Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Romanze’


A Song of Two Humans: Sunrise (1927)

“Sunrise” kam im September 1927 zu einem Zeitpunkt in die Kinos, als die Ära des Tonfilms gerade anbrach. Dass der Film dennoch nicht den Höhepunkt des Stummfilms, sondern einen Höhepunkt des Kinos schlechthin markiert, sollte so neugierig auf “Sunrise” wie kritisch gegenüber rein technischer Innovation machen. Filme sind niemals “neu” oder “alt”, sondern, wenn es schon Kategorien sein müssen, “gut” oder “schlecht” gemacht.

“Sunrise”, Murnaus Meisterwerk, ist in besonderer Weise geeignet, die Leidenschaft für das Kino zu wecken. Wer sich von den Bildern der zeitlosen Geschichte nicht berühren und verzaubern lässt, dem wird kein anderer Film helfen können. Wen sie bewegen, der hat – so er dem Kino nicht schon verfallen ist – einen Schritt in eine Richtung getan, in der noch viele Schätze der frühen Filmgeschichte auf ihre Entdeckung warten. Insoweit lohnt das Sehen des Films gleich in doppelter Hinsicht.

Die ewige Frage: Was nutzt das Genie des Regisseurs, wenn das Werk später von Laienhand, natürlich in der Meinung, es besser machen zu können, zerstückelt wird? Auf diese Weise hat man Sergio Leones “C’era una volta il West” (1968, IMDb) zunächst völlig ruiniert. Murnau hatte mit “Sunrise” Glück. Der Erfolg seines Films “Der letzte Mann” (1924) brachte den Produzenten William Fox dazu, Murnau volle künstlerische Freiheit einzuräumen. Drei Oscars waren dann der Lohn.

Inhalt des Films

In Kurzform erzählt “Sunrise” die Geschichte (”this song”) von einem Mann und einer Frau, deren Liebe erst durch die Hand einer Dritten auf eine schwere Probe gestellt werden muss, um später um so intensiver neu entdeckt werden zu können. Mann und Frau tragen im Film keinen Namen. Um den universellen Anspruch noch zu verstärken, sind auch Ort und Zeit des “Songs” unbestimmt: “you might hear it anywhere, at any time.”

Ich werde dieses Mal detaillierter als üblich über die Handlung berichten, denn es ist gar nicht so sehr von Bedeutung, was geschieht, als vielmehr der Umstand, wie es inszeniert ist. Und das muss man sich dann eben selbst anschauen. Wer sich dennoch überraschen lassen möchte, der leiht oder kauft sich den Film einfach auf diese Empfehlung hin.

“Summer time … vacation time”

Die Ferienzeit hat viele Erholungssuchende hinaus aufs Land geführt. Darunter: “a Woman of the City.” Es folgt ein Zeitsprung. Eine Tafel erklärt, dass sich besagte Frau nun schon seit vielen Wochen hier aufhält. Mit ihrer modischen Kleidung wirkt sie wie ein Fremdkörper. Zielbewusst sehen wir sie ein Haus ansteuern. Im Haus: der Ehemann und seine Frau (wie schon gesagt, beide ohne Namen). Mit Pfiffen lockt sie den Mann zu sich heraus. Wie dem Ruf einer Sirene folgt er ihr hinaus in die Nacht. Kamera- und beleuchtungstechnisch ist das kaum besser zu machen. Man achte einmal auf die Kamera, die dem Mann folgt.

Obwohl der Mann schon viele Werte der Farm für die Frau verkauft hat, möchte sie ihn ganz für sich: “Sell your farm, come with me …” Und meine Frau? Die soll er ertränken. Einen Unfall mit dem Boot vortäuschen. Sie bezirzt ihn solange, bis er ihrem Plan zustimmt.

Eine letzte Nacht noch muss er im Haus mit seiner Frau verbringen. Obgleich der Bann der Frau aus der Stadt hält, spüren wir die Last, die sich über den Mann senkt, der Böses vorhat. Schwer sind seine Schritte, langsam die Bewegungen. Im Gegenschnitt sehen wir immer wieder die zarte, nichtsahnende Frau. Am nächsten Morgen wird die Bootsfahrt, die ihr Schicksal besiegeln soll, vorbereitet. Sie ist freudig erregt.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Der Mann (George O’Brien) wird gelockt …

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: … und folgt
A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: die Frau aus der Stadt (Margaret Livingston)

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Verführung in schöner Überblendung

