Diese Besprechung „Dark Angel“ revisited zu betiteln, ist deshalb gewagt, weil ich die erste Staffel der Serie acht Jahre nach ihrem Start zum ersten Mal gesehen habe. Immerhin hätte man sie inzwischen zwei Mal sehen können. Ein zweites Mal schließe ich für mich nach der erschöpfenden Tour durch Pilotfilm und 20 weitere Episoden allerdings aus. Nachdem die Ironie im Titel eingestanden ist, möchte ich auf das Körnchen Wahrheit verweisen, das dennoch enthalten ist. Es bezieht sich in diesem Fall nicht auf das wiederholte Sehen, sondern den Test der Zeit, den je nach Machart auch acht Jahre bedeuten können. Man denke nur an „Miami Vice“, um zu verstehen, was ich meine.

Die Macher von „Dark Angel“ haben sich augenscheinlich nicht wie Michael Mann in „Miami Vice“ darum bemüht, die Spitze des Zeitgeistes abzubilden. Die Serie wird zumindest von der Mode nicht ebenso schnell überholt werden. Hinzu kommt, dass die Erzählweise überraschend gut ist. Damit meine ich nicht den Inhalt, sondern die Bilder, den Schnitt, das Editing überhaupt. Die Auszeichnung mit dem CSC Award der Canadian Society of Cinematographers für „Best Cinematography in TV Series“ (Brian Pearson) kann ich nachvollziehen. Wenn nur die Drehbücher und das Schauspiel mit den Bildern hätten Schritt halten können! Leider gab es in dieser Beziehung sehr viel durchzustehen.
Die Story
Nach „Titanic“ greift James Cameron alten Terminator-Stoff auf, modifiziert ihn – um sich mit „Dark Angel“ zurückzumelden. Die Parallelen blinken einem nicht in Neonfarben entgegen, man kann sie aber erkennen. Dieses Mal kommen keine Besucher aus der Zukunft, die Handlung selbst spielt in der Zukunft, die zukünftige Katastrophe wird durch einen das Leben verändernden Terroranschlag in der Vergangenheit ersetzt, transgene Supersoldaten nehmen die Rolle der Maschinen ein. Feiner Unterschied: Auf dem Motorrad sitzt nun nicht mehr Arnold Schwarzenegger, sondern Jessica Alba („I don’t do guns.“)
Die Handlung von „Dark Angel“ spielt im Jahr 2019. Rückblenden führen uns aber immer wieder zurück zu den Ursprüngen der Geschichte, die im Jahr 2009 liegen. In diesem Jahr entkommen Max Guevara (Jessica Alba) und elf weitere Teenager aus der militärischen Sicherheitseinrichtung „Manticore“. Die Gene dieser Teenager sind verändert. Ihre physischen Fähigkeiten sind denen normaler Menschen deutlich überlegen. Bei „Manticore“ hat man unter der Leitung von Donald Lydecker (John Savage) versucht, aus ihnen Supersoldaten zu machen. Wenige Monate nach ihrer Flucht verüben Terroristen einen Anschlag mit einer Waffe, deren elektromagnetischer Impuls die Kommunikationssysteme der Vereinigten Staaten lahmlegt, Chaos verursacht und das Leben nachhaltig verändert.
Die Episoden der Serie erzählen von Max’ Versuch, Kontakt zu den Menschen herzustellen, mit denen sie aus dem Lager entkommen ist. Ein stetes Katz und Maus Spiel beginnt, denn ihr ehemaliger Ausbilder, Donald Lydecker, ist ebenfalls hinter seinen Schützlingen her.

