Our Life Is Not A Movie Or Maybe

Ein Filmblog mit Filmtipps und Rezensionen.

Wise Blood (1979)

Normalerweise fange ich nicht damit an, über den Autor des dem Film zugrunde liegenden Buches zu schreiben. “Wise Blood” hat mich aber so neugierig gemacht, dass ich mit dieser Regel breche.

Über Flannery O’Connor, die bereits mit 39 Jahren gestorbene Autorin von “Wise Blood”, weiß Wikipedia zu berichten: “When O’Connor was six she taught a chicken to walk backwards.” Das Huhn und die Sechsjährige wurden gefilmt, der Film im ganzen Land gezeigt.

Wise Blood

Bild: Sabbath (Amy Wright) wirft schon mal ein Auge auf Hazel (Brad Dourif).

Wise Blood

Als nächstes fiel mir die Bettlektüre ins Auge. Als Buchtitel der im so genannten “Bible Belt” im Süden der USA aufgewachsenen Katholikin ist die “Summa Theologiae” von Thomas von Aquin notiert.

Was hat das nun mit dem Film zu tun? Schließlich geht es nicht um Hühner und nicht um Thomas von Aquin. Ich glaube, dass man sich genau die richtige Vorstellung von dem Film macht, wenn man nur diese zwei Dinge von Flannery O’Connor weiß.

Einem Huhn das rückwärtslaufen beizubringen, wer käme im Alter von sechs Jahren darauf? Ganz abgesehen vom Talent, die Idee zu realisieren. Das muss doch ein bemerkenswert kreativer Kopf sein? Vielleicht auch mit Neigung zu skurrilem Humor? Intelligent sowieso. Fakt ist: die Autorin wird später eine besondere Affinität für Vögel entwickeln.

“Wise Blood” handelt von schrägen Vögeln. Grotesken Gestalten, wie ich beim Sehen fand. Das Stichwort “grotesk” taucht auch bei Wiki immer wieder auf, die Autorin mochte es dagegen nicht so sehr. Die Figuren, die sie uns als Bewohner des Südens der USA schildert, müssen der Wirklichkeit viel näher stehen, als man meint.

Der Film hat einen religiösen Subtext, von dem ich aber nicht viel erzählen möchte. Mich hätte es abgeschreckt, hätte ich vorher darüber gelesen. Ich wusste nicht, dass das Buch gar als “Searching Novel of Sin and Redemption” beworben wurde.

Jhon Huston’s (kein Tippfehler!) “Wise Blood” fand ich aber richtig, richtig gut. Flannery O’Connor war wahrlich keine intellektuelle Leisetreterin. Ein Bild im Film erinnert stark an Maria mit dem Jesuskind im Arm. Nur handelt es sich bei der Frau (Amy Wright) um ein junges Wesen, welches ihre Unschuld vor allem dazu nutzt, um den Helden des Films zu ganz eindeutigem Tun zu ködern. Von Unschuld keine Spur. Und das Jesuskind ist eine aus dem Museum entwendete Mumie, die als Symbol für die neue “Church of Truth without Jesus Christ crucified” fungieren soll.

Hazel Motes heißt der Protagonist des Films. Gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, will er etwas völlig Neues machen. Was, weiß er nicht. Die Richtung fehlt ihm. Was ihn leitet, ist ein fanatischer Drang zur Wahrheit. Brad Dourif, der bereits mit seiner physischen Präsenz viel von diesem fanatischen Willen ausdrücken kann, ist eine optimale Besetzung für die Rolle.

Als Hazel einem Prediger und dessen Tochter Sabbath (die erwähnt sinnenfreudige “Maria”) begegnet, beschließt er für seine eigene Gegenkirche zu predigen. Ohne Geschäftsmodell bleibt der Erfolg mäßig. Hoover Shoates (Ned Beatty) hat ein Geschäftsmodell. Er klaut Hazel die Idee, nennt seine Kirche die “Church of Jesus Christ without Christ” und macht seine Dollars.

Wise Blood

Wise Blood

Irgendwann stellen wir fest, dass wir einen großartigen kleinen Film gesehen haben. Mit dem Ende des Films endet auch Hazels - dem klassischen Bildungsroman vergleichbare - Reise zwischen den Extremen.

