) bei IMDb habe ich mir nicht angeschaut. Ich erwähne den Film nur, um keine Verwechslungen zuzulassen.

Ich beziehe mich auf die weniger bekannte, dafür aber sehr sehenswerte sechsteilige britische Serie aus dem Jahr 1998. „Ultraviolet“ ist eine spannende und zugleich intellektuelle Auseinandersetzung mit alten und neuen Fragen des Genres. Mangels übergroßem Budget liegt der Schwerpunkt ganz auf der Geschichte, die genau so spannend wie die Hatz nach einem Serienmörder in einem Thriller präsentiert wird.

Der Freund des Polizisten Michael Colefield (Jack Davenport) verschwindet unmittelbar vor der Heirat mit Kirsty Maine (Colette Brown). Michael, der Kirsty heimlich liebt, macht sich auf die Suche nach dem Verschwundenen. Das führt ihn zu einer unangenehmen Entdeckung. Es gibt Vampire – eine Bezeichnung, die im Film freilich nicht auftaucht, sondern mit „they“ umschrieben wird.

Ein Umstand, über den man sich an anderer Stelle seit langem bewusst ist. Denn es existiert eine geheime Regierungsorganisation, die den Wesen seit langem auf der Spur ist. Colefield quittiert seinen Dienst bei der Polizei, um sich dieser Gruppe anzuschließen. Die im Film maßgeblich ins Auge gefassten Mitglieder dieser Gruppe sind eine Ärztin (Susannah Harker), ein Ex-Soldat (Idris Elba) und ein Priester (Philip Quast).

Das klingt vielleicht etwas einfach, aber man soll sich nicht täuschen lassen. Die Serie befasst sich fast analytisch mit den Problemen, die das Aufeinandertreffen von Mensch und Vampir in der heutigen Zeit bedeutet. Dabei greifen die Probleme natürlich über den fiktiven Stoff hinaus, sind allgemein gültig. So ist es interessant, die Vampire darüber besorgt zu sehen, wie die Menschen mit der Umwelt umgehen. Unsterblichkeit bedeutet eben, eine andere Perspektive zu haben. Wenn fünfzig Jahre ein Wimpernschlag sind, dann lebt man mit Blick in die Zukunft und sorgt sich um die Ressourcen. Eine besonders wichtige Ressource ist das Blut. So haben die Vampire eigene Labore, in denen geforscht wird.

Es gibt genug Stoff, der Colefield den begonnen Kampf gegen die Vampire in einem anderen Licht sehen lässt. Im fünften Teil philosophiert ein Vampir sogar darüber, wie er sich vor einem Spiegel, in dem er sich nicht sehen konnte, erst recht seines Selbst bewusst geworden ist. Eine Sicht, die sich auch dem Gegenüber offenbart, der ganz als der Andere wahrgenommen wird. Das klingt doch schon fast nach Martin Buber.

Die Serie ist also keine billige Unterhaltung. Dazu gibt es Spannung, Überraschungen und Nebenhandlungen, welche die 300 Minuten fast wie im Fluge vorbei rauschen lassen.

Wertung: 8/10

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Kino aus Korea

Morgen startet der koreanische Film „Chugyeogja“ (The Chaser) in unseren Kinos. Es handelt sich um das Regiedebüt von Hong-jin Na. Wie ich gelesen habe, planen Leonardo DiCaprio und William Monahan bereits ein Remake. Das spricht nicht für das Remake, aber für eine starke Vorlage. Man erinnert sich an den feinen „Infernal Affairs“ (2002, Amazon), dessen Remake „The Departed“ (2006) – Wer hat das gebraucht, Herr Scorsese? – dann die Oscars bekommen hat. „The Chaser” ist also für den nächsten Kinobesuch in Erwägung zu ziehen …

Die Einordnung des Films in die Kategorien Action, Crime und Drama – nicht mein bevorzugter Themenbereich, wenn es um Film geht – lässt mich an einen anderen koreanischen Film denken, der mich leider nicht ganz überzeugt hat. Es handelt sich um „Dalkomhan insaeng“ (A Bittersweet Life, 2005) von Ji-woon Kim.

A Bittersweet Life

A Bittersweet Life (2005)

Es gibt einen Typus des Helden, dessen Schicksal von Anbeginn feststeht. Der einsame und tragische Held, der seiner Bestimmung folgt und sein Ende ohne Bedauern akzeptiert. Man erinnert sich an rauhe und mit zynischem Wortwitz ausgestattete Detektive im Film Noir oder an modernere Vertreter wie Jef Costello in Melvilles „Le Samouraï“ (1967) und Tony Montana in Brian De Palmas „Scarface“. Das sind die historischen Vorläufer, bei denen “A Bittersweet Life” Anleihen genommen hat.

Der Held aus „A Bittersweet Life“, Sun-Woo (Byung-hun Lee), arbeitet seit sieben Jahren für seinen zwielichtigen Boss Kang (Yeong-cheol Kim). Das bedeutet: Drecksarbeit erledigen. Mit dem richtigen Sinn für das Grobe und der Technik eines Martial Arts Technikers ausgestattet, hält er die Dinge am laufen.

