Normalerweise fange ich nicht damit an, über den Autor des dem Film zugrunde liegenden Buches zu schreiben. “Wise Blood” hat mich aber so neugierig gemacht, dass ich mit dieser Regel breche.
Über Flannery O’Connor, die bereits mit 39 Jahren gestorbene Autorin von “Wise Blood”, weiß Wikipedia zu berichten: “When O’Connor was six she taught a chicken to walk backwards.” Das Huhn und die Sechsjährige wurden gefilmt, der Film im ganzen Land gezeigt.

Bild: Sabbath (Amy Wright) wirft schon mal ein Auge auf Hazel (Brad Dourif).

Als nächstes fiel mir die Bettlektüre ins Auge. Als Buchtitel der im so genannten “Bible Belt” im Süden der USA aufgewachsenen Katholikin ist die “Summa Theologiae” von Thomas von Aquin notiert.
Was hat das nun mit dem Film zu tun? Schließlich geht es nicht um Hühner und nicht um Thomas von Aquin. Ich glaube, dass man sich genau die richtige Vorstellung von dem Film macht, wenn man nur diese zwei Dinge von Flannery O’Connor weiß.
Einem Huhn das rückwärtslaufen beizubringen, wer käme im Alter von sechs Jahren darauf? Ganz abgesehen vom Talent, die Idee zu realisieren. Das muss doch ein bemerkenswert kreativer Kopf sein? Vielleicht auch mit Neigung zu skurrilem Humor? Intelligent sowieso. Fakt ist: die Autorin wird später eine besondere Affinität für Vögel entwickeln.
“Wise Blood” handelt von schrägen Vögeln. Grotesken Gestalten, wie ich beim Sehen fand. Das Stichwort “grotesk” taucht auch bei Wiki immer wieder auf, die Autorin mochte es dagegen nicht so sehr. Die Figuren, die sie uns als Bewohner des Südens der USA schildert, müssen der Wirklichkeit viel näher stehen, als man meint.
Der Film hat einen religiösen Subtext, von dem ich aber nicht viel erzählen möchte. Mich hätte es abgeschreckt, hätte ich vorher darüber gelesen. Ich wusste nicht, dass das Buch gar als “Searching Novel of Sin and Redemption” beworben wurde.
Jhon Huston’s (kein Tippfehler!) “Wise Blood” fand ich aber richtig, richtig gut. Flannery O’Connor war wahrlich keine intellektuelle Leisetreterin. Ein Bild im Film erinnert stark an Maria mit dem Jesuskind im Arm. Nur handelt es sich bei der Frau (Amy Wright) um ein junges Wesen, welches ihre Unschuld vor allem dazu nutzt, um den Helden des Films zu ganz eindeutigem Tun zu ködern. Von Unschuld keine Spur. Und das Jesuskind ist eine aus dem Museum entwendete Mumie, die als Symbol für die neue “Church of Truth without Jesus Christ crucified” fungieren soll.
Hazel Motes heißt der Protagonist des Films. Gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, will er etwas völlig Neues machen. Was, weiß er nicht. Die Richtung fehlt ihm. Was ihn leitet, ist ein fanatischer Drang zur Wahrheit. Brad Dourif, der bereits mit seiner physischen Präsenz viel von diesem fanatischen Willen ausdrücken kann, ist eine optimale Besetzung für die Rolle.
Als Hazel einem Prediger und dessen Tochter Sabbath (die erwähnt sinnenfreudige “Maria”) begegnet, beschließt er für seine eigene Gegenkirche zu predigen. Ohne Geschäftsmodell bleibt der Erfolg mäßig. Hoover Shoates (Ned Beatty) hat ein Geschäftsmodell. Er klaut Hazel die Idee, nennt seine Kirche die “Church of Jesus Christ without Christ” und macht seine Dollars.


Irgendwann stellen wir fest, dass wir einen großartigen kleinen Film gesehen haben. Mit dem Ende des Films endet auch Hazels - dem klassischen Bildungsroman vergleichbare - Reise zwischen den Extremen.
John Huston beweist mit seiner gekonnten Inszenierung einmal mehr, dass “just the story” deutlich mehr ist als “kreative” Mätzchen. “Wise Blood” muss man in der sprachlichen Originalfassung sehen, um den Charme des Films voll erfassen zu können.
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IMDb: Wise Blood





















