Es gibt eine Szene in „The Libertine“, in welcher der Earl of Rochester aus der Kutsche steigt. Mitten in London versinkt er im Schlamm, Ratten wimmeln ihm um die Füße. Das kann man problemlos als Metapher für den moralischen Zustand der Gesellschaft nach der Machtübernahme Charles II. im Jahr 1660 verstehen.

„The Libertine“ ist kein hübscher Kostümfilm, in dem ein smarter Johnny Depp schön photographierte erotische Abenteuer erlebt. Die zuzeiten in ein scheinbar verwesen wollendes Grün tendierenden Farben des Films lassen am ehesten Assoziationen an Sumpf und Moder zu. Depp, der in der Rolle des Earl of Rochester eine großartige Vorstellung abliefert, wendet sich zu Beginn des Films direkt an den Zuschauer. Es könnte sein Geist sein, der da vor schwarzem Hintergrund zu uns spricht, und uns unverhohlen mitteilt, dass wir ihn nicht mögen werden, ja ihn nicht mögen sollen.
Zum Glück erweist sich die Figur des Earl als viel komplexer, als dies der Prolog erwarten lässt. Und der enthemmte Sexmaniac, als der er sich vorstellt, ist nur ein Teil der Persönlichkeit. Mit der die Figur zudem, wie sich bald herausstellt, in innerem Konflikt steht. Rochester selbst spricht im Prolog bereits von einer „wall of wretchedness“, gegen die wir unsere Köpfe schlagen.

Der Earl of Rochester ist die große Hoffnung des Theaters seiner Zeit. Für den König (John Malkovich) soll der aus der Verbannung begnadigte Dramatiker ein Prestige versprechendes Stück schreiben. Um den Herrscher ein Denkmal seiner Regierungszeit zu setzen und um die Beziehungen zu Frankreich zu entspannen, für dessen Botschafter das Stück aufgeführt werden soll. Die politische Lage ist verzwickt, man braucht Geld. Rochesters Fokus auf fleischliche Gelüste, durchaus ein Spiegelbild der Sitten der Zeit, lässt Schlimmes befürchten.
Bei einer Vorstellung im Theater verliebt sich der Libertin in die talentarme Schauspielerin Elizabeth Barry (Samantha Morton), die von der Menge gnadenlos ausgebuht wird. Kann ein Mann wie Rochester überhaupt Lieben? Ist es eine verzweifelte Sehnsucht? Ohne Zweifel löst die Barry etwas in ihm aus.
Rochester geht die Wette ein, die Barry zur angesehensten Schauspielerin zu machen. Ein Vorhaben, das wie alles in seinem Leben unter dem Motto “Any experiment of interest in life will be carried out at your own expense” steht.
Nach und nach offenbaren sich dem Zuschauer die Facetten von Rochesters Charakter, die er mit Sex vergessen und Alkohol herab spülen möchte. Ist er „a man who pretends to like life more than he does”, wie eine Prostituierte behauptet? Der Film nimmt uns auf eine faszinierende Reise in die Abgründe dieser Seele.
Das größte Wunder des Films ist, dass man bei all dem Schmutz, durch den die Hauptfigur watet, nicht nur mehr und mehr Anteil am Schicksal Rochesters nimmt, sondern am Ende gar zum mitleiden verdammt ist. Das spricht für die Qualität des Films und die herausragende Leistung von Johnny Depp.
Betrachtet man das Filmerlebnis, das „The Libertine“ - übrigens das Erstlingswerk von Laurence Dunmore - gewährt, dann fällt es mir im Traum nicht ein, die Kleinigkeiten zu erwähnen, die man kritisieren könnte. Unbedingt in der Originalfassung anschauen!
Wertung: 9/10
IMDb: The Libertine
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