Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Muss nicht sein’


Kazushi Watanabe: 19 (2000)

Gleich vorab: wer wenig Zeit für Filme übrig hat oder sich aus freien Stücken auf Werke beschränkt, denen ein intelligentes Drehbuch zugrunde liegt, der kann auf “19″ verzichten.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Usami (Daijiro Kawaoka) wird von drei jungen Männern entführt. Es geht nicht um Erpressung. Die drei haben einfach Langeweile. Berücksichtigt man das Ende des Films, dann widerspricht es der Filmlogik nicht, wenn man behauptet, dass die Entführung nur stattfindet, weil das Auto der Entführer Platz für vier Personen bietet. Weil man nichts mit sich anzufangen weiß, weil man noch Platz im Auto hat, entführt man einen “Mitfahrer” …

Kazushi Watanabe: 19 (2000)

Kazushi Watanabe: 19 (2000)
Bild: Usami und der Kopf der Entführer

Kazushi Watanabe: 19 (2000)
Bild: Es wird viel fotografiert …

Gern kann man darüber philosophieren, ob der Platz im Auto als eine Metapher für Leerräume im Leben zu verstehen ist. Der Film legt nicht nahe, dass eine großartige Idee hinter dem Projekt – der Name der Film-Company lautet Gaga – steckt.

Jedenfalls folgt der Entführung keine interessante Handlung. Schöne Dialoge vermisst man ebenfalls. Dem Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller Kazushi Watanabe geht es vor allem um Stimmung. Die versucht er über Bildkomposition, Gesten und Klänge zu erzeugen.

Und in der Tat: die Bilder sind schön komponiert. Sie sind freilich alle kräftig überbelichtet; später hat man sie gewöhnungsbedürftig eingefärbt. Hinzu kommt, dass der Transfer auf eine DVD 5 qualitativ zu wünschen übrig lässt. Das ist schade. Denn vor allem visuell kann “19″ punkten. Schon die sehr einfachen, die Handlung begleitenden Gitarrenklänge habe ich schnell als monotone Belastung empfunden.

Kazushi Watanabe: 19 (2000)

Kazushi Watanabe: 19 (2000)

Kazushi Watanabe: 19 (2000)

Die Leistung der Darsteller überzeugt. Viel wird ihnen nicht abverlangt. Wem das, vermehrt um schöne Bilder nicht genügt, dem empfehle ich als bessere Alternative den im Folgejahr von Toshiaki Toyoda verfilmten “Blue Spring” (2001, IMDb)

IMDb: 19

Tatort: Das Mädchen Galina

So gern ich FAZ online besuche, die Fernsehkritiken und -empfehlungen kann man in aller Regel vergessen. Wieder einmal reingefallen. Was schrieb dort Hannes Hintermeier über die aktuelle Tatortfolge: “Ein Fall mit furiosem Auftakt, herrlichen Tatverdächtigen, vielen Fäden und fast ebenso vielen Verknotungen. Der Stuttgarter „Tatort“ geht auf Mädchenmördersuche und gleitet fast unmerklich in die Atmosphäre eines bürgerlichen Kammerspiels …”

Klingt gut, dachte ich. Und die Sache mit dem Abgleiten stimmte ja auch … nur leider eben mehr in Richtung Lindenstraße denn in Richtung eines bürgerlichen Kammerspiels. Das Ende habe ich gar nicht mehr erlebt. Vielleicht hätte ich mehr als nur die zwei Zeilen des Teasers für den Artikel von Herrn Hintermeier lesen sollen. Denn der trifft im Stil recht schön den Inhalt der aktuellen Tatortfolge. Aber den Artikel habe ich natürlich nicht vorher gelesen, weil ich nicht wissen wollte, was passieren wird, bevor es passiert. Denn darin besteht für mich die Spannung.

