Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Bücher’


“Ich vergesse nie den Schrecken … “

„Das Kino brachte eine so neue, so ungewohnte Form des Erzählens mit sich, dass die überwiegende Mehrheit des Publikums Mühe hatte zu verstehen, was auf der Leinwand vorging und wie die Ereignisse ineinander griffen, während die Schauplätze wechselten … Ich vergesse nie den Schrecken, der mich, wie den ganzen Saal, bei der ersten Kamerafahrt nach vorne ergriff. Auf der Leinwand kam ein riesiger Kopf auf uns zu, wurde größer und größer, als wollte er uns verschlingen. Wie hätten wir auch wissen sollen, dass die Kamera sich dem Kopf näherte oder dass ein anderer Trick ihn größer werden ließ … “

(Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer)

Magic Moments, 11: The Shining (1980)

28 Jahre später ist “The Shining” für mich immer noch der beste Horrorfilm. Auch dank exzellenter Darsteller. Als da wären:

The Shining
Jack Nicholson als Jack Torrance (”Heeere’s Johnny!”) und

The Shining
Shelley Duvall als Wendy Torrance.

Stanley Kubrick Archives

Warum in “The Shining” z.B. das Licht so atemberaubend ist, kann man in den Stanley Kubrick Archives nachlesen.

Schein und Sein: Ben Hecht in Deutschland

Eigentlich wollte ich nur kurz einen Autor und sein im Berenberg Verlag erschienenes Buch vorstellen. Aber gestern habe ich mir noch einmal den phantastischen Lubitsch Film “To Be or Not to Be” von 1942 angeschaut. Thematisch drängen sich hier gleich mehrere Parallelen auf. Die reizen mich zu sehr, als dass ich sie nicht verfolgen würde. Zum Buch komme ich daher etwas später.

Denn über schöne und talentierte Darstellerinnen verliert man gern ein Wort. So etwa über Carole Lombard, die in “To Be or Not to Be” neben ihrer vielleicht besten Darstellung überhaupt zugleich ihren letzten Auftritt in einem Film erlebt. Kurz darauf ist sie nämlich mit dem Flugzeug verunglückt. Dieses Wissen wirft leider seinen Schatten auf bestimmte Szenen des Films und nimmt ihnen die Leichtigkeit, die ohnehin durch den geschichtlichen Hintergrund immer wieder in Frage gestellt wird. Schließlich ist ihr junger Verehrer im Film Pilot. Spätestens wenn er sie zu einem Rundflug einlädt, holt die Realität die Fiktion ein. Wenig tröstlich ist der Gedanke, dass es wenigen Schauspielern gelingt, auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Karriere abzutreten.

Realität und Fiktion sind ein zentrales Thema von “To Be or Not to Be“. Noch zentraler ist dieses Thema in Howard Hawks Film “Twentieth Century” (IMDb) aus dem Jahr 1934. Wie “To Be or Not to Be” ist auch “Twentieth Century” eine Komödie. Carole Lombard spielt in der Rolle der Lily Garland wieder eine Schauspielerin.

Oscar Jaffe (John Barrymore) macht Lily Garland mit einem Theaterstück zum Star. Dem gemeinsamen Erfolg folgt eine Beziehung. Mit seiner Eifersucht vertreibt Jaffe den Star allerdings nach Hollywood. Mit Lily Garland verschwindet auch der Erfolg, alles geht den Bach runter. Auf der Flucht vor den Gläubigern begegnet er Lily zufällig im Zug (dem “Twentieth Century Limited”) wieder. Da sie aus nachvollziehbaren Gründen nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, heißt es für Jaffe alle Register der Schauspielkunst zu ziehen, um sie wieder unter Vertrag zu bekommen. Lily hat inzwischen ebenfalls alle Tricks der Schauspielkunst verinnerlicht. Die Grenzen von Kunst und Leben verschwimmen für die beiden vollkommen. Ihre melodramtischen, völlig überzogenen Attitüden sind es denn auch, die den Zuschauer zum Lachen bringen. Phantastische Darstellerleistungen und eine große Komödie von dem besser als Western- (Red River, Rio Bravo) oder Gangsterfilm-Regisseur (Scarface) bekannten Howard Hawks machen den Film zu einem Ereignis.

