Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Crime’


J. H. Lewis: Gun Crazy / Deadly is the Female (1950)

Prolog

Ich halte mich schon für verwegen, wenn meine Friseuse beim Haare schneiden über ihr Schießtraining mit dem M 16 Sturmgewehr berichtet. Wie sie gemeinsam mit ihrem Freund, eigentlich verboten, mit selbstgebastelter Munition auf Plakate von Politikern schießt. Unter anderem.

Ihren Worten gebannt folgend, habe ich ihr Gesicht im Spiegel beobachtet. Nichts wollte das Hobby der etwas anderen Art verraten. Nichts widersprach dem Eindruck völliger Harmlosigkeit. Und trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, ich sähe Bonnie Parker hinter mir stehen. Mir die Haare schneidend. Und ich lässig im Sessel. Ein verwegenes Gefühl.


Bild: Bonnie Parker und Clyde Barrow (1933)

Gun Crazy / Deadly is the Female

Wegen der falschen Frau ist schon mancher vor die Hunde gegangen. In “Gun Crazy” ist die manische Leidenschaft für Waffen der Auslöser, der Bart Tare (John Dall) ins Verhängnis, oder besser: die Arme der Annie Laurie Starr (Peggy Cummins) stürzt. Annie ist blond, so zielsicher wie schießfreudig und, was das Kino betrifft, die ebenbürtige Vorgängerin der Bonnie Parker spielenden Faye Dunaway (”Bonnie and Clyde”, 1967).

Der Film beginnt mit einem Rückblick. Bart Tare, noch ein Kind, wird beim Stehlen einer Waffe erwischt. Die anschließende Verhandlung entwirft das Charakterbild eines harmlosen Kindes. Eines Jungen, der auf nichts Lebendiges schießen kann. Ein Waffennarr, der keine Bedrohung darstellt.

Der Film macht einen Sprung. Der erwachsene Bart ist charakterlich der Gleiche geblieben. Vernarrt in Schusswaffen, aber durch und durch friedlich. Gutmütiger als ihn jemals ein Werbefilm der NRA zeichnen könnte.

Bei einem Schießwettbewerb kreuzen sich die Wege von Bart und Annie. Die scharfe Scharfschützin fasziniert Bart von der ersten Sekunde an. Wie sich zeigt, teilen sie nicht nur die Leidenschaft für Waffen, sondern auch füreinander. Annie ist eine femme fatale mit Revolver. “I am no good”, sagt sie. Und sie hat völlig Recht. Nur kann ihr Bart nicht widerstehen.

Das gemeinsame Touren über die Jahrmärkte endet, als die beiden ihre Anstellung in der Show verlieren. Sie fahren durchs Land. Leben von Reserven, bis das Geld ausgeht. Was nun? Auf Annies Initiative planen sie einen Überfall. Todsicher soll er sein. Und natürlich soll niemand verletzt werden. Es ist der Beginn einer Abwärtsspirale (”Deadly is the Female”) …

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Annie Laurie Starr (Peggy Cummins)

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Sofort verfallen, Bart Tare (John Dall)

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Mit der Waffe ist Bart überlegen

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Annie, “so appealing, so dangerous, so lovely to look at …”

“Together like guns and ammunition”

“Gun Crazy” fasziniert noch heute aus vielerlei Gründen. Gleich nach der rückblickenden Einführung zieht das Tempo atemberaubend an. Die Besetzung von Peggy Cummins für die Rolle der Annie Laurie Starr und von John Dall für die Rolle des gutmütigen, aber schwachen Bart Tare ist einer jener glücklichen Fälle, in denen man von Idealbesetzung reden kann. Die Chemie zwischen den beiden spürt man von dem Moment an, in dem sie sich begegnen. Um sie herum sprühen die Funken, die bald schon die Welt in Brand setzen werden.

Bildtechnisch ist der Film beeindruckend gestaltet. Die Kamera ist immer so dicht wie möglich an den Figuren. Die etwas stereotypen Zooms, die gelegentliche Unschärfe nimmt man dabei gern in Kauf. Das ist Film, der mit den Mitteln des Films erzählt. In “Gun Crazy” sprechen die Gesichter. Sprechen Blicke und Gesten. Selten hat man 1950 Seelenzustände so gut vermitteln können.

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Hit and …

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: … run. Freundliches Lächeln begünstigt die Flucht.