John Huston beweist mit seiner gekonnten Inszenierung einmal mehr, dass “just the story” deutlich mehr ist als “kreative” Mätzchen. “Wise Blood” muss man in der sprachlichen Originalfassung sehen, um den Charme des Films voll erfassen zu können.

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IMDb: Wise Blood

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Onibaba (1964)

Es ist nicht so, dass die menschlichen Abgründe, von denen “Onibaba” erzählt, dem Betrachter verborgen blieben. Ich fand es aber hilfreich, den vom selben Regisseur vier Jahre zuvor gedrehten Film “Hadaka no shima” (Die nackte Insel) zu kennen. Das ist ein Erfahrungswert. Als ich “Onibaba” zum ersten Mal gesehen habe - “Hadaka no shima” aber noch nicht kannte - habe ich den Film anders wahrgenommen. “Onibaba” hat beim erneuten Sehen deutlich an Tiefe gewonnen. Der Verdacht, der Regisseur von “Onibaba” wollte möglichst viele Zuschauer mit viel nackter Haut ködern, hat sich verflüchtigt. Es ist der Stoff, der die Kleider von den Körpern fächert.

Onibaba

Onibaba

Onibaba

Der vier Jahre zuvor entstandene “Hadaka no shima” ist eine gewaltige Sisyphos-Metapher. Die “nackte Insel” ist ein großer Fels ohne eigene Süßwasservorkommen. Senta (Taiji Tonoyama) und Toyo (Nobuko Otowa) leben dort mit ihren zwei Kindern und betreiben Ackerbau. Man kann sich keine Vorstellung von dem Aufwand machen, den sie betreiben müssen, um Wasser heranzuschaffen. Über die Mühsal menschlicher Arbeit könnte man das Thema des Films nennen.

Ich habe so weit ausgeholt, weil man sich “Onibaba”, obwohl er völlig anders erzählt ist, als Gegenentwurf denken kann. “Onibaba” spielt im 14. Jahrhundert. Der Krieg verhindert, dass die Figuren des Films Ackerbau betreiben können. Weil es gefährliche Zeiten sind, leben die Mutter (Nobuko Otowa) des Soldaten Kichi und deren Schwiegertochter (Jitsuko Yoshimura) versteckt im Schilf.

Wovon sie leben, zeigt die Eröffnungsszene. Es ist ein blutiges Geschäft. Bei mir hat sich später das Bild von Löwinnen ins Bewusstsein geschlichen, die nach Jagd und Fressen im Schatten ihren Schlaf suchen. Ich weiß nicht, ob es das Bild ist, welches der Film provozieren will, aber die Distanz zur Zivilisation macht er eindrucksvoll deutlich, ohne dabei grotesk zu wirken.

Als der Nachbar Hachi (Kei Sato) ohne Kichi aus dem Krieg zurückkehrt, lädt sich die animalische Grundstimmung weiter auf. Es wird spürbar schwül im Schilf. Zu tun gibt es nichts, so konzentriert sich der eine auf den anderen. Schweiß perlt über die Haut. Zwischen rhythmisch wogendem Schilf erzählt Kaneto Shindô von den Urinstinkten und -trieben des Menschen. Raum für schöne Illusionen gibt es nicht.

Es gibt viele Gründe, sich das ungeschminkte Ringen von Lust, Eifersucht und Aberglauben anzusehen. Zum Ersten ist der Ort der Handlung perfekt gewählt. Das wogende Schilf, das immer wieder in interessanten Bildern eingefangen wird, ist ein schönes und vielfältig ausdeutbares Motiv für die Kräfte, die hier miteinander ringen.

Der Einsatz der Maske eines Dämons, die später maskieren und demaskieren, Schrecken verbreiten und Furcht auslösen wird, ist großartig. Details möchte ich nicht preisgeben.

Onibaba

Onibaba

Onibaba

Die schöne Schwarzweißfotografie der Bilder möchte ich noch erwähnen. Die Handlung spielt im Schilf, es sind also nicht eindrucksvolle Kulissen, mit denen man Wirkung erzielen kann. Hier muss mit Kamera und Darstellern unter geschicktem Einsatz von Licht, Schatten und Bewegung gezaubert werden.

