Es gibt eine erstaunliche Parallele zwischen dem Schwimmen, sofern es als Leistungssport betrieben wird, und einem Zeitvertreib, der früher unter dem Schlagwort Piraterie für Nervenkitzel sorgte. Die gewachsene Bedeutung von “Wunderanzügen” hat die Nähe der beiden Disziplinen nur augenscheinlicher gemacht.
Das mag seltsam klingen, aber die Ähnlichkeiten sind frappierend. Das ist mir letzte Nacht klar geworden. Ausgangspunkt war das unten abgebildete Foto und die Frage, ob der Fotograf bei der Auswahl des Kostüms – bzw. der noch schwierigeren Beschränkung auf Schlüsselaccessoires – in die gleiche Richtung wie ich gedacht hat. Sehr wahrscheinlich nicht. Dafür muss man Anreizen wie Alela Dianes “The Pirate’s Gospel” oder Jacques Tourneurs “Anne of the Indies” ausgesetzt gewesen sein. Andererseits dürfte der Piratenfilm zur Zeit der Entstehung des Fotos bereits eine erste Blüte erlebt haben. Wenngleich die Hauptrollen sicher nicht mit Frauen besetzt waren. Wurde hier “Neuland” fotografiert?

Bild: Ein Foto vom Kameragenie Alfred Cheney Johnston?
Weil die Distanz zwischen Foto und Assoziation so groß war, sind die Gedanken in der schlaflosen Nacht denn auch weiter abgedriftet. Das Foto verschwand allmählich aus dem Bewusstsein. Die Disziplin Schwimmen tauchte in der Wahrnehmung auf – und erwies sich nach längerer Reflexion überraschend als evolutionsgeschichtliche Variation der Piraterie. Ein Vergleich zeigt die Ähnlichkeiten:
1. Das Element Wasser
Pirat und Schwimmer sind auf das gleiche Element angewiesen. Das Wasser ist nicht wegzudenken, ohne dass die Ausübung der Tätigkeit unmöglich gemacht würde. Dabei ist der Rückzug vom Weltmeer in die Halle ins Becken eine klare, wenn auch fragwürdige Ausprägung der Spezialisierung. Durch Wettbewerbe wie z.B. das Langstreckenschwimmen – und die damit verbundene Rückkehr ins Meer – besinnt man sich der Ursprünge.
2. Kampf um Gold
Pirat und Schwimmer streben nach Gold. Michael Gross ist 38000 Kilometer für drei Olympia-Goldmedaillen geschwommen. Henry Morgen hätte darüber nur gelacht.
3. Tools
Was dem Pirat sein schnelles Schiff gewesen ist, ist dem Schwimmer sein Schwimmanzug. Preislich nähert sich der moderne Schwimmanzug den Anschaffungskosten eines Schiffes wieder an. Die Parallele wird deutlicher, denkt man an die Anfänge der Fliegerei. Otto Lilienthal ist auch nicht in einen Airbus gestiegen, sondern hat sich seinen Flugapparat auf den Rücken geschnallt. Beim Schwimmen verläuft die Entwicklung lediglich in die andere Richtung. Hier ist weniger mehr. Sinnigerweise hat man Schwarz als Anzugfarbe gewählt. Man zeigt Flagge.
4. Outlaws
Wie steht es mit dem Gesetz? Handelten die Piraten, die für die englische Krone spanische Schiffe kaperten, gesetzlos oder nach Law and Order? Schwimmt, wer dopt, nach den Regeln? Die Grenzen scheinen so fließend, wie Wasser schwer zu fassen ist.
5. Evolutionssprung
Denkt man an die Fremdschädigung, in die früherer Kaperfahrten unausweichlich mündeten, dann bemerkt man den Evolutionssprung, den das Schwimmen darstellt. Heute schädigt sich der dopende Schwimmer ausschließlich selbst. Das wird vom Publikum honoriert. Ruhm und Ehre sind fester Bestandteil des Wettkampfes.

Fazit und Ausblick
Der schwimmende Leistungssportler ist ein moderner Nachfahre des Piraten. Mit der Dramaturgie eines Piratenfilms inszeniert, ließe sich leicht ein neues Subgenre für das Kino erschließen.