Bild: Logan Cale (Michael Weatherly) und Donald Lydecker (John Savage)
Unterstützung findet Max bald in Logan Cale (Michael Weatherly), der einen geheimen Kampf gegen das Verbrechen führt. Dazu speist er unter anderem – „it can not be traced, it can not be stopped“ – Videobotschaften ins Fernsehnetz. Bereits im Pilotfilm durch einen Unfall an den Rollstühl gefesselt, ist er der Experte am Computer, der jederzeit jede Informationen besorgen kann. Die Leichtigkeit, mit der Cale am PC fremde Computersysteme hacken, Konstruktionspläne beschaffen, Funkfrequenzen blockieren, koreanische Schiffsverbindungen abfragen, chinesische Satellitendaten nutzen und natürlich ungehindert Videobotschaften ausstrahlen kann, ist schon für sich genommen völlig unglaubwürdig. In der Serie steht sie dazu im krassen Widerspruch zur unplausiblen Behauptung, dass das Land 10 Jahre nach dem Terroranschlag noch immer technologisches Notstandsgebiet ist.
Im Kampf gegen „Manticore“ und andere Kriminelle sind Max und Cale schnell ein eingespieltes Team. Auch privat kommen sie sich näher. Größere Nähe verhindert das Drehbuch, das in entscheidenden Augenblicken immer drängende Ereignisse zwischen sie schiebt.
Erster Eindruck und eine verhängnisvolle Idee
Ich fand den Pilotfilm der ersten Staffel nicht so schlecht wie erwartet. Technisch ist er sogar sehr gut gelungen. Die Idee, sich deshalb die ganze Staffel anzusehen, hat sich im Nachhinein aber als Wahnsinn herausgestellt. Viel zu viele Schwächen haben aus dem Vorhaben bald einen Krampf gemacht.
Figuren und Besetzung
Haben wir uns die Serie wegen Jessica Alba angeschaut? Vielleicht. Ausschließen können wir das nicht. Gegenprobe: Hätten wir die Serie auch mit Woody Harrelson in der Hauptrolle geschaut? Wohl kaum. Immerhin war ihr Spiel über weite Strecken erträglich. Zumindest bis Emotionen oder bedeutungsschwere Gefühle ins Spiel kamen. Wenn vereinzelt Tränen rollten, dann war endgültig Schluss mit lustig. Auch das rezitieren vermeintlich cooler Sprüche gelang selten überzeugend. Daher überrascht es nicht, dass der Golden Globe für „Best Performance by an Actress in a TV-Series“ nicht an Jessica Alba ging. Die Nominierung muss jeder für sich beurteilen.
Aber ich will nicht die Titelheldin kritisieren, wenn mich andere Figuren viel mehr gestört haben. „Original Cindy“ (Valarie Rae Miller) etwa. Die immer in der dritten Person – also als „Original Cindy“ – und zudem mit miesem Text auf sich Bezug nehmen musste. Sie und ihr „brother“ Herbal Thought (Alimi Ballard) vom Kurierdienst, bei dem sie und Max ihr Geld verdienen, waren beide mit einer unerträglichen Aussprache „gesegnet“. Was hat sich der Regisseur nur dabei gedacht? 11 Folgen nervt einen Herbal, nur damit man in der 12. einen Witz über dessen Aussprache einflechten kann. Horror!

Bild: Original Cindy, Max, Sketchy
Wenn ich dann noch an die Episode „Cold Comfort“ denke, in der ein dämlicher Inder als möglicher Investor für den Kurierdienst auftaucht, könnte man Vorurteile der primitiveren Art bei den Machern vermuten. Andererseits sind alle Figuren mehr oder weniger stark ausgeprägte Klischees. Die lesbische „Original Cindy“, Max’ schnöseliger Boss und alle Männer, die Max kurz an die Seite gerückt werden. Bestand die Idee darin, sie durch diese Deppen größer zu machen? Wenigstens an den darstellerischen Fähigkeiten von Weatherly, Savage und manch ungenanntem Nebendarsteller ist nichts auszusetzen.
Das Drehbuch
Das Korsett des Serienformats in Verbindung mit limitierter Kreativkraft haben bei mir bald zu schweren Ermüdungserscheinungen geführt. Insbesondere in Folgen, die nicht die Handlung an sich entwickelt haben, sondern das isolierte Geschehen einer Episode. Füllfolgen wie „Art Attack“. Sie sind einfach zu uninteressant und oberflächlich, um zu fesseln.