Zum Glück findet man (Feridun Zaimoglu) auch bei Zeit online, dass uns hier mitunter “sagenhaft blöde Szenen” zugemutet worden sind. Bin ich also nicht völlig verblendet in meiner Kritik. Oder stehe zumindest nicht allein damit da. Nein, die Folge hat mich nicht überzeugt, um nach 24 Monaten ohne Tatort so schnell einen weiteren dranzuhängen.

Wenn es denn ein Krimi sein muss, dann lieber ein früher Chabrol. Da gibt es keine “herrlichen Tatverdächtigen” und schon gar nicht “viele Fäden und Verknotungen.” Aber einem guten Film ist man unendlich näher. Ebenso wie dem Bürgerlichen.

Kinosamstag Teil I: Woody Allen

Von Woody Allen habe ich zuletzt gesehen: „Match Point“ (2005), der mir vor allem wegen der Geschichte gefallen hat, „Scoop“ (2006), den ich nicht ganz so gut fand, und „Cassandra’s Dream“ (2007), den ich im Gegensatz zu vielen gemocht habe. Eine einfache Geschichte, aber mit guten Darstellern sehr gut umgesetzt.

Gestern habe ich „Vicky Cristina Barcelona” (2008) geschaut. Mich hat der Film enttäuscht. Ich wäre wohl auch eingeschlafen, wenn nicht plötzlich Penélope Cruz etwas Leben und Authentizität auf die Leinwand gebracht hätte.

Worum geht es? Cristina (Scarlett Johansson) und Vicky (Rebecca Hall), vom Charakter so verschieden wie ihre Haarfaarbe, reisen nach Barcelona, wo sie sich in den gleichen Mann verlieben. Juan Antonio (Javier Bardem) ist Maler und hat sich vor einiger Zeit mit großem Krach von seiner leidenschaftlichen Liebe Maria Elena (Penélope Cruz), ebenfalls Malerin, getrennt. Irgendwie konnten es die beiden trotz ihrer großen Zuneigung zueinander nicht miteinander aushalten.

Vicky Cristina Barcelona
Bild: Juan Antonio fragt die beiden gerade, ob sie mit ihm schlafen möchten. Vicky (links) wird gleich etwas weniger amüsiert reagieren – und dennoch gemeinsam mit Cristina dem Ruf des Malers folgen.

Ich habe kurz an Goethes „Wahlverwandtschaften“ denken müssen. Denn das Beziehungswirrwarr, von dem Allen uns erzählt, dreht sich um die Frage, ob romantische Beziehungen unvollkommen sind. Die Vollkommenheit wird nicht durch Tausch wie bei Goethe, sondern durch eine Zutat hergestellt. In diesem Fall eine dritte Person. Und ach!, tatsächlich halten es Juan Antonio und Maria Elena viel besser miteinander aus, wenn auch Cristina mit den beiden unter einem Dach und einer Decke schläft. Vicky, die inzwischen auch mit Juan Antonio geschlafen hat, macht sich vor allem darüber Gedanken, ob es nicht vielleicht ein Fehler war, unmittelbar nach dem romantischen Intermezzo einen anderen zu heiraten.

Die Liebe! Wovon soll man sich leiten lassen? Verstand oder Gefühl? Die vier Protagonisten sind auf der Suche nach einer Antwort. Die Idee, die den Regisseur getrieben hat, den Film zu machen, bietet sicher Potential. Der Film lässt davon nur erahnen. Denn in ihm wird kaum erzählt. Eine Stimme redet ununterbrochen aus dem Off. Aber das ist eben etwas anderes. Und auch diese Stimme liefert nur sehr wenig. Die Figuren interessieren mich nicht. Javier Bardem bleibt als Künstler blass (liegt am Drehbuch), Scarlett Johansson spielt mit Cristina eine Frau, von deren Charakter ein wenig behauptet, aber fast nichts gezeigt und belegt wird. Sie entwickelt sich unter der Aufsicht von Juan Antonio zur begabten Fotografin! Wenn nicht der leere und immer fragende Blick etwas anderes verriete, könnte man das vielleicht glauben. Rebecca Hall muss eine nervös-verunsicherte „Denkerin, die vom Gefühl eingeholt wird“ spielen. Das ist leider ebenfalls nur Oberfläche.