Sein Boss schätzt den zuverlässigen Sun-Woo, der scheinbar alle Probleme lösen kann. Als er die Stadt für drei Tage verlassen muss, vertraut er deshalb ihm einen heiklen Job an. Er hat eine junge Freundin, der er nicht traut. Betrügt sie ihn? Wenn ja, könnte er ihr das nicht verzeihen. Sun-Woo soll sie überwachen. Wenn sie eine Affäre hat, soll er sich bei seinem Boss melden oder die beiden gleich selbst beseitigen. Ja, Sun-Woo hat richtig gehört, er soll sie beseitigen.
A Bittersweet Life
Bild: Die Freundin vom Boss mit Sun-Woo

Die Freundin des alternden Mannes ist eine Schönheit, der der einsame Sun-Woo nicht gleichgültig gegenüber bleiben kann. Was also tun, als er sie mit ihrem jungen Freund ertappt? Den inneren Kampf zwischen Pflicht- und Mitgefühl gewinnt letzteres. Man vereinbart Stillschweigen, die beiden sollen die Beziehung beenden, alle Erinnerungen löschen.

Rational betrachtet, ist das die beste Lösung. Aber natürlich können die beiden nicht voneinander lassen. Die Liebe ist nicht rational. Der Boss bekommt Wind von der Sache. Und nimmt es Sun-Woo übel, dass dieser eigenmächtig gehandelt, seine Anweisungen missachtet hat. Er ist der Boss, seine Ehre ein Ding, an dem niemand kratzt. Er will Sun-Woo einen brutalen Denkzettel mit der Chance auf Rehabilitation verpassen.

Der treue Sun-Woo aber ist ein Mann, so viel hat der Film inzwischen gelehrt, der sich nicht entschuldigen kann. Er geht den für ihn richtig erscheinenden Weg ohne auf die Konsequenzen zu schauen. Die Konstellation zweier Rivalen dieses Formats zeichnet das kommende Geschehen vor.

A Bittersweet Life
Bild: Denen man zu vergeben bereit ist

Es könnte ein durch und durch klassischer Rachefeldzug werden, dessen Beginn wir jetzt erleben. Interessant an der Umsetzung ist der Umstand, dass keinem der beiden Widersacher leicht die Alleinschuld an der Eskalation zugeschoben werden kann. Zu viel Testosteron, Ehrgefühl und Nicht-nachgeben-können auf beiden Seiten führen so zu einem Konflikt, bei dem niemand gewinnen kann – und dessen wirklicher Auslöser für alle Seiten unscharf bleibt. „Warum?“, wird Sun-Woo später seinen Boss fragen.

Großer Pluspunkt des Films ist die Umsetzung der Action. Die leidlich gut konstruierte Handlung kommt ohne Hollywood-Spezialeffekte (fliegende oder explodierende Autos, Hubschrauber in Tunneln etc.) aus. Sun-Woo versteht sich auf Martial Arts und löst die Probleme damit viel glaubwürdiger. Ich weiß nicht, ob der Held nur ein mieser Schütze sein soll oder ob der Regisseur dem Film noch mehr Realismus einräumen will. Seine Gegner trifft Sun-Woo in nämlich ganz und gar außergewöhnlich schlechter und ungewohnter Weise. Ich habe diese Tatsache als Realismus interpretiert und es dem Film positiv angerechnet. Ebenso, dass man den Helden austricksen kann. Dass der nicht jeden Zug der Gegner voraussehen kann. Es gibt wirklich viel, was den Film positiv von amerikanischen Actionfilmen abhebt. Auch von Filmen wie „The Bourne Identity“ (2002), die zwar realistisch sein wollen, dann aber doch mit einer dünnen und ziemlich albernen Geschichte mit einem Superhelden aufwarten. Der Verzicht auf FX allein macht den Film eben nicht realistisch.

„A Bittersweet Life“ zielt da höher und ist dabei teilweise erfolgreich. Leider gibt es auch viel, was mir nicht zusagt. Die Story lässt mir das Individuelle vermissen. Die Typen werden klar herausgearbeitet, gewinnen aber nicht wirklich eine Unverwechselbarkeit. Obwohl sich der Film Zeit für seine Figuren nimmt. Das bedeutet, dass hier Zeit verschenkt wird. Die Freundin vom Boss, zu der sich Sun-Woo doch hingezogen fühlt, bleibt völlig blass. Leider ist sie wie auch der Held nicht das schauspielerische Jahrhunderttalent. Das merkt man, wenn die Story nicht wirklich stark ist.

Was im Detail vermisst wird, soll mit skurilen Charakteren, Humor und Wehmut („ein bittersüßes Leben) ausgeglichen werden. Das funktioniert nur sehr bedingt. Bezüglich des Humors gar nicht, hinsichtlich der Wehmut und der skurilen Charaktere bedingt. Häufig ist einfach das Timing falsch. Es gibt eine Szene, in der sich Sun-Woo eine Waffe besorgen möchte. Die Übergabe an einem Ort, der an Michael Manns „Heat“ (1995) denken lässt, soll skuril und witzig sein. Sie ist vor allem viel zu lang.

„A Bittersweet Life“ hinterlässt viel Licht und Schatten. Positiv: die Cinematographie, der Mut zu einem realistischeren Helden wie auch realistischer, gut umgesetzter Action. Negativ: Zu wenig Individualität der Charaktere, mangelnde Konsistenz des Films (hier lässt man Zeit liegen, da verschwendet man sie mit albernem Humor). Die Details, die man den Figuren verweigert, widmet man der Gewaltdarstellung. Man muss es mögen.

Wertung

Wie einen solchen Film bewerten? Nehmen wir als Bezugspunkt „Live Free or Die Hard“ aus dem Jahr 2007. Ich mag keine Filme, deren Geschichte selbst ein Volltrunkener als lächerlich bezeichnen würde und die nichts als ein „Aber tolle Effekte!“ hinterlassen. „Live Free or Die Hard“ liegt in meinem Wertekosmos bei 5/10. Den koreanischen Film halte ich trotz seiner Schwächen für deutlich überlegen.

Wertung: 7.5/10

IMDb: A Bittersweet Life

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