Gestern habe ich zum vierten Mal „C’era una volta il West“ („Once Upon a Time in the West“) gesehen, nachdem die DVD jahrelang im Regal geruht hatte. Ich war überrascht, wie stark stilisiert die Bildsprache von Leone doch ist. Das hatte ich so nicht in Erinnerung. Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich durch die starken Bildkompositionen in die Geschichte hinein gesehen habe. Einmal dort angekommen, habe ich mich aber wieder sehr wohl gefühlt – und auch dieses Mal wieder Neues entdeckt. Den Film noch einmal zu sehen, hat sich also gelohnt. Ich habe keinen Grund gefunden, ihn von der Liste der Lieblingsfilme zu streichen.








Die großartige Geschichte, die stilistisches Protzen und manch coolen Spruch mühelos verkraftet, kennt man beim vierten Durchlauf natürlich. Deshalb hat man Zeit, auf andere Dinge zu achten. Auf die schönen Farben, die großartige Ausstattung, das Licht, die Bildkomposition, musikalische und thematische Motive, ja die Sounds überhaupt – und die Gesichter, die Dialog ersetzen, wenn man sie so phantastisch inszeniert. Weil man inzwischen manch anderen Western gesehen hat, entschlüpften einem auch wohlige Sätze wie „Ah, das hat Leone von Fred Zinnemann!“ oder „The Searchers!“ usw. Wenn das Gedächtnis besser wäre, käme es sicher zu deutlich mehr Äußerungen, aber immerhin.
Ich habe mich dieses Mal ganz über die Farben begeistern können. Die breite Palette von gelb bis braun, oder das schöne rot. Die Details der Ausstattung, angefangen vom Interieur des Eisenbahnwaggons bis hin zum immer größer werdenden Set von „Sweetwater“. So etwas kann man heute gar nicht mehr drehen.
Die tollen Wolken im Hintergrund von John Ford country. Der immer richtige Stand der Sonne, um maximalen Effekt aus der Kulisse zu gewinnen.
Wenn ich bei anderen Filmen mit Sicherheit von einer gefährlichen (die Story überlagernde) Ästhetisierung sprechen würde, sage ich bei „Once Upon a Time in the West“ selbst bei der Beerdigung von Brett McBain noch: „Herrliche Bilder!“ Der niedrige Kamerawinkel, das Gegenlicht, die Farben!, wenn Claudia Cardinale aus der Sonne an das offene Grab tritt. Das ist doch unglaublich schön. Solch gewaltige Bilder verkraftet sonst kein Film.

Bild: Herrlich!
Und die Musik! Was für eine Inkompetenz der Academie-Mitglieder, Ennio Morricone nicht mal für den Oscar zu nominieren. Abgesehen davon, dass dieser trotz fünf erfolgter Nominierungen nie einen Oscar für eine Filmmusik gewonnen hat. Der Ehrenoscar kam immerhin als Schuldeingeständnis. Wenn man sich anschaut, wer in der Kategorie Filmmusik schon gewonnen hat, muss man einfach in hysterisches Lachen verfallen.
Ist „Once Upon a Time in the West“ nun der beste Western? Ohne Frage! Natürlich. Und natürlich profitiert der Film von seinen großen Vorgängern, die er liebevoll aber in ureigenem Stil zitiert. Denn vor allem stilbildend ist er wie kaum ein anderer. Und dabei makellos, wie mir scheint. Oder doch ganz dicht an der Perfektion. Bei John Fords „The Searchers“ zum Beispiel finde ich trotz seiner epischen Wucht etwas zum kritisieren. Wenngleich auf einem über – den – Woken – Niveau.




„Once Upon a Time in the West“ ist auch bei weitem Sergio Leones bester Western. Ich bilde mir ein, dass dafür auch Bernardo Bertolucci verantwortlich ist, der die Geschichte, die dem Drehbuch zugrunde liegt, mitgeschrieben hat. Der Film ist mit stärkerem Stoff weniger zynisch als die früheren „A Fistful of Dollars“ (1964) und „The Good, the Bad and the Ugly“ (1966) oder der spätere „A Fistful of Dynamite“ (1971). Die durchweg geniale Besetzung trägt selbstverständlich ein übriges zum Erfolg von „Once Upon a Time in the West“ bei. Claudia Cardinale als „Zukunft“ oder Jill McBain und die Männer einer „ancient race“: Henry Fonda in seiner Lieblingsrolle als Frank, Jason Robards als Cheyenne und Charles Bronson in seiner Durchbruchsrolle als Harmonica. Besser besetzt kann man sich den Film nicht einmal denken. Geschweige von der Umsetzung …
Gestern nun habe ich den Film also zum vierten Mal gesehen. Und ich könnte schon wieder! Aber das wird dem Leser nicht anders gehen, oder?
IMDb: Once Upon a Time in the West
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