Prolog
Ich halte mich schon für verwegen, wenn meine Friseuse beim Haare schneiden über ihr Schießtraining mit dem M 16 Sturmgewehr berichtet. Wie sie gemeinsam mit ihrem Freund, eigentlich verboten, mit selbstgebastelter Munition auf Plakate von Politikern schießt. Unter anderem.
Ihren Worten gebannt folgend, habe ich ihr Gesicht im Spiegel beobachtet. Nichts wollte das Hobby der etwas anderen Art verraten. Nichts widersprach dem Eindruck völliger Harmlosigkeit. Und trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, ich sähe Bonnie Parker hinter mir stehen. Mir die Haare schneidend. Und ich lässig im Sessel. Ein verwegenes Gefühl.

Bild: Bonnie Parker und Clyde Barrow (1933)
Gun Crazy / Deadly is the Female
Wegen der falschen Frau ist schon mancher vor die Hunde gegangen. In “Gun Crazy” ist die manische Leidenschaft für Waffen der Auslöser, der Bart Tare (John Dall) ins Verhängnis, oder besser: die Arme der Annie Laurie Starr (Peggy Cummins) stürzt. Annie ist blond, so zielsicher wie schießfreudig und, was das Kino betrifft, die ebenbürtige Vorgängerin der Bonnie Parker spielenden Faye Dunaway (”Bonnie and Clyde”, 1967).
Der Film beginnt mit einem Rückblick. Bart Tare, noch ein Kind, wird beim Stehlen einer Waffe erwischt. Die anschließende Verhandlung entwirft das Charakterbild eines harmlosen Kindes. Eines Jungen, der auf nichts Lebendiges schießen kann. Ein Waffennarr, der keine Bedrohung darstellt.
Der Film macht einen Sprung. Der erwachsene Bart ist charakterlich der Gleiche geblieben. Vernarrt in Schusswaffen, aber durch und durch friedlich. Gutmütiger als ihn jemals ein Werbefilm der NRA zeichnen könnte.
Bei einem Schießwettbewerb kreuzen sich die Wege von Bart und Annie. Die scharfe Scharfschützin fasziniert Bart von der ersten Sekunde an. Wie sich zeigt, teilen sie nicht nur die Leidenschaft für Waffen, sondern auch füreinander. Annie ist eine femme fatale mit Revolver. “I am no good”, sagt sie. Und sie hat völlig Recht. Nur kann ihr Bart nicht widerstehen.
Das gemeinsame Touren über die Jahrmärkte endet, als die beiden ihre Anstellung in der Show verlieren. Sie fahren durchs Land. Leben von Reserven, bis das Geld ausgeht. Was nun? Auf Annies Initiative planen sie einen Überfall. Todsicher soll er sein. Und natürlich soll niemand verletzt werden. Es ist der Beginn einer Abwärtsspirale (”Deadly is the Female”) …

Bild: Annie Laurie Starr (Peggy Cummins)

Bild: Sofort verfallen, Bart Tare (John Dall)

Bild: Mit der Waffe ist Bart überlegen

Bild: Annie, “so appealing, so dangerous, so lovely to look at …”
“Together like guns and ammunition”
“Gun Crazy” fasziniert noch heute aus vielerlei Gründen. Gleich nach der rückblickenden Einführung zieht das Tempo atemberaubend an. Die Besetzung von Peggy Cummins für die Rolle der Annie Laurie Starr und von John Dall für die Rolle des gutmütigen, aber schwachen Bart Tare ist einer jener glücklichen Fälle, in denen man von Idealbesetzung reden kann. Die Chemie zwischen den beiden spürt man von dem Moment an, in dem sie sich begegnen. Um sie herum sprühen die Funken, die bald schon die Welt in Brand setzen werden.
Bildtechnisch ist der Film beeindruckend gestaltet. Die Kamera ist immer so dicht wie möglich an den Figuren. Die etwas stereotypen Zooms, die gelegentliche Unschärfe nimmt man dabei gern in Kauf. Das ist Film, der mit den Mitteln des Films erzählt. In “Gun Crazy” sprechen die Gesichter. Sprechen Blicke und Gesten. Selten hat man 1950 Seelenzustände so gut vermitteln können.

Bild: Hit and …

Bild: … run. Freundliches Lächeln begünstigt die Flucht.

Bild: Annies Überredungskünste, Barts Zweifel.
Fazit
Ein absolut sehenswerter Film. Als Import über z.B. ebay leicht zu beziehen.





















