Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Meinung’


Auf der Flucht mit (und vor) J.-P. Melville

Es gibt Regisseure, für deren Filme man geboren sein muss. Ich bin für die Filme Jean-Pierre Melvilles nicht geboren.

Drei Filme habe ich bisher von ihm gesehen: “Le samouraï” (1967), “Un flic” (1972) – der mir vor allem wegen seiner “Spezialeffekte” in Erinnerung geblieben ist – und “Le Cercle Rouge” (1970, IMDb).

Alle diese Filme sind betont minimalistisch inszeniert. Das verleiht den Details ein besonderes Gewicht. Ruht die Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten, muss die Handlung präzise entwickelt, der Film sehr genau inszeniert werden. Und hier fängt das Problem an. Jeder Film von Melville wirkt auf mich wegen haarsträubender Ungereimtheiten wie eine unfreiwillige Parodie. Mit minimalen Änderungen in Mimik und Gestik hätte Buster Keaton aus jedem der Filme eine Komödie gemacht. Das ist bitte nicht als billige Polemik zu verstehen. Ich will es ausführen.

Auf der Flucht: Le Cercle Rouge

Ein Beispiel, das anschaulich verdeutlicht, wie sehr die Vernunft attackiert wird, ist eine Fluchtsequenz in “Le Cercle Rouge”.

Das erste Problem, mit dem man sich konfrontiert sieht, will man die Sequenz schildern, ist der Einstieg. Wo beginnen, wenn nichts plausibel ist? Wenn nahezu alles einer Erklärung bedarf?

Versuchen wir es so: Die Hauptfiguren des in Frage stehenden Filmabschnitts sind der Ganove Vogel (Gian Maria Volontè) und der ihn bewachende Kommissar Mattei (André Bourvil). Mattei transportiert Vogel im Zug. In der Nacht kann sich Vogel von seinen Handschellen befreien. Er tritt ein Fenster ein und springt aus dem fahrenden Zug. Vogel ist frei.

Ein reißender Strom. Was tun?

Wenig später ist dem Entflohenen bereits eine Hundertschaft Polizisten mit Hunden dicht auf den Fersen. Wir sehen Vogel (im Hintergrund ist Hundegebell zu vernehmen), wie er an einen Bach kommt.

Regisseur Melville nimmt nun an, Vogel könne, durch seine Verfolger unter psychischen Druck gesetzt, kaum mehr klar denken. Denn Vogel sieht nicht etwa zu, dass er – seinem Fluchtinstinkt folgend – so schnell wie möglich den Bach durchquert. Nein, Vogel nimmt sich Zeit und legt erst einmal alle Sachen (inklusive Schlips) bis auf die Unterhose ab. Dann watet er durch das knietiefe (!) Wasser. In der Mitte des Baches verharrt er. Er dreht sich um (dramatische Nahaufnahme), um zu hören, ob man ihn noch verfolgt. Erstaunlicherweise hat man die Verfolgung innerhalb der letzten 5 Sekunden nicht aufgegeben. Weiter geht es. Auf der gegenüberliegenden Bachseite kleidet er sich wieder an. Aber nur fast. Die Schuhe braucht man ja, wenn man zu Fuß flüchtet, eigentlich nicht? Barfuss, die Schuhe in der Hand, setzt er die Flucht fort …

Einen Augenblick später trifft die Polizei mit ihren Hunden am Bach ein. Und, natürlich, die Spur des Flüchtlings geht verloren. Wer, außer einem Genie, käme auch darauf, dass Vogel, dessen Spur am Bach endet, diesen durchquert haben könnte? Dass man die Spur auf der anderen Bachseite neu aufnehmen kann? Natürlich niemand. Dem Kommissar bleibt daher nur festzustellen, dass Vogel ein verdammt cleverer Hund ist …

Von Robert Bresson lernen?

Robert Bresson hat bereits 1956 gezeigt, wie es geht. In “Un condamné à mort s’est échappé ou Le vent souffle où il veut” (deutsch: Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen, IMDb) inszeniert er mit viel weniger Handlung ungleich mehr Details. Ohne den Verstand des Zuschauers zu beleidigen, schildert er einen ganzen Film lang die Fluchtvorbereitungen eines Gefangenen. Geht von Bressons Film eine magische Sogwirkung aus, bleibt Melvilles “Le Circle Rouge” der Versuch, eine Theorie, die an der Geisteshaltung der Protagonisten interessiert zu sein behauptet, zu inszenieren. Viele, zu viele Mittel erweisen sich dabei als untauglich.

Viele sehen das anderes, sind Bewunderer Melvilles. Ich bin nicht für Melville geboren.