Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog mit Filmtipps und Rezensionen.

Memories of Soccer

Spud (Ewen Bremner), Trainspotting (1996)

Körperspannung und Eleganz, aber nicht sehr ballsicher: Superman Spud (Ewen Bremner). Das Bild aus Danny Boyles “Trainspotting” soll keine Kritik am Torwart der Nationalmannschaft sein, sondern meinen Gesamteindruck des Spiels gegen England widerspiegeln. Das war ja wohl nichts. Ob der Bundestrainer noch froh ist, Ballack zur Disposition gestellt zu haben?

Morvern Callar (2002)

Wenn ich die Wirkung beschreiben soll, die Lynne Ramsays „Morvern Callar“ bei mir hinterlassen hat, dann muss ich leider feststellen, dass mich nicht der Film bewegt, sondern die Frage, was denn eigentlich das Thema des Films sein soll. Oder besser, was mich daran interessieren soll. Selten hat ein Film bei mir in letzter Zeit so viel Unmut hinterlassen. Und das nicht, weil er grottenschlecht gemacht wäre. Das Problem ist vielmehr, dass der Film neben ordentlichen Bildern und einer guten Hauptdarstellerin nichts mitzuteilen hat. „Life goes on“ - soll es das gewesen sein?

„Morvern Callar“ besitzt keine Handlung im klassischen Sinn. Ich bitte es mir deshalb nachzusehen, wenn ich wenig abstrakt über den Film rede, sondern Details preisgebe. Anders lässt es sich nicht machen.

Dabei hat mich der Beginn noch erwartungsvoll gestimmt. Eine Nahaufnahme zeigt Morvern Callar (Samantha Morton), die den Rücken ihres Freundes streichelt. Als die Perspektive wechselt, erkennt man, dass der Freund tot ist. Er hat sich umgebracht und liegt auf dem Boden seiner Wohnung. Im Hintergrund blinken die Lichter des Weihnachtsbaums. Auf dem Monitor fordert ein „Read Me“ zum Lesen des Abschiedsbriefes auf. Warum sich der Freund umgebracht hat, beantwortet der Text nicht. Er enthält im wesentlichen die Bitte, das Manuskript eines Romans zu einem Verleger zu schicken. Der Einstieg überzeugt, führt aber in die Irre.

Denn wer jetzt eine Charakterstudie erwartet, die sich mit der Verarbeitung von Verlust und Schmerz beschäftigt, oder Rückblicke, die dem Warum nachspüren, wird schon bald eines besseren belehrt. Der Film will ganz woanders hin. Es ist nämlich nicht der Schock über den plötzlichen Verlust, der Morvern erst ihre Nägel lackieren und dann eine Party besuchen lässt. Und wenn es Schock war, dann folgt diesem jedenfalls kein Schmerz oder ein Empfinden, das man von einem Menschen erwarten könnte, der gerade den Partner verloren hat.

Die Leiche bleibt in der Wohnung liegen. Niemand wird über den Tod informiert. Einmal wirft die Protagonistin eine Pizza in den Ofen und stapft dann mit nackten Füßen durch das geronnene Blut des toten Freundes. Eine sensible Seele ist sie nicht. Das Manuskript des Romans wird dem Willen des Verstorbenen entsprechend, an einen Verleger geschickt. Allerdings nicht ohne vorher den Namen des Verfassers gelöscht und durch den eigenen ersetzt zu haben. Das Geld, das für die Beerdigung gedacht ist, wird in eine Reise mit der Freundin investiert. Die Leiche vorher auf individuelle Weise entsorgt. Über das wie – und was es voraussetzt – mache man sich ruhig ein paar Gedanken, wenn man über Figur und Film reflektiert.

In Spanien trifft sich Morvern mit den Agenten eines Verlages. Das Treffen bleibt Oberfläche wie alles im Film. Das Resultat wird die Zukunft der Hauptfigur bestimmen. Ich halte es wie vieles im Film für wenig plausibel. Mit etwas Glück verfügt man über die Phantasie, um sich das denken zu können, was der Film nicht erzählt. Es ist ziemlich genau alles, was interessant wäre. Die Geschichte über den Schriftsteller etwa. Was hat ihn zu seiner Tat veranlasst? Was hat in der Beziehung nicht gestimmt? Vielleicht war diese Figur zu intelligent, um sie adäquat darzustellen. Morvern ist einfach gestrickt. Ihre Freundin dämlich. Und so erzählt uns „Morvern Callar“ nur, wie ein kalter Fisch ein Stück weiter treibt. Der Nährwert ist Null, weil auch das Drehbuch die langweiligen und leeren Figuren durch nichts ausgleicht. Nirgends der Versuch, etwas zu erzählen.