Über die gesamte Staffel betrachtet, wird auch das permanente aber variationsarme Duell zwischen Max und Lydecker monoton. Viel zu oft dreht sich alles darum, Person X als erster aufzuspüren bzw. zu befreien, wenn man zweiter gewesen ist. Wahnsinnig spannend!
Störend sind ebenso die brutalen Brechungen, mit denen dem Zuschauer die Komplexität der Figuren (So?) nahe gebracht werden soll. Einmal erfahren wir, dass Logan auch Gedichte schreibt. Schreck, lass nach! Ein anderes Mal hat er plötzlich Depressionen. Fünf Minuten bevor Logan zur Pistole greift, erfährt Max davon. Sie wäre aber dennoch zu spät gekommen, wenn den Lebensüberdrüssigen nicht ein zeitgleicher Unfall der Nachbarin vom Sinn des Lebens überzeugt hätte. Glück muss man haben!
Die Dialoge
Die Dialoge dienen im wesentlichen dem Informationsaustausch. Sie sollen die Handlung vorantreiben. Wenn Emotionen darzustellen sind, wird es schnell peinlich. Hier hat nicht immer die Zeit gefehlt, sondern oft das Talent der Schreiberlinge. Ein Beispiel: In der Episode “C.R.E.A.M.” bittet eine Frau Max und Logan, ihren Vater aufzuspüren. Die von den beiden gelieferten Information führen zum Tod des Vaters. Was hat die Tochter zu ihrer Tat getrieben? Man macht sich darüber wie auch über die eigene Verantwortung Gedanken:
Logan : „Somebody recruited her, probably Allan Lens.“
Max: Damn, we got played. (dazu ein Gesicht, das ausdrücken könnte, dass die Cola 2 Grad zu warm ist)
Logan: Not that we can prove any of this.
Max: He ended up dying for what he believed in after all.
Genau, Schwamm drüber! Sinnlos, mit mehr Zitaten zu kommen. Die Leichtfertigkeit im Umgang mit Gefühlen wird deutlich.
Es gibt auch ein positives Beispiel. Einmal habe ich nämlich doch lachen müssen. In der Episode „Pollo Loco“ besucht sie den Priester im Beichstuhl, den sie kurz zuvor das Leben gerettet hat. Nur durch ein Gitter getrennt, wendet sich Max an den neben ihr sitzenden Mann:
Max “It’s me.”
Prieser: “You’re not supposed to tell me that.”
Max: “Oh!” (Pause) “So how does this bitch work?”
Kein intellektueller Salto Mortale, aber doch ein guter Lacher. Dieses Mal sehr überzeugend gespielt.
Letzter Kritikpunkt: die Logik. Ich habe schon ausgeführt, dass man die Handlung am besten nicht hinterfragt. Ebenso sollte man mit vielen Handlungen verfahren. Dazu ein Beispiel aus der Episode „C.R.E.A.M.“: Max muss für ihren Kollegen Sketchy (Richard Gunn) schnellstmöglich 15000 Dollar besorgen. Mit einer Freundin betritt sie eine Glücksspielhölle, um dort den Gangstern das Geld abzunehmen, denen Sketchy das Geld schuldet. Dank erweiterter physischer Fähigkeiten kann Max beim Roulette durch das Geräusch (nicht mitdenken!) die Zahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit voraussagen. Einmal geht es schief, sonst nur Treffer. Seltsamerweise wechseln die Damen dann vom Roulette (36-facher Gewinn) zum Poker, um schneller (!) zu Geld zu kommen …
Fazit
Den Piloten zur Serie kann man sich durchaus anschauen. Technisch ist er gut gemacht. Besser wird die Serie nicht, häufiger, viel häufiger ist sie schlechter. Wer wenig Zeit hat und zu Gewissensbissen bezüglich des fahrlässigen Umgangs damit neigt, der macht um „Dark Angel“ einen Bogen.
IMDb: Dark Angel
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