Die Darsteller zaubern nicht, beeindrucken aber sehr. Vor allem Körpersprache ist in dem dialogarmen Film gefragt, um den Eindruck animalischer Unterströmungen hervorzurufen. Immer wieder sind es Blicke, die ganz viel von den Gedanken verraten. Nobuko Otowa, die auch die Hauptrolle in “Die nackte Insel” gespielt hat, habe ich gar nicht wiedererkannt, so völlig anders kann sie spielen.

Das Fazit nach dem zweiten Sehen lautet: ein sehr überzeugender Film, der mit dem erneuten Sehen noch wächst. Es ist ohne Risiko, zu behaupten, dass “Onibaba” zu der Kategorie Film gehört, die Bilder schafft, welche man nie vergisst.

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Viva Zapata! (1952)

Schaut man sich den aktuellen Verkaufsrang (Nr. 20948) von “Viva Zapata!” bei Amazon an, dann kann man auf den bescheidenen Bekanntheitsgrad des Films rückschließen. Der Preis (neu ab 2,89 Euro) bzw. die Verarbeitung der DVD können dafür nicht verantwortlich sein.

Viva Zapata! (1952)

“Viva Zapata!” ist eines der Filmjuwele, auf die man in der Regel durch Zufall stößt. Zieht man in Betracht, dass das Drehbuch von John Steinbeck stammt, Elia Kazan Regie führte und dass die wichtigsten Rollen von Marlon Brando und Anthony Quinn gespielt werden, dann beginnt man sich zu wundern. Warum hat man den Film noch nicht gesehen, geschweige denn etwas von ihm gehört? Ist er am Ende nicht so doll? Ist er zu Recht vergessen?

Nein! Dass ich mich “Viva Zapata!” mit leisen Zweifeln im Hinterkopf genähert habe, hat zu einem sehr erfrischenden Filmerlebnis geführt. Von keiner Erwartungshaltung beeinflusst, hat mich ausschließlich der Film überzeugt - und nicht fremde Urteile.

Wie der Titel des Films nahelegt, geht es um Emiliano Zapata, den mexikanischen Freiheitskämpfer und Revolutionsgeneral. Zum Glück klappert der Film nicht die Lebensstationen der historischen Figur ab, sondern versucht der Person lediglich in der Sache gerecht zu werden, als Film jedoch vor allem der Kunst zu dienen.

Deshalb ist die der Revolution in Mexiko, das uns in einer Zeit am Ende der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts gezeigt wird, entströmende Wirkung auch viel zeitloser und weniger ortsgebunden als man denkt. Der Film zeigt, wie ernüchternd der Übergang von revolutionären Idealen zu dem sein kann, was man heute Realpolitik nennt. Zu einer Zeit freilich, in der sich Realpolitik mit Gegnern auseinandersetzen muss, die nicht für Stimmen sondern mit Gewehren kämpfen.

Ausgangspunkt von Zapatas (Marlon Brando) Freiheitskampf ist die Vertreibung der Bauern seiner Region von ihren Feldern. Mit seinem Bruder (Anthony Quinn) und zahllosen Getreuen flüchten die Revolutionäre in die Berge. Dort erreicht sie mit Fernando Aguirre (Joseph Wiseman) ein Apologet radikaler Lösungen. Man achte darauf, wie er sich den Rebellen nähert. Mir scheint, man hat die Bilder etwas schneller ablaufen lassen, was zu einem ganz und gar unheimlichen Effekt führt. Da nähert sich kein Mensch aus Fleisch und Blut.

Aguirre wirbt für ein Bündnis mit dem Revolutionär Pancho Villa, um den Politiker Madero an die Macht zu bringen. Kazan geht es nicht darum, taktische Operationen und Gefechte zu inszenieren. Im Mittelpunkt steht das pralle Leben in bewegter Zeit. Leidenschaft und Lebenslust. Für den sympathischen und uneigennützigen Helden des Films ist die Revolution ein Übel. Notwendig, um noch größere Übel zu beseitigen. Die Revolution ist kein Mittel zur Selbstverwirklichung. Sie dient nicht dazu, um Macht, Aufmerksamkeit und Besitz zu mehren. Was für ein Gegensatz zu dem Politiker unserer Tage, der sich genüsslich im Scheinwerferlicht der Talkshows ahlt, sich und seinesgleichen lauschend.

