Wer mit dem Werk von Claude Chabrol ein wenig vertraut ist, der wird “Nada” als ungewöhnlich für das Schaffen des Regisseurs einstufen. Den Film einem bestimmten Genre zuzuordnen, ist nicht möglich. “Nada” bedient sich der Elemente des Polit-Thrillers und der Satire. Am besten umschreibt ihn vielleicht die Bezeichnung Farce.

Nada: ein Produkt der Phantasie – und deshalb vielleicht doch vorstellbar?

Chabrol erzählt in seinem 1974 geschaffenem Werk von der Entführung des amerikanischen Botschafters in Frankreich durch die linksradikale Terror-Gruppe “Nada”. Nada bedeutet nichts. Mit diesem Namen ist die Gruppen-Ideologie der Entführer recht gut beschrieben. Zwar mag sich die Gruppe den Namen zugelegt haben, um auf ihre anarchistischen Absichten zu verweisen. Er signalisiert dem Zuseher aber viel treffender die Abwesenheit von jeglichem Programm. Denn die Ideale von einst sind den Mitgliedern lange abhanden gekommen.
André Épaulard (Maurice Garrel) etwa, der von der Gruppe als Experte für die Entführung kontaktiert wird, glaubt nicht mehr an die Revolution. Auch eine erfolgreiche Entführung hält er nicht für möglich. Nur weil er Gruppenmitglieder von früher her kennt, schließt er sich dem Unternehmen an. Der Lehrer Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy), der sich – oh Ironie! – als liberalen Kommunisten bezeichnet, zweifelt an Ideologie und Vorhaben. Andere machen mit, weil sie Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen.

Bild: Marcel Treuffais (Michel Duchaussoy) reagiert gereizt …

Bild: André Épaulard (Maurice Garrel) sagt Buenaventura Diaz (Fabio Testi) voraus, er werde das Lösegeld nie sehen
Weil der Film nicht auf psychologisch entwickelte Spannung abzielt, ist der Blick auf ein Zitat hilfreich. Es erscheint mir als ein Schlüssel für die dem Film zugrunde liegende Idee. Marcel Treuffais zitiert Schopenhauer, nach dem “der Solipsist ein Verrückter ist, der in einer uneinnehmbaren Festung eingeschlossen ist.” Die Ich-Bezogenheit des Solipsisten, der andere Standpunkte nicht gelten lässt, ist auch das zentrale Problem von Terroristen. Es passt zum Stil des Films, dass man der Filmfigur – der das freilich nicht so bewusst wird wie dem Zuschauer – den Spiegel in die Hand drückt.
Die Gültigkeit von Schopenhauers Gedanken beginnt der Zitierende Augenblicke später zu belegen. Im Straßenverkehr gereizt, zieht Treuffais sein Messer. Keine der Figuren im Film, unabhängig davon, ob sie auf Seiten der Terroristen oder der Polizei steht, tickt normal – und belegt damit auch die Allgemeingültigkeit des Zitats für die “Nada”-Filmwelt. Wenn der unmotivierte Terrorismus einem brutal kalkulierenden Polizeiapparat begegnet, stoßen nicht zwei Welten, Gut und Böse gar, aufeinander. In “Nada” ringen Parteien miteinander, von denen beide die gleichen Mittel anwenden. Mit dem Abgleiten ins programmatische Nichts lösen sich auch die politischen Positionen auf.

Bild: Nicht unbemerkt …

Bild: … verläuft die Entführung des Botschafters … aus einem Bordell
Immer wieder wird die eigentliche Handlung von Worten und Bildern begleitet, die leicht als beißende Kommentare Chabrols zu entschlüsseln sind. Wären sie weniger gekonnt umgesetzt, wären sie von Gleichgültigkeit motiviert, müsste man sie zynisch nennen. Chabrol meistert diese Gratwanderung. Nicht minder bemerkenswert ist der Umstand, wie Chabrol eine Vielzahl von Figuren einzuführen versteht, denen in wenigen Augenblicken eine unverwechselbare Charakteristik verliehen wird.

Bild: Die Waffen der Linksterroristen

Bild: Macht keine Kompromisse: Kommissar Goemond (Michel Aumont)

Betrachtet man das Ende des Films, dann erweist sich die Position des intellektuellen Heißsporns Marcel Treuffais, der sich zur rechten Zeit in einen nachdenkenden Zauderer verwandelt, als die gesündeste Einstellung. Bis es soweit ist, rechtfertigt der kreative, kritisch-humorvolle Stil Claude Chabrols das Verweilen vor dem Fernseher.
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IMDb: Nada