Vicky Cristina Barcelona - Penélope Cruz
Bild: Der Regisseur mit dem Filmjuwel. Die Fassung ist ihm leider nicht geglückt.

Einzig Penélope Cruz bringt in ihren kurzen Auftritten etwas Leben und Glaubwürdigkeit in den Film. Es war mir wirklich ein Erlebnis, wie ich mit ihrem Auftritt munterer und mit ihrem Abgehen wieder schläfriger geworden bin. Damit rede ich jetzt nicht über unbestrittene Schönheit, sondern über Schauspieltalent.

Fazit

Der Film ist eine große Enttäuschung. Palaver aus dem Off, Seichtigkeit und Oberfläche als große Suche getarnt auf der Leinwand. Den Film kann man sich sparen. Ein Film übrigens, der in Deutschland als Komödie beworben wird. Eine solche ist er nicht.

Wertung: 5/10

Morvern Callar (2002)

Wenn ich die Wirkung beschreiben soll, die Lynne Ramsays „Morvern Callar“ bei mir hinterlassen hat, dann muss ich leider feststellen, dass mich nicht der Film bewegt, sondern die Frage, was denn eigentlich das Thema des Films ist. Oder besser, was mich daran interessieren soll. Selten hat ein Film bei mir in letzter Zeit so viel Unmut hinterlassen. Und das nicht, weil er grottenschlecht gemacht wäre. Das Problem ist vielmehr, dass der Film neben ordentlichen Bildern und einer guten Hauptdarstellerin nichts mitzuteilen hat. „Life goes on“ – soll es das gewesen sein?

„Morvern Callar“ besitzt keine Handlung im klassischen Sinn. Ich bitte es mir deshalb nachzusehen, wenn ich wenig abstrakt über den Film rede, sondern Details preisgebe. Anders lässt es sich nicht machen.

Dabei hat mich der Beginn noch erwartungsvoll gestimmt. Eine Nahaufnahme zeigt Morvern Callar (Samantha Morton), die den Rücken ihres Freundes streichelt. Als die Perspektive wechselt, erkennt man, dass der Freund tot ist. Er hat sich umgebracht und liegt auf dem Boden seiner Wohnung. Im Hintergrund blinken die Lichter des Weihnachtsbaums. Auf dem Monitor fordert ein „Read Me“ zum Lesen des Abschiedsbriefes auf. Warum sich der Freund umgebracht hat, beantwortet der Text nicht. Er enthält im wesentlichen die Bitte, das Manuskript eines Romans zu einem Verleger zu schicken. Der Einstieg überzeugt, führt aber in die Irre.

Denn wer jetzt eine Charakterstudie erwartet, die sich mit der Verarbeitung von Verlust und Schmerz beschäftigt, oder Rückblicke, die dem Warum nachspüren, wird schon bald eines besseren belehrt. Der Film will ganz woanders hin. Es ist nämlich nicht der Schock über den plötzlichen Verlust, der Morvern erst ihre Nägel lackieren und dann eine Party besuchen lässt. Und wenn es Schock war, dann folgt diesem jedenfalls kein Schmerz oder ein Empfinden, das man von einem Menschen erwarten könnte, der gerade den Partner verloren hat.

Die Leiche bleibt in der Wohnung liegen. Niemand wird über den Tod informiert. Einmal wirft die Protagonistin eine Pizza in den Ofen und stapft dann mit nackten Füßen durch das geronnene Blut des toten Freundes. Eine sensible Seele ist sie nicht. Das Manuskript des Romans wird dem Willen des Verstorbenen entsprechend, an einen Verleger geschickt. Allerdings nicht ohne vorher den Namen des Verfassers gelöscht und durch den eigenen ersetzt zu haben. Das Geld, das für die Beerdigung gedacht ist, wird in eine Reise mit der Freundin investiert. Die Leiche vorher auf individuelle Weise entsorgt. Über das wie – und was es voraussetzt – mache man sich ruhig ein paar Gedanken, wenn man über Figur und Film reflektiert.

