Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog. Filmtipps, Filmkritiken & Assoziationen.

Archive for the ‘Film’


Surreal?

Um noch einmal an den etwas dunkler gefärbten Humor aus Luis Malles “Milou en mai” anzuknüpfen, ein letztes Zitat aus Luis Buñuels Buch “Mein letzter Seufzer”:

“Vor meinem letzten Seufzer stelle ich mir gerne einen letzten Scherz vor. Ich bitte alle meine alten Freunde zu mir, die wie ich überzeugte Atheisten sind. Betrübt versammeln sie sich um mein Bett. Dann kommt der Priester, den ich habe rufen lassen. Zum großen Entsetzen meiner Freunde beichte ich, bitte um die Vergebung aller meiner Sünden und empfange die letzte Ölung. Dann drehe ich mich zur Wand und sterbe. Ob man in dem Augenblick aber noch die Kraft hat zu scherzen?” (Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer)

Ähnlich surreal – wenn man das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt gelten lassen möchte – stelle ich mir folgende Situation vor: Man kommt aus dem Kino, wo man gerade Masaki Kobayashis “The Human Condition” (etwa 9 Stunden plus zweimal 5 Minuten Pause) gesehen hat. Noch ganz unter dem gewaltigen Eindruck des Films stehend, schwingt man sich auf sein Fahrrad. Weil man geistig noch ganz woanders ist – übrigens ein Phänomen, auf das auch Luis Buñuel in seinem Buch zu sprechen kommt – nimmt man die reale Welt um sich herum nicht richtig wahr. Man fährt deshalb vor eine Litfaßsäule. Es folgt ein Sturz auf das Straßenpflaster. Der letzte, schon verschwommene Blick richtet sich auf die Säule, die man langsam als Ursache für den Unfall auszumachen beginnt. An der Säule entdeckt man ein Poster, das unter der Schlagzeile “Drama im Anflug!” für den Film “Pearl Harbor” wirbt. Was für ein schrecklich deprimierendes Ende!

Die Chance, “The Human Condition” im Kino erleben zu können, geht leider gegen Null, käme einem Wunder gleich. Die Poster, die für Michael Bays widerlichen Film werben, gibt es natürlich. Ich bin heute einem begegnet. Leider ebenso wahr: Sucht man bei Amazon nach Masaki Kobayashi, dann erhält man lediglich fünf Suchergebnisse. Nicht ein Titel ist lieferbar.

Luis über Louis – oder: Mai ‘68

“Anfang Mai 1968 war ich in Paris. Ich begann mit meinen Assistenten gerade die Vorbereitungen und die Motivsuche zur Milchstraße, als wir eines Tages plötzlich vor den Barrikaden standen, welche die Studenten im Quartier Latin errichtet hatten …

Sonst ganz vernünftige Leute verloren den Kopf. Louis Malle, ein guter Freund, teilte als Leiter irgendeiner Aktionsgruppe seine Truppen für die große Schlacht ein und befahl meinem Sohn Jean-Louis, auf jeden Polizisten zu schießen, der sich an der Straßenecke zeigte … ” (Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer)

Eine Komödie im Mai

In einem Film aus seinem Spätwerk kommt Louis Malle auf die Ereignisse im Mai 1968 noch einmal zurück. In “Milou en mai” (1990), der deutsche Titel lautet “Eine Komödie im Mai”, erreichen die Studentenunruhen ein abgeschiedenes Landgut und versetzen die trauernde, aber schon bald in Erbstreitigkeiten und sexuelle Abenteuer abdriftende Familie um Milou (Michel Piccoli), dessen Mutter gerade gestorben ist, in fieberhafte Zustände zwischen Euphorie und Weltuntergangsstimmung. Eine großartig besetzte – neben Michel Piccoli u.a. Miou-Miou und Bruno Carette – und unbedingt sehenswerte schwarze Komödie.

Milou en mai / Eine Komödie im Mai: Amazon, IMDb

Zeit und Perspektive

U 96 (L.-G. Buchheim)
Die Männer von U 96 aus der Perspektive des Kriegsberichterstatters und Fotografen Lothar-Günther Buchheim. Das Foto stammt aus Buchheims Buch “Jäger im Weltmeer“.

Wolfgang Petersen:
Die Perspektive der Filmkamera in Wolfgang Petersens “Das Boot” (1981). Grundlage für den Film war Lothar-Günther Buchheims Buch “Das Boot”. Herbert Grönemeyer mimt den Fotografen.

Glanz und Elend im Schatten von Victor Hugo

Eine interessante Parallele ist mir neulich aufgefallen. Wenn man sich François Truffauts “L’Histoire d’Adèle H.” (1975, IMDb) anschaut, dann erfährt man zu gegebener Zeit, was das “H” im Titel bedeutet. Es steht für Hugo, denn die Hauptfigur Adèle (Isabelle Adjani) ist die zweite Tochter des berühmten Schriftstellers Victor Hugo. Adèle Hugo, die unter den traumatischen Folgen des Verlusts ihrer Schwester Léopoldine leidet, bricht in diesem Film in die Neue Welt auf, um eine alte Liebe für sich zu erobern.

Isabelle Adjani
Bild: Isabelle Adjani als Adèle Hugo

Der Tod von Victor Hugo, der das Ende von “L’Histoire d’Adèle H.” markiert – ein Ereignis, von dessen Dimension man sich heute kaum mehr ein Bild machen kann – durchbricht als übergroßes Ereignis auch die Geschichte eines anderen Films mit Isabelle Adjani. Es ist Bruno Nuyttens “Camille Claudel” (1988, IMDb).

Wenngleich “Camille Claudel” nicht perfekt ist, weil er für mein Empfinden Fragen aufwirft, die er nicht beantwortet, gefällt er mir von der Erzählweise insgesamt besser als François Truffauts “L’Histoire d’Adèle H.”.

Im Gegensatz zu Adèle in Truffauts Film wird die Liebe der Camille Claudel (Isabelle Adjani) zu ihrem noch berühmteren Bildhauerkollegen Auguste Rodin (Gérard Depardieu) erwidert. Trennen mag sich Rodin aber von seiner langjährigen Frau für sie nicht.

So, wie die geistige Gesundheit der Adèle Hugo unter der nicht erwiderten Liebe zu einem Offizier Schaden nimmt, so leidet auch der Verstand der Camille Claudel unter der Zurückweisung Rodins. Beide Frauen verbringen die folgenden Lebensjahrzehnte unter ärztlicher Aufsicht.

Camille Claudel
Bild: Camille Claudel

Nebeneffekt der beiden sehr empfehlenswerten Filme ist, dass man sich für die realen Personen hinter den Filmfiguren zu interessieren beginnt. Das ist auch ein Verdienst der Schauspielerin Isabelle Adjani, die für beide Rollen mit einer Oscarnominierung ausgezeichnet worden ist. Und davon sollte man sich wirklich ein Bild machen: Anschauen!

Wikipedia: Camille Claudel
Amazon: Isabelle Adjani

Kenji Mizoguchi: Ugetsu monogatari (1953)

Eine weitere Folge aus dem Kapitel “Neue Lieblingsfilme, viel zu spät entdeckt und zu schön, um sie adäquat mit Worten zu beschreiben”:

Ugetsu 1
Kenji Mizoguchi: “Ugetsu monogatari” (1953).

Ugetsu 2
Kenji Mizoguchi: “Ugetsu monogatari” (1953).

Link: Ugetsu @ IMDb
Amazon: Kenji Mizoguchi