Wer einmal “El Espinazo del diablo” (Das Rückgrat des Teufels, 2001) von Guillermo del Toro gesehen hat, der wird sich wundern, warum ihm so manches an Juan Antonio Bayonas “Waisenhaus” seltsam vertraut vorkommt – und schnell eine Antwort finden. Guillermo del Toro ist der Produzent von beiden Filmen.

Ein Rückblick: Das Rückgrat des Teufels (2001)
Das “Rückgrat” spielt 1939 in einem Waisenhaus irgendwo im Landesinneren des vom Bürgerkrieg geplagten Spanien. Es sind vor allem die warmen, von gelb bis braun reichenden Farben, die man von der staubtrockenen und windigen Umgebung noch im Kopf hat. Carlos, ein neuer Schüler, wird immer wieder vom Geist des toten Santi heimgesucht, der ihn davor warnt, dass viele sterben werden. Wieso kehrt Santi zurück? Und wieso werden viele sterben? Der Film wirft nicht nur viele Fragen auf. Unterschiedliche Erzählstränge und ein historisch interessanter Hintergrund verankern den Film auch fest in einer Welt ohne Geister.
Das Waisenhaus
Juan Antonio Bayonas “Waisenhaus” nimmt das Erfolgsrezept wieder auf. Der Ort der Handlung wird an die Küste verlegt und ermöglicht so das Schwelgen in landschaftlich reizvollen, für das Thema noch unverbrauchten Bildern. Die Farben werden getauscht. Was sich auf Dauer im Gedächtnis konservieren wird, ist vielleicht der Ortswechsel mit seinen neuen Farben und Motiven.
Ein kurzer Rückblick zu Beginn zeigt uns die Hauptperson des Films, Laura (Belén Rueda), wie sie als Kind (Mireia Renau) vergnügt mit ihren Freunden im Garten eines Waisenhauses spielt. Sie ist bereits adoptiert worden und wird ihre Freunde in Kürze verlassen.
Jahre später kehrt Laura mit ihrem Mann Carlos (Fernando Cayo) und dem adoptierten Sohn Simón (Roger Príncep) an den Ort ihrer Kindheit zurück. Das Waisenhaus ist schon vor langer Zeit aufgegeben worden. Laura und Carlos möchten in dem nun leer stehenden Haus eine ähnliche Einrichtung für geistig behinderte Kinder schaffen. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Arbeiter sind bereits damit beschäftigt, neue Möbel in das Haus zu tragen.
Nur einen Spaziergang entfernt vom Haus befindet sich das Meer. An der Küste gibt es eine Höhle, die man bei Ebbe über den Strand erreichen kann. In der Höhle wird Laura Zeugin, wie sich Simón mit einem unsichtbaren neuen Freund unterhält. Da sich das phantasiebegabte Kind auch vorher schon mit imaginären Gestalten umgeben hat, nimmt sie das nicht weiter ernst.
Eines Tages taucht eine merkwürdige alte Frau im Haus auf. Benigna Escobedo (Montserrat Carulla) stellt sich als Sozialarbeiterin vor, die sich vornehmlich an Simóns Wohlbefinden interessiert zeigt. Die alte Akte, die sie von Simon besitzt, macht sie gleichwohl verdächtig, zumal sie ihren Besuch nicht wirklich erklären kann. Sie wird schnell verabschiedet.
In der Nacht wird Laura von seltsamen Geräuschen aus dem Nebengebäude angelockt. In einer unheimlichen Sequenz entdeckt sie die vermeintliche Sozialarbeiterin, die sich dort gerade mit einem Spaten zu schaffen macht. Den kurzen Moment des Schocks, der Laura lähmt, nutzt die Alte zur Flucht.
Simóns neue Freunde haben sich mittlerweile auf sechs summiert. Die Mutter wird neugieriger und fragt genauer nach. Simóns Erklärungen über die Spiele, welche die Freunde mit ihm spielen klingen aber zu phantastisch, um ihnen Glauben schenken zu können. Die Eltern, die Simón bisher seine Adoption und Krankheit verheimlicht haben, glauben auch nicht, dass die neuen Freunde Simón darüber informiert haben. Sie meinen, er müsse das Gespräch mit der Sozialarbeiterin belauscht oder in der Akte gelesen haben.
Anlässlich der bevorstehenden Eröffnung findet im Garten des Hauses ein Kostümfest statt. Während des Festes sperrt ein Junge mit einer seltsamen Maske Laura im Badezimmer ein. Als man sie aus ihrem Gefängnis befreit hat, ist Simón verschwunden.