In Spanien trifft sich Morvern mit den Agenten eines Verlages. Das Treffen bleibt Oberfläche wie alles im Film. Das Resultat wird die Zukunft der Hauptfigur bestimmen. Ich halte es wie vieles im Film für wenig plausibel. Mit etwas Glück verfügt man über die Phantasie, um sich das denken zu können, was der Film nicht erzählt. Es ist ziemlich genau alles, was interessant wäre. Die Geschichte über den Schriftsteller etwa. Was hat ihn zu seiner Tat veranlasst? Was hat in der Beziehung nicht gestimmt? Vielleicht war diese Figur zu intelligent, um sie adäquat darzustellen. Morvern ist einfach gestrickt. Ihre Freundin dämlich. Und so erzählt uns „Morvern Callar“ nur, wie ein kalter Fisch ein Stück weiter treibt. Der Nährwert ist Null, weil auch das Drehbuch die langweiligen und leeren Figuren durch nichts ausgleicht. Nirgends der Versuch, etwas zu erzählen.

Wertung: 4.9/10
IMDb: Morvern Callar

Hideo Nakata: The Ring 2 (2005)

Das schlechte Rating des Films (IMDb) hatte mich bis jetzt vom Sehen des Films abgehalten. Heute Morgen hat die ARD den Film gegen 1 Uhr gezeigt.

Den ersten Teil habe ich sehr gemocht. In meinem Wertekosmos bewegt sich “The Ring” bei 8.5/10. Deshalb habe ich die „Gelegenheit“ genutzt. Meine Überraschung über den zweiten Teil war entsprechend groß. Alles, was am ersten Teil fasziniert hat, habe ich in „The Ring 2“ nicht wieder entdeckt. Bereits nach einer halben Stunde habe ich abgeschaltet. Meine Eindrücke bis dahin: ein albernes Drehbuch, schlechte Dialoge & Kameraeinstellungen, mieses Licht, lächerliche Effekte, unpassendes Tempo und eine Kombination von Ton und Bild, die im Vergleich mit dem ersten Teil einfach desaströs zu nennen ist.

The Ring 2, Naomi Watts
Bild: Naomi Watts, die sich fragen mag, was sie in diesem Film verloren hat

Erwartet man von einem zweiten Teil in seiner technischen Umsetzung nicht Ähnlichkeiten mit dem Stil des ersten Teils? Hideo Nakata hat etwas ganz eigenes geschaffen. „The Ring 2“ ist ein Film, an den man sich erinnern sollte, wenn man einmal nachts allein durch den Wald gehen muss. Da hat man einen Gegenstand, über den man lachen und sich ärgern kann. Dabei fällt die Furcht vor der Dunkelheit im Wald – manche Horrorfilmfans sind davor nicht immun – ganz von selbst ab.

Zwei kurze Eindrücke vom Film: In der ersten Szene will ein junger Mann seine Freundin zum Sehen eines Videobandes überreden. Schafft er das nicht, ist es in fünf Minuten aus mit ihm. Was macht er also? Er erzählt ihr, dass das Band den gruseligsten Film enthält, den er bisher gesehen hat. Dann verlässt er das Zimmer. Ob sich seine Freundin wohl das Band anschaut?

Viel später: Rachel Keller fährt mit ihrem Sohn durch den Wald. Plötzlich werden sie von computeranimierten Hirschen attackiert. Die Idee mit dem Pferd auf der Fähre im ersten Teil war genial und toll inszeniert. Mit den Hirschen wollte man sicher daran anknüpfen. Die Umsetzung ist lächerlich, die Idee albern.

Wertung: Ich habe nur dreißig Minuten gesehen, verzichte daher darauf. Eindruck: schrecklich.