Zapata im Film bemüht sich lieber darum, seiner Josefa (Jean Peters) lauschen zu können. Mittellos wie er ist, wird ihm das nicht leicht gemacht.

Kazan rafft die Ereignisse von gut zehn Jahren im Film zusammen. Es ist beeindruckend, wie auch größere Sprünge mit zum Teil sehr markanten Veränderungen gelingen. Vielleicht deshalb, weil die Sprünge ein Mittel sind, um gewisse Gesetzmäßigkeiten zu illustrieren. A besitzt die Tendenz zu B. Weil man die Gesetzmäßigkeiten erkennt, gelingen die Sprünge. Was in erster Linie den Darstellern und der Inszenierung zu danken ist. Wir erkennen nur, was man uns auch zeigen will.

Es gibt einen Punkt, an dem auch der selbstlose Zapata erkennen muss, dass er ziemlich genau dort angekommen ist, wo sein von ihm bekämpfter Vorgänger stand. Dass sich sein Bruder das Land von Bauern unter den Nagel reißt. Der Film belässt es nicht bei dieser Bewusstmachung. Aber das sieht man sich besser selber an.

Sehen lassen kann sich auch der feinsinnige Einsatz von Symbolen. Wie oft geht das daneben! Es funktioniert, weil der Film über die Revolution nicht mit patriotischen, sondern mit philosophischen Symbolen arbeitet. Ein weißes Pferd ist eben schöner als es bunte Fahnen je sein können.

Was fällt besonders angenehm auf? Der Film besitzt unglaublich viel Humor. Es ist beachtlich, dass der Humor nie die Tonlage des ernsten Themas verstimmt. Während des Films habe ich überhaupt keine Missklänge feststellen können. Egal ob romantische, sentimentale, feierliche oder nüchterne Saiten angeschlagen werden.

“Viva Zapata!” ist einer meiner Lieblingsfilme, den ich an dieser Stelle nur zu gern empfehle.

Viva Zapata! (1952)

Viva Zapata! (1952)
Bild oben: Eine meiner Lieblingsszenen. Zapata und die Damen tauschen Lebensweisheiten aus. Die Fächer müssen immer intensiver geschwenkt werden. Das ist genial gespielt und besitzt ganz viel Humor.

Viva Zapata! (1952)

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IMDb: Viva Zapata!

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Rashomon (1950)

Wenn ich mir die Bilder ansehe, die ich von “Rashomon” für diese Seite hochgeladen habe, dann wage ich es kaum, den Film zu kritisieren. Ästhetische, die Bildkomposition betreffende Gründe sind es gewiss nicht:

Rashomon (1950)

Rashomon (1950)

Rashomon (1950)

Rashomon (1950)

Rashomon (1950)

Rashomon (1950)

Meine Kritik hat einmal mit der Erwartungshaltung zu tun, die der Film zu Beginn aufbaut, dem Unterhaltungswert an sich und zuletzt mit einer Kameraperspektive.

Der Himmel hat seine Pforten über dem zerstörten Rashomon-Tor geöffnet. Es regnet in Strömen. Ein Mönch (Minoru Chiaki), ein Holzfäller (Takashi Shimura) und ein Bauer (Kichijiro Ueda) suchen Schutz vor den Wassermassen. Notgedrungen hocken sie beieinander. Um sich die Zeit zu vertreiben, kommen sie auf einen Mord zu sprechen. Ein Räuber (Toshirô Mifune) hat die Frau (Machiko Kyô) eines Samurai (Masayuki Mori) vergewaltigt. Der Samurai wird später vom Holzfäller tot aufgefunden. Was ist an jenem Tag passiert? Der Holzfäller und der Mönch waren Zeugen der Vernehmung und können die Aussagen wiedergeben.

Insbesondere der Mönch zeigt sich tief erschüttert von diesem Erlebnis. “An einem Tag wie heute verliert man das Vertrauen in die Menschheit.” Für ihn ist das, was er erlebt hat, “schlimmer als alle Epidemien der Menschheit.”