Twentieth Century
Bild: Lily Garland (Carole Lombard) und Oscar Jaffe (John Barrymore)

Was “To Be or Not to Be” und “Twentieth Century” erst zu dem machen, was sie sind, sind ausgezeichnete Drehbücher. Der finale Übergang der heutigen Veröffentlichung! “To Be or Not to Be” haben Ernst Lubitsch und Edwin Justus Mayer geschrieben. Von letzterem stammt übrigens auch “Midnight” (1939, IMDb).

Sowohl an dem Theaterstück wie auch dem Drehbuch zu “Twentieth Century” hat ein Mann mitgeschrieben, dessen Name ungleich öfter auftaucht als der von Edwin Justus Mayer. Obgleich man ihn den “Shakespeare von Hollywood” nannte, ist sein Name – Ben Hecht – nicht jedem bekannt. Dabei hat Ben Hecht unter anderem die Geschichte zu Josef von Sternbergs “Underworld” (1927) geliefert, er hat “The Front Page” geschrieben, das von Lewis Milestone im Jahr 1931, von Howard Hawks als “His Girl Friday” 1940 und später auch von Billy Wilder verfilmt worden ist. Er hat die Drehbücher für Howard Hawks “Scarface” (1932), Ernst Lubitschs “Design for Living” (1933) sowie Hitchcocks “Spellbound” (1945) und “Notorious” (1946) geschrieben. Unzählige weitere Arbeiten zeichnen ihn aus. Das alles weckt das Interesse für den Mann hinter diesen Werken. Und wirft die Frage auf, ob es denn nicht auch Bücher von ihm gibt.

Die Revolution im Wasserglas

Das Hintergrundwissen für seine Arbeit als Autor in Hollywood hat sich der 1894 in New York geborene Hecht als Reporter erworben. Ab 1910 arbeitet er für die Chicago Daily News. 1918 wird er als einer der ersten ausländischen Reporter im Auftrag der Daily News nach Deutschland geschickt. Das im Berenberg Verlag erschienene Buch “Die Revolution im Wasserglas” schildert seine Eindrücke, erzählt, wie der damals Vierundzwanzigjährige, kaum dass er im Berliner Adlon Hotel abgestiegen ist, von einem Kellner über die bevorstehende Erstürmung des kaiserlichen Schlosses durch Karl Liebknecht und seine Männer informiert wird. Das ist natürlich eine Geschichte, die er sich nicht entgehen lassen wird.

Wenig später lässt er sich von einem der bekanntesten deutschen Fliegerasse ein Flugzeug besorgen. Mit einem Bomber aus dem Ersten Weltkrieg, der kurzer Hand aus einem Hangar entwendet wird, reist er fortan durch Deutschland, immer auf der Suche nach einer interessanten Geschichte. Mehrere erzählt er uns. Unter anderem, wie er die Revolution in Bayern erlebt hat. Später auch über die Bekanntschaft mit George Grosz.

Das schmale Buch liest sich wie ein auf Tatsachen beruhender Abenteuerroman. Interessant ist es nicht nur für diejenigen, die sich für den stillen Schöpfer vieler namhafter Filme interessieren. Obgleich der Reiz des Buches vor allem in der bildhaften Schilderung der zeitlichen Ereignisse, weniger in einer präzisen geschichtlichen Einordnung liegt. Das Talent des späteren Autors ist hier bereits erkennbar. Hecht beweist ein gutes Gespür für den Ungeist der Zeit und warnt wiederholt in seinen Reportagen vor einem Erstarken jener Kräfte, die den Ersten Weltkrieg mit ermöglicht haben. Hier ist es wieder: das Sein hinter dem Schein; erlebt in einem politischen Possenspiel. Bei den Herausgebern seiner Zeitung wollte man davon wenig hören. Der Bolschewismus erschien als die größere Gefahr. Ganz erfolgreich ist das Buch auch auf einem anderen Gebiet. Man beginnt, sich für die Geschehnisse der Zeit zu interessieren. Mehr kann man nicht verlangen. Zumal die Komödie Politik immer noch aufgeführt wird.