Gun Crazy / Deadly is the Female
Bild: Annies Überredungskünste, Barts Zweifel.

Fazit

Ein absolut sehenswerter Film. Als Import über z.B. ebay leicht zu beziehen.

Fritz Lang: Das Testament des Dr. Mabuse (1933)

Fritz Lang hat “Das Testament des Dr. Mabuse” (1933) im Anschluss an “M” (1931) gedreht. Das Niveau des Vorgängerfilms erreicht er nicht. Aber was heißt das schon? Auch die Gipfel unterhalb des Olymps bieten eine schöne Aussicht.

Wer sich nicht – ich tue es nicht – für Superschurkenfilme interessiert, der wird mit dem Film dennoch viel Freude haben, so er den Klassiker noch nicht kennt.

Schon die erste Szene ist wunderschön. Die Kamera bewegt sich durch einen menschenleeren Raum. Stampfende Geräusche lassen alles Erzittern, und werfen die Frage auf, wo wir uns befinden. Die Kamera hat den Raum inzwischen durchquert, bewegt sich langsam nach oben, in Richtung auf ein Fenster zu. Noch bevor wir einen orientierenden Blick nach draußen gewährt bekommen, verharrt sie plötzlich. Ein schneller Rechtsschwenk rückt einen verängstigten Mann ins Bild. Er versteckt sich hinter einer Kiste. In einer Hand hält er eine Pistole. Was macht er hinter der Kiste? Vor wem hat er Angst? Wieso ist er bewaffnet? – Das ist ein genial inszenierter Beginn, der uns unmittelbar ins Geschehen wirft. Und die Szene ist noch nicht vorbei!

Das Testament des Dr. Mabuse

Das Testament des Dr. Mabuse

Im “Testament” begegnen wir einem alten Bekannten. Komissar Lohmann (Otto Wernicke), den wir schon in “M” bewundert haben, weil er mit einer nicht so feinen Sprache viel Lebenswirklichkeit (”Zum Kotzen!”) in den Film gebracht hat, ermittelt wieder. “Ermitteln” heißt bei Fritz Lang: dokumentarisch zu inszenieren. Und diese dokumentarische Qualität – sie bezieht auf Sprache und Handlung – macht ihn heute fast genauso sehenswert wie damals.

Mabuse. Wer ist das? Ein Verbrecher mit einem genialen Gehirn, der inzwischen die Grenze zum Wahnsinn überschritten hat. Deshalb ist er in einem Irrenhaus untergebracht. Aber der geniale Mann findet natürlich Wege, um seine Verbrecherorganisation zu instruieren. Mabuse will Macht um jeden Preis. Indem er Angst und Schrecken verbreitet, will er sie erlangen.

Thomas Kent (Gustav Diessl) ist Mitglied der Organisation Mabuses. Fritz Lang deutet soziale Umstände an, die ihn in die Hände der Gangster getrieben haben. Die Liebe Kents zu Lilli (Wera Liessem) stürzt ihn in einen Konflikt.

Leider ist die Rolle der Lilli sehr dünn. Im amerikanischen Film hieße sie “love interest”. Das Wunderblümchen, das dem Zuschauer als Lilli gegenübertritt, hilft dem Film nicht. Der Schaden, den die schwache Liebesgeschichte (Thomas Kent: “Ich habe zwei Menschen umgebracht.” Lilli: “Na und?”) verursacht, ist dennoch gering.

Wie gesagt, der Film ist von einem Könner entwickelt und inszeniert. Es gibt schöne Bilder und Schnitte, wir bewundern das Spiel mit dem Ton, der mal verschwindet und mal von Ereignissen berichtet, die wir nicht sehen. Und natürlich warten viele, viele Details darauf, entdeckt zu werden. Was steht auf dem Bett, in dem Lohmann schläft? …

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: ” … schmale Grenze zwischen Genie und Wahnsinn.”

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: “Wieso Mord? Es kann einem doch mal was auf den Kopf fallen …”

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Die Welt mit den Augen des verrückten Mabuse gesehen

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Rapport bei Mabuse

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Kommissar Lohmann (Otto Wernicke)

Verbot von Mabuse

Fritz Lang hat mit Mabuse keinen Antinazifilm gedreht. Wie sprechend ist daher das Verbot des Films durch die Machthaber im Jahre 1933. Die einzig mögliche Interpretation ist die, dass sie sich in Mabuse und dessen Verbrecherorganisation karikiert oder mehr noch, gespiegelt sahen. Wie heißt es im Film: “Menschen, die eine Gefahr für die Organisation bedeuten, sind ausnahmslos sofort zu vernichten.” Vor dem Hintergrund seines Verbotes sieht man den Film mit ganz anderen Augen.