Der vermeidende Blick

Um uns über den Seelenzustand der Personen zu unterrichten, nutzt Murnau gern und wirkungsvoll die Augen seiner Darsteller, deren Blicke. Wer sucht den Blick? Wer vermeidet ihn? Wenn der Mann seine Frau auf den See hinausrudert, kann er ihr nicht mehr in die Augen blicken. Sie dagegen sucht seinen Blick. Ganz langsam dämmert ihr, dass etwas nicht stimmt. Und ihr entsetzter Blick, wenn der Mann die Ruder aus der Hand legt und sich ihr langsam nähert, die Hände schon ausstreckt – um dann doch vor der Tat zurückzuschrecken. Wie besessen rudert er zurück ans Ufer, als könne er der bösen Absicht, diesem Teil von sich, entkommen, alles hinter sich lassen, wenn er nur schnell genug rudert.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: der Blick ist gesenkt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Da stimmt doch was nicht? (Janet Gaynor)

Der suchende Blick

Für die Frau ist eine Welt zerbrochen. Am Ufer angelangt, flüchtet sie vor ihrem Mann. Die Flucht führt die Hauptfiguren in die Stadt. Das Chaos der Großstadt ist ein eindrucksvoll in Szene gesetzter Spiegel für die Entfremdung zwischen den beiden.

Hat der erste Teil märchenhafte Züge, erscheint er uns wie ein Alptraum, in dem die Frau aus der Stadt sirenenhaft verführt, ist der zweite Teil realistischer. Er setzt die Annäherung an Vertrautes am fremden Ort, das langsame Wiederfinden der Liebe zwischen Mann und Frau ins Bild. Und er zelebriert die Liebe, die sich neu entdeckt und sich erst jetzt ihres wahren Wertes bewusst werden kann.

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Die Stadt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Schuld und Fassungslosigkeit

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: George O’Brien

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: zarte Annäherung

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: In einer eigenen Welt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Alte Liebe neu entdeckt

A Song of Two Humans: Sunrise
Bild: Ausgelassenheit

Finale Bewährungsprobe

Das Glück, das Murnau in Bildern, deren Stimmung von Minute zu Minute heiterer und ausgelassener wird, feiert, ist nicht das letzte Wort des Films. Denn Mann und Frau müssen noch mit dem Boot nach Hause fahren. Und ein Sturm braut sich am Himmel über ihnen zusammen.

Fazit

Ein wunderschöner Film, der den meisten Sehern Tränen in die Augen treiben wird. Indem Murnau die technischen Möglichkeiten seiner Zeit im Dienste einer poetischen Erzähltechnik ausreizt, hat er einen der schönsten Filme der Filmgeschichte geschaffen. Zu diesem Eindruck tragen natürlich auch die tollen Bauten (Rochus Gliese), die Kameraarbeit (Charles Rosher, Karl Struss) und der äußerst effektive Soundtrack bei. “Sunrise” muss man sehen!

Bei Amazon nach Sunrise suchen.

IMDb: Sunrise

Why did the chicken cross the road?

“Why did the chicken cross the road?” – das ist ein Satz aus John Hustons “The African Queen” (1951). Der Film spielt 1914 in Deutsch-Ostafrika. Den Ausbruch des Ersten Weltkrieges bekommt eine Mission im Dschungel zu spüren, als deutsche Truppen die Hütten des Dorfes in Brand stecken. Die Missionarin Rose Sayer (Katharine Hepburn) flieht gemeinsam mit Kapitän Charlie Allnut (Humphrey Bogart) auf einem kleinen Dampfboot. Das heruntergekommene Boot trägt den stolzen Namen “African Queen”.

The African Queen: Katharine Hepburn und Humphrey Bogart
Bild: Rose entleert den Ginvorrat. Charlie hat noch einen schweren Kopf.

Was folgt, ist ein Mischung aus Abenteuer und Romanze. Sie zieht ihre Kraft aus den gegensätzlichen Charakteren, die sich, auf einer Nussschale zusammengezwängt, erst auf einen verwegenen Plan und dann auch aufeinander einlassen.

Während eines Gespräches fragt Rose den Kapitän, was ihn nach Afrika geführt hat. Ein Brückenbau der Briten ist es gewesen. Für Charlie ein unverständliches Projekt, schließlich gleicht der Dschungel auf der linken Seite des Flusses dem auf der rechten Seite. Das Unerklärliche drückt er mit den Worten aus: “Why did the chicken cross the road?”

