Eine Geschichte ist es eigentlich nicht, die Michael Haneke erzählt. Auch wenn der Untertitel “Eine deutsche Kindergeschichte” lautet. “Das weiße Band” ist eine Bestandsaufnahme. Oder besser: der Versuch einer Bestandsaufnahme. Den Regisseur mag der Gedanke inspiriert haben, dass auch das Große seine Ursache im Kleinen hat. Das Große ist in Hanekes Film der erste Weltkrieg. Dabei geht es im “Weißen Band” nicht um den Krieg. Nicht im herkömmlichen Sinn. Schon eher um seine Ursachen. Und die sucht Haneke im Alltäglichen und nicht in der großen Politik.

Das Kleine – im doppelten Sinn – sind Kinder, ist ein Dorf. Bereits der Name des Dorfes, Eichwald, strahlt eine eigenartige Symbolkraft aus. Damit dem Zuschauer das Vorhaben des Regisseurs nicht verborgen bleibt, damit er den Bildern einen größeren Sinn beimessen kann, meldet sich gleich zu Beginn ein Erzähler zu Wort. Der nunmehr alte Dorfschullehrer von Eichwald weist mit gebrochener Stimme (Ernst Jacobi) darauf hin, dass die Begebenheiten, von denen er gleich erzählen wird, Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung – und damit das Große – besitzen.
Das dörfliche Panorama, das Haneke aus der Sicht des sich erinnernden Lehrers (gespielt von Christian Friedel) zeichnet, wird von vielfältigen Repressionen bestimmt. Zwänge, die alle Lebensbereiche durchziehen. Sei es bei der Arbeit beim Baron, dem großen Arbeitgeber des Dorfes, oder im Privaten, wo Hass und religiöser Fanatismus das Leben beherrschen. Die Atmosphäre ist von eisiger Kälte. Wie zu erwarten ist, lösen sich die Repressionen nicht, bei Haneke schon gar nicht, in Luft auf, sondern münden in Gewalt. Im Kleinen und im Großen. In zahlreichen Variationen.
Der Film beginnt mit dem Unfall des Dorfarztes (Rainer Bock). Ein über den Weg gespanntes Seil bringt dessen Pferd zum Sturz. Der Arzt muss ins Krankenhaus. Die Szene gibt den Ton für den weiteren Film vor. Es ist eine Serie von an Kindern begangenen Grausamkeiten, die schließlich das dörfliche Miteinander bedroht. Nicht weil die Taten so erschütternd sind, sondern weil der Sohn des Barons unter den Opfern ist. Nun drohen für alle Konsequenzen.
Haneke ist immer dann am besten, wenn es darum geht, physische und psychische Gewalt mit klaustrophobischer Intensität zu vermitteln. Weil er sein Handwerk so gut versteht, kann er im “Weißen Band” darauf verzichten, die vielen Grausamkeiten detailliert im Bild zu zeigen. Dennoch wirkt ein Teil dieser Szenen auf mich nicht. Das liegt nicht an der Inszenierung und nicht an den durchweg überzeugenden Darstellern. Die Ursache ist die mangelnde Entwicklung Gewalt betreffender Szenen aus der Handlung.
Fehlt die Entwicklung, wirken die Szenen beliebig aneinander gereiht. Es entsteht der Eindruck eines präzise berechneten Effektkinos. Außerdem meint man die dahinter stehende Motivation zu erkennen: den an vieles gewöhnten Zuschauer zu schockieren.
Hinzu kommen viele Nebenfiguren, die blass bleiben. Ihr Schicksal würde uns mehr berühren, wenn man sie uns nur näher gebracht hätte.
“Das weiße Band” reiht Ereignisse aneinander. In guten Momenten gelingt es dem Film, ein Gefühl der Zeit vor dem ersten Weltkrieg zu vermitteln. So könnte es gewesen sein. In weniger guten Momenten misslingt der Spagat zwischen der allpräsenten Gewalt und dem Humor, der die dunkle Welt des Dorfes aufhellen und die Anspannung beim Zuschauer – als Vorbereitung für den nächsten Schockmoment – lösen soll. Zu oft präsentiert sich der Humor infantil-unschuldig. “Das weiße Band” klingt dann dissonant, zu groß sind die Kontraste. Das mag nicht jeder so sehen. Denn auch das lehrt die Erfahrung: der Film hat wohlmeinende Lacher im Kinosaal geerntet.
Wer jedenfalls Erzählkino erwartet, den wird der Film enttäuschen. Die bessere Alternative ist Volker Schlöndorffs “Der junge Törless” (1966, IMDb). “Das weiße Band” sucht mit einem sehr offenen Inhalt Interpreten für seine in schönen, unbarmherzig kalten Bildern in Schwarz-Weiß erzählte Theorie über die Gewalt und das Schweigen in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg.
IMDb: Das weiße Band
