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Dem Nazizensor hat der Film nicht gefallen. Verbot!

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Dr. Baum (Oscar Beregi)

Das Testament des Dr. Mabuse
Bild: Kleine Rolle, schöner Auftritt: Juwelen-Anna (Camilla Spira)

Bei Amazon nach Das Testament des Dr. Mabuse (1933) suchen.

IMDb: Das Testament des Dr. Mabuse (1933)

Leben in der Halbwelt: Barton Fink (1991)

“Barton Fink” habe ich nicht zum ersten Mal gesehen. Bisher wollte mir der Film nicht ans Herz wachsen. Technisch gibt es an dem Film nichts auszusetzen. Seine Darsteller überzeugen oder brillieren (John Goodman), die Kulissen sind eindrucksvoll und schöne, einprägsame Bilder gibt es auch. Woran liegt es also? Am Stil der Inszenierung, dem Stoff oder der Perspektive?

Barton Fink
Bild: Hat ersten Erfolg auf der Bühne: Barton Fink (John Turturro)

Die Hauptfigur, Barton Fink (John Turturro), hat gerade mit einem sozialkritischen Theaterstück Erfolg in New York gefeiert. Das Filmstudio Capital Pictures nimmt ihn umgehend unter Vertrag. In L.A. soll er das Drehbuch für einen Catcherfilm der B-Kategorie schreiben. Das ist eine denkbar kalte Dusche, die den angehenden Star in der Wüste erwartet.

Fink, der auf Großes zielend, dem “common man” dienen will, hat vom Catchen keine Ahnung. Wen wundert es? Eine Schreibblockade ist die Folge. Im Hotel “Earl”, der eindrucksvollsten Kulisse des Films, fällt dem Drehbuchautor die sprichwörtliche Decke auf den Kopf. Hier ringt er mit dem weißen Papier in seiner Underwood Schreibmaschine, während sich die Tapete von den Wänden schält.

Das “Earl” ist beredtes Manifest der Vergänglichkeit. Der Staub der Zeit hat sich über das Hotel gesenkt. Dabei ist es, glaubt man den sorgfältig aufgereihten Schuhen auf dem Gang vor Bartons Zimmer, voll belegt. Wir bekommen keinen der vielen Gäste zu sehen. Einzig Finks Zimmernachbar macht sich bemerkbar. John Goodman gibt in der Rolle des mit Übergewicht und Ohrentzündung gegen die Welt kämpfenden Versicherungsvertreters Charlie Meadows eine Galavorstellung.

Barton Fink
Bild: Kampf dem Weiß

Barton Fink
Bild: Die Cops

Barton Fink
Bild: Studioboss Jack Lipnick (Michael Lerner)

Barton Fink
Bild: L.m.d.a.A.?

Im Gespräch mit Meadows erfahren wir auch mehr über Fink. Meadows kennt sich nämlich mit dem Catchen, seines Stars und den Filmen darüber bestens aus. Die Rettung in Sachen Catcherskript, die Fink mit Meadows direkt vor die Nase tritt, wird nicht realisiert. Es die Limitiertheit der Figur Fink, die den Film für mich bremst. Dem “common man” in Reichweite, setzt sich Fink lieber mit Denkerattitüde vor seine Schreibmaschine und wartet auf Eingebung.

Gesichter und Masken

“Barton Fink” zeigt dem Zuschauer viele Gesichter. Viele sind Masken. Zu viele wirken schlichtweg als Klischee auf mich. Zu sehr überzeichnet, um als Kritik am Studiosystem Hollywoods ernst genommen zu werden. Zu unoriginell, um lustig zu sein. Studioboss Jack Lipnick (Michael Lerner) etwa, der sich am Ende gar als Colonel verkleidet. Gut gespielt, aber albern. Dem Typus Lipnick begegnet man regelmäßig in Filmen der Coens. In Gangsterfilme – wie z.B. “Miller’s Crossing” – passen sie eindeutig besser.