Wertung: 4.9/10
IMDb: Morvern Callar

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Gentlewoman

Samantha Morton

gentlewoman: (obsolete) A woman of the nobility.

Obsolet! Wie gut, dass Laurence Dunmores „The Libertine“ dem alten Äquivalent von „Lady“ wieder Leben einhaucht. Dort erklärt nämlich Samantha Morton als Elizabeth Barry, was gentlemen und gentlewomen geziemt.

Betrachtet man die englische Übersetzung („A Gentle Woman“) von Robert Bressons Film „Une femme douce“ (1969, IMDb) vor dem Hintergrund des Niedergangs des Wortes „gentlewoman“, dann gewinnt auch der Titel tiefere Bedeutung. Oder ist das, trotz tragischer Heldin, zu viel der Interpretation? Auf jeden Fall erscheint mir die Übersetzung sehr feinsinnig.

Der Ball ist rund, das Spiel …

Lillian Roth

… ist Spaß. Genau genommen ist der Ball nicht rund. Aber heute sind locker-flockige Allgemeinplätze gefragt.

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The Libertine (2004)

Es gibt eine Szene in „The Libertine“, in welcher der Earl of Rochester aus der Kutsche steigt. Mitten in London versinkt er im Schlamm, Ratten wimmeln ihm um die Füße. Das kann man problemlos als Metapher für den moralischen Zustand der Gesellschaft nach der Machtübernahme Charles II. im Jahr 1660 verstehen.

The Libertine (2004)

„The Libertine“ ist kein hübscher Kostümfilm, in dem ein smarter Johnny Depp schön photographierte erotische Abenteuer erlebt. Die zuzeiten in ein scheinbar verwesen wollendes Grün tendierenden Farben des Films lassen am ehesten Assoziationen an Sumpf und Moder zu. Depp, der in der Rolle des Earl of Rochester eine großartige Vorstellung abliefert, wendet sich zu Beginn des Films direkt an den Zuschauer. Es könnte sein Geist sein, der da vor schwarzem Hintergrund zu uns spricht, und uns unverhohlen mitteilt, dass wir ihn nicht mögen werden, ja ihn nicht mögen sollen.

Zum Glück erweist sich die Figur des Earl als viel komplexer, als dies der Prolog erwarten lässt. Und der enthemmte Sexmaniac, als der er sich vorstellt, ist nur ein Teil der Persönlichkeit. Mit der die Figur zudem, wie sich bald herausstellt, in innerem Konflikt steht. Rochester selbst spricht im Prolog bereits von einer „wall of wretchedness“, gegen die wir unsere Köpfe schlagen.

The Libertine (2004)

Der Earl of Rochester ist die große Hoffnung des Theaters seiner Zeit. Für den König (John Malkovich) soll der aus der Verbannung begnadigte Dramatiker ein Prestige versprechendes Stück schreiben. Um den Herrscher ein Denkmal seiner Regierungszeit zu setzen und um die Beziehungen zu Frankreich zu entspannen, für dessen Botschafter das Stück aufgeführt werden soll. Die politische Lage ist verzwickt, man braucht Geld. Rochesters Fokus auf fleischliche Gelüste, durchaus ein Spiegelbild der Sitten der Zeit, lässt Schlimmes befürchten.

Bei einer Vorstellung im Theater verliebt sich der Libertin in die talentarme Schauspielerin Elizabeth Barry (Samantha Morton), die von der Menge gnadenlos ausgebuht wird. Kann ein Mann wie Rochester überhaupt Lieben? Ist es eine verzweifelte Sehnsucht? Ohne Zweifel löst die Barry etwas in ihm aus.

Rochester geht die Wette ein, die Barry zur angesehensten Schauspielerin zu machen. Ein Vorhaben, das wie alles in seinem Leben unter dem Motto “Any experiment of interest in life will be carried out at your own expense” steht.

Nach und nach offenbaren sich dem Zuschauer die Facetten von Rochesters Charakter, die er mit Sex vergessen und Alkohol herab spülen möchte. Ist er „a man who pretends to like life more than he does”, wie eine Prostituierte behauptet? Der Film nimmt uns auf eine faszinierende Reise in die Abgründe dieser Seele.

Das größte Wunder des Films ist, dass man bei all dem Schmutz, durch den die Hauptfigur watet, nicht nur mehr und mehr Anteil am Schicksal Rochesters nimmt, sondern am Ende gar zum mitleiden verdammt ist. Das spricht für die Qualität des Films und die herausragende Leistung von Johnny Depp.