Monate später, der Sohn bleibt verschwunden, begegnen sich die Wege des Ehepaars mit denen der alten Benigna Escobedo erneut. Das Aufeinandertreffen ist kurz aber dramatisch. Nachforschungen ergeben, dass die Frau zu einer Zeit im Waisenhaus gearbeitet hat, als Laura dort als Kind untergebracht war. Es scheint eine rätselhafte Verbindung zu geben.
Da das Rätsel nicht gelöst werden kann und Simón nicht wieder auftaucht, wendet sich Laura an Kreise, die sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigen. Mit viel Technik und unter der Führung des Mediums Aurora (Geraldine Chaplin) bemüht sich eine erfahrene kleine Gruppe darum, eine Verbindung zu den Geistern herzustellen. Das gelingt dem Medium schließlich, verängstigte Kinderstimmen sind zu vernehmen. Sie deuten grausige Dinge an.
Lauras Freundin Pilar (Mabel Rivera) hält von den Stimmen nichts, glaubt, die Gruppe habe Laura nur etwas vorgemacht. Auch Carlos drängt seine Frau, Simón endlich aufzugeben. Das Medium könne Laura nicht helfen, da es nur Kontakt zu den Geistern/Toten aufnehmen kann. Ist Simón tot, dann kann sie ihn nicht zurückbringen, lebt er, dann kann sie keinen Kontakt aufnehmen.
Laura weigert sich. Carlos aber hält den Druck, den das Haus und die Vergangenheit, die Laura nicht loslassen kann, in ihre Beziehung bringt, nicht mehr aus. Er drängt Laura, mit ihm wegzuziehen. Die bittet sich zwei letzte Tage aus, um allein Abschied nehmen und vielleicht auch das Rätsel lösen zu können. Das gelingt, nur ist der Preis sehr hoch.
Fazit
Das “Das Waisenhaus” ist ein atmosphärisch dichter und technisch nahezu makelloser Film. Belén Rueda, die in der Rolle der Laura den Film im Wesentlichen tragen muss, überzeugt in ihrer Rolle.
Wer freilich “Das Rückgrat des Teufels” von Guillermo del Toro gesehen hat, wird etwas enttäuscht sein. Im Vergleich raubt sich der Film mit der weitreichenden Beschränkung auf die Hauptfigur Laura die Dynamik, die den Vorgängerfilm ausgezeichnet hat.
Vielleicht rührt dieser Eindruck aber auch daher, dass die unterschiedlichen Erzählstränge im “Rückgrat des Teufels” den Film mehr in dieser Welt verhaftet haben und das Ergebnis damit auch für Zuschauer attraktiver gemacht haben, die dem Mysterygenre nicht hoffnungslos verfallen sind.
Dass der Film seine Bilder mit viel Kontrast und knalligen Farben serviert, schadet für sich nicht. Wenngleich weniger manchmal mehr ist. Was stört, ist der Einsatz von ins Auge springender Computeranimation. Wenn Laura etwa durch die Reflektion des Mondlichts an der Rückseite eines Weckers Simón das durch die Scheibe fallende Licht eines Leuchtturms vorspiegeln möchte, und dann eine wunderschöne Animation eingespielt wird, dann zerstört das die Atmosphäre des Augenblicks. Zum Glück ist das der einzige Aussetzer. Sonst sind die Bilder sehr schön und auf hohem Niveau.
Etwas ratlos lässt einen der Film in der Frage zurück, wieso Laura nichts von den dramatischen Geschehnissen im Waisenhaus, die sich dort nach ihrer Adoption abgespielt haben müssen, weiß. Ebenso fragt man sich, wieso es die Geister auf ihren Sohn abgesehen haben. Ein Motiv gibt es dafür nicht. Vielleicht fragt man in diesem Punkt aber besser nicht nach, auch wenn die Geister sonst durchweg logisch agieren.
Dennoch: Auch wenn neue Impulse fehlen, ist der Film grundsolide und sehenswert. Wem “The Sixth Sense” gefiel, der wird vom überlegenen “Waisenhaus” begeistert sein. Wem das Mysterygenre nicht so nahe steht und wer zudem “Das Rückgrat des Teufels” kennt, der wird dem “Waisenhaus” wahrscheinlich wenig Fesselndes abgewinnen können.
Wertung: 7.5/10