Das ist es mit Sicherheit nicht. Aber zunächst einmal filmhistorisch interessant erzählt. Denn Kurosawa schildert die Vorkommnisse nicht aus einer objektiven Perspektive. Bei der Vernehmung geben sowohl Tatbeteiligte als auch Zeugen ihre subjektive, teilweise bewusst unwahre Sicht des Geschehens ab. Es verwundert nicht, dass jede Version den gerade Vortragenden in einem besseren Licht erscheinen lässt, als alle anderen Versionen. Das ist für das westliche Auge nicht unmittelbar ersichtlich, weil die Grundlage dafür ein japanisches Kulturverständnis ist (die Geschichte zudem im 12. Jahrhundert spielt). In Rückblicken inszeniert Kurosawa die drei unterschiedlichen Versionen. Später folgt gar noch eine Vierte.

Ich habe meine Probleme damit. Mir kommt die Geschichte etwas kopflastig daher. Die Wahl der drei bzw. vier Perspektiven ist zweifelsfrei hochinteressant. Die Wahl eines Mediums, das die Aussage des Getöteten wiedergibt, erscheint mir aber schon nicht mehr erste Wahl, wenn man denn etwas wie den Wahrheitsbegriff zum zentralen Thema machen möchte. Das ist eine unbefriedigende Antwort auf ein theoretisches Konzept, was sich nicht wirklich gut realisieren lässt.

Dann erscheint mir “Rashomon”, obwohl der Film zu den kurzen Filmen Kurosawas gehört, überdehnt. Wie verfliegen die nahezu dreieinhalb Stunden der “Sieben Samurai”! Warum überdehnt? Zum Beispiel die Szene mit dem Holzfäller, der immer tiefer und tiefer in den Wald stapft und stapft und stapft. Ein Indiz dafür, dass die Story etwas dünn ist.

Weiterhin: Bei der Vernehmung, aber nicht nur dort, blicken die Schauspieler direkt in die Kamera. Vom Konzept her macht das Sinn: der Zuschauer wird in die Richterperspektive versetzt. Im Film wirkt es auf mich nicht, es zerstört vielmehr die Illusion des Erlebens. Ich sehe Schauspieler direkt in die Kamera sprechen. Soweit ich weiß, ist Kurosawa später von dieser Aufnahmetechnik abgerückt.

Aus dem gleichen Grund habe ich große Probleme mit Yasujiro Ozus Filmen. Insbesondere wenn Dialogszenen frontal in die Kamera gesprochen werden. Das führt immer zu krassen Perspektivwechseln, jeder Schnitt wirbelt den Zuschauer um 180 Grad herum.

In “Rashomon” durfte sich Mifune ähnlichen Ausbrüchen wie auch in den “Seven Samurai” hingeben. Die dargestellten Typen ähneln sich in vielen Gesten. Vielleicht käme ich gar nicht auf Overacting zu sprechen, wenn nicht auch der Bauer in fast das gleiche hysterische Lachen ausbrechen würde. Ich halte Mifune für einen genialen Darsteller. Weniger ist bei solchen Talenten immer mehr.

Soll man sich “Rashomon” ansehen? Unbedingt. Wegen der Bilder und des Konzeptes wegen. Der beste Film Kurosawas ist es meiner Ansicht nach nicht. Das bedeutet bekannter Maßen immer noch, dass er besser ist als die meisten Filme. Wer mit Interesse Interpretation über den Film hinaus betreibt, der wählt mit “Rashomon” in besonderem Maß den richtigen Film.

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IMDb: Rashomon

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The Hidden Fortress (1958)

Ich habe mir “Die verborgene Festung” in der Version, wie sie die NewKSM DVD bietet, jetzt zum zweiten Mal angesehen und bin noch begeisterter über den Film als nach dem ersten Sehen. Ein in allen Aspekten geniales Werk!

Man stelle sich einen großen Haufen Gold vor, dazu einen General, eine Prinzessin und zwei gierige Bauern, die sich auf der Flucht vor ihren Gegnern durch feindliches Gebiet schlagen müssen. Die denkbar beste Geschichte, die sich aus diesem Material formen lässt, stellt mit einiger Wahrscheinlichkeit Kurosawas “Die verborgene Festung” dar.