Vom Western zu Flaubert

Eigentlich. Eigentlich wollte ich mir gestern den Western “The Professionals” (Die gefürchteten Vier) von 1966 anschauen. Aber offenkundig habe ich meine Bestellung etwas zu spät abgeschickt, als dass Amazon noch hätte liefern können. Deshalb gibt es anstatt eines Westerns wieder Flaubert. Und zwar noch einmal die “Lehrjahre des Gefühls“. Das Buch hat mir so gut gefallen, dass ich es erneut lese. Nicht, dass es Flaubert nötig hätte, von mir auf Qualität geprüft zu werden. Natürlich nicht. Da gute Bücher beim zweiten Lesen bekanntlich gewinnen, während schlechte stark abfallen, stellen sich bei den “Lehrjahren” nur positive Erfahrungen ein.

Weniger bekannt ist vielleicht die Verbindung, die es vom Western zu Flaubert gibt. Oder besser gesagt: die es von Flaubert zum Western gibt. Was verwunderlich klingen mag, beweist die Filmgeschichte.

Blickt man zurück, dann kommt man nicht an John Fords Western “Stagecoach” (1939) vorbei. Der Film basiert auf einem Drehbuch, das von Dudley Nichols und Ben Hecht geschrieben worden ist. Das Drehbuch selbst basiert auf einer Kurzgeschichte von Ernest Haycox: “Stage to Lordsburg”. Die Kurzgeschichte wiederum wurde von Maupassants berühmtester Novelle, “Boule de Suif” (1880), inspiriert. Maupassant und Flaubert waren, wie jeder weiß, die besten Freunde. Der deutlich ältere Flaubert gar in vieler Hinsicht ein Lehrer Maupassants. Ohne Flaubert hätte Maupassant keine Prosa, sondern Lyrik geschrieben. Man kann also sagen, dass Maupassant erst durch den freundschaftlichen Rat Flauberts die Novelle hat schreiben können, die den Stoff für “Stage to Lordsburg” lieferte, welche Inspiration für “Stagecoach“, den ersten A-Western der Filmgeschichte, war.

Von Flaubert ausgehend gibt es also ein unmittelbaren Bezug zum Western. Und wer weiß? Wenn Frankreichs Kolonialpolitik in Amerika glücklicher und der Krieg gegen die Briten von 1754-1763, bei dem die Indianer an der Seite der Franzosen kämpften, erfolgreicher verlaufen wäre, dann müsste man die Western vielleicht aus dem Französischen übersetzen. Vielleicht gäbe es sogar Western in der Sprache der Ureinwohner? Die Beziehungen zwischen Indianern und Franzosen waren ja besser. Und was wäre aus den Filmklassikern geworden? Man denke nur an John Fords “The Searchers”. Wäre der Film nur unter dem Titel “La prisonnière du désert” bekannt, als ein Werk von Jean-Luc Godard?

Man weiß es nicht …

Ich weiß aber sehr wohl, dass man Maupassants “Mein Freund Flaubert” – ganz ohne Spaß – zum Lesen empfehlen kann.

Gustave Flaubert: Lehrjahre des Gefühls (1869)

Ist es nur Zufall, wenn Dr. Aue, die Hauptfigur in Jonathan Littells “Die Wohlgesinnten“, auf der Flucht vor den Russen ausgerechnet Flauberts “Lehrjahre des Gefühls” liest? Was zunächst wie eine zynische Geste erscheint, offenbart sich bei genauerem Hinschauen als Referenz für ein Buch, das gut als mögliche Quelle für viele Motive gedient haben könnte. Thematisch sind die Bücher natürlich grundverschieden, aber in den Details der Nebenhandlung erkennt man doch zum Mindesten Parallelen. Zudem dürfte die Weltsicht beider Autoren nicht grundverschieden sein.

Inhalt

Im Jahr 1840 zieht Frédéric Moreau aus der Provinz nach Paris, um Jura zu studieren. Bereits bei seinem ersten Besuch in Paris verliebt er sich in die Frau des Kunsthändlers Arnoux. Sein Lebensglück sucht Frédéric Moreau, ein Freund romantischer Literatur, fortan in der Liebe. Finanzielle Hindernisse stehen seinen Plänen aber zunächst im Wege. Erst als ihm eine kleine Erbschaft zufällt, die ihm ein halbwegs sorgenfreies Dasein ermöglicht, nimmt er wieder Beziehungen zum Hause Arnoux auf. Da Frau Arnoux aber allen seinen Avancen widersteht, knüpft er Beziehungen zu anderen Frauen. Zum einen zu Rosanette, die gleichzeitig die Mätresse von Herrn Arnoux ist. Zu Madame Dambreuse, die seine Eitelkeit reizt, weil sie der vornehmen Gesellschaft angehört. Auf dem Land wartet schließlich Louise, die Tochter eines vermögenden Verwalters, auf ihn.