Das ist die Stelle des Films, an der sich 0,12% aller Zuseher fragen, ob die Figur Charlie Allnut so sprechen würde. Allnut wird als einfacher Mann eingeführt. Zu Beginn des Films, wenn er von Rose und ihrem Bruder zum Essen eingeladen wird, windet er sich qualvoll auf seinem Stuhl, während die Missionare gepflegte Oberklasse-Konversation betreiben. Viel mehr als ein wiederholtes “That’s right, Miss”, kann er nicht beitragen. Hinzu kommt ein Magenknurren Allnuts, das dem Ganzen eine degradierende Note verleiht.

Ob Allnut so sprechen würde oder nicht, ist letztlich egal, weil sich der Film zum Vorteil des Zuschauers entwickelt. Was nützt ein Kapitän, der keinen vernünftigen Satz formulieren kann? Und Charlie wird noch zu hoher Form auflaufen. Eine Einstellung zeigt ihn beim Rasieren. Der polierte Dampfkessel der “African Queen” dient ihm als Spiegel. Während Rose gleichgültig am Ende des Bootes sitzt und in einem Buch liest, legt Charlie los:

“Ah, it’s a great thing to have a lady aboard with clean habits. It sets the man a good example. A man alone, he gets to living like a hog. Then, too, with me, it’s always: ‘Put things off. Never do today what you can put off till tomorrow.’ But with you: ‘Business before pleasure.’ Every time. Do all your personal laundry, make yourself spic and span, get all the mending out of the way and then – and only then – sit down for a nice quiet hour with the Good Book. I tell you, it’s a model – like an inspiration.”

Eine Auswahl ähnlich bemerkenswerter Filmperlen findet man auf dieser (filmsite.org) Seite.

Anders als im Film, kann man den Satz vom Huhn – der schriftlich erstmals 1847 (Wiki) dokumentiert ist – aber auch ernst nehmen. Und wenn es nur dazu dient, eine humorvolle Antwort zu finden.

Why? Antworten.

Eine mögliche Antwort – Ludwig Wittgenstein in den Mund gelegt – lautet: “The possibility of ‘crossing’ was encoded into the objects ‘chicken’ and ‘road’, and circumstances came into being which caused the actualization of this potential occurrence.” Pyrrho der Skeptiker könnte wie folgt geantwortet haben: “What road?” Oder noch skeptischer: “It did?”

Eine größere Zusammenstellung möglicher Antworten findet man hier (philosophy.eserver.org).

Das Finale als “actualization of its potential”

Was hat das mit dem Film zu tun? Das Ende eines Films ist – ähnlich der Entscheidung des Huhns, to cross or not to cross – die Realisierung einer “Möglichkeit”. Und hier ist es, wo ich wirkliche Schwächen in den zwei zuletzt gesehenen Filmen von John Huston sehe.

Das Ende von “The Treasure of the Sierra Madre” (1948, IMDb) empfinde ich geradezu verwegen. Zumal es in einen Widerspruch mündet. Will Huston einen moralischen Film über den Fluch des Goldes (wobei sich freilich der Mensch als Fluch des Menschen erweist) zeigen – und daran gibt es wenig Zweifel, dann dient er der moralischen Botschaft nicht, wenn das Ende unglaubwürdig ist. Die Sache wird nicht besser, wenn das unglaubwürdige Ende auch noch mit starker Hand und spürbarer Freude inszeniert ist.

Sieht man vom Ende und dem Umstand ab, dass Humphrey Bogarts Charakter in “The Treasure of the Sierra Madre” einige sehr abrupte Stimmungswechsel vollziehen muss, dann ist der Film nach wie vor absolut sehenswert. Tolle Darsteller und eine gewohnt gekonnte, mätzchenfreie Inszenierung Hustons.

Die Entwicklung der Figuren gefällt mir in “The African Queen” besser. Aber auch hier läuft der Film auf ein wenig glaubwürdiges Ende hinaus. Gleichwohl ist auch dieser Film sehenswert. Gerade im Sommer, wenn zwanzig Minuten Mückenjagd Alltag sind, um schlafen zu können, wird man die Darstellungskünste Humphrey Bogarts bewundern (und nachvollziehen können), wenn er seinen Körper von Blutegeln übersät findet. Und Katharine Hepburn, die sich über den Psycho-Kick, den ihr das Durchfahren von Stromschnellen bereitet, begeistert, lässt man sich besser auch nicht entgehen.

Vielleicht fällt einem dann auch wieder das Huhn ein. Bezüglich “The African Queen” könnte man die Frage, warum das Huhn die Straße überquert, wie folgt beantworten: Das Huhn hat nach einem anderen Huhn bzw. Hahn gesucht. Auch um der Gefahr willen, Überfahren zu werden. No risk, no fun.

