Richard C. Sarafians „Vanishing Point“ hat mich in zweifacher Weise überrascht. Zunächst beginnt der Film mit einem Déjà-vu. Vor einigen Jahren habe ich das Musikvideo zu dem Song „Show me how to live“ von Audioslave gesehen. Die Erinnerung daran kam schnell wieder hoch, als in „Vanishing Point“ zwei Planierraupen auf einer Straße in Stellung gebracht werden, um eine Polizeiblockade zu errichten. Die Bilder aus dem Musikvideo stammen aus “Vanishing Point”! Durch das einprägsame Finale des Videos war mir der Ausgang des Films leider bekannt.
Die zweite Überraschung ist der Film selbst. Der hat nämlich alle meine Erwartungen übertroffen. Dem Kultfilm der 70-er Jahre hat die Zeit wenig anhaben können. Als erstes fällt die herausragende Cinematographie ins Auge, für die sich John A. Alonzo verantwortlich zeichnet. John A. Alonzo ist der Mann, der die Bilder von „Chinatown“ und „Scarface“ erschaffen hat. Später stellt man erfreut fest, dass auch eine Geschichte mit Gehalt erzählt wird. Dass der Regisseur aus Geldmangel nicht alle Szenen des Drehbuchs filmen konnte, merkt man dem Film nicht an.
Barry Newman spielt den Protagonisten des Films. Als „Kowalski“ überführt er für einen Händler Autos in die entlegensten Gegenden des Landes. Sein aktueller Auftrag lautet, einen 1970-er Dodge Challenger R/T von Denver nach San Francisco zu bringen. Dort will er unbedingt um drei Uhr ankommen. Ein denkbar knappes Zeitlimit, das mit einer Wette manifestiert wird.

Bild: Kowalski kauft Speed und geht eine Wette ein
Was nun folgt, ist nicht die befürchtete Polizei – jagt – Raser – Geschichte, die mit choreographierten Unfall- und Blechschaden-Szenarien, dämlichen Sprüchen aber keinem Inhalt begleitet wird. Die Polizei ist freilich auch Kowalski, der Speed (die Droge) mit Geschwindigkeit kombiniert, bald auf der Spur.
Kowalskis Trip verbindet die Sehnsucht nach Freiheit mit existentialistischer Sinnsuche in der Atmosphäre einer Zeit, die spürbar vom Geist der zu Ende gehenden 60-er Jahre geprägt ist. Veranschaulicht wird das durch Kowalskis Begegnungen mit den eigenartigsten Typen. Die Freude an der Überraschung werde ich an dieser Stelle nicht dadurch zerstören, dass ich aufzähle, wen er alles trifft.
Anhaltspunkte dafür, warum aus Kowalski der Mann geworden ist, den die Polizei ganzer Bundesstaaten verfolgt, liefert der Film in kurzen Rückblicken. Letztgültigen Gründen und Motiven verweigert sich der Film.
Der zweite Star des Films ist Cleavon Little, der auf unvergessliche Weise den blinden Radiomoderator „Super Soul“ spielt. Der Name Super Soul ist durchaus Programm. Denn nicht nur seiner Sendung verleiht er durch seine Moderation „Soul“. Auf seltsame Weise scheint er mit Kowalski, den er in seinem Radio-Programm zum Helden stilisiert, verbunden. Und zwar in einem fast übernatürlichen Sinn.

Bild: „Super Soul“
Der Film hält mehr als genug interessantes Material bereit, um nicht zu langweilen. Zumal ihn die 400 PS des Dodge Challenger R/T schnell auf Touren bringen. Eine Drehzahl, die der Film bis zum Ende beibehält. Und weil „Vanishing Point“ so viel Raum für Interpretation zulässt, meint man auch noch lange nach dem Ende, das Dröhnen des V8 Motors hören zu können.
Wertung: 9/10
IMDb: Vanishing Point
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