Barton Fink, dessen Selbstbild der Film entlarvt, ist für mich als Zentralfigur zu uninteressant. Interessante Aspekte blitzen zwar auf, werden durch Fink – im Interesse des Zuschauers – aber nicht verfolgt; die Coens ersparen sich wahre Tiefe. Statt dessen gibt es Symbolismus. Und viel Platz für Interpretationen: man Fülle den Raum mit Bedeutung.

Der berühmte Schriftsteller W.P. Mayhew (John Mahoney), der Fink helfen soll, stellt sich als Trinker heraus (er ist reichlich eindimensional angelegt), die Studiobosse sind bessere Witzfiguren – und am Schluss bekommen wir noch Cops vorgesetzt, die an Schießbudenfiguren erinnern. Es gibt eine Person, die über Einsicht und Intelligenz verfügt. Leider erleben wir nicht viel von ihr. Sie wird das Opfer eines Verbrechens, denn eine Person im Film hat ein kleines, dunkles Geheimnis. Das mag kalkulierte Absicht der Schöpfer sein, dem Film hilft es nicht.

Barton Fink

Dramaturgisch ist das Konzept des Films dünn. Mit Comedy, von Ausnahmen abgesehen, haben die Coens nie bei mir punkten können. Sie reißt weitere Löcher in die Struktur. Garniert mit biblischer Apokalyptik und einer Note politischem Zeitgeist, wirkt das Resultat unausgeglichen.

Wie fesselnd ist noch heute Josef von Sternbergs 1928 gedrehte Kritik am Studiosystem (”The Last Command”, IMDb). Sternberg gelingt gar die Gegenüberstellung von russischer Revolution mit dem System Hollywood. Wie überlegen zeigt sich Billy Wilders “Sunset Boulevard” (1950, IMDb) im Vergleich. Wilder wusste, wie dem Extrem Authentizität zu verleihen ist. Und beweist, dass ein intelligenter Joseph C. Gillis (wie ihn William Holden in “Sunset Boulevard” spielt) im Zentrum des Films mit Sicherheit kein Nachteil ist.

Bei Amazon nach Barton Fink suchen.

IMDb: Barton Fink

6ixtynin9 / Eine tödliche Adresse (1999)

Bevor ich mich dem neuen Film von Pen-ek Ratanaruang zuwende, noch ein Blick zurück ins Jahr 1999. Da entstand „Ruang talok 69“. Die Hauptrolle in diesem Film spielt Lalita Panyopas, die uns in „Ploy“ wieder begegnen wird. In Thailand ist Lalita Panyopas eine berühmte Schauspielerin. Da sie hauptsächlich in Serien mitspielt, kann man sie außerhalb Thailands nur in den zwei Filmen von Pen-ek Ratanaruang erleben.

Lalita Panyopas
Bild: Lalita Panyopas

Der Name von Pen-ek Ratanaruangs Film – „Ruang talok 69“ – ist aus mehreren Gründen interessant. Zum einen sollte man den englischen Titel kennen, weil man nur dann und über z.B. ebay an den Film kommt. Denn bei Amazon ist nicht einmal die englische Version gelistet.

Der Name – „Ruang talok 69“ – und erst recht „6ixtynin9“ ist zudem missverständlich. „6ixtynin9“ mag modern aussehen, aber „sixty-nine“ kann man es eigentlich nicht aussprechen. Sinnigerweise soll es, geht es nach dem Regisseur, auch gar nicht 69, sondern 6 und 9 bedeuten. Es handelt sich bei der lustigen Geschichte (Ruang talok) nämlich um die Verwechslung von Zimmernummern.

Die Hauptfigur des Films, Tum (Lalita Panyopas), bekommt die Finanzkrise, die Asien 1997 erschüttert, am eigenen Leib zu spüren. Ihr Arbeitgeber veranstaltet aus der Not heraus eine Lotterie. Ihre Nummer 9 wird gezogen – und sie deshalb entlassen. Das Zahlenspiel hat begonnen.

Kurz darauf entdeckt Tum einen Pappkarton vor ihrer Tür (Zimmernummer „6“). Er enthält umgerechnet 25.000 Dollar. Das Geld ist offensichtlich nicht für sie bestimmt. Also was tun? Tum ruft die Freundin an und fragt um Rat. Eine Hilfe ist sie nicht. Tum behält das Geld deshalb erst einmal.