Betrachtet man das Filmerlebnis, das „The Libertine“ - übrigens das Erstlingswerk von Laurence Dunmore - gewährt, dann fällt es mir im Traum nicht ein, die Kleinigkeiten zu erwähnen, die man kritisieren könnte. Unbedingt in der Originalfassung anschauen!

Wertung: 9/10

IMDb: The Libertine

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Entweder / Oder

MM

Marilyn Monroe

BS

Barbara Stanwyck

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Vanishing Point (1971)

Richard C. Sarafians „Vanishing Point“ hat mich in zweifacher Weise überrascht. Zunächst beginnt der Film mit einem Déjà-vu. Vor einigen Jahren habe ich das Musikvideo zu dem Song „Show me how to live“ von Audioslave gesehen. Die Erinnerung daran kam schnell wieder hoch, als in „Vanishing Point“ zwei Planierraupen auf einer Straße in Stellung gebracht werden, um eine Polizeiblockade zu errichten. Die Bilder aus dem Musikvideo stammen aus “Vanishing Point”! Durch das einprägsame Finale des Videos war mir der Ausgang des Films leider bekannt.

Die zweite Überraschung ist der Film selbst. Der hat nämlich alle meine Erwartungen übertroffen. Dem Kultfilm der 70-er Jahre hat die Zeit wenig anhaben können. Als erstes fällt die herausragende Cinematographie ins Auge, für die sich John A. Alonzo verantwortlich zeichnet. John A. Alonzo ist der Mann, der die Bilder von „Chinatown“ und „Scarface“ erschaffen hat. Später stellt man erfreut fest, dass auch eine Geschichte mit Gehalt erzählt wird. Dass der Regisseur aus Geldmangel nicht alle Szenen des Drehbuchs filmen konnte, merkt man dem Film nicht an.

Barry Newman spielt den Protagonisten des Films. Als „Kowalski“ überführt er für einen Händler Autos in die entlegensten Gegenden des Landes. Sein aktueller Auftrag lautet, einen 1970-er Dodge Challenger R/T von Denver nach San Francisco zu bringen. Dort will er unbedingt um drei Uhr ankommen. Ein denkbar knappes Zeitlimit, das mit einer Wette manifestiert wird.

Vanishing Point
Bild: Kowalski kauft Speed und geht eine Wette ein

Was nun folgt, ist nicht die befürchtete Polizei - jagt – Raser – Geschichte, die mit choreographierten Unfall- und Blechschaden-Szenarien, dämlichen Sprüchen aber keinem Inhalt begleitet wird. Die Polizei ist freilich auch Kowalski, der Speed (die Droge) mit Geschwindigkeit kombiniert, bald auf der Spur.

Kowalskis Trip verbindet die Sehnsucht nach Freiheit mit existentialistischer Sinnsuche in der Atmosphäre einer Zeit, die spürbar vom Geist der zu Ende gehenden 60-er Jahre geprägt ist. Veranschaulicht wird das durch Kowalskis Begegnungen mit den eigenartigsten Typen. Die Freude an der Überraschung werde ich an dieser Stelle nicht dadurch zerstören, dass ich aufzähle, wen er alles trifft.

Anhaltspunkte dafür, warum aus Kowalski der Mann geworden ist, den die Polizei ganzer Bundesstaaten verfolgt, liefert der Film in kurzen Rückblicken. Letztgültigen Gründen und Motiven verweigert sich der Film.

Der zweite Star des Films ist Cleavon Little, der auf unvergessliche Weise den blinden Radiomoderator „Super Soul“ spielt. Der Name Super Soul ist durchaus Programm. Denn nicht nur seiner Sendung verleiht er durch seine Moderation „Soul“. Auf seltsame Weise scheint er mit Kowalski, den er in seinem Radio-Programm zum Helden stilisiert, verbunden. Und zwar in einem fast übernatürlichen Sinn.

Vanishing Point
Bild: „Super Soul“

Der Film hält mehr als genug interessantes Material bereit, um nicht zu langweilen. Zumal ihn die 400 PS des Dodge Challenger R/T schnell auf Touren bringen. Eine Drehzahl, die der Film bis zum Ende beibehält. Und weil „Vanishing Point“ so viel Raum für Interpretation zulässt, meint man auch noch lange nach dem Ende, das Dröhnen des V8 Motors hören zu können.

Wertung: 9/10

IMDb: Vanishing Point

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