Bei Amazon nach Filmen von John Huston suchen.

IMDb: The African Queen

“I changed my mind”

Josef von Sternberg: Morocco (1930)
Bild: Adolphe Menjou als Monsieur La Bessiere und Marlene Dietrich als Mademoiselle Amy Jolly in Josef von Sternbergs “Morocco” (1930).

Der Film entstand im selben Jahr wie “Der blaue Engel” (1930). Es war der Zweite von insgesamt sieben Filmen, die Josef von Sternberg und Marlene Dietrich zusammen gedreht haben. Es sollten noch “Dishonored” (1931), “Shanghai Express (1932), “Blonde Venus” (1932), “The Scarlet Empress” (1934) und “The Devil Is a Woman” (1935) folgen.

Auf dem Spiegel im Hintergrund des Fotos hat sich Légionnaire Tom Brown (Gary Cooper) mit einem “I changed my mind – Good luck!” verewigt. Das heißt im Film, dass er nicht desertieren wird, um mit Amy Jolly zu flüchten. Was zunächst als eigensinnige Laune erscheint, wird sich noch als etwas ganz anderes herausstellen. Wie uns Sternberg die Liebe überhaupt als etwas Selbstloses in diesem wunderschönen Film präsentiert.

IMDb: Morocco
Amazon: Marokko

Dot the I (2003)

Ein Filmblog mit dem Titel „Our Life Is Not A Movie Or Maybe“ kommt an einem Film wie „Dot the I“ nicht vorbei. Das „maybe“ könnte Matthew Parkhill, der zugleich Autor und Regisseur ist, nämlich die Inspiration zum Film geliefert haben.

Dot the I

„Dot the I“ beginnt in einem Restaurant. Carmen Collazo (Natalia Verbeke) feiert dort mit ihren Freundinnen den Abschied vom Leben als Single. Die Heirat mit dem vermögenden Barnaby Caspian (James D’Arcy) steht unmittelbar bevor. Kit Winter (Gael García Bernal), den wir das Restaurant mit zwei Freunden betreten sehen, wird vom Kellner wegen Überfüllung am gleichen Tisch platziert. Es ist auch der Kellner, der die weiteren Ereignisse in Gang setzt. Er wendet sich an Carmen und erzählt von einem alten Brauch, wonach die Braut vor der Hochzeit einen letzten Kuss zu verschenken hat. Aus dieser Nummer kommt Carmen natürlich nur auf eine Weise wieder heraus. Auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten, lässt sie den Blick durch das Restaurant schweifen. Ihre Wahl fällt auf den ihr gegenüber sitzenden Kit.

Der leidenschaftliche Kuss, der nun folgt, entspricht mit Sicherheit nicht dem Brauch. Die gegenseitige Anziehungskraft, die sich in dieser Szene mitteilt, hat Folgen. Carmen entkommt ihnen mit ihrer panischen Flucht aus dem Restaurant nur für kurze Zeit.

Denn Kit setzt der Frau, die er gerade kennen gelernt hat, mit Leidenschaft nach. Es springt dem Zuschauer wirklich ins Auge, wie gut die beiden zusammenpassen. Und das nicht nur, weil man die beiden in harmonierende Kleidung gesteckt hat. Carmen, der ihr wildes Temperament schon eine bewegte Vergangenheit beschert hat, wehrt sich gegen ihre Gefühle. Sie will endlich zur Ruhe kommen. Im vermögenden Barnaby meint sie den richtigen Hafen erblickt zu haben, den sie nun wegen einer Leidenschaft nicht wieder verlassen möchte.

Aber was sind rationale Überlegungen im Vergleich zu wahrer Leidenschaft. Wir verstehen sie gut, denn Barnaby wirkt neben Kit so blass und langweilig wie ein Sack Mehl.

Dass aus dem Beziehungsdreieck resultierende Gefühlschaos ist aber nicht die eigentliche Überraschung des Films. Ich habe bereits angedeutet, dass das Thema mit dem Namen dieses Blogs in Zusammenhang steht. Haben wir Kit nicht immer wieder mit einer Kamera hantieren sehen? Und was hat es mit dem Unbekannten auf sich, der Carmen in ihrer Vergangenheit verfolgt hat? Einige Einstellungen des Films legen es nahe, dass ihr dieser Unbekannte wieder auf der Spur ist. Und auch Barnaby steckt voller Überraschungen und ist für ein dramatisches Finale gut.