6ixtynin9
Bild: Eine Menge Geld

Wenig später macht man sich anderen Ortes bereits Sorgen um das Geld. Und zwar auf der Empfänger- wie auch der Absenderseite. Da es sich bei beiden Parteien um Gangster handelt, entsteht für Tum sehr bald schon eine kritische Situation.

Pen-ek Ratanaruang erzählt seine „lustige Geschichte“, bei der das Vergnügen einzig auf der Seite des Zuschauers ist, in wunderbaren Bildern. Und das schon vor der Zusammenarbeit mit Christopher Doyle. Hier zeichnet sich für die Cinematographie noch Chankit Chamnivikaipong verantwortlich.

6ixtynin9
Bild: Das ist noch kein Blut …

Dass der Film so kurzweilig ist, liegt an der erfolgreichen Kombination der Genre. Hier begegnen sich Komödie, Drama und Thriller. Hinzu kommen überzeugende Darstellerleistungen und interessante Charaktere. Die Gangster sind unverwechselbar. Hier wird ein Killer sentimental und beginnt zu weinen, weil er ein Lied hört, das ihn an seine Mutter erinnert. Dort klagt man über den traurigen Ruf, den der Thailänder völlig zu Unrecht im Ausland besitzt. Albern wird der Film deshalb nicht. Das rechte Maß hält ihn auf Kurs. Und auch seinen Rhythmus, bei stetig anziehender Spannungskurve, verliert „6ixtynin9“ niemals.

Unbedingt ansehen!

Wertung: 8.9/10
IMDb: 6ixtynin9

Dieser Film ist zur Zeit leider nicht bei Amazon erhältlich. Nach anderen Filmen von Pen-ek Ratanaruang bei Amazon suchen.

The Lookout (2007) vs. The Bank Job (2008)

Vergleicht man die Drehbücher der beiden Filme miteinander, dann muss man feststellen, dass das Leben mitunter der bessere Autor ist. Im Gegensatz zu “The Lookout” beruht “The Bank Job” auf einer wahren Begebenheit aus den siebziger Jahren. Etwas überraschend für mich, hat sich letztgenannter Film als überraschend gut herausgestellt. Die Ereignisse, die im Film “nachgezeichnet” werden, sind so skuril, wie man sie sich nur schwer hätte ausdenken können. Mit klarer Linie und guten Schauspielern erzählt, ist daraus ein Film entstanden, den man sich gern anschaut.

Aber zunächst zu “The Lookout”. Hier hat man den Versuch unternommen, Drama mit einem Bankeinbruchsszenario zu kombinieren. Ausgangspunkt ist ein Unfall. Chris Pratt (Joseph Gordon-Levitt), ein so begehrter wie erfolgreicher Eishockeyspieler, fährt mit seiner Freundin und einem befreundeten Pärchen durch die Nacht. Glühwürmchen schwirren durch die Luft. Chris schaltet die Scheinwerfer aus und gibt Gas. Das verleiht dem Moment zwar etwas Magisches, führt aber zu einem verheerenden Unfall.

Vier Jahre später leidet Chris noch immer unter den Folgen dieses Unfalls. Seither funktionieren Konzentration und Gedächtnis nur eingeschränkt. Deshalb ist er in spezieller Therapie und kann nachts nur als Reinigungskraft arbeiten. Das Gebäude, das er zu reinigen hat, ist zufälligerweise eine kleine Bank.

In einer Bar kommt er in Kontakt zu Menschen, hinter deren vermeintlich lauteren Absichten sich mehr verbirgt.

The Lookout
Bild: Ein neuer Freund für Chris Pratt (links)?

“The Lookout” überzeugt durch gute Schauspieler, flüssige Erzählweise und ordentliche Bilder. Das Drehbuch, das einen ambitionierten Eindruck erweckt, erweist sich am Ende leider als schwächstes Glied im Film. Aus zwei Gründen.

