Nach Nietzsche beginnt alle Philosophie mit Müßiggang. Technische Möglichkeiten lösen sehr oft einen ganz ähnlichen Prozess aus. Weil die Spiegelreflexkamera über ein Gewinde für den Anschluss unterschiedlicher Objektive verfügt, senkt sich automatisch eine Frage über den Benutzer der Kamera herab. Welches Objektiv soll an die Kamera geschraubt werden? Die Kamera ist, ein Objektiv soll es werden. Sein und Sollen, Sinn und Zweck, Wille und Vorstellung – bei der Objektivfrage ist noch jeder zum Philosophen geworden.
Einen Unterschied gibt es aber doch. Denn mit der Fotografie endet der Müßiggang, mit dem die Philosophie nach Nietzsche beginnt. Nicht nur ist Fotografieren harte körperliche Arbeit, auch sind Kamera und Objektiv empfindlich schwerer als die rein geistige Auseinandersetzung mit – von mir aus – gewichtigen Gedanken.
Philosophie und Fotografie liegen nicht nur dicht beieinander, sie gehen auch oft ineinander über. Denn schnell legt sein Objektiv wieder beiseite, wer es zu schwer gekauft hat. Müßiggang ist die Folge. Und nach Nietzsche ist das der Beginn …
Film ist eine andere Welt. Hier scheinen Kameras und Objektive oft nur die Geschichte illustrieren zu müssen. Wer käme auch im Traum darauf, zu überlegen, ob das gewählte Objektiv und die Art seines Einsatzes in irgendeiner Verbindung stehen?

Thomas (David Hemmings) in Michelangelo Antonionis “Blowup” (1966). Die Frage: reicht die Brennweite des Objektivs für die Bilder des Films? Fraglich. Vernachlässige ich aber gern, weil mir der Film gefällt.

Jennifer Connelly als Maddy Bowen mit einer Leica M6 in Edward Zwicks “Blood Diamond” (2006). Als Motiv sehe ich ein Flüchtlingskind mit großen Augen hinter dem Zaun. Reicht die Brennweite?

James Stewart in Alfred Hitchcocks “Rear Window” (1954). Das richtige Objektiv (stimmen die Spiegelungen?); aber hier lautet die Frage auch, ob man einen Mörder mit einem Blitzlicht abwehren kann …

In “Love Letter” trifft die Schüchternheit des Fotografen auf ein sportliches Motiv. Das Teleobjektiv ist die richtige Wahl. Sehr schöner Film, sollte man kennen.


Die größte Herausforderung stellen Weitwinkelobjektive dar. Hier muss man wirklich komponieren. Weniger bei einem so verlockenden Motiv (Romy Schneider), wie es sich Michel Piccoli in Claude Sautets “Max et les ferrailleurs” (1971) gewählt hat. Dafür wird man um so mehr inspiriert …

Einfach lustig (oder zuckerwattesüß) fand ich die guten Fotos, die das Resultat von Cristinas (Scarlett Johansson) Point-and-Shoot Kamerastreifzügen in Woody Allens “Vicky Cristina Barcelona” (2008) waren.