Die politischen Zeiten sind bewegt. Die Vor- und Nachwehen der 48er Revolution sind wesentlicher Bestandteil der Handlung. Frédéric Moreau, der ursprünglich selber politische Ambitionen hatte, kann sich aber nie zu einem entschlossenen Einsatz durchringen. Weder unterstützt er die Tageszeitung seines Freundes noch bemüht er sich um die von Herrn Dambreuse in Aussicht gestellte Position. Als die Revolution in Paris ihren Höhepunkt erlebt, verweilt er mit Rosanette zu einer Vergnügungsfahrt auf dem Lande.

Am Ende stellen sich alle seine Beziehungen als große Enttäuschung, das Leben als verfehlt heraus. Flaubert spiegelt in den “Lehrjahren des Gefühls” private Niederschläge mit geschichtlichen Ereignissen. Das Buch ist teilweise autobiographisch geprägt und schildert zugleich das Schicksal einer ganzen Generation.

Die 140 Jahre, die seit Veröffentlichung vergangen sind, haben die Qualität der “Lehrjahre” nur bestätigt. Flaubert ist ein großartiger Stilist, der genaue Beobachtungsgabe mit kluger Komposition verknüpft. Wenn man liest, wie Flaubert die Beziehungen seiner Figuren zueinander seziert (er war der Sohn eines Arztes), dann wird es spürbar kälter im Zimmer.

Motivisch kann man bereits den Kerngedanken, der “Bouvard und Pécuchet” ausmachen wird, als auch das Interesse des Autors für ein “Wörterbuch der Gemeinplätze” herausspüren. Nur in der Nachweisführung der Widersprüche unterliegt schon Littells Vorbild der Versuchung, mehr als nötig darzulegen. Mit Blick auf das Buch und erst recht im Vergleich zu Littell ist das aber eine Marginalie.

Manch zeitgenössischem Autor wünschte man, dass er einmal in die Werke Flauberts schaute. Denn Beschreiben können allein ist nur ein Paar Schuhe, mit dem man in den Fußstapfen dieses Klassikers versinkt.

Parallelen

Was fällt auf, wenn man die “Lehrjahre”im Anschluss an “Die Wohlgesinnten” liest? Die nachfolgenden Anmerkungen behaupten weder eine zentrale Bedeutung noch genuine Verwandtschaft. Nennen wir sie Ähnlichkeiten in Nebenmotiven.

1. Den Hintergrund beider Bücher bildet eine politisch sehr bewegte Zeit. Die politische Ambition des Juristen Aue ist den amourösen Interessen des Juristen Frédéric entgegengesetzt. (In den “Lehrjahren” verfolgt Deslaurier, Frédérics Freund, politische Ambitionen und scheitert ebenso wie Frédéric.)

2. Dr. Aue philosophiert einmal über den unendlich großen Gegensatz, den die Leichtigkeit des Tötens und das Drama des Getötetwerdens bilden. In den “Lehrjahren” gibt es eine Stelle, in der der sonst so harmlose Papa Rogue einen wehrlosen Gefangenen erschießt, der nach Brot verlangt. Wegen dieser Tat erleidet er später beim Essen einen Schwächeanfall.

3. Sénécal, ein radikaler Agitator, zitiert einen englischen Doktor, der vorschlägt, die Geburtenbeschränkung durch Gasvergiftung zu realisieren.

4. Psychoanalytiker können vielleicht in der Figurenkonstellation Frédéric Moreau – Frau Arnoux im Verhältnis Dr. Aue und seiner Schwester, so abwegig das zunächst klingen mag, Gemeinsamkeiten entdecken: “Frédéric ahnte, dass Madame Arnoux gekommen war, um sich ihm hinzugeben … Dennoch empfand er etwas Unerklärliches, einen Widerwillen, und etwas wie das Entsetzen vor Blutschande.”

5. Ein auffallend pessimistischer Grundtenor prägt beide Bücher.