Auf mich hat der Film einen gemischten Eindruck hinterlassen. Die Wendung, die der Film erfährt, gibt zwar dem, was im ersten Teil seltsam erschien, einen Grund. Zum anderen produziert die Wendung Material, das ungeachtet heftigen Bemühens nicht wirklich plausibel gemacht werden kann. Es scheint, als ob der am Reißbrett entworfene Plan des Films durch den kompletten Schluss von “Dot the I” hindurch schimmert. Das raubt dem Film die Authentizität und damit die Glaubwürdigkeit.

Dem Thema der Wechselwirkung von Leben und Kunst nähert man sich subtil an. Oder lieber gar nicht. “Dot the I” geht es nur um Überraschung und Effekt, die im Film in Gestalt einer rücksichtslos realisierten Idee herbeigeführt werden. Das Finale beschränkt sich darauf, uns die technischen Details zu erklären. Mich hat das nicht sonderlich interessiert.

Was bleibt, sind gute Darsteller, deren Talent (Gael García Bernal) unnötig verschenkt wird, und ein halbwegs gelungener erster Teil. Wer sich an cleveren Konstruktionen nicht stört und auch nichts Subtiles erwartet, dem gefällt vielleicht auch der zweite Teil. Die technische Umsetzung ist gelungen. Kunst ist es nicht.

Ansonsten kann sich der Zuschauer noch auf eine schöne Erklärung dessen freuen, was es mit dem kryptischen Titel „Dot the I“ auf sich hat.

Wertung: 6/10

IMDb: Dot the I

Dot the I” bei Amazon bestellen.

Saving Face (2005)

Mit einer Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet, bringt die verwitwete Ma (Joan Chen) Unruhe in ihr soziales Umfeld. Mit 48 Jahren schwanger zu werden, ohne verheiratet zu sein, und auch keine Auskunft über den Vater geben zu wollen, sprengt den Rahmen des überlieferten Wertekanons, unter dessem Dach die chinesische Gemeinschaft in New York lebt.

Saving Face
Bild: Noch trennen Zaun und Vorurteile Vivian und Wilhelmina

Tochter Wilhelmina (Michelle Krusiec) geht es nicht viel besser. Seit Jahren muss sie ihr wohlmeinend zugeführte Heiratskandidaten abwimmeln. Was niemand weiß, ist der Umstand, dass sich Wilhelmina zu Frauen hingezogen fühlt. Eine Wahrheit, die sie verheimlicht, um das Gesicht zu wahren (Saving Face).

Wilhelminas Großvater, der die Mutter verstößt, sorgt damit dafür, dass seine Enkelin einen nur allzu fürsorglichen neuen Untermieter in ihre Wohnung aufnehmen muss. Als sie dann die Tänzerin Vivian (Lynn Chen) kennen und lieben lernt, muss sie sich fragen, was im Leben wirklich zählt. Ihre Liebe zu Vivian oder das Urteil ihrer Familie und deren Bekanntenkreis. Eine Entscheidung, die sie viel zu lange vor sich herschiebt.

Währenddessen versucht sie, für ihre Mutter einen passenden Partner zu finden. Wilhelmina zieht dafür alle Register. Als Chirurgin nutzt sie die Gunst ihres Berufes und überprüft schon mal die Akte eines chinesischen Patienten, um ihn bei Eignung auf die Liste potentieller Kandidaten setzen zu können. Aber die gesundheitliche Empfehlung allein ist im Zweifel zu wenig. Überhaupt stellen sich die arrangierten Treffen häufig als ein heiteres Aufeinandertreffen verschiedener Welten dar.

Weniger heiter wird es für Wilhelmina, als Vivian vor die Entscheidung gestellt wird, ob sie den angebotenen Karrieresprung nach Paris annehmen soll. Ja zur Karriere, heißt nein zu Wilhelmina. Aber wie weit ist die überhaupt zu gehen bereit?

„Saving Face“ ist eine warmherzige, romantische Komödie der leisen Töne über Vorurteile und ihre Überwindung. Überzeugende Darsteller und ein gutes Drehbuch machen den Film sehenswert. Dass sich am Ende alles in einem großen Wohlgefallen auflöst, nimmt dem Film etwas von seinem Realismus, zerstört aber nicht seinen Charme. Die Regisseurin Alice Wu hat mit ihrem Debutfilm einen beachtlichen Film abgeliefert.

Wertung: 7.5/10

IMDb: Saving Face