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung
Bild: Matakishi (Kamatari Fujiwara) und Tahei (Minoru Chiaki)

Kurosawa beginnt sehr originell, in dem er uns zwei Bauern, die wir trotz all ihrer Schwächen schnell mögen werden, von hinten zeigt. Sie sind auf dem Weg nach Hause. Zumindest in die Richtung, denn nach Hause trauen sie sich nicht. Die Häuser haben sie verkauft, um in den Krieg ziehen zu können. Reich wollten sie werden. Stattdessen haben sie alles verloren, sind gerade noch einmal mit dem Leben davon gekommen. Nein, so können sie sich nicht nach Hause wagen. Die Stimmung der beiden ist denkbar schlecht. Man stöhnt gemeinsam über die Schmach, die Hitze, die Ungerechtigkeit der Welt - und beleidigt sich dabei kräftig gegenseitig. Bereits die erste Szene macht deutlich, dass man in diesem Film viel zu Lachen haben wird. Das sind phantastische Charaktere, die von großen Schauspielern verkörpert werden.

Wie gierig die beiden sind, zeigt sich, als sie einen kleinen Goldbarren finden. Ein Barren und zwei Bauern? Das gibt Zank. Leider werden sie bei der Suche nach mehr von einem Fremden überrascht. Es handelt sich um General Rokurota Makabe (Toshirô Mifune), dessen Mission es ist, Prinzessin Yuki (Misa Uehara) in Sicherheit zu bringen. Die Identität der beiden verschleiert der General den Bauern. Das ist nicht sehr schwer. Eine gewaltige Odyssee kann beginnen.

Eine wunderschöne Hommage an Eisensteins Treppenszene aus dem “Panzerkreuzer Potemkin” (1925), vermehrt um die Möglichkeiten den Tonfilms:

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung

Was mich vor allem an Eisensteins Film begeistert hat, ist die unglaubliche Dynamik der Bilder. Und nichts davon geht bei Kurosawa verloren. Atemlos rauschen die Massen am Auge der Kamera vorbei. Und mittendrin: unsere kleinen und sehr, sehr menschlichen Helden Matakishi und Tahei.

The Hidden Fortress / Die verborgene Festung
Bild: Hat Rokurota Makabe (Toshirô Mifune) einen Plan? Matakishi und Tahei sind einmal mehr ratlos.

Wo soll man bei einem perfekten Film mit dem Nachweis beginnen, was ihn großartig macht? Vielleicht mit den originellen Figuren, um die herum Kurosawa eine großartige Geschichte geschrieben hat? Am wenigsten Farbe besitzt noch die Prinzessin. Aber auch sie ist nicht bloß ein Vehikel, um die Reise zu motivieren. Mehr als Prinz denn als Prinzessin erzogen, ist sie nicht das zarte Geschöpf, was man sich zunächst vorstellen mag.

Ein wie immer großartiger Toshirô Mifune als General Rokurota Makabe hat vielerlei Aufgaben zu erfüllen. Für das Denken, Planen und Kämpfen ist er zuständig. Alles Aufgaben, in denen er keine Unterstützung von Seiten der erschütterten Kriegsheimkehrer erwarten kann. Mifune spielt ihn mit resoluter Bestimmtheit über ein weites Spektrum, von kriegerischer Entschlossenheit bis hin zu empfindsamen Momenten des Mitgefühls.

“Die verborgene Festung” ist Kurosawas erster Film im Seitenverhältnis von 1:2,35 (Toho-Scope, entspricht Cinemascope). Er zeigt sofort, dass das Breitwandformat eben nicht nur für Schlangen und Begräbnisse gut ist, wie der geschätzte Fritz Lang so gern formulierte. Kurosawa zeigt uns eindrucksvolle Bilder voller Kontraste, ohne dass sich die Kamera dabei bemerkbar machen würde. Das ist großartig. Das kann und will man sich immer wieder anschauen.

Kurosawa wäre nicht Kurosawa, wenn der Film nicht auch ein moralisches Bewusstsein erkennen ließe. Es versteht sich von selbst, dass dabei nichts jenseits der Kunst zu vermitteln versucht wird. Im Film bedeutet das, dass jeder von jedem etwas lernen kann. Der eine weniger, die Bauern deutlich mehr.

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IMDb: The Hidden Fortress / Die verborgene Festung

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