Zum einen: die Konstruktion. Es ist schwer vorstellbar, dass man einen Mann mit den Defiziten des Protagonisten nachts allein in einer Bank würde arbeiten lassen. Der Reinigungsjob klingt nach wenig Verantwortung. Aber kann er nicht verdächtig leicht jeden Fremden direkt bis an den Safe führen? Der Traum von Lewis (Jeff Daniels), Chris Pratts blindem Mitbewohner, ist es, ein eigenes Schnellrestaurant im Zwei-Mann-Betrieb zu eröffnen. Davon kann man träumen, ist es aber nicht unglaubwürdig, wenn man den Traum realisiert, zumal der problembeladene Protagonist nur als Helfer agiert? Chris’ neue Feundin, eine dubiose Figur, verschwindet einfach aus der Handlung. Immerhin gibt es Indizien für ihre Motivation. Man könnte dem Regisseur deshalb zugestehen, dass er den Zuschauer zu eigenen Interpretationen einladen wollte.

Zum anderen bleibt der Film, wenn er sich schon an einem dramatischen Stoff versucht, zu sehr an der Oberfläche. Er benutzt seine Figuren und deren Schicksal nur, um die Story voranzutreiben. Den blinden Freund braucht man hauptsächlich, um später über ein Druckmittel gegen Chris zu verfügen. Das Schicksal von Chris’ alter Freundin wird gerade dann zum Thema, als dieser in einer wichtigen Szene einschläft – und damit seinen Gegenspielern einen gefährlichen Vorteil verschafft.

Zu allem Überfluss ist das dramatische Finale nicht wirklich gelungen. Sowohl die Intelligenz der Akteure als auch den Fluss der Erzählung betreffend. Da stoppt doch tatsächlich das eine Geschehen für genau die Zeit, die es braucht, um uns ein anderes Geschehen zu zeigen – und wird dann genau dort fortgesetzt.

Bei aller Kritik: der Film lässt sich durchaus gut anschauen. Beurteilt man ihn hinsichtlich seines ambitionierten Gegenstandes, dann müsste er eigentlich einen stärkeren Eindruck hinterlassen. Hier hat man mehr gewollt, als man zeigen konte.

The Bank Job

Im Gegensatz zu “The Lookout” zielt “The Bank Job” weniger hoch. Der Film ist mehr oder weniger die spannungsreiche Chronologie von wirklich denkwürdigen Ereignissen und Zufällen vor einem interessanten historischen Hintergrund. Aber Beschränkung kann eine Tugend sein.

Von den handelnden Personen – alles erfreulich gute Schauspieler – erfahren wir nicht mehr als nötig. Zeit verschenkt der temporeich erzählte Film dennoch nicht.

Worum geht es? Der britische Geheimdienst möchte den sich als Sozialrevolutionär gebärdenden, in Wahrheit mit Drogen handelnden Michael X lieber heute als morgen festnehmen. Zu dumm, dass Michael X im Besitz von Fotos ist, die eine einflussreiche Persönlichkeit in eine höchst unangenehme Situation bringen würden, gelangten sie in die Öffentlichkeit. Mit einem solchen Druckmittel in der Hand kann gegen ihn nicht vorgegangen werden.

Was der Geheimdienst weiß, ist, dass die Fotos in einem Schließfach in einer Bank aufbewahrt werden. Wen man kennt, ist eine Frau, die über Beziehungen zur Halbwelt verfügt. Wissen und Kontakte werden deshalb kombiniert. Diese Frau – Martine Love (Saffron Burrows) – soll Verbindung zu Bankräubern aufnehmen, welche die Bank dann ausräumen und dabei die belastenden Bilder sichern sollen.

The Bank Job
Bild: Man at work

Den richtigen Mann für diesen Job glaubt Martine Love in Terry Leather (Jason Statham) auszumachen. Die beiden kennen sich von früher. Terry sitzen die Geldeintreiber eines Kredithais im Nacken. Eine denkbar ungünstige Situation, wenn das Geld im Autogeschäft investiert ist. Einem Geschäft, das gerade gar nicht läuft.

Martine Love und Terry verständigen sich über den Job. Man stellt ein Team zusammen und geht die Sache an. Aber wie es manchmal so ist im Leben, die Dinge entwickeln eine Eigendynamik und nehmen ihren ganz eigenen Lauf …

The Bank Job
Bild: Was kann man Martine Love abschlagen?

Neben der spannenden Handlung entwirft Regisseur Roger Donaldson (No Way Out, The Getaway) ein kleines Panorama der bewegten siebziger Jahre, das sich zwischen Revolution, Korruption und Sex-Skandal bewegt. Alles in allem ein schöner Film, der unterhält und seinem Gegenstand gerecht wird.

Wertung: The Lookout (6.8/10, IMDb) / The Bank Job